


Michael Georg Conrad
Am Tisch der Ungespundeten
(1890)
Am Tisch der Ungespundeten im Klosterbru. Der Militarismus ist unser Fluch. Er 
vernichtet die materielle, geistige und sittliche Kraft des Volkes. 
Das ewige Deklamationsthema, dachte der Umfallpolitiker, den der Zufall heute 
zum Gast dieser derben Tafelrunde gemacht. 
Er unterdrckte mhsam das Ghnen. 
Was lag ihm am Gejammer der Leute vom Militarismus! Seine Shne machten einst 
gewi brillante Karriere. Donnerwetter, sein Leutnant und sein Einjhriger, die 
konnten sich sehen lassen. Teuer, ja, unbndig teuer, aber wenn man sich's 
leisten kann? 
Die erregten Wechselreden nahmen ihren Fortgang. 
Der Militarismus, meine Herren, ist auch eine der Hauptursachen der 
Entvlkerung des offenen Landes und der berfllung der Stdte mit arbeitslosem 
Proletariat. 
Sehr richtig. Aber schlimmer noch ist der geistige und moralische Schaden. Es 
ist nicht nur die Kasernierung und der Drill der Leiber, sondern auch die 
Kasernierung und der Drill der Geister, der sittlichen Fhigkeiten, was diesen 
modernen Militarismus so verhngnisvoll macht. Die intellektuelle 
Selbstndigkeit des Individuums wird in diesem buntuniformierten Orden auf ein 
Minimum herabgedrckt. Es ist eine systematische Herabzchtung zum Herdentier, 
eine brutale Verneinung des freien, edlen Menschentums. 
Abwarten. Womit man sndigt, damit wird man bestraft. Der Militarismus 
untergrbt gerade das, was man durch ihn sttzen will - den 
feudalkapitalistischen Staat, und vernichtet, was er angeblich schaffen soll - 
die Ruhe und Sicherheit der Vlker. Nur abwarten. Das furchtbare Anschwellen der 
Sozialdemokratie ist ein deutliches Zeichen, wohin die Vermilitarisierung 
fhrt. 
Jetzt hielt's der politische Gast nicht mehr aus: Ich glaube, Sie sehen zu 
schwarz oder vielmehr zu rot, meine Herren. Das deutliche Zeichen, von dem 
mein Nachbar zur Linken soeben gesprochen, das knallt man einfach nieder, sobald 
der geeignete Moment gekommen. Mit dem Militarismus knnen wir jeden Augenblick 
den ganzen Sozialismus zerschmettern. Gut Nacht. Allerseits angenehme Ruhe! 
Damit stand er auf und empfahl sich. 
Zuerst Schweigen der berraschung in der Runde. 
Dann das erlsende Wort eines Ungespundeten: Lumpenhund auf der Hhe 
staatsmnnischer Einbildung. Das heit - Aber Ihr versteht mich schon. 
Im Hochgefhl seiner loyalen berlegenheit schritt der Biedere heim. Heute 
wollte der ein briges an gutbrgerlicher Korrektheit tun, dieser ungespundeten 
Bande zum Trotz: In dieser Nacht sollte ihm - zur Abwechslung - sein trautes 
Eheweib gengen. Ein seltener Spa. Die Holde wird Augen machen - Das ist ihr 
schon lange nicht mehr passiert - 
Was soll das? Alle Wetter, das Nest ist leer! 
Die Holde mit dem Geschftsfreund und Parteigenossen abgeschoben! 
Schlimme Post. 
Noch schlimmere brachte die Frhe: Der Einjhrige hat sich in der Kaserne 
erschossen. Aus Verzweiflung - 
Unglaublich! 
Der infam empfindsam Junge! Sich zu erschieen, weil er sich vom Unteroffizier 
nicht ins Gesicht spucken lassen wollte. Kann man das nicht abwischen? Kann man 
- 
Ach, es ist zu schauderbar! Solche blutige Dummheiten! So sich um alle Zukunft 
zu bringen aus krankhaftem Selbstgefhl! - 
Er heulte und fluchte wie ein alter Hiob. 
Dann machte er Toilette, lie einspannen und fuhr zu seiner neuesten Maitresse, 
- sich von ihr trsten zu lassen.  
