

Publius Ovidius Naso: Metamorphosen




























Publius Ovidius Naso
Metamorphosen(Verwandlungen)
In der bertragung von
Johann Heinrich Vo
(1798)
Die kursiv gesetzten Textergnzungen der in der Vo'schen
bertragung fehlenden Ovidstellen sind der bersetzung von Reinhart Suchier (1889)
entnommen.


Inhalt:
     

  Erstes Buch
  
    Die Schpfung
    Die Weltalter
    Lykaon
    Deukalion
    Daphne
    Io
  
  Zweites Buch
  
    Phaethon
    Kallisto
    Der Rabe und die Krhe
    Ocyrhoe
    Battus
    Aglauros
    Europa
  
  Drittes Buch
  
    Kadmus in Thebe
    Kadmus in Illyrien
    Akton
    Semele
    Narcissus und Echo
    Pentheus
  
  Viertes Buch
  
    Des Minyas Tchter
    Leukothoe
    Ino und Athamas
  
  Fnftes Buch
  
    Perseus
    Die Musen
    Ceres
  
  Sechstes Buch
  
    Arachne
    Niobe
    Die Frsche
    Marsyas
    Prokne und Philomela
    Orithya
  
  Siebentes Buch
  
    Medea
    Die Myrmidonen
    Cephalus und Prokris
  
  Achtes Buch
  
    Scylla und Minos
    Ddalus
    Meleagros
    Achelous
    Erisichthon
  
  Neuntes Buch
  
    Des Herkules Tod
    Galanthis
    Dryope
    Iphis
  
  Zehntes Buch
  
    Orpheus und Eurydice
    Cyparissus
    Hyacinthus
    Pygmalion
    Venus und Adonis
  
  Elftes Buch
  
    Midas
    Thetis und Peleus
    Cyx und Halcyone
    Der Taucher
  
  Zwlftes Buch
  
    Fama
    Die Lapithen und Zentauren
    Ajax und Ulysses
  
  Dreizehntes Buch
  
    Ajax und Ulysses
    Polyxena
    Acis und Galatea
    Glaukus und Scylla
  
  Vierzehntes Buch
  
    Glaukus und Scylla
    Picus
    Des neas Vergtterung
    Pomona und Vertumnus
    Romolus und Hersilia
  
  Fnfzehntes Buch
  
    Pythagoras
    Csars Vergtterung
    Sphragis
  












Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / I, Die Schpfung





























Erstes Buch
Die Schpfung
 
Vor dem Meer und der Erd' und dem allumschlieenden Himmel,
War im ganzen Bezirk der Natur ein einziger Anblick,
Chaos genannt, ein roher und ungeordneter Klumpen:
Nichts mehr, als unttige Last, nur zusammengewirrte
Und mihellige Samen der nicht eintrchtigen Dinge.
Niemals kreisete jetzt ein welterleuchtender Titan,
Noch erneuere Phbe des Monds anwachsende Hrner.
Auch nicht schwebte die Erd' in rings umgossenen Lften,
Wgend sich selbst durch eignes Gewicht; noch streckte die Arme
Weit um den Rand der Lnder die mchtige Amphitrite.
Wo die Erde nun war, dort war auch Luft und Gewsser.
Nicht zum Stehn war jetzo das Land, noch die Woge zum Schwimmen,
Noch voll Lichtes die Luft: kein Ding hatt' eigne Gestalt noch.
Anderes war dem anderen feind: in dem selbigen Krper
bete Kaltes den Kampf mit Hitzigem, Feuchtes mit Trocknem,
Weicheres rang mit Hartem, und Lastendes gegen das Leichte.
Solchen Streit hub endlich die bere Natur und die Gottheit:
Welche vom Himmel das Land, von dem Land abtrennte die Wasser,
Und von der dunstigen Luft den geklreten Himmel emporhub.
Dieses nunmehr entwickelt, und frei aus der blinden Verwirrung,
Schied sie in eigenen Rumen, und stiftete Frieden und Freundschaft.
Siehe die feurige Kraft des gewichtlos wlbenden Himmels
Schimmert' empor, und whlte den obersten Ort in den Hhen.
Ihm ist nahe die Luft, wie an Leichtigkeit, also an Wohnung.
Dichter denn beid' ist die Erd', und zog den grberen Urstoff,
Niedergedrckt durch Schwere von sich; die umflutende Nsse
Nahm den uersten Sitz, und band den gediegenen Erdkreis.
Als in Ordnungen nun, wer jener auch war von den Gttern,
Abgeschichtet den Wust, und die einzelnen Schichten gegliedert;
Formt' er die Erd' im Beginn, und schuf, da nirgend ihr ungleich
Wr' ein Teil, die Gestalt der gro gerundeten Kugel.
Dann ergo er die Sunde, damit sie empor in den Sturmwind
Schwllen, und rings die Gestad' umwalleter Lande bestrmten.
Sprudel auch rief er hervor, Landseen und unendliche Smpfe;
Und abschssige Strm' umdmmt' er mit schlngelnden Ufern:
Die in verschiedenem Lauf teils untergeschlrft sich verlieren,
Teils in das Meer ausgehn und, geherbergt von dem Gefilde
Freierer Flut, anschlagen fr grnende Borde den Felsstrand.
Weit auch streckt' er die Ebenen aus, und senkte die Tler,
Deckte mit Laube den Wald, und erhob die steinigen Berge.
Wie zwei Zonen zur Rechten, und zwei zur Linken den Himmel
Quer durchziehn, und dazwischen die heiere fnfte sich ausdehnt:
So begrenzte die innere Last mit der selbigen Anzahl
Sorgsam der Gott; und es ruhn gleichviel Erdgrtel darunter.
Die in der Mitte sich dehnt, ist unbewohnbar vor Hitze;
Zwei deckt trmender Schnee; zwei ordnet' er zwischen den beiden,
Welchen er Migung gab, mit Frost die Flamme vermischend.
ber sie raget die Luft: die so viel, als gegen die Erde
Leichter wiegt das Gewsser, an Last vor dem Feuer gewinnet.
Dort auch hie er die Nebel, und dort die Gewlke sich lagern,
Und, um menschliche Herzen zu bndigen, hallende Donner,
Und mit leuchtenden Blitzen die kalt anstrmenden Winde.
Diesen auch verstattete nicht der Erschaffer des Weltalls,
Wild zu durchschwrmen die Luft. Kaum jetzt wird ihnen verwehret,
Da doch jeder fr sich herweht aus gesonderter Gegend,
Da sie die Welt nicht zerreien: so uneins toben die Brder.
Eurus entwich zu Aurora, zur nabathischen Herrschaft,
Und zu dem Persergebiet, und den Hh'n am Lichte des Morgens
Hesperus, und die Gestade, von westlicher Sonne gewrmet,
Sind dem Zephyrus nah. Der schaudernde Boreas nahm sich
Szythia samt dem Wagen des Pols. Im entgegenen Lande
Trieft aus stetem Gewlk der regenstrmende Auster.
Oben verbreitet' er dann die geklrete Reine des thers,
Ohne Gewicht, und ganz von irdischer Hefe gelutert.
Kaum nun hatt' er das alles verzunt in sichere Grenzen,
Als, die lange gepret in der wirrenden Masse sich bargen,
Alle Gestirn' anfingen hervorzuglhen am Himmel.
Da auch keinerlei Raum lebendiger Wesen entbehrte,
Herrschen Stern' auf himmlischer Flur, und Gestalten der Gtter;
Eigen ward das Gewsser den blinkenden Fischen zur Wohnung;
Tiere durchstreiften die Erd', und die Luft ein Gewimmel von Vgeln.
Aber ein heiligeres, hochherziger denkendes Wesen
Fehlt' annoch, das beherrschen die anderen knnte mit Obmacht.
Und es erhub sich der Mensch: ob ihn aus gttlichem Samen
Schuf der Vater der Ding', als Quell der edleren Schpfung;
Oder ob frisch die Erde, die jngst vom erhobenen ther
Los sich wand, noch Samen enthielt des befreundeten Himmels.
Aber Japetus Sohn, mit flieender Welle sich mischend,
Bildete jen' in Gestalt der allversorgenden Gtter.
Und da in Staub vorwrts die anderen Leben hinabschaun,
Gab er dem Menschen erhabenen Blick, und den Himmel betrachten
Lehret' er ihn, und empor zum Gestirn aufheben das Antlitz.
Also ward, die neulich so roh noch war und gestaltlos,
Umgeschaffen die Erde zum Wunderbilde des Menschen.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / I, Die Weltalter





























Die Weltalter
   
Erst entsprote das goldne Geschlecht, das, von keinem gezchtigt,
Ohne Gesetz freiwillig der Treu und Gerechtigkeit wahrnahm.
Furcht und Strafe war fern. Nicht lasen sie drohende Worte
Auf dem gehefteten Erz; nicht bang vor des Richtenden Antlitz
Stand ein flehender Schwarm: ungezchtiget waren sie sicher.
Nie vom eignen Gebirg', um der Fremdlinge Welt zu besuchen,
Stieg die gehauene Fichte hinab in die flssige Woge:
Auer dem ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade.
Noch umgrteten nicht abschssige Graben die Stdte.
Nicht die grade Drommete von Erz, noch gewundene Hrner,
Auch nicht Helm war jetzo, noch Schwert: und der Sldner entbehrend,
Lebeten nun sorglos in behaglicher Ruhe die Vlker.
Selbst annoch, unbeschatzt, und dem Karst nie pflichtig, noch jemals
Wund vom schneidenden Pflug, gab freudiger alles die Erde;
Und mit den Speisen vergngt, die sonder Zwang sich erhuben,
Pflckten sie Arbutusfrucht, und des Bergtals wrzige Erdbeern,
Auch des rauhen Geranks Brombeer, und die rote Kornelle,
Und vom gebreiteten Baume des Jupiter fallende Eicheln.
Ewig waltete Lenz, und sanft mit lauem Gesusel
Fchelten Zephyrus Hauche die saatlos keimenden Blumen.
Bald auch gebar Feldfrchte der ungeackerte Boden,
Ohn' Auffrischung ergraute die Flur von belasteter hre.
Rings nun Bche von Milch, rings walleten Bche von Nektar;
Rings auch trpfelte gelb aus grnender Eiche der Honig.
Als Saturnus versank in des Tartarus Dunkel, und herrschend
Jupiter lenkte die Welt; da erwuchs die silberne Zeugung,
Weniger kstlich denn Gold, doch mehr als rtliches Erz noch.
Jupiter engte nunmehr der Urwelt ewigen Frhling,
Sonderte Winter, und Gluten, und herbstliche Ungewitter
Vom kurzblhenden Lenz, und schuf vier Rume des Jahres,
Jetzo geschah, da die Lfte, von trockener Schwle gesenget,
Glheten, und vor dem Winde das Eis hartstarrend herabhing.
Jetzo suchten sie Huser zum Schirm: ihr Haus war die Hhle,
Oder ein dichtes Gestaud', und mit Bast verbundene Reiser.
Jetzt ward Samen der Ceres in langgezogenen Furchen
Untergescharrt, und es seufzt' im drngenden Joche der Pflugstier.
Hierauf folgte das dritte Geschlecht, von eherner Zeugung,
Wtender schon von Natur, und gewandt zu schrecklichen Waffen;
Doch unsndig annoch. Darin schlo die eiserne Abart.
Stracks nun strmte daher in die Zeit der schlechteren Ader
Jeglicher Greu'l: es entflohen die Scham, und die Treu', und die Wahrheit;
Deren Stell' einnahmen der laurende Trug und die Arglist,
Heimliche Tck', und Gewalt, und die frevelnde Sucht zu gewinnen.
Unbekannteren Winden entfaltete Segel der Schiffer;
Und da sie lang' unttig auf luftigen Bergen gestanden,
Wagten die Kiele den Sprung durch nie erkundete Wasser.
Auch die Erde, zuvor wie Luft und Sonne gemeinsam,
Zeichnete jetzt vorsichtig mit langer Grenze der Messer.
Auch nicht Saaten allein und schuldige Nahrung erzwang man
Herrisch vom reichen Gefild: man drang in die Tiefen der Erde,
Und wie sorgsam versteckt, und entrckt zu den stygischen Schatten,
Grub man die Schtze hervor, Anreizungen aller Verbrechen.
Schon war schdliches Eisen, und Gold, heilloser denn jenes,
Ausgewhlt; da erhub sich der Krieg, und kmpfte mit beidem;
Und in der blutigen Hand erschttert' er rasselnde Waffen.
Nun lebt alles vom Raub, kein Gastfreund schonet den Gastfreund,
Noch der Eidam den Schwher; auch liebende Brder sind selten.
Meuchlerisch stellet das Weib dem Gemahl nach, dieser der Gattin;
Und Stiefmtter bereiten aus falbem Kraute den Gifttrank;
Selber auch spht voreilend der Sohn nach den Jahren des Vaters.
Frmmigkeit sank vor Gewalt; Astra selber, die Jungfrau,
Floh, der Himmlischen letzte, die blutgefeuchteten Lnder.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / I, Lykaon





























Lykaon
     
Als von den obersten Hh'n Saturnius schaute die Greuel,
Seufzet' er auf, und was, neulich geschehn, noch wenig bekannt war,
Denkend den grlichen Schmaus des lykaonischen Tisches,
Fat' er im Geist endlosen und Jupiters wrdigen Unmut.
Schleunig beruft er den Rat; und es eilt die berufne Versammlung.
Hoch erstreckt sich ein Weg, am heitern Himmel erscheinend,
Der, Milchstrae genannt, durch schimmernde Weie sich ausnimmt.
Hierauf gehn die Gtter zur Burg des donnernden Vaters,
Und in den Knigspalast. Rechts wimmeln und links an dem Wege
Vorhf' edeler Gtter mit offener Pforte des Saales.
Abwrts wohnt die Gemeinde; doch vorn die Gewalten des Himmels,
Gro an Macht und berhmt, in geheiligten Wohnungen hausend.
Als sich die Oberen dort im marmornen Raume gesetzet,
Drauf, erhabner an Sitz, mit elfenbeinenem Zepter,
Schttelte dreimal und viermal des Haupts graunvolle Umwallung
Jupiter, da ihm die Erde, das Meer und der Himmel erbebten.
Also entstrmte nunmehr unwilligen Lippen die Rede:
Nicht um die Weltherrschaft war sorgenvoller in jenem
Laufe der Zeit mein Herz, da der Schlangenfigen jeder
Hundert Arme beschlo zum eroberten Himmel zu heben.
Denn so wild auch tobte der Feind, so hing doch von einem
Stande des Reichs, von einer gemeinsamen Quelle, der Krieg ab.
Jetzo mu ich, so weit als Nereus hallt um den Erdkreis,
Ganz austilgen das Menschengeschlecht. Bei den Fluten des Abgrunds
Schwr' ich, die unter der Erd' im stygischen Haine sich winden:
Alles versucht' ich zuvor. Doch unausheilbaren Schaden
Msse der Stahl abschneiden, da nicht mitkranke Gesundes.
Hab' ich ja doch Halbgtter, und lndliche Mchte, die Nymphen,
Faunen und Satyre auch, und das Berggeschlecht der Silvane:
Diese, von uns noch nicht der olympischen Ehre gewrdigt,
Sollten zum wenigsten frei die verliehene Erde bewohnen.
Glaubet ihr aber genug, ihr Oberen, jene gesichert;
Da mir selbst, der den Donner, der euch handhabe und lenket,
Meuchlerisch nachgestellt, voll ruchtbarer Wildheit, Lykaon?
Ringsum braust die Versammlung; in glhendem Eifer verlangt man
Ihn, der solches gewagt. Mit Hand und Stimme bezhmte
Jupiter jenes Gemurmel; und lautlos saen sie alle.
Als nun schwieg das Geschrei, durch Knigswrde gebndigt,
Brach von neuem die Stille Saturnius, also beginnend:
Schon hat jener die Straf' (entschlagt euch der Sorge!) gebet.
Aber die Missetat und die ahndende Rache vernehmt jetzt.
Unsere Ohren erreichte der Ruf des verdorbenen Alters:
Diesen geflscht mir wnschend, entschweb' ich den Hhn des Olympus,
Und durchsphe die Erd', ein Gott in menschlicher Bildung.
Sumnis wr' es, wie gro die Verschuldungen rings ich gefunden,
Aufzuzhlen; es war das Gercht selbst unter der Wahrheit.
ber den Mnalus ging ich, den struppigen Nhrer des Wildes,
ber Cyllene daher, und die Fichtenhh'n des Lycus.
Jetzt in den unwirtbaren Palast des Arkaderknigs
Trat ich hinein, als Nacht der spteren Dmmerung folgte.
Zeichen gab ich, ein Gott sei genaht; und die Menge begann mich
Anzuflehn. Erst lachte des Flehns und Gelbdes Lykaon.
Bald: Es entscheid' ein Versuch, so redet er, ob er ein Gott sei,
Oder ein sterblicher Mensch; hier gilt's ungezweifelte Wahrheit
Mich im Schlummer bei Nacht durch pltzlichen Tod zu verderben
Trachtet er: also gefllt's den Versuch zu machen um Wahrheit!
Noch nicht hatt' er genug: vom molossischen Volke gesendet
War ein Geiel daselbst; dem bohrt' er den Dolch in die Gurgel;
Und die zerhauenen Glieder, die halb noch lebenden, kocht' er
Teils in siedender Flut, teils brt er sie ber dem Feuer.
Wie er das Mahl auftischte, da warf ich mit rchendem Strahle
Auf die Penaten das Haus, die wrdig waren des Eigners.
Doch der Erschrockene flieht; und die Stille der Flur nun erreichend,
Heulet er auf, und mht sich umsonst zu reden; es sammelt
Wut von ihm selber der Mund; und er rennt in gewhnlicher Mordlust
Gegen das schwchere Vieh, und freut sich auch jetzo des Blutes.
Rauh in Zotten zergehn die Gewand', und in Beine die Arme.
Auch als Wolf behlt er die Spur der vorigen Bildung:
Gleich ist die Grue des Haars, und gleich der Trotz in dem Antlitz,
Gleich der funkelnde Blick, und gleich die Gebrde der Wildheit.
Hin ist geschwunden das Haus; doch nicht ein Haus nur verdient es,
Unterzugehn. Wo die Erde sich ausstreckt, tobt die Erinnys.
Alles rennt, wie verschworen zum Unheil. Alle sogleich denn
Sollen uns, was sie verdient, so will's die Gerechtigkeit, ben!
Jupiters Rede verstrkt ein Teil durch Worte, die mehr noch
Fachen des Zrnenden Glut, die anderen deuten ihm Beifall.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / I, Deukalion





























Deukalion
     
Jetzo beschlo der Vater, das frevle Geschlecht zu vertilgen
Unter der Flut, Platzregen vom ganzen Himmel entsendend.
Eilig sperrt er nunmehr in des olus Hhlen den Nordwind,
Und was sonst fr Hauche den Zug der Gewlke verscheuchen.
Notus allein wird gesandt: und mit triefenden Schwingen entfleucht er,
Sein scheusliges Haupt pechschwarz in Dunkel gehllet;
Schwarz von Gssen der Bart; den greisenden Haaren entstrmt Flut;
Nebel umlagern die Stirn, ihm taut's von Gefieder und Busen;
Und wie in breiter Hand abhngende Wolken er drckte,
Donnert es; dicht nun strzen die Regenschauer vom ther.
Auch die Botin der Juno, mit mancherlei Farben bekleidet,
Iris schpft nun Gewsser, und reicht den Wolken die Nahrung.
Schon sind die Saaten gestreckt, schon liegen beweint des Bestellers
Wnsch' und Gelbd', und des Jahrs langwieriger Schwei ist verloren.
Nicht vorn Himmel allein zrnt Jupiter; sondern ihm sendet
Sein blaulockiger Bruder des Meers mithelfende Fluten.
Schnell die Gtter der Strme berufet er. Als sie versammelt
Nun den Palast anfllten des Kniges: Langer Ermahnung,
Sprach er, bedrfen wir nicht. Willfahrt mit aller Gewalt nun!
Solches ist not! Erffnet die Wohnungen eures Gestrudels,
Rumt die Dmme hinweg, und spornt die entzgelten Strme!
Jener gebot's, sie kehren zurck, und lsen der Quellen
Mndungen; und mit Getmmel entrollen sie all in die Meerflut.
Selbst nun schwang in die Feste der Gott den gewaltigen Dreizack;
Und sie erbebt', und spaltet Raum weitbusigen Wassern.
ber die Bord' entstrzen durch offene Felder die Strme;
Und mit der Saat Weinbume zugleich, und das Vieh, und die Mnner
Raffen sie, Wohnungen auch, und der Gtter geheiligte Kammern.
Wenn ja der Huser noch eins ausdauerte, und unerschttert
Trotzte dem Jammergeschick; doch berwallte den Giebel
Hhere Flut, und es wankten im drckenden Strudel die Trme.
Nirgend erschien durch Grenzen das Meer und die Erde gesondert:
Offene See war alles, und flutete sonder Gestad' auf
Einer erklimmt den Hgel voll Angst; der andere rudert
Dort im gebogenen Kahn, wo er jngst Pflugstiere gelenket.
ber die Saaten hinweg und das eingesunkene Landhaus
Schiffen sie dort und fangen den Fisch in dem Wipfel der Ulme.
Oft, wie es trifft, wird der Anker in grnende Wiesen geheftet,
Oft auch scharrt anstoend der Kiel an dem unteren Weinberg.
Und wo eben ihr Gras die schmchtigen Ziegen gerupfet,
Lagern jetzt den gedunsenen Leib mifrmige Robben.
Nereus' Tchter erstaunen, die Hain', und die Stdt', und die Huser
Unter den Wellen zu sehn; in dem Bergwald hausen Delphine,
Springen in hohem Gezweig' und stoen an bebende Eichen.
Schafe durchschwimmet der Wolf; gelbmhnige Lwen und Tiger
Fhret die Flut; nichts frommt die Gewalt des Blitzes dem Eber,
Nichts dem enttragenen Hirsche der leichtgehobene Schenkel.
Lange nach Erd' umbiegend, wo auszuruhen vergnnt sei,
Sinkt mit ermatteten Schwingen ins Meer der streifende Vogel.
ber die Hh'n stieg tobend der Tief' unermelicher Aufruhr,
Und von befremdender Brandung erscholl das geschlagene Berghaupt.
Meist entrafft das Gewoge die Sterblichen: welcher die Woge
Schonete, diese bezhmt mit drftiger Nahrung der Hunger.
Zwischen Hmonias Flur und der attischen breitet sich Phokis,
Ehmals fruchtbares Land, da es Land war; aber anjetzo
Meer, und ein breites Gefilde der schnell einbrechenden Wasser.
Siehe, da klimmt zu den Sternen ein Berg mit doppeltem Gipfel.
Schroff, Parnassus genannt, und berschauet die Wolken.
Als Deukalion hier (denn das brige deckte die Meerflut)
Samt dem vermhleten Weib anhaftete, fahrend im Schifflein;
Flehn den korycischen Nymphen sie beid' und den Mchten des Berges,
Themis auch, der erhabnen Verkndigerin am Orakel.
Nie war besser gesinnt, noch mehr auf Billigkeit achtend,
Irgendein Mann, nie frmmer ein Weib in Verehrung der Gtter.
Jupiter, der weitsumpfend den berschwemmeten Erdkreis,
Und nur berig sah von so viel Tausenden einen,
Und nur berig sah von so viel Tausenden eine:
Ganz unstrflich sie beid', und beid' Anbeter der Gottheit,
Trieb die zerstreuten Gewlk', und, die regnenden Lfte mit Nordwind
Reinigend, zeigt er dem Himmel die Erd', und der Erde den Himmel.
Ausgezrnt hat endlich das Meer. Hinlegend den Dreizack,
Snftigt der Herrscher die Wog'; und ihn, der empor aus dem Abgrund
Ragte, die Schulter bedeckt mit angewachsenen Muscheln,
Ruft er, den blulichen Triton, heran; und die Schneckendrommete
Heit er ihn fllen mit Hauch, und zurck durch lautes Geschmetter
Brandungen rufen und Strm'. Er fat das gehhlete Meerhorn,
Welches gedreht in die Breit' anwchst von der untersten Windung:
Welches Horn, wann Atem auch mitten im Meer es empfangen,
Alle Gestad' umhallt vom Niedergang bis zum Aufgang.
Jetzt auch, sobald es den Mund im triefenden Taue des Bartes
Rhrte dem Gott, und gehaucht ausrief den befohlenen Rckzug,
Ward es von allem Gewsser der Land' und der Meere gehret;
Und so weit das Gewsser es hrete, ward es gebndigt.
Schon hat Ufer das Meer; voll wallen die Strm' in den Betten;
Niedriger rollen die Bche; hervor gehn sichtbar die Hgel;
Mhlich steigt das Gefild', und wchst aus versiegenden Wassern;
Und nach daurender Frist hebt endlich der Wald die entblten
Wipfel empor, und zeigt nachbleibenden Schlamm auf den Blttern.
Hergestellt war die Erde. Doch jetzt die Leere betrachtend,
Und wie in Totenstille der Welt Einde verstummt war,
Sprach Deukalion so mit quellender Trne zu Pyrrha:
O du, Schwester und Weib, du einzige jetzo der Frauen,
Welche gemeinsamer Stamm mir erst, und vervetterte Sippschaft,
Dann das Lager verband, nun selbst die Gefahr mir verbindet!
Rings in den Landen der Welt, die der Morgen bestrahlt und der Abend,
Sind wir beide das Volk; das brige raubte die Meerflut!
Nicht ist auch noch jetzo die Sicherheit unseres Lebens
Vllig gewi; uns schrecken hinfort noch Wolken die Seele.
Was, wenn ohne den Gatten verschont dich htte das Schicksal,
Was, Unglckliche, wre dein Mut? Wie knntest du einsam
Dann ertragen die Angst? durch wessen Trstung den Kummer?
Denn ich (glaube mir das), wenn dich auch htte der Abgrund,
Folgete dir, o Gattin, und mich auch htte der Abgrund!
Knnt' ich doch die Vlker der Welt durch Knste des Vaters
Wieder erneu'n, mit Seelen gebildete Erde belebend!
Wir nun sind, wir beide, der Rest des Menschengeschlechtes,
(Also gefiel's dort oben!) und Beispiel' unserer Gattung!
Jener sprach's; sie weinten. Der Schlu war jetzo, die Gottheit
Anzuflehn, und Hilfe durch heilige Lose zu suchen.
Ohne Verzug nahn beide sofort den cephisischen Wassern,
Noch nicht lautere Bche, doch schon bekannte, durchwatend.
Als sie nunmehr dem Sprudel entschpfete Taue gesprenget
Auf die Gewand' und das Haupt; zum Tempel der heiligen Gttin
Wenden sie jetzo den Schritt: dem oben das Dach in des Mooses
Schndendem Wuste sich barg, und glutlos jeder Altar stand.
Dann den geweiheten Stufen genaht, sank nieder aufs Antlitz
Mann und Weib, und kte das kalte Gestein mit Erzittern.
Und: Wenn billigem Flehn, so sagten sie, himmlische Mchte
Freundlich erweichen ihr Herz, wenn Zorn der Gtter gebeugt wird;
Sag', o Themis, wodurch der Verlust der Sterblichen heilbar
Sei, und rette die Welt, o du Gtige, nun aus der Sintflut!
Aber die Gttin, gerhrt, antwortete: Weicht aus dem Tempel;
Hllt euch beide das Haupt, und lst die gegrteten Kleider;
Werft sodann die Gebeine der groen Erzeugerin rckwrts.
Lange stauneten sie; nun brach die schweigende Stille
Pyrrha zuerst, und versagte dem Gtterspruche Gehorsam;
Und um Verzeihung bittet ihr ngstlicher Mund, wenn sie schaudre,
Durch zerstreutes Gebein der Erzeugerin Schatten zu krnken.
Beide durchdenken indes die in wirrendes Dunkel gehllten
Worte des gttlichen Spruchs, und erwgen sie wohl miteinander.
Dann zur Epimethide begann der Sohn des Prometheus
Also mit sanfterem Laut: Entweder uns tuscht die Besinnung,
Oder Frmmigkeit will, nicht Freveltat, das Orakel.
Zeugerin ist ja die Erd', und die Stein' in dem Leibe der Erde
Sind, wie mir deucht, das Gebein: dies sollen wir hinter uns werfen.
Ihres Gemahls Auslegung vernahm zwar froh die Titanin,
Nur war in Zweifel die Hoffnung: so sehr mitrauen sie beide
Noch dem Gttergebot. Doch harmlos wird der Versuch sein.
Talwrts gehn sie, verhllen das Haupt, und entgrten die Kleider,
Heben gebotene Stein', und werfen sie hinter den Rcken.
Alles Gestein (wer glaubt' es, wofern nicht zeugte die Vorwelt?)
Legte die Hrt' allmhlich nun ab, und die trotzende Starrheit,
Schmeidigte mehr sich und mehr, und geschmeidiger nahm es Gestalt an.
Bald, als wachsend es schwoll, und mild schon seine Natur sich
uerte, schien es beinah, wie einige, noch unenthllte
Menschengestalt; doch so, wie von angehauenem Marmor,
Nicht vollendet genug, und roheren Bildnissen hnlich.
Welcher Teil des Gesteins mit etwas Safte gefeuchtet
War, und der Erde verwandt, der gab dem Leibe die Glieder;
Festeres, was unbiegsamer starrt, wird in Knochen verwandelt;
Was als Ader erschien, das bleibt gleichnamige Ader.
Und nur wenige Frist, so gewann durch Gnade der Gtter
Alles Gestein, das der Mann aussendete, mnnliche Bildung,
Und dem Wurfe des Weibes entblhete weibliche Schnheit.
Drum sind wir ein hartes Geschlecht, ausdauernd zur Arbeit;
Und wir geben Beweise, woher wir zogen den Ursprung.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / I, Daphne





























Daphne
     
Phbus liebte zuerst die penesche Daphne: wofr nicht
Blindes Geschick ihn entflammt, nein wtender Zorn des Kupido.
Delios schaut' ihn neulich, noch stolz von der Schlange Besiegung,
Als er das schnellende Horn einbog mit gestrengeter Senne;
Und: Was soll, mutwilliger Knab', ein so tapfres Gert dir?
Spottet' er: das zu tragen geziemt nur unseren Schultern,
Die wir scharf das Gewild und scharf die Feinde verwunden!
Die wir ihn, der Hufen mit grlichem Bauche belastet,
Jngst mit unzhlbaren Pfeilen gestreckt, den geschwollenen Python!
Wenn dein Fackelchen dir, ich wei nicht, welcherlei Liebe
Aufreizt, sei du vergngt, ohn' unseren Ruhm zu begehren!
Drauf der Cypria Sohn: Und trifft dein Bogen, o Phbus,
Alles; der meinige dich! So weit dir alles, was lebet,
Nachsteht, ebensoweit verschwindet dein Ruhm vor dem unsern!
Amor sprach's; und die Luft mit geschwungenen Fittichen schlagend,
Kam er in Eil', und stand auf dem schattigen Haupt des Parnassus.
Und er enthob zween Pfeile dem schmerzbeladenen Kcher,
Beide verschiedener Kraft: der scheucht, und jener erregt Glut.
Der sie erregt, ist golden, und blinkt mit spitziger Schrfe;
Der sie verscheucht, ist stumpf, und enthlt Blei unter dem Rohre.
Diesen entsandte der Gott der peneschen Nymphe; doch jenen
Schnellet' er durch die Gebein' in das innerste Mark dem Apollo.
Stracks ist einer verliebt; und den Liebenden meidet die andre,
Nur an Gehlz, und an Jagd, und an prangender Beute des Wildes,
Labend ihr Herz, nacheifernd der stets unbrutlichen Phbe.
Jngferlich fesselt ein Band die gesetzlos hngenden Haare.
Viel zwar warben um jene; doch sie, den Werbenden abhold,
Flchtig und scheu vor dem Manne, durchstreift Einden der Wlder;
Und nicht Hymen noch Amor bekmmert sie, noch die Vermhlung.
Oftmal sagte der Vater: Gewhre mir, Tochter, den Eidam!
Oftmal sagte der Vater: Mein Kind, gewhre mir Enkel!
Jene, die gleich dem Verbrechen die ehliche Fackel verabscheut,
Frbt ihr schnes Gesicht mit schamhaft glhender Rte;
Und um den Hals dem Vater die schmeichelnden Arme geschlungen:
Gib mir, sprach sie, bestndig, Geliebtester unter den Vtern,
Mdchen zu sein! Dies gab ihr Vater vordem der Diana!
Zwar willfhrt dir jener; doch hemmt dir, Mdchen, die Anmut
Deinen Wunsch, und es strebt dem Gelbd' entgegen die Schnheit.
Phbus liebt, und begehrt der gesehenen Daphne Vereinung;
Was er begehrt, das hofft er; ihn tuscht sein eignes Orakel.
Wie nach genommener hre die nichtige Stoppel verbrannt wird;
Wie von der Fackel der Zaun aufflammt, die der Wanderer sorglos
Nherte, oder vielleicht in dmmernder Frhe hinwegwarf:
Also entbrannt' in Flamme der Gott; durch Mark und Gebeine
Lodert er auf, und nhrt unfruchtbare Liebe mit Hoffnung.
Kunstlos schaut er das Haar um den Hals ihr schweben: O was erst,
Rufet er, wr' es gelockt! Er sieht, voll strahlenden Feuers,
ugelein, hell wie Gestirn; er sieht das rosige Mndlein,
Was nicht genget zu sehn; er lobt die Finger und Hnde,
Lobt die gerundeten Arm', und die halb vorscheinende Achsel.
Besser scheint das Verborgene noch. Sie entflieht, wie des Windes
Hauche dahin, nicht achtend des Flehenden, der sie zurckruft:
Bleib, penesche Gttin, o bleib! nicht feindlich verfolg' ich!
Gttliche, bleib! So fliehet das Lamm vor dem Wolfe, die Hindin
So vor dem Leun, und die Taube mit zitterndem Flug vor dem Adler;
Jedes dem Feind zu entgehn: mich ntiget Liebe zu folgen.
Wehe mir! falle doch nicht; und die F', unwrdig der Krnkung,
Ritze kein Dorn! nicht sei ich dir selbst Ursache des Schmerzes!
Rauh sind dort, wo du eilest, die Gegenden: miger, fleh' ich,
Lauf', und hemme die Flucht; dann miger folg' ich dir selber.
Wem du gefllst, erkundige doch! Nicht haus' ich in Berghhn,
Nicht hier schalt' ich als Hirt, nicht weidende Rinder und Schafe
Ht' ich in wster Gestalt! Nicht weit du es, Trin, du weit nicht,
Welchen du fliehst: das macht dich entfliehn! Mir huldiget Delphos,
Klaros und Tenedos mir, und die patarische Hauptstadt!
Jupiter zeugete mich! Was war, was ist, und was sein wird,
Weissag' ich, und heie das Lied einstimmen den Saiten!
Treffend ist unser Gescho; nur war ein einziger Pfeil noch
Treffender, welcher die Wund' in das ruhige Herz mir gebohret!
Ich erfand die heilende Kunst; Heilbringer und Retter
Nennt mich die Welt; und die Kraft der Genesungskruter gehorcht mir!
Ach, kein linderndes Kraut erwchst fr die Gluten der Liebe,
Und nichts frommt dem Besitzer die Kunst, die allen umher frommt!
Mehreres strebt' er zu reden; da ngstlichen Laufs die Penidin
Floh, und mit jenem verlie die unvollendeten Worte.
Hold erschien sie auch jetzt; es enthlleten Winde die Glieder,
Vor dem begegnenden Hauch entflatterten ihre Gewande,
Und ihr wallte das Haar rckwrts in dem leisen Gesusel.
Eile vermehrte den Reiz. Nicht trug's der unsterbliche Jngling,
Da er noch lnger umsonst liebkosete; sondern wie Amor
Antrieb, folgt' er den Spuren mit angestrengterem Schritte.
Wie wenn der gallische Hund im freieren Felde den Hasen
Sah, und jener um Raub sich beschleuniget, dieser um Rettung;
Immer erscheint anhaftend der Hund, nun, nun zu erhaschen
Hofft er, und streitet die Spur mit weit vorragendem Maule;
Jener dnkt sich beinah ein Gefangener, aber er reit sich
Selbst aus den Bissen hinweg, und verlt den berhrenden Rachen:
Also der Gott und das Weib, die vor Angst hinstrmen und Sehnsucht.
Doch der Verfolgende rennt, wie mit Amors Fittichen fliegend,
Schneller daher, und versaget ihr Ruh; schon nahe dem Rcken
Hngt er, und atmet den Hauch in die fliegenden Haare des Nackens.
Jetzt, nach geschwundener Kraft, erblate sie, matt von der Arbeit
Jenes geflgelten Laufs, und schauend die Flut des Peneos:
Rette mich, rief sie, o Vater, wenn Macht euch Strme beseelet!
Du, wo zu sehr ich gefiel, zerspalte dich unter mir, Erde!
Oder verwandele diese Gestalt, die mir Krnkungen bringet!
Kaum war geendet das Flehn; und gelhmt erstarren die Glieder.
Zarter Bast umwindet die wallende Weiche des Busens;
Grn schon wachsen die Haare zu Laub', und die Arme zu sten;
Auch der so flchtige Fu klebt jetzt am trgen Gewurzel;
Und ihr umhllt der Wipfel das Haupt: nur bleibt ihr die Schnheit.
Phbus liebt auch den Baum; und mit angelegeter Rechte
Fhlet er noch aufheben in junger Rinde den Busen.
Und mit zrtlichen Armen die st', als Glieder, umschlingend,
Reicht er Ksse dem Holz; doch entflieht vor den Kssen das Holz auch.
Jetzo sagte der Gott: Da du mein als Gattin nicht sein kannst,
Wenigstens sei als Baum du die Meinige! Immer umwind' uns
Du das Haar, und die Leier, und du den Kcher, o Lorbeer!
Du sei dem latischen Fhrer gesellt, wann froh der Triumphton
Hallt, und ein langer Zug hochfeierlich zum Kapitol steigt!
Selbst augustischen Pfosten hinfort der treueste Hter,
Sollst an der Pforte du stehn, die umschlossene Eiche beschtzend!
Und, wie jugendlich blht mein ungeschorenes Haupthaar,
Trag' auch du bestndig die dauernde Ehre des Laubes!
Pan endigte so; der jngst entsprossene Lorbeer
Nickte dazu, und schien wie ein Haupt zu bewegen den Wipfel.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / I, Io





























Io
     
Einen hmonischen Hain, dem ringsher starret ein Bergwald,
Nennt man tempische Tale: wodurch Peneos, vom untern
Pindus hervorgestrzt, mit schaumigen Wogen einherrollt,
Und in gewaltigem Fall von flchtigen Dmpfen umwallte
Wolken zusammenzieht, und hoch mit Bespritzung die Wlder
bertaut, mit Getse nicht blo das Nhere mdend.
Hier ist Wohnung und Sitz, hier stehn die Gemcher dem groen
Stromgott: hausend allhier in der felsgewlbeten Grotte,
Gab er den Wogen Gesetz, und dem Nymphengeschlecht in den Wogen.
Dorthin kamen zuerst die versammelten Strme des Landes,
Zweifelnd, ob Trost sie dem Vater, ob Glckwunsch, brchten um Daphne:
Dort Spercheos in Pappeln, und dort der Strmer Enipeus,
Greisend Apidanos auch, und sanft Amphrysos und as;
Bald auch andere Strme, die, wo sie das wilde Gelust trug,
Niederlenken ins Meer die der Windungen mden Gewsser.
Inachus fehlet allein. Denn tief in der Grotte verborgen,
Mehrt er mit Trnen die Flut: voll Schmerz, als eine Verlorne,
Klaget er Io, die Tochter. Er wei nicht, ob sie noch lebe,
Ob bei den Manen sie sei. Doch sie, die er nirgendwo findet,
Scheint ihm nirgend zu sein; und er hegt nur dstere Ahnung.
Jupiter schaute jngst, wie zurck vom Strome des Vaters
Io ging, und: o Mdchen, die, Jupiters wrdig, ich wei nicht,
Welchen Gemahl beseligen wird, komm, sprach er, zum Schatten
Jenes erhabenen Hains (und er wies den Schatten des Haines),
Whrend der Glut, die Sol von der Mittagshhe daherstrahlt.
Wenn du zagest allein in die Lager zu gehn des Gewildes;
Sicher geleitet ein Gott dich tief ins geheimere Dunkel:
Und kein niedriger Gott; nein, der den Zepter des Himmels
Hlt in gewaltiger Hand, der schlngelnde Strahlen entsendet.
Fliehe mich nicht! Denn sie floh. Schon Lernas grasige Weiden
Lie sie zurck, und die Felder des baumbepflanzten Lyrkeos,
Siehe, da hllte der Gott in umzogene Nacht die Gefilde
Weit umher, und hemmte die Flucht, und beschmte die Jungfrau.
Grad indessen herab auf die Gegenden schauete Juno.
Voll Verwunderung nun, wie aus flchtigem Nebel gedrngt sei
Dunkele Nacht in der Helle des Tages, erkennet sie deutlich,
Da kein Flu das Gednst, kein sumpfiges Land es gesendet.
Und, wo ihr Ehegeno sich beschftige, sphet sie ringsum,
Weil sie die Schliche verstand des oft ertappten Gemahles.
Als sie nirgend im Himmel ihn schauete: Trgt mich nicht alles,
Sprach sie, so werd' ich gekrnkt! und im Schwung aus der Hhe des thers
Fuhr sie zur Erde hinab, und ein Wort verscheuchte den Nebel.
Ahnend der Gattin Besuch, verwandelte Jupiter pltzlich
Zur hellschimmernden Starke die inachidische Jungfrau.
Auch als Kuh ist jene noch schn. Saturnia lobet,
Ungern zwar, die Gestalt, und fragt, unkundig zum Anschein,
Wessen sie sei, und woher, und zu welcherlei Trift sie gehre?
Aus der Erde gezeugt! lgt Jupiter, da die Erkundung
Endige. Schenke sie mir! antwortet Saturnia schmeichelnd.
Was zu tun? Die Geliebte hinwegzuschenken, wie grausam!
Nicht zu verleihn, wie verdchtig! Ihn drngt zuratende Scham hier,
Dort abratende Liebe. Die Scham zwar wiche der Liebe:
Doch wrd' ein leichtes Geschenk der Genossin des Stamms und des Lagers,
Eine Kuh, ihr versagt; nicht Kuh dann mchte sie scheinen.
Juno empfing die schne Verfhrerin; dennoch entschwand nicht
Ganz ihr die Furcht; sie besorgte von Jupiter heimliche Tcke:
Bis sie Arestors Sohne die Hut vertraute, dem Argos.
Rings war das Haupt dem Argos mit hundert Augen erleuchtet,
Deren zween umeinander die wechselnde Ruhe genossen;
Wachsam sphten indes die brigen, haltend die Obhut.
Wie er auch immer sich stellt', er schauete immer auf Io;
Und vor den Augen erschien, auch selbst dem Gewendeten, Io.
Weiden lt er sie tags; doch sinkt die Sonne vom Himmel,
Schliet er sie ein, und fgt unwrdige Band' um den Nacken.
Sprossen des Erdbeerbaums und bittere Kruter geniet sie;
Statt der schwellenden Lager, ein oft nicht grasiger Boden,
Dient der Armen zur Ruh'; und sie trinkt aus schlammigen Bchen.
Wann sie flehend die Hnd' emporzustrecken zum Argos
Trachtete, hatte sie nicht emporzustreckende Hnde;
Und wann Klagen ihr Mund anstimmete, scholl ein Gebrll auf;
Und sie erschrak dem Getn, vor dem eigenen Laute sich frchtend.
Jetzo kam sie zum Ufer, wo oft zu spielen sie pflegte,
Zum inachischen Ufer: sobald in der Flut sie die neuen
Hrner gesehn, da erschrak sie, und zuckte bestrzt vor sich selber.
Keine Najad' erkennt, nicht Inachus selber erkennt sie;
Dennoch folgt dem Vater sie nach, und folget den Schwestern,
Lt sich auch gern anfhlen, und kommt den bewundernden nher.
Inachus reicht ihr gerupfetes Gras, der altende Stromgott;
Jene leckt ihn am Knchel, und kt die Hnde des Vaters.
Kaum auch hlt sie die Trn', und wenn die Worte nur folgten,
Ach, so flehte sie Hilf', und meldete Namen und Schicksal.
Aber ein sprechender Zug, den der Fu im Staube gezeichnet,
Gab die traurige Kunde des umgewandelten Leibes.
Weh mir Armen, o weh! ruft Inachus; und an den Hrnern
Hangend der seufzenden Kuh, ihr den schneeigen Nacken umschlingend:
Weh mir! erneut er den Ruf. Bist du's, die in allen Gefilden,
Trautes Kind, ich gesucht? O du Nichtgefundene warst mir
Weniger Gram, denn entdeckt! Du schweigst, und versagest die Antwort
Unserem Wort; nur Seufzer, gepret aus der Tiefe des Herzens,
Gibst du, und, was du vermagst, dem Redenden brummst du entgegen!
Ich Unwissender sorgte fr Hochzeitkammer und Brautkien,
Hoffend von dir den Eidam zuerst, dann blhende Enkel!
Jetzt von der Herd' ist ein Mann, von der Herd' ein Geschlecht dir beschieden?
Auch nicht endigen darf ich durch Tod mein Leiden; zum Unheil
Bin ich unsterblicher Gott! die verschlossene Pforte des Todes
Dehnt von Ewigkeit uns zu Ewigkeit dauernden Jammer!
So wehklaget der Greis; da entfernt ihn der funkelnde Argos,
Reit von dem Vater sein Kind, und hinweg in entlegene Weiden
Schleppt er sie. Selber sodann abwrts auf ragendem Berghaupt
Whlt er den Ort, wo er sitzend die Gegenden alle durchsphet.
Jupiter, der nicht lnger die Qual der phoronischen Jungfrau
Duldete, rief nun den Sohn, den ihm die helle Plejade
Einst gebar, und befahl, durch Mord zu vertilgen den Argos.
Ohne Verzug ist die Fers' ihm gefittichet, und in der Rechten
Sein schlafbringender Stab, und der schirmende Hut um die Haare.
Als er solches vollbracht, sprang Jupiters Sohn von des Vaters
Burg zu der Erde hinab. Dort legt' er den schirmenden Hut ab,
Auch die Flgel entfernt' er, und trug nur den Stab in den Hnden.
Hiermit treibt er als Hirt durch wildernde Fluren die Ziegen,
Die er im Kommen geraubt, und blst die geordneten Halme.
Zauberisch klang das neue Getn dem Junonischen Hter:
Wer du auch seist, rief Argos, du knntest mit mir auf dem Felsen
Wohl ein weniges ruhn; denn ppiger wchst fr die Herde
Nirgend das Gras; und den Hirten erfreut, wie du siehst, die Umschattung.
Neben ihm sa der atlantische Gott; durch mancherlei Reden
Hielt er den gehenden Tag; und die wohlvereinigten Rohre
Blasend, versucht er in Schlaf die bewachenden Augen zu tnen.
Jener strubt sich indes dem sanfteinwiegenden Schlummer,
Und, wenn schon in Betubung ein Teil der Augen dahinsank,
Wacht doch der andere Teil. Auch fraget er, denn die Syringe
War erst neulich entdeckt, auf welcherlei Art sie entdeckt sei.
Drauf erzhlte der Gott: In Arkadiens kalten Gebirgen
War die berhmteste einst der nonakrischen Hamadryaden
Eine Najad' an Gestalt; die anderen nannten sie Syrinx.
Oft vereitelte sie nachstellender Satyre Hoffnung,
Und was sonst fr Gtter im schattigen Wald und im Fruchtfeld
Wohnen. Sie dienete treu der ortygischen Gttin mit Jagdlust
Und jungfrulichem Sinn. Auch geschrzt nach der Weise Dianas,
Tuschte sie leicht, und glte sogar fr Latonia, wenn nicht
Diese von Horn ein Gescho, nicht jen' ein goldenes trge.
So auch tuschte sie noch. Als einst vom Lykus sie heimging,
Schauet sie Pan, und das Haupt mit stachlichter Fichte gegrtet,
Redet er. - berig war, die geredeten Worte zu melden;
Und wie verachtend die Nymph' unwegsame Wsten hindurchfloh,
Bis zum ruhigen Strom des sandigen Ladon sie endlich
Flchtete, und, als dort ihr den Lauf abschnitten die Wasser,
Um Verwandelung bat die lauteren Schwesternajaden;
Und wie Pan, da er eben gehascht nun glaubte die Syrinx,
Statt der blhenden Nymphe das Rohr umarmte des Sumpfes;
Und, weil seufzend er stand, wie die wallenden Wind' in dem Rohre
Leises Geflster erregt, der lispelnden Klage nicht ungleich;
Dann wie der Gott im Entzcken der neuerfundenen Tonkunst:
Diese Vereinigung soll mit dir mir bleiben! gesaget,
Und wie so, durch bindendes Wachs abstufende Rohre,
Wohl aneinander gereiht, des Mgdeleins Namen behielten.
Solches zu melden bereit, sah schon der Cyllenier smtlich
Hingesunken die Augen, und tief umschattet von Schlummer.
Pltzlich hemmt er die Stimm', und krftiger jene Betubung,
Sanft mit zaubrischem Stabe die schmachtenden Augen berhrend.
Rasch den Nickenden haut er mit sichelfrmigem Sbel,
Dort wo dem Hals angrenzet das Haupt; und den Blutenden strzt er
Nieder vom Fels, und rtet die zackige Klippe hinunter.
Argos, du ruhst, und das Licht, das so vielfach leuchtend dir strahlte,
Ward gelscht; und zugleich die hundert Augen umhllt Nacht.
Aber sie nimmt, und verschont dem Lieblingsvogel die Federn,
Juno, den Schweif anfllend mit farbiger Steine Gefunkel.
Schleunig entbrannt' ihr das Herz, und sie eilte den Zorn zu vollenden.
Schweben vor Augen und Geist die Schreckengestalt der Erinnys
Hie sie dem Mdchen von Argos, und drngt ihr Stacheln des Wahnsinns
Tief in die Brust, und scheuchte sie wild durch die Lande der Welt hin.
Du warst brig zuletzt dem unendlichen Leiden, o Nilus.
Als sie auch diesen berhrt', und matt an dem Borde des Ufers
Sank, die Kniee gebeugt, und, rckwrts hebend den Nacken,
Was allein sie vermochte, das Antlitz streckte zum Himmel,
Und mit Geseufz und Trnen und dumpf aufbrummender Wehmut
Jupiters Hrt' anklagt', und ein End' erflehte des Jammers;
Jetzo seiner Gemahlin den Hals mit den Armen umschlingend,
Bittet er, da sie die Strafe doch endige: Und fr die Zukunft,
Saget er, zhme die Furcht: nie wird Ursache des Schmerzes
Jene dir sein; dies hre die Flut des stygischen Sumpfes!
Vllig geshnt ist die Gttin; da kehrt in die vorige Bildung
Io, und wird, was sie war. Es entfliehn von dem Leibe die Zotten;
Mhlich verwchst das Gehrn; dem Auge wird enger die Rundung;
Menschlicher zieht sich der Rachen; verjngt blhn Schultern und Hnde;
Und es zerspaltet die Klau' in fnf auslaufende Zehen.
Nichts von der Kuh ist brig an ihr, die weie Gestalt nur.
O wie vergngt die Nymphe mit zwei aufstrebenden Fen
Jetzo sich hebt, doch zu reden noch zagt, da Rindergebrll nicht
Schalle: vor Furcht abbrechend das Wort, und wieder versuchend!
Hoch nun prangt sie als Gttin im Volk leintragender Mnner.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / II, Phaeton





























Zweites Buch
Phaeton
     
Jupiters Sohn, wie man glaubt, war Epaphus, welchen ihm Io
Fern in gyptus gebar: wo, der Mutter gesellt, er in Stdten
Tempel beherrscht'. Ihm war gleichalterig, gleich an Gesinnung,
Phaethon, stammend von Sol. Als der mit prahlender Rede
Trotz ihm bot, hochmtig des Vaters Phbus sich rhmend,
Trug's nicht Inachus Enkel: Du glaubst doch, sprach er, der Mutter
Alles, o Tor; und blhst dich vom Schein des falschen Erzeugers.
Phaethon glht' im Gesicht; doch hemmte den Zorn die Beschmung;
Und zur Klymene flog er, des Epaphus Lsterung meldend.
Da du, o Mutter, es fhlst; sieh, redet er, ich Ungebundener,
Ich Auffahrender schwieg! Es beschmt, da solcherlei Schmhung
Einer wie wir anhren, und nicht abfertigen konnte!
Doch du, wenn ich gewi aus himmlischem Samen gezeugt bin,
Gib mir Beweis so hohen Geschlechts, und erhalt' mich dem Himmel!
Phaethon sprach's, und umschlang der Gebrerin Hals mit den Armen;
Und bei dem eigenen Haupt, und des Merops Haupt, und der Schwestern
Hochzeitfackel beschwur er, ihm wahr zu bezeichnen den Vater.
Klymene weniger nicht von Phaethons Flehn, wie vom Zorne
Aufgeregt der gehrten Beschuldigung, streckte die Arme
Beide zum Himmel empor; und das Licht der Sonne betrachtend,
Sagte sie: Ja bei dem Glanze der schimmernden Herrlichkeit oben
Schwr' ich dir, trautester Sohn, die uns anhret und siehet:
Er dort welchen du schaust, er dort, der Ordner des Kreislaufs,
Zeugte dich, Sol! Ist Erdichtung mein Wort, dann weigere jener
Selbst sich mir; dann tag' es zuletzt heut unseren Augen!
Auch nicht lang ist die Mhe, den Vaterpalast zu erforschen;
Nahe grenzet das Haus, wo er aufsteigt unserem Lande.
Wenn ja das Herz dir gebeut; geh hin, und erkund' es von jenem!
Schleunig hpft er empor, da der Zeugerin Red' er vernommen,
Phaethon, frhliches Sinns, und fat den ther im Geiste.
thiopen, sein Volk, und von nheren Sternen entbrannte
Indier, strebt er hindurch, und ereilt Sols stliche Wohnung.
Kniglich ragt' auf Sulen die Burg des Sonnenbeherrschers,
Hell von schimmerndem Gold' und feuerrotem Pyropus.
Elfenbein umhllte mit Glanz den oberen Giebel;
Silbernes Licht entstrahlte des Eingangs doppelten Flgeln.
Aber den Stoff besiegte die Kunst. Denn Mulciber hatte
Dort des Ozeanus Gurt um den Rand der Erde gemeielt,
Auch der Lande Bezirk, und das Dach des gewlbeten Himmels.
Rings hat bluliche Gtter die Flut: den ertnenden Triton,
Proteus Wechselgestalt, und gon, welcher dem Walfisch
Drckt mit Riesenarmen den ungeheueren Rcken;
Doris auch, und die Tchter, die teils wie schwimmend erscheinen,
Teils auf dem Riffe gesetzt, und grnliche Haare sich trocknend,
Teils auch vom Fische gefhrt: nicht gleich ist allen, noch ungleich,
Ihre Gestalt, nein hnlich, wie leiblichen Schwestern es ansteht.
Mnner trgt und Stdte die Erd', auch Wlder und Bergwild,
Strme zugleich, und Nymphen, und andere Mchte des Feldes.
Oben herum erhebt sich das Bild des leuchtenden Himmels:
Sechs der Zeichen zur Rechten, und sechs zur Linken des Eingangs.
Als nun der Klymene Sohn hieher auf steigendem Pfade
Ankam, und in die Burg des bezweifelten Vaters hineinging,
Wendet' er stracks die Schritte zum Angesicht des Erzeugers,
Und blieb stehen von fern: denn des nheren Lichtes Bestrahlung
Duldet' er nicht. Dort sa in umhllendem Purpurgewande
Phbus auf frstlichem Thron, der leuchtete, hell von Smaragden,
Rechts ihm standen und links der Tag, und das Jahr, und der Monat;
Auch Jahrhunderte standen, und gleich geordnete Horen;
Jugendlich stand auch der Frhling, den blumigen Kranz um die Scheitel;
Auch der nackende Sommer, im Schmuck umwindender hren;
Auch der Herbst, mit der Kufen getretenem Moste besudelt;
Und der beeisete Winter, umstarrt von grauendem Haupthaar.
Sol in der Mitte des Raums, mit alldurchschauendem Blicke,
Sah vor der Neuheit der Dinge verzagt annahen den Jngling.
Was will, sagt er, dein Gang? was suchest du hier in der Felsburg,
Phaeton? wertes Geschlecht dem nicht ableugnenden Vater!
Jener beginnt: O du Licht des unermelichen Weltalls!
Vater Phbus, wofern du des Namens Gebrauch mir vergnnest,
Und nicht Klymene Schuld in gefabelte Tuschungen einhllt:
Gib mir, Erzeuger, ein Pfand, da man fr dein wahres Geschlecht mich
Anerkenn', und vertilg' aus unserem Herzen den Irrtum!
Phaethon sprach's, und der Vater enthllte sich aller Bestrahlung,
Welche sein Haupt umglnzt', und gebot ihm, nher zu treten.
Dann in die Arm' ihn schlieend: Nicht du bist meiner Verkennung
Wrdig, und Klymene hat dir wahr verkndet den Ursprung.
Da dir schwinde der Zweifel; so fordere, was du auch wnschest,
Und ich gewhre den Wunsch: Sei Styx mir Zeugin des Wortes,
Furchtbar dem schwrenden Gott, und unseren Augen ein Abscheu!
Kaum war alles gesagt; da wnscht' er den Wagen des Vaters
Einen Tag, und die Lenkung der fugeflgelten Rosse.
Phbus bereute den Schwur, und schttelte dreimal und viermal
Sein mildleuchtendes Haupt: Unbedachtsam, rief er, und Leichtsinn
Ward mein Wort durch das deine! Gestatte mir, Sohn, die Verheiung
Nicht zu verleihn! Ich bekenne, dies einzige mcht' ich dir weigern.
Aber ich darf abraten. Gefahrvoll ist, was du wnschest!
Viel zu Groes begehrst du, ein Amt, das solcherlei Krften,
Phaethon, wenig geziemt, noch so unmnnlichem Alter.
Dir ward sterbliches Los; doch sterblich ist nicht dein Bestreben.
Hher sogar, als Ewigen selbst zu gelangen vergnnt ist,
Trachtest du ohne Bedacht. Es gefalle sich jeder nach Willkr:
Doch zu stehen vermag auf der glutbelasteten Achse
Keiner, denn ich! Ja selber der Frst des weiten Olympus,
Der aus schrecklicher Hand fernschmetternde Leuchtungen sendet,
Lenkt nicht dieses Gespann: und wer mit Jupiters Allmacht?
Steil ist der Weg im Beginn, wo kaum noch frisch mir die Rosse
Frhe hinaufarbeiten. Dann schreckt die Hhe des Mittags,
Wo mir selbst, tief unten das Meer und die Lande zu schauen,
Oftmals graut, und das Herz aufbebt vor banger Besorgnis.
Jh ist endlich der Weg, und bedarf der sichersten Lenkung.
Jene sogar, die drunten, die Arm' ausbreitend, mich aufnimmt,
Tethys pflegt, da im Sturz ich enttaumele, nun zu befrchten.
Denke dazu, da, gerafft von bestndigem Schwunge, der Himmel
Hohe Gestirn' hinzieht, und in hurtigem Wirbel herumdreht.
Ich nur streb' anwrts; und dem Sturm, der alles besieget,
Trotz' ich allein, und fahre der raffenden Kreisung entgegen.
Sei dir der Wagen gewhrt; was meinest du? Kannst du hinangehn
Wider den rollenden Pol, unentfhrt von der reienden Achse?
Ja wer wei, auch Haine sogar und Stdte der Gtter
Trumt sich dein Herz dort oben, und prangende Tempel mit Reichtum?
Schau', Nachstellungen drohn auf der Fahrt, und Gestalten des Wildes!
Ob du die Bahn auch hltst, und nie ausbeugend verirrest;
Dennoch mut du hindurch am Gehrn des begegnenden Stieres,
An des Hmoners Gescho, und dem Rachen des grausamen Lwen,
Auch an dem Skorpion, der die Klau'n in entsetzlichem Umfang
Krmmt, und dem grlichen Krebs, der sie krmmt in anderer Windung!
Whn' auch nicht, da die Rosse, von Mut beseelet und Feuer,
Welches ihr Busen verschliet, und aus Maul und Nase hervorhaucht,
Leicht dir zu bndigen sein! Kaum dulden sie mich, wann entflammter
Ihnen der Mut aufglht; und es strubt sich der Nacken den Zgeln.
La doch nicht von mir selber ein trauriges Ehrengeschenk dir
Kommen, o Sohn; und verbere den Wunsch, da die Zeit es gestattet!
Siehe, damit man erzeugt aus unserem Blute dich glaube,
Willst du ein sicheres Pfand: ich gebe das Pfand durch Besorgnis!
Wohl beweis' ich den Vater, mich vterlich ngstend! O schau doch,
Schau mein Gesicht! Und o mchtest du auch in das innerste Herz mir
Senken den Blick, und drinnen die Vatersorgen erkennen!
Endlich betracht' umher, was die Welt einschlieet an Reichtum:
Aus so vielen und groen, der Erd' und des Meers und des Himmels,
Fodre dir einiges Gut; nicht Weigerung soll dich betrben!
Diesem nur, fleh' ich, entsage: was richtiger Strafe, denn Ehre,
Wrde genannt! Ach, Strafe, mein Phaethon, soll dir Geschenk sein!
Was umschlingst du den Hals, Unweiser, mit schmeichelnden Armen?
Zweifele nicht, du erlangst (bei den stygischen Fluten beschwur ich's!),
Was du auch immer gewnscht; doch la verstndig den Wunsch sein!
Also endigte Sol die Ermahnungen. Jener verschmht sie,
Hlt den beschlossenen Zweck, und glht in Begierde des Wagens.
Als nun, was er gekonnt, Sol zauderte, fhrt' er den Jngling
Hin zu dem hohen Geschirr, dem vulkanischen Ehrengeschenke.
Lauteres Gold war die Achs', und Gold die Deichsel, und Gold auch
ben dem Rade der Kranz; die geordneten Speichen von Silber.
Chrysolith' um das Joch, und funkelnde Stein in der Ordnung,
Spiegelten hell den Phbus in widerstrahlender Klarheit.
Whrend Phaethon dies voll Mut anstaunt', und die Arbeit
Musterte; siehe, da ffnet', erwacht im rtlichen Aufgang,
Schon Aurora das purpurne Tor, und den rosenbestreuten
Vorhof. Schleunig entfliehn die Gestirn', und es treibet den Heerzug
Lucifer, welcher zuletzt abzieht von der Wache des Himmels.
Aber sobald der Vater die Erd' und den Himmel errten
Sah, und schwinden am Rand die erblassenden Hrner der Luna;
Schnell zu schirren die Rosse gebot nun Titan den Horen.
Schnell ist vollbracht das Gebot: die feuerschnaubenden Renner,
Mit Ambrosiasaft an erhabenen Krippen gesttigt,
Fhren die Gttinnen her, und legen die klirrenden Zum' an.
Jetzo berhrt der Vater mit heiliger Salbe das Antlitz
Seines Sohns, und strkt es, die reiende Flamme zu dulden.
Hierauf krnt er mit Strahlen sein Haar, und aus innerstem Herzen
Bang' aufziehend des Grams vorahnende Seufzer, beginnt er:
Magst du, wenigstens hier, die Ermahnungen hren des Vaters;
Meid', o Knabe, den Sporn, und krftiger brauche die Zgel!
Selbst schon eilen sie fort: sie im Flug zu hemmen ist Arbeit.
Auch nicht whle die Bahn durch fnf gradlaufende Grtel.
Schlngelnd windet sich schrg ein breitgebogener Querweg,
Welcher, auf drei der Zonen den Lauf einschrnkend, die Kreisung
Meidet des sdlichen Pols, und der nrdlich strmenden Brin:
Dort sei die Fahrt; du erkennst die deutlichen Spuren des Rades!
Und da Himmel und Land gleichmige Wrme gewinnen,
Senke du weder den Wagen, noch schwing ihn empor in den ther.
Allzu hoch verbrennst du der Himmlischen wlbende Wohnung,
Aber zu tief die Lnder; am sichersten gehst du im Mittel.
Da dir weder zur Rechten, wo weit die Schlange sich windet,
Noch linksab zum gesenkten Altar ausbeuge der Wagen,
Halt' durch beide den Strich. Des brigen walte Fortuna,
Die mit besserem Rat, als du, dir helfe: das wnsch' ich!
Whrend ich rede, berhrt am hesperischen Ufer die Sulen
Schon die Leuchtende Nacht, und verbeut uns lngere Sumnis.
Auf denn, es gilt! Dort strahlt aus zerstreuetem Dunkel Aurora!
Fass' in die Hand das Geriem! Doch falls du lenkbaren Herzens
Bleibst, nimm unseres Rates, und nicht des Wagens, Gebrauch an:
Weil du es kannst, und fest auf gediegenem Boden noch dastehst,
Eh' du, nach trichtem Wunsch, auf der Achs', Unkundiger, schwebest!
Anschaun magst du es sicher, doch mich la leuchten dem Erdkreis!
Aber im Sprunge besteigt den therischen Wagen der Jngling,
Steht nun empor, und berhrt mit der Hand die gegebenen Zgel
Frhlich, und dankt von oben dem ungern schenkenden Vater.
Doch die geflgelten Rosse, der Pyros, und der Eous,
thon zugleich, und Phlegon, erfllen die Luft mit Gewieher
Flammenden Hauchs, und schlagen die Huf' an die hemmenden Barren.
Als nun zurck die Barren, das Los mikennend des Enkels,
Tethys drngt', und der Raum unermelicher Himmel sich auftat,
Raffen sie schleunig den Weg, und die Luft mit den Fen durchstampfend,
Spalten sie dick vorstehend Gednst, und auf hebenden Flgeln
Rennen sie mutig voran dem zugleich ausstrmenden Ostwind.
Doch leicht war das Gewicht, und ganz unkennbar dem edlen
Sonnengespann; es gebrach an gewohnter Schwere des Joches.
Wie der gebogene Kiel hinschwankt mit drftiger Ladung,
Und von zu leichtem Gewicht unstet durch die Wellen umhertreibt:
Also, der vorigen Last entlediget, sprang in die Luft nun
Hpfend in Sten empor, wie mit eiteler Leere, der Wagen.
Aber sobald dies merkte das Viergespann, da entstrzt es
Wild dem gebahneten Raum, nicht laufend in voriger Ordnung.
Jener erschrickt, ratlos die gewirreten Zgel zu lenken,
Und unkundig des Wegs, und kennt' er ihn, doch des Befehles.
Jetzo zuerst erwrmten die frostigen Stiere des Wagens,
Und versuchten umsonst in verbotene Flut sich zu tauchen.
Auch die Schlange, die dicht am beeiseten Pole sich lagert,
Trg' in der Klte zuvor, harmlos, und frchterlich keinem,
Ward nun erwrmt, und schwoll zu neuem Zorn in der Glut auf.
Du auch, melden sie, flohst in zerrttender Angst, o Bootes,
Langsam, wie du auch warst; dein Wagen nur zwang dich zu bleiben.
Doch als Phaethon jetzt, der Elende, hoch aus dem ther
Niederschaut' auf die Lande, die tief, tief unten sich streckten,
Bla nun ward sein Gesicht, und ihm zitterten pltzlich die Kniee;
Und in des Urlichts Glanz umzog ihm Dunkel die Augen.
Htt' er doch nie, so wnscht er, des Vaters Rosse berhret!
Htt' er doch nie erkannt sein Geschlecht, noch gewagt die Erkundung!
Merops Sohn zu heien gengt! Es entrafft die Gewalt ihn,
So wie die Bark' hinstrmet der Boreas, wann sie entzgelt
Treiben ihr Steuerer lt und Gttern vertraut und Gelbden.
Was zu tun? Viel hat er zurckgelassen des Himmels,
Doch vor den Augen ist mehr: sein Herz mit dieses und jenes.
Vorwrts bald, wohin sein Schicksal verbeut zu gelangen,
Schaut er zum Untergang, bald rckwrts schaut er zum Aufgang.
Sonder Entschlu nun stutzt er, und senkt so wenig die Zgel,
Als er sie strengt; auch die Namen der fliegenden Rosse verga er.
Jetzt am gesprenkelten Himmel umhergestreuete Wunder
Schaut er voll Angst, und Gestalten des ungeheuren Gewildes.
Dort auch krmmt zwei Arme der Skorpion in geschweiften
Windungen: hinten ein Schwanz, und vorn ausstreckend die Scheren,
Fllet er ganz mit dem Leibe den Raum zwei himmlischer Zeichen.
Kaum erblickte der Knabe das Scheusal, feucht von dem Schweie
Dunkelen Gifts, und Wunden mit stechender Krmmung ihm drohend,
Sinnlos lie er in kltender Angst hingleiten die Riemen.
Als die gesunkenen nun des Rckens Flche berhrten;
Schweifen die Rosse dahin und gehn, da keiner sie hemmet,
Durch einde Bezirke der Luft: wie das wilde Gelust fhrt,
Strzen sie ohne Gesetz; schon sprengen sie hoch in den ther
Zwischen geheftete Stern', und es rollt das Geschirr in die Wildnis.
Bald durchfliegen sie Hh'n, und bald abschssige Strecken,
Niedergestrzt, und durchjagen die Gegenden nahe der Erde.
Luna sieht mit Erstaunen, wie unter dem ihrigen jetzo
Luft des Bruders Gespann, und es dampfen gesengt die Gewlke.
Feuer ergreift nacheinander die ragenden Hhen der Erde;
Tief zerspaltet das Land, und die nhrenden Sfte versiegen;
Falb verwelket das Gras, und es knattert der Baum mit den Blttern;
Und sich selbst ist die trockene Saat ein verwstender Zunder.
Kleines annoch! Es vergehn hochtrmende Stdte mit Mauern;
Ganze Vlker sogar mit Stmmen zugleich und Geschlechtern
Wandelt in Asche der Brand; und Waldungen glhn mit Gebirgen.
Athos brennt, und Taurus, es brennt der Tmolus, und Oeta,
Auch, nun trocken, zuvor voll strmender Quellen, der Ida;
Helikons Jungfrauhh', und der knftig agrische Hmos.
tna brennt, unermelich die Feuersbrnste verdoppelnd,
Eryx, und Cynthos, und Othrys, und, zwiefaches Haupts, der Parnassus,
Rhodope auch, nun endlich des Schnees entbehrend, und Mimas;
Dindyma brennt, und mit Mykale brennt der umschwrmte Cithron.
Nicht auch rettet der Frost dich, Szythia: Kaukasus brennet;
Ossa zugleich mit Pindus, und, hoch vor beiden, Olympus;
Luft'ge Alpen zugleich, und der wolkige Apenninus.
Phaethon schauet nunmehr, wie an jeglichem Teile der Erdkreis
Raucht in der lodernden Glut; und kann nicht dulden die Hitze.
Denn aufsiedende Luft, wie aus tiefem Schlunde des Ofens,
Atmet sein Mund; auch fhlt er, da unter ihm glhe der Wagen.
Nicht die flockende Asch', und nicht die geschnelleten Funken,
Mag er bestehn; ringsher umwirbelt ihn hitziger Rauchdampf.
Wo und wohin er gehe durch pechschwarz wallendes Dunkel,
Wei er nicht mehr; ihn entraffen die fliegenden Rosse nach Willkr.
Jetzo, glauben sie, drang das kochende Blut in den Adern
Oben zur Haut, und schwrzte die thiopischen Vlker.
Jetzt ward Libya erst nach ausgesottener Nsse
Trockener Sand; jetzt weinten mit bangendem Haare die Nymphen
Laut um Brunnen und Seen. Botia jammert um Dirce,
Argos klagt Amymone, und Ephyra ihre Pirene.
Nicht auch bleiben die Strme, die fern ihr Ufer gewannen,
Sicher annoch. Schon dampfet der Tanas mitten im Strudel,
Schon Peneos der Greis, und der Teuthranteer Kakus,
Phokis Strom Erymanthos, mit dir, o schneller Ismenos;
Xanthos, zu doppeltem Brande bestimmt, und der gelbe Lykormas;
Du auch, froher Mandros, in oft rckkehrender Windung;
Auch der Mygdonier Melas, und Tnaros Strom Eurotas.
Brennend erscheint Euphrates um Babylon, brennend Orontes,
Auch Thermodon im Sturz, auch Ganges, und Phasis, und Ister;
Brennend wallt Alpheos, und wallt die sperchesche Strmung;
Und es zerfliet in der Flamme das Gold, das Tagus herabfhrt.
Auch, die mit sem Gesang ihr monisches Ufer verherrlicht,
Selbst erwrmten die Schwn' im sumpfenden Strom des Kaystros
Nilus entfloh voll Schrecken zum uersten Ende des Landes,
Bergend das Haupt, das noch immer verborgene: drr und versandet,
Stehn die Mndungen all, und sind ungewsserte Tler.
Gleiches Geschick auch drrt die Ismarier, Hebros und Strymon
Auch die hesperischen Strme, den Rhodanus, Rhenus und Padus,
Und, dem Obergewalt verkndiget wurde, den Tibris.
Rings nun zerlechzet der Grund; in den Tartarus dringt durch die Spalten
Licht, und erschreckt mit der Gattin den unterirdischen Knig.
Eng auch zieht sich das Meer; ein Gefild' aufwehenden Sandes
Ist, wo der Abgrund war; noch eben umhllt von Gewssern,
Tauchen die Berge hervor, den Schwarm der Zykladen vermehrend.
Labsal sucht in den Tiefen der Fisch; und ber der Meerflut
Wagt nicht mehr in die Luft der gebogne Delphin sich zu schwingen.
Auch unfrmige Robben, den Rcken gestreckt auf die Woge,
Schwimmen entseelt ringsher. Selbst Nereus, sagt man, und Doris
Hielten sich jetzt, und die Tchter, in laulicher Grotte verborgen.
Dreimal wollte Neptunus die Arm' und das finstere Antlitz
Aus dem Gewog' ausstrecken; doch dreimal trug er die Glut nicht.
Aber die nhrende Tellus, umstrmt von Ozeanus Kreisung,
Zwischen den Fluten des Meers und rings versammelten Quellen,
Die sich zusammengedrngt in den Scho der dunkelen Mutter,
Hob, bis zum Halse gedrrt, ihr allbefruchtendes Antlitz,
Schtzte die Hand vor die Stirn, und jetzt, mit gewaltigem Beben
Alles erschtternd umher, versank sie ein weniges tiefer,
Als sie gewhnlich erscheint, und mit trockener Stimme begann sie:
Wolltest du dies, und verdient' ich's, warum, der Unsterblichen Hchster,
Zaudert dein Strahl? O la, soll ich Elende sterben durch Feuer,
Durch dein Feuer mich sterben! Des Schlags Urheber wird Trost sein!
Kaum vermag ich der Kehle nur dieses Wort zu entlocken!
(Qualm erstickt ihr den Mund.) O schau die versengeten Haare!
Schau die Augen so voll, und so voll von Asche das Antlitz!
Gibst du mir solchen Dank der Fruchtbarkeit, solche Belohnung
Meiner geflligen Treu: da ich Wunden des hakigen Pfluges,
Wunden des Karstes ertrag', im ganzen Jahre gequlet?
Da ich dem Viehe sein Laub, dem Geschlecht der Menschen zur Nahrung
Zeitige Frchte gewhr', und euch zum Opfer den Weihrauch?
Aber wenn ich mein Leiden verdienete; was hat die Meerflut,
Was der Bruder verdient? Warum versiegen die Wasser,
Welche das Los ihm gab, und entziehn sich ferne dem ther?
Wenn denn, so wenig wie ich, dein eigener Bruder dich rhret,
Wenigstens sei dein Himmel dir wert! Schau jeglichen Pol an:
Hier schon dampft es und dort! Beschdiget jene das Feuer,
Pltzlich zerfllt euch die Wohnung in Schutt! Selbst drben der Atlas
Mht sich, und hlt auf der Schulter noch kaum die glhende Achse!
Wenn die Meer' und die Lande vergehn, und die Burg des Olympus,
Ins urnchtliche Chaos enttaumeln wir! Rei aus den Flammen,
Was noch brig dir ist, und sorge fr Heil und Erhaltung!
Dies nur redete Tellus; denn nicht aushalten die Schwle
Konnte sie lnger in Qualm, noch mehreres reden: ihr Antlitz
Zog sie zurck in die Erde, die tief zu den Manen sich hhlet.
Doch der allmchtige Vater bezeugt die Gewalten des Himmels,
Und, der den Wagen verliehn, es zerscheitere, rett' er nicht schleunig,
Alles im grausen Geschick: dann steigt er zur obersten Burg auf,
Wo er umher mit Wolken den Erdkreis pflegt zu verhllen,
Wo er die Donner erregt, und geschleuderte Strahlen entsendet.
Aber so wenig Gewlk, den Erdkreis rings zu verhllen,
Hatt' er nunmehr, als Regen herabzugieen vom Himmel.
Siehe da donnert' er laut, und rechts von dem Ohre geschwungen
Sandt' er dem Lenker den Strahl: aus dem Leben zugleich und den Rdern
Schmettert' er ihn, und dmpfte mit schrecklicher Flamme die Flammen.
Scheu nun stutzen die Ross', und im Sprung auf die Seite sich bumend,
Sprengen sie ab das Geriem, und schtteln das Joch von den Hlsen.
Dorthin fallen die Zum', und dort, von der Deichsel gerissen,
Lieget die Achs', und dort die Speichen zerbrochener Rder;
Weitaus schnellt in die Runde der Wrack des zertrmmerten Wagens.
Phaethon nun, von der Glut die gerteten Haare verwstet,
Taumelte huptlings hinab, und in langem Zuge die Luft durch
Flieget er: sowie zuweilen ein Stern vom heiteren Himmel,
Wenn auch nicht er entfllt, doch gleich dem entfallenden scheinet.
Fern von der Heimat nimmt in dem Gegenlande der Hauptstrom,
Nimmt ihn Eridanus auf, und splt sein schumendes Antlitz.
Aber hesperische Nymphen bestatten den Leib, der noch aufdampft
Vom dreispaltigen Strahl; und die Inschrift zeichnet den Grabstein:
Phaethon ruhet allhier, der des Vaters Wagen gelenket;
Zwar nicht ganz ihn behauptend, erlag er doch groem Bestreben.
Jetzo barg der Erzeuger in trostlos jammernder Wehmut
Sein umzogenes Haupt; und wenn wir trauen der Sage,
Ging ein Tag von der Sonn' unerhellt: nur die Lohe des Brandes
Leuchtete; da solch bel doch einigen Nutzen gewhrte.
Klymene selbst, nachdem sie geklagt, was alles in solchen
Schrecknissen lehrt unerschpflicher Schmerz: in Verzweiflung und sinnlos,
Und mit entstelleter Brust, durchschweifte sie jetzo den Erdkreis.
Erst die entseeleten Glieder, und bald die Gebeine nur suchend,
Fand die Gebeine sie doch am Fremdlingsufer bestattet.
Schmerzvoll sank sie dahin, und las den Namen am Marmor,
berstrmt' ihn mit Trnen und wrmt' ihn am offenen Herzen.
Heliaden auch bringen die eitele Ehre des Todes,
Bitterer Trnen Ergu; und die Brust mit den Hnden sich schlagend,
Rufen sie, der nie hrt die erbarmungswrdige Klage,
Phaethon! Tag und Nacht, und liegen gestreckt um das Grabmal.
Viermal fllete Luna den Kreis mit vereinigten Hrnern:
Jene, der Sitte gem (denn Sitte ward aus Gewohnheit),
Brachten ihr Trauergeschrei. Als nun Phaethusa, der Schwestern
lteste, eben zur Erde den Leib hinneigete, pltzlich
Klagt sie, ihr starre der Fu. Die weie Lampetia strebte
Ihr mit Hilfe zu nahn, und haftete schnell an der Wurzel.
Als die dritte das Haar mit der Hand zu zerreien emporgriff,
Raufte sie Laub. Die traurt, da ein Stamm ihr binde die Schenkel;
Jene, da lang ihr die Arm' in grnende ste sich strecken.
Whrend sie dies anstaunen, da schliet die Rinde den Scho ein;
Dann aufstufend zum Bauche, zu Brust und Schulter und Hnden,
Steigt sie; allein nur raget der Mund, anrufend die Mutter.
Was kann jetzo die Mutter? Nur dorthin rennt sie und dorthin,
So wie das Herz ihr gebeut, und kt noch, weil es vergnnt ist.
Nein, nicht genug! von dem Stamme den Leib zu reien versucht sie,
Und das zarte Gespro von der Hand zu brechen: doch siehe,
Blutig rinnen hervor, wie aus offener Wunde, die Tropfen.
Schone doch! Mutter, o schone! so ruft, die sie eben verwundet:
Schone doch! uns wird selber der Leib in dem Baume zerrissen!
Lebe nun wohl! Baumrinde verschliet die endenden Worte.
Trnen flieen hervor, und es starrt der getrpfelte Bernstein
Gegen die Sonn' am jungen Gebsch; das empfangene Kleinod
Sendet der lautere Strom zum Schmuck den latinischen Tchtern.
Zeuge dem Wundergeschick war der sthenelesche Cyknus,
Welcher, obgleich sehr nahe durch mtterlich Blut dir vereinigt,
Nher an Sinne dir war, o Phaethon. Dieser, entweichend
(Denn der Ligurer Stmm' und mchtige Stdte beherrscht' er)
Aus dem Gebiet, durchtnte die grnenden Ufer mit Klagen,
Und des Eridanus Flut, und den volleren Wald der Geschwister.
Schnell wird zarter die Stimme dem Mann; und flaumige Federn
Bergen ergrauend das Haar, und lang empor von dem Busen
Streckt sich der Hals; auch bindet ihm Haut die errtenden Finger;
Fittiche decken die Seit', und stumpf ist am Antlitz der Schnabel.
Cyknus erneut sich zum Schwan. Noch stets mitraut er dem Himmel
Jupiters, eingedenk des grausam gesendeten Feuers.
Smpf' und verbreitete Seen bewohnet er: hassend die Gluten,
Hat er zur Wohnung erwhlt die der Glut feindseligen Wasser.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / II, Kallisto





























Kallisto
     
Jupiter, als er die Erd' umwanderte, mde des thers,
Sah in Arkadias Fluten der nonakrinischen Jungfrau'n
Holdeste; und es entbrannte sein Herz von feuriger Sehnsucht.
Nicht war jener Geschft, die gekrempelte Wolle zu feinern,
Noch durch Tracht zu verndern das Haar. Wann die Spange das Kleid ihr,
Und ein schneeiges Band nachlssige Locken gefesselt,
Nahm sie bald den schnellenden Spie, bald Bogen und Kcher,
Als Trabantin der Phbe: so wert war keine der Gttin
Je auf des Mnalus Hhn. Doch alles Glck ist vergnglich!
ber den Mittagsraum war schon das Sonnengespann hin,
Als sie die Waldung betrat, wo niemals xte gehauen.
Und sie entspannte den Bogen und hub von der Achsel den Kcher,
Legte sich dann auf den Boden, mit weichem Grase gepolstert;
Und den gemaleten Kcher bedeckt ihr ruhender Nacken.
Jupiter, da er so mde sie sah, und ohne Bewachung:
Diesmal, sprach er, entdeckt doch den Gang nicht meine Gemahlin;
Oder erspht sie ihn auch, oh, so gilt ihr Keifen mir so viel!
Pltzlich umhllet den Gott die Gestalt und der Schmuck der Diana:
Jungfrau, redet er an, du Begleiterin meines Gefolges,
Welcherlei Hh'n durchjagtest du heut? Da erhebt sich die Jungfrau
Schnell vom Rasen, und sagt: Heil, Herrscherin, hher geschtzt mir,
Wenn er auch selber es hrt, als Jupiter! Lchelnd vernimmt er's,
Froh, da er selbst vorgehe sich selbst; und er fget ihr Ksse,
Nicht in gehrigem Mae, noch so zu geben von Jungfrauen.
Arglos will sie erzhlen, in welchem Gehlz sie gejaget;
Aber es hemmt sie Gewalt: und siegreich kehrt zu dem ther
Jupiter. Ihr ist verhat das Gebsch, und die kundige Waldung.
Als sie den Fu wegwandte, verga sie beinah zu erheben
Kcher und Pfeil', und zu nehmen den aufgehangenen Bogen.
Siehe, da kommt Diktynna, vom hpfenden Chore begleitet
ber den Mnalus her, und stolz des erlegeten Wildes,
Schauet sie jen', und ruft; doch es stutzt die gerufne Kallisto;
Und sie befrchtet zuerst, da Jupiter sei in der Gttin.
Aber nachdem sie zugleich die wandelnden Nymphen gesehen,
Traut sie, entfernt sei Betrug, und die Zahl der brigen mehrt sie.
Ach, wie schwer, ein Gebrechen im Antlitz nicht zu verraten!
Kaum nun hebt sie die Augen empor; nicht, wie sie gewohnt war,
Geht sie der Gttin zur Seit', und immer voran in dem Schwarme.
Nein, sie verstummt, und deutet beleidigte Zucht mit Errtung.
Wenn sie nicht Jungfrau war, an mancherlei Zeichen bemerkte
Leicht Diana die Schuld; man sagt, es bemerkten die Nymphlein.
Aber sogleich vernahm es des Donnerers hohe Gemahlin;
Nur auf gelegene Zeit verschob sie die schreckliche Ahndung.
Nun ist geschwunden die Frist; denn schon ward Arkas (auch dieses
Krnkt der Juno das Herz) von der Nebengattin geboren.
Als sie auf jenen den Blick voll grausamen Mutes gewendet.
Ha! dies fehlete nur, du Ehebrecherin, rief sie,
Da du auch fruchtbar wrst, da ffentlich wrde die Krnkung
Durch die Geburt, und meines Gemahls Unehre bescheinigt!
Nicht ungestraft sei solches! Ich nehme dir jene Gestalt ab,
Welche dir selber behagt und, Trotzerin! unserem Gatten!
Juno sprach's, und ergriff an der Stirn ihr die Locken, und warf sie
Vorwrts hin auf die Erde. Sie hob demtig die Arme.
Doch es begannen die Arme von dunkelen Zotten zu starren;
Krumm auch wurden die Hnd', und wuchsen in klauige Tatzen,
Und sie versahn der Fe Geschft; und das reizende Antlitz,
Selbst fr Jupiter, ward vom entsetzlichen Maule geschndet.
Und da ihr grausames Herz nicht bittende Worte bewegen,
Nimmt sie ihr reden zu knnen: ein Ton voll Zornes und Unmuts,
Rauher Drohungen voll, erschallt aus der brummenden Kehle.
Ihren Schmerz anzeigend mit unaufhrlichem Jammern,
Hebt sie, was Hnd' ihr sind, zum Himmel empor und Gestirne;
Undankbar nicht kann sie den Jupiter nennen, sie denkt ihn.
Ach, wie oft nicht wagend im einsamen Wald zu ruhen,
Naht sie dem Haus, und irrt in den vormals eigenen ckern!
Ach, wie oft durch Felsen verfolgen sie bellende Hunde!
Sie, einst Jgerin, flieht vor den Jagenden jetzo erschrocken.
Oft vor gesehenem Wilde versteckt sie sich, ihrer vergessend;
Und die Brin erstarrt, wenn ein Br im Gebirge sich zeiget.
Bang' auch meidet sie Wlf', obgleich ihr Vater ein Wolf ist.
Siehe, der Sohn, unkundig der lykaonischen Mutter,
Arkas erscheint, da beinah er fnfzehn Jahre vollendet.
Whrend das Wild er verfolgt, und ein Tal auswhlet zum Anstand,
Und mit geknotetem Garn erymantische Wlder umzingelt,
Wird er der Mutter gewahr. Und sobald sie schauet den Arkas,
Stehet sie still, und gleicht der erkennenden. Jener entfliehet;
Und weil ihn unbeweglich mit starrenden Augen sie anblickt,
Fhlt unwissend er Angst; und da nher zu gehn sie begehret,
Wollt' er ihr eben die Brust mit verwundendem Pfeile durchbohren.
Doch der Allmchtige hemmt; und zugleich sie selbst und die Untat
Rckt er hinweg; und im Sturm durch luftige Leere sie schwingend,
Stellt er sie dort an den Himmel, als Nachbarsterne zu funkeln.
Juno schwoll, da im Kreise der himmlischen Sterne das Kebsweib
Leuchtete. Rasch zu dem Vater Ozeanus, und zu der grauen
Tethys fuhr sie ins Meer, die oft die Gtter mit Ehrfurcht
Rhreten. Jetzo gefragt um des Wegs Ursache, begann sie:
Forscht ihr, warum ich herab vom therischen Sitze, der Gtter
Knigin, kam? Statt meiner beherrscht ein' andre den Himmel!
Lgnerin hei' ich, wo nicht, wann die Nacht das Gewlbe verdunkelt,
Ihr am erhabenen Himmel die jngst verherrlichten Sterne,
Meine Krnkung, erblickt, dort wo die uerste Kreisung
Dicht am Rande des Pols im krzesten Raume sich umdreht.
Was ist noch, warum man die Juno frchte zu krnken,
Und der Beleidigten zittre; da ich nur fromme durch Schaden.
Traun, was ich alles vollbracht! wie grenzlos unsre Gewalt ist!
Menschheit legte sie ab; und Gottheit nahm sie! So furchtbar
Wei ich Verbrecher zu strafen! so gro ist die Macht, die mir beiwohnt!
Stell' er denn her ihr altes Gesicht, und die Bildung des Raubtiers
Schaff' er hinweg, wie er einst an des Inachus Tochter getan hat!
Warum freit er sie nicht, und rumt, die Juno verstoend,
Ihr mein Ehegemach, und nimmt zum Schwher Lykaon?
Auf denn, wofern euch das Herz die verachtete Zglingin rhret,
Wehrt dies blaue Gestrudel dem siebenfltigen Nordstern;
Und, die um Buhlerlohn, als Gestirn, an den Himmel erhht sind,
Scheuchet sie: da nicht bad' in der lauteren Woge das Kebsweib!
Jene gewhrten den Wunsch; und empor im bequemen Geschirre
Lenkt durch heitere Luft Saturnia farbige Pfauen.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / II, Der Rabe und die Krhe





























Der Rabe und die Krhe
     
Vormals weier wie Schnee mit silberhellem Gefieder
Blinkte der Rab', und trotzte den ganz ungemakelten Tauben;
Nicht die wachsame Gans, die Roms Kapitole zur Hut war,
Schimmerte heller denn er, noch der rudernde Schwan im Gewsser.
Ihm war die Zunge Verderb; durch Schuld der geschwtzigen Zunge
Ward das lichte Gefieder in dunkeles pltzlich verwandelt.
Schner war, wie Koronis, die Larisserin, keine
Aller hmonischen Frau'n. Dir wenigstens, Phbus, gefiel sie,
Weil noch zchtig sie war, und noch unbeachtet. Doch endlich
Merkte den Flattersinn der apollonische Vogel;
Und zu entdecken die Schuld, ein unerbittlicher Melder,
Lenkt' er zu seinem Beherrscher den Flug. Mit geschwungenem Fittich
Folgt ihm die plaudernde Krh', um alles genau zu erforschen.
Als sie des Wegs Ursache gehrt: Nicht frommet der Weg dir,
Sagte sie, welchen du eilst; o gedenk' an meine Verkndung!
Schau , was ich war, und was jetzo ich bin; dann forsche, woher das?
Und du erkennst, da Treue mir schadete. Einst in der Vorzeit
Hatte der Erde Geschlecht, den Erichthonius, Pallas
In der geflochtenen Kist' aus attischem Reisig verschlossen.
Drei jungfrulichen Tchtern des zweigestalteten Cekrops
Gab sie darauf den Beding, da nicht ihr Geheimnis sie shen.
Ich, im luftigen Laube der dichten Ulme verborgen,
Sph' ihr Tun. Zwo schtzen das Unvertraute redlich,
Pandrosos samt der Herse; doch Furchtsame schilt sie Aglauros;
Und sie entschrzt mit der Hand die schlieenden Knoten, und drinnen
Sehn sie ein Kind, und zugleich den langgeringelten Drachen,
Schnell, was geschehn, verknd' ich der Herrscherin. Dessen zum Danke
Werd' ich, vordem ihr Liebling, verdrngt aus dem Schutz der Minerva,
Selbst von dem Vogel der Nacht. Mein Schicksal kann dem Geflgel
Warnung sein, da keiner Gefahr mit der Stimme sich schaffe.
Nicht freiwillig vielleicht, und ungebeten um solches,
Whlte sie mich? Geh hin, und erkunde dich selber bei Pallas!
Wie voll Zornes sie ist, auch die zornige wird es nicht leugnen!
Denn mich hat ein Berhmter im phokischen Lande, Koroneus
(Kundiges red' ich) gezeugt; und ich glnzt' als Knigestochter;
Auch (verachte mich nicht) bewarben sich mchtige Freier.
Unglck war die Gestalt. Denn indem an den sandigen Ufern
Ich mit langsamem Schritt lustwandelte, wie ich gewohnt bin,
Sah mich der Herrscher des Meers, und erglhete; und da er bittend
Lange die Zeiten umsonst mit schmeichelnden Worten verschwendet,
bt er Gewalt, und verfolgt: ich entflieh, und verlasse des Ufers
Dichten Saum, ohnmchtig im mulmigen Sande mich mdend.
Gtter ruf' ich und Menschen um Schutz; doch erreichte die Stimme
Keines Sterblichen Ohr: fr die Jungfrau sorgte die Jungfrau,
Welche mir Rettung verlieh. Ich erhob die Arme zum Himmel;
Und an den Armen entlang erdunkelte leichtes Geflgel.
Werfen wollt' ich zurck das Gewand von der Schulter; doch Feder
War das Gewand; und hatt' in die Haut tief Wurzel getrieben.
Schmerzvoll regt' ich die Hnd', um die nackenden Brste zu schlagen;
Aber ich sah nicht Hnde, noch nackende Brste mir brig.
Zwar ich lief; doch hemmte nicht Sand mir die Fe, wie vormals;
Nein, ich schwebt' an dem Boden daher, in die Luft dann gehoben
Flog ich, und ward der Minerva zur unbescholtnen Gesellin.
Aber was frommet mir das, wenn Nyktimene, welche zum Vogel
Grliche Schuld umschuf, Nachfolgerin unserer Ehr' ist?
Hast du vielleicht die Geschichte, die weit durch Lesbos ertnet,
Nie mit den Ohren gehrt? wie Nyktimene frech des Erzeugers
Lager entweiht? Auch als Vogel geqult von dem Greuel der Blutschuld,
Flieht sie den strafenden Blick lichtscheu, und verbirgt in dem Dunkel
Ihre Schmach; und alle verbannen sie rings aus dem ther.
Also plauderte sie. Dir selbst, antwortet' der Rabe,
Lohne die Warnung mit Schimpf: ich verachte die nichtige Deutung.
Schnell den begonnenen Weg vollbringt er, und sagt dem Apollo,
Da er gesehn, wie Koronis gekt ein hmonischer Jngling.
Aber dem Liebenden sank bei der Schuld Anzeige der Lorbeer;
Und die erhabene Miene zugleich, und die Laut' und die Farbe
Schwanden ihm. Dann, wie der Zorn im grenden Herzen emporschwoll,
Rafft er die heilige Wehr! und den krummgehrneten Bogen
Spannt er; und, ach! den Busen, der oft an dem seinigen ruhte,
Diesen durchbohrte der Gott mit unvermeidlicher Spitze.
Und die Getroffene seufzt', und indem sie den Stahl aus der Wunde
Zog, umstrmte das Blut die schneeigen Glieder mit Purpur.
Und sie begann: Gern mocht' ich den Fehl dir ben, o Phbus,
Aber gebren zuvor; nun sterben wir zwei in der einen!
Dies nur; und sie verstrmte zugleich mit dem Blute das Leben;
Und der entseelete Leib erstarrt' in der Klte des Todes.
Ach, den Liebenden reut zu spt die grausame Strafe;
Und sich selbst, da er hrte, da so er entloderte, hat er;
Hat auch den Vogel zugleich, der ihn das Vergehn zu erfahren
Zwang, und des Schmerzes Beginn; auch die Senn', und den Bogen, die Hand auch
Hat er, und hat, mit der Hand, die so blind ausliegenden Pfeile.
Zrtlich umarmt er und pflegt die gesunkene, strebet das Schicksal
Noch durch Rat zu besiegen, und bt nichts fruchtende Heilkunst.
Aber da alles umsonst er versucht, und gesehen die Scheiter
Aufgehuft, und geordnet zum Totenbrande den Leichnam;
Jetzt ein banges Geseufz (denn es ziemt nicht himmlischer Antlitz,
Feucht von Trnen zu sein), aus dem innersten Herzen geatmet,
Seufzet er: anders nicht, als wenn vor den Augen der Mutter
Ihrem noch saugenden Kalbe der rechts vom Ohre geschwungne
Hammer mit tnendem Schlag die gehhlete Schlfe zerschmettert.
Doch wie die Brust er bestrmte mit unwillkommenen Dften,
Und in die Arme sie schlo, unpflichtige Pflichten vollendend,
Duldete Phbus es nicht, da zugleich sein Sam' in die Asche
Stubete; sondern hervor aus der Flamm' und dem Schoe der Mutter
Ri er den Sohn, und trug ihn zur Kluft des gedoppelten Chiron.
Doch ihn, welcher den Lohn der nicht falschredenden Zunge
Hoffte, den Raben enthob er der Schar weifiedrichter Vgel.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / II, Ocyrhoe





























Ocyrhoe
     
Frhlich erzog das Geschlecht des Delius und der Koronis
Chiron, der weie Zentaur, und stolz ob der Ehre des Amtes.
Siehe, da kam, die Schulter umwallt von gelblichem Haupthaar,
Chirons Tochter daher, die einst die Nymphe Chariklo
Ihm an dem Ufer gebar des schnell hinrauschenden Stromes,
Und Ocyrhoe nannte. Ihr war die Knste des Vaters
Nicht genug zu erlernen; sie sang auch verborgenes Schicksal.
Diese demnach, da die Wut sie ergriff weissagender Ahnung,
Und sie entbrannte vom Gott, der tief im Herzen ihr wohnte,
Schaute das Kind: Heilbringer dem Kreis der Erde, so rief sie,
Wachse, du Knab', und gedeih! Dir wird von den sterblichen Leibern
Oft Genesung verdankt; du schaffst den entflohenen Seelen
Wiederkehr! Doch wagst du zum Trotz der Gtter es einmal,
Nicht es von neuem zu tun, verwehrt dir die Flamme des Ahnen.
Dann aus dem Gott ein Leichnam erblassest du; und aus dem Leichnam
Schimmerst du wieder ein Gott; und zweimal ndert dein Schicksal.
Du auch, teuerster Vater, der nicht ein Sterblicher aufwuchs,
Sondern bestimmt, durch die Rume der Ewigkeit alle zu dauern,
Wnschest dir sterben zu knnen, wann einst der grlichen Schlange
Blut mit Qualen dich brennt, die verwundeten Glieder durchtobend.
Dir, dem Ewigen, gibt den Tod zu erdulden die Gottheit;
Und dir trennen die Faden die dreifach waltenden Schwestern.
berig war den Geschicken noch einiges. Tief aus dem Herzen
Seufzet sie auf, und es feuchten ihr quellende Trnen das Antlitz.
Und: Mir eilet zuvor mein Schicksal! rief sie, gehemmet
Wird mir die Red', und versperrt der Gebrauch der eigenen Stimme!
Nicht ja galten die Knste mir so viel, welche der Gottheit
Rchender Zorn mir erweckt! O erkennt' ich nie doch die Zukunft!
Schon entwindet sich mir die menschliche Bildung, ich seh' es!
Schon lockt nhrendes Kraut; schon ebenes Feld zu durchlaufen,
Drngt mich der Mut! Ro werd' ich, und nehme den Wuchs der Verwandtschaft!
Aber warum denn ganz? Ist doch zweileibig der Vater!
Also jammerte sie; der Schlu des Jammergetns war
Minder verstndlich bereits, ein Gewirr undeutlicher Worte;
Bald auch Worte nicht mehr; auch scheint's nicht Stimme des Rosses;
Aber, wie wenn sie ein Ro nachahmete. Vllig bestimmt nun,
Wieherte hell sie empor, und bewegte die Arm' in die Kruter.
Jetzo kleben die Finger; es schliet fnf einzelne Ngel
Fest mit gediegenem Horne der Huf; auch das wachsende Antlitz
Steigt auf erhabenem Hals'; und das Ende des schleppenden Mantels
Wird zum Schweif, und das Haar, wie es wild den Nacken umwallte,
Legt sich rechts als Mhne hinab. Neu wurde gebildet
Stimme zugleich und Gestalt; den Namen auch gab ihr die Bildung.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / II, Battus





























Battus
     
Delius irrt' in Elis umher und messenischen Feldern,
Suchend das Vieh, in der Zeit, als ihn ein lndliches Fellwams
Hllt', und rechts ihm beschwerte die Hand ein waldiger lstab,
Links die Syring', ungleich mit sieben verbundenen Rohren.
Whrend der Lieb' er gedenkt, und seine Syring' ihn bezaubert,
Waren ihm, wie man erzhlt, unbewacht die Rinder entwandelt,
Fern in die Pylierflur. Der Sohn der atlantischen Maja
Sah sie, und barg die entfhrten durch eigene Kunst in den Wldern.
Niemand merkte den Raub; nur ein Greis, in jenem Gefilde
Wohlbekannt, den Battus die Nachbarn alle benannten,
Der in grasigen Talen und Au'n dem begterten Nelus
Herden der edelen Ross', ein geordneter Hter, bewachte.
Diesen zog er besorgt mit schmeichelnder Hand auf die Seite:
Gastfreund, wer du auch bist, liebkoset er, fraget dich jemand,
Ob du die Rinder gesehn, so leugne du. Da du umsonst nicht
Diese Geflligkeit bst, sei die schimmernde Kuh dir Belohnung.
Und er gab ihm die Kuh. Der empfangende Fremdling erwidert:
Gehe du ruhig vor mir; der Stein sagt eher den Raub an.
Und er zeigte den Stein. Merkurius, gehend zum Anschein,
Kehrete bald, und die Stimme zugleich mit der Bildung verwandelt:
Landmann, hast du vielleicht, so redet er, hier auf dem Abweg
Rinder gesehn; hilf retten, und sei kein Hehler des Diebstahls.
Schau', dir geb' ich zum Lohne die Kuh mit dem Stiere gepaaret.
Aber der Greis, da der Sold sich verdoppelte: Hinter dem Berge,
Saget er, werden sie sein; auch waren sie hinter dem Berge.
Lachend erwidert der Gott: Mich mir, Treuloser, verrtst du?
Mich verrtst du mir selbst? Und er schafft aus dem tckischen Melder
Hartes Schiefergestein, das noch dem Probenden meldet.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / II, Aglauros





























Aglauros
     
Hochher schwang durch den Himmel Merkurius schwebende Flgel;
Auf die munychische Flur, und das Lieblingsland der Minerva
Schaut' er im Flug', und das Rebengehlz des geschmckten Lyzeums.
Und es geschah, da heute, wie Sitte war, zchtige Jungfrauen
Auf schnlockigem Haupt in die festliche Burg der Minerva
Trugen die Heiligtmer in laubumwundenen Krben.
Dorther sahe sie kehren der fliegende Gott; und er steuert
Nicht mehr grade den Lauf, er kreist in der selbigen Krmmung.
Wie um das Fleisch des Altars ein raubbegieriger Weihe,
Scheu und verzagt, da gedrngt die Opferdiener umherstehn,
Rasch in die Runde sich dreht, und nicht sich weiter hinanwagt,
Sondern den Wunsch sehnschtig umfliegt mit geschwungenen Flgeln:
Also beuget den Lauf der behende Cyllnier ringsum
ber der attischen Burg, und wirbelt die selbigen Lfte.
Wie mit hellerem Glanz vor den brigen Sternen hervorscheint
Luzifer; wie noch heller, denn Luzifer, leuchtet der Vollmond:
So viel herrlicher ging vor allen erlesenen Jungfrauen
Herse, des festlichen Zugs und ihrer Gespielinnen Krone.
Jupiters Sohn erstaunte dem Reiz; und schwebend im ther
Ward er entflammt, wie geschnellt aus balearischer Schleuder
Fliegt das gekugelte Blei, und erhitzt wird von der Bewegung,
Und nicht glhend zuvor, jetzt glutvoll zischt in den Wolken.
Sieh, er wendet die Fahrt, abwrts vom verlassenen Himmel.
Auch verstellt er sich nicht; der eigenen Bildung vertraut er.
Diese, wie sehr sie geziemt, erhhet er dennoch mit Sorgfalt.
Glatt nun streicht er das Haar, und stellt, da zierlich es hange,
Sich das Gewand, da scheine der Bord und das goldene Stickwerk,
Da ihm schlank in der Rechten der Stab sei, welcher den Schlummer
Lockt und verscheucht, da glnze die Sohl' an sauberer Ferse.
Heimlich barg der Palast im Innersten drei der Gemcher,
Prangend mit Elfenbein und Schildpatt. Pandrosos wohnte
Rechts, und links Aglauros, es wohnt' in dem mittleren Herse.
Jene, die links anwohnte, bemerkt' des Merkurius Ankunft
Jetzo zuerst; und sie waget, den Gott, wie er heie, zu fragen,
Und weswegen er komme. Worauf ihr der Enkel des Atlas
Und der Pleione sagt: Ich bin's, der die Worte des Vaters
Rings durch die Lfte bestellt; mein Vater ist Jupiter selber.
Auch nicht Vorwand heuchel' ich dir. Nur sei du der Schwester
Treu, und meinem Geschlechte verschmh' nicht Base zu heien.
Herse gilt mein Besuch. Sei hold dem Liebenden, fleh' ich.
Doch ihn beschaut Aglauros mit jenen Augen, womit sie
Jngst die verborgnen Geheimnisse sah der blonden Minerva.
Und sie verlangt, da Gold von groem Gewicht ihr belohne
Solchen Dienst, und zwingt ihn indes aus dem Hause zu weichen.
Dster wandt' auf Aglauros den Blick die streitbare Gttin;
Und sie entzog dem Herzen so laut aufatmende Seufzer,
Da die erhabene Brust, und ber der Brust ihr die gis
Zitterte. Denn sie gedachte der Frevlerin, welche mit schnder
Hand die Geheimniss' enthllt', als einst des lemnischen Gottes
Mutterloses Geschlecht sie schauete gegen das Bndnis:
Und lieb sollte dem Gotte sie nun, lieb werden der Schwester?
Reich nun durch den Empfang des geizig geforderten Goldes?
Stracks, wo die Scheelsucht wohnt im finsteren Wust der Verwesung,
Eilet sie hin. Ihr Haus ist im untersten Tale des Orkus
Tief versteckt, unbesonnt, und nie vom Winde gelftet,
Traurig und d', und voll unttigen Frostes erstarrend,
Stets der Flamme beraubt, und stets von Dunkel umnachtet.
Als hierher sie gekommen, des Kriegs graundrohende Mnnin,
Steht vor dem Hause sie still (nicht ziemt es ihr, unter das Obdach
Einzugehn), und klopft mit der spitzigen Lanz' an die Pfosten.
Jetzt, wie die schtternde Pforte sich ffnete, sieht sie die Scheelsucht
Zehren am Natternfleische, der Kost des tckischen Herzens;
Von der gesehenen kehrt sie hinweg die Augen. Doch jene
Hebt sich faul von der Erd', und lt die Leiber der Schlangen
Angenaget zurck, und schleppt schwerfllig den Futritt.
Als sie die Gttin erblickte, so schn von Gestalt und von Rstung,
Seufzte sie tief, und verzog bei dem peinlichen chzen das Antlitz.
Blsse wohnt im Gesicht, und Magerkeit rings an den Gliedern.
Seitwrts schielet der Blick; gelb stehn voll Rostes die Zhne;
Grn ist von Galle die Brust, und von Gift umflossen die Zunge.
Niemals lacht sie, wo nicht gesehener Schmerz sie gekitzelt.
Nie auch geniet sie des Schlafs, von wachsamen Sorgen ermuntert,
Sondern sie schaut unlustig, und abgehagert vom Anschaun,
Menschenglck; und nagend an anderen, nagt sie zugleich sich,
Und wird Strafe sich selbst. Wie sehr ihr auch jene verhat war,
Dennoch redete so Tritonia flchtige Worte:
Triff mit deiner Verwesung von Cekrops Tchtern mir eine,
(Solches ist not!) Aglauros genannt! Nicht mehreres redend,
Floh sie, und trieb die Erde zurck mit gestemmter Lanze.
Jene den Blick seitwrts auf die fliehende Gttin gedrehet,
Murmelte leise fr sich; denn da es gelang der Minerva,
rgerte sie. Und sie fate den Stab, den Dornengewinde
Ganz umher einhllt'; und bedeckt von dsteren Wolken,
Wo sie den Gang hinwendet, zermalmt sie blhende Felder,
Sengt sie verschrumpfendes Kraut, und verletzt die obersten Wipfel.
Rings mit verpestendem Hauch die Vlker, die Stdt' und die Huser
Schndet sie; bis sie nunmehr die Burg der Tritonia schauet,
Prangend mit sinnigem Geist, Wohlfahrt und festlichem Frieden;
Und kaum hlt sie die Trnen, da nichts zu betrnen sich darbeut.
Gleich, wie sie dort ins Gemach der cekropischen Tochter hineinging,
Tut sie, was Pallas gebot, und berhrt mit schwrzlichen Hnden
Jener die Brust, und fllt mit stachlichten Dornen das Herz ihr;
Haucht dann hinein des Verderbs Abschaum, und durch die Gebeine
Strmet sie, schwrzer wie Pech, und tief in die Lungen, den Geifer.
Da auch des Grams Ursachen nicht fernere Rume durchirren;
Stellt sie die Schwester Gestalt, und die selige Liebe der Schwester,
Ihr vor den Blick, und den Gott in wunderherrlicher Bildung;
Alles vergrert sie noch: bis aufgereizet, Aglauros
Am stillnagenden Schmerz erkrankt, und ngstlich die Nchte,
ngstlich die Tage verseufzt, und in langsam schmachtendem Elend
Hinschmilzt, so wie das Eis, von flchtiger Sonne verwundet.
Und sie entbrennt nicht anders vom Wohl der glcklichen Herse,
Als wenn Glut in die Kruter des Dorngefildes gelegt wird,
Welche nicht hell aufflammen, doch sanft verglimmen im Qualme.
Oftmal wnscht sie den Tod, um nichts desgleichen zu sehen;
Oft will sie's wie Verbrechen dem eifernden Vater erzhlen.
Endlich, um abzuweisen den kommenden Gott aus der Wohnung,
Sa sie vorn auf der Schwell'; und wie sehr er schmeichelt' und flehte,
Und in dem freundlichsten Ton liebkosete: Endige! rief sie;
Nimmer scheid' ich von hier, bevor ich hinweg dich getrieben!
Wohl, der Vertrag soll gelten! so sprach der cyllenische Herold;
Und er entschlo mit dem Stabe die gemeielte Pforte. Doch jene
Mhet sich aufzustehn; und es stockt ein jedes Gelenk ihr,
Welches der Sitzende beugt, unbewegt in lastender Trgheit.
Zwar sie ringet mit Macht, gerade den Rumpf zu erheben;
Aber den Knien erstarret der Bug, und ber die Ngel
Gleitet der Frost; es erblassen, geleert von Blute, die Adern.
Und wie der Krebs ringsher, das unausheilbare bel,
Kreucht, und beschdigten Teilen die unverletzten hinzufgt:
Also kam allmhlich zur Brust der tdliche Winter,
Welcher die Lebensweg' und den hauchendem Atem dir einschlo.
Nicht versuchte sie irgendein Wort, noch, wenn sie versuchte,
Fnde die Stimme noch Bahn; um den Hals schon herrschte der Felsen,
Steif war Mund und Gesicht, und blutlos sa sie, ein Bildnis.
Auch nicht wei war der Stein; sie behielt die Schwrze des Geistes.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / II, Europa





























Europa
     
Eben beschritt den ther Merkurius, regend die Flgel.
Jupiter ruft ihn beiseit', und der Lieb' Ursache verhehlend:
Sohn, du treuer Besteller, so redet er, meiner Befehle,
Ohne Verzug nun eil' im gewhnlichen Laufe hinunter;
Und wo drben das Land linksher zur Erzeugerin Maja
Aufwrts schaut (mit dem Namen Sidonia nennt's der Bewohner),
Dorthin geh; und die Rinder des Kniges, welche du ferne
Weiden siehst in dem Grase des Bergs, die treib' an den Meerstrand.
Jener sprach's, und die Rinder, sofort von dem Berge getrieben,
Gehn zum befohlenen Strand, wo des mchtigen Kniges Tochter
Jugendlich pflegte zu spielen, umringt von lyrischen Jungfrau'n,
Nicht vertragen sich wohl, noch hausen vereint miteinander,
Herrschergewalt und Lieb': er verlt die Wrde des Zepters,
Und der gebietende Vater der Ewigen, dem in der Rechten
Flammt dreistrahlige Glut, und vom Wink aufschaudert das Erdrund,
Hllt sich ein in des Farren Gestalt, und gesellt zu den Rindern
Brllt er, und herrlich von Wuchs durchwandelt er sprieende Kruter.
Blendend wei ist die Farbe, wie Schnee, den weder ein Futritt
Niedergestampft, noch gelset der tauende Atem des Sdwinds.
Muskelig strotzt ihm der Hals; und dem Bug' enthangen die Wampen.
Klein zwar ist das Gehrn, doch zierlicher, als von des Knstlers
Hnden geformt, durchsichtiger auch wie die klarste Juwele.
Gar nicht drohet die Stirn, noch schreckt sein leuchtendes Auge;
Friede beherrscht das Gesicht. Es staunt die Tochter Agenors,
Da er so herrlich erscheint, und nichts Feindseliges vornimmt.
Aber wie sanft er tue, sie scheuet zuerst die Berhrung;
Bald dann wagt sie mit Blumen dem schimmernden Munde zu nahen.
Froh ist der liebende Gott, und zum Vorschmack hherer Wollust
Kt er die Hnd' inbrnstig, und kaum noch ertrgt er die Hlle.
Jetzo spielt er sie an, und durchhpft die grnenden Kruter;
Jetzo streckt er den Leib schneewei auf gelblichem Meersand.
Und, da die Furcht allmhlich vergeht, bald reicht er zum Klatschen
Mit jungfrulicher Hand ihr die Brust, bald beut er die Hrner
Frischen Bekrnzungen dar. Schon wagt die erhabene Jungfrau,
Wen sie besteig', unkundig, dem Stier auf dem Rcken zu sitzen.
Siehe der Gott schleicht leise vom Land und trockenen Ufer,
Erst den tuschenden Tritt in der vordersten Welle benetzend;
Weiter sodann und weiter, und ganz in die Mitte der Meerflut,
Trgt er den Raub. Sie zagt; und zurck zum verlassenen Ufer
Schauet sie, rechts ein Horn in der Hand, und die Linke dem Rcken
Aufgelehnt; und es flattern, gewlbt vom Winde, die Kleider.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / III, Kadmus in Thebe





























Drittes Buch
Kadmus in Thebe
     
Jupiter hatte bereits, die Gestalt ablegend des Stieres,
Sich der Europa bekannt, im Scho diktischer Felder,
Als die Geraubte zu forschen der Held Agenor dem Kadmus
Anbefahl, und Strafe, wo nicht er sie fnde, hinzufgt,
Landesflucht: liebreich in der selbigen Handlung und lieblos.
Als er die Welt durchwandert, (denn wer mag finden, was heimlich
Jupiter hlt?) jetzt meidend des Vaters Zorn und die Heimat,
Irret Agenors Sohn, und fragt am Orakel des Phbus
Demutsvoll das Geschick, welch Land zu bewohnen vergnnt sei.
Eine Kuh wird dir im einsamen Felde begegnen,
Saget der Gott, die nimmer dem Joch und dem Pfluge gefrnet,
Eile der Fhrerin nach; und wo im Grase sie ausruht,
Grnde die Mauern daselbst; und Botia nenne die Gegend.
Kaum stieg Kadmus herab von der Kluft des kastalischen Bornes,
Als er einhergehn sah die ungehtete Starke,
Ruhigen Gangs, kein Zeichen der Dienstbarkeit tragend am Nacken.
Jener folgt, und beachtet mit drngendem Schritte die Spuren;
Und er verehrt in der Stille des Wegs Urheber, den Phbus.
Schon die Furt des Cephisus, und Panopes Auen durchging er;
Siehe, da steht die Kuh, und die breitgewlbete Stirne
Hebt sie mit hohem Gehrn, und brllet empor zu dem Himmel.
Dann zum Geleit umschauend der nach ihr folgenden Mnner,
Lagert sie sich, und streckt im sprieenden Grase die Glieder.
Kadmus erglhet von Dank, und kt das fremde Gefilde,
Segnend die unbekannten Gebirg', und die Ebenen grend.
Opfern wollt' er dem Jupiter nun; und er sendet die Diener,
Da sie aus lebendem Born ihm Flut zur Sprenge besorgen.
Dort war ein altender Forst, noch nie vom Beile verletzet.
Eine Hhl' in der Mitte, von Busch umwachsen und Weidicht,
Bildet' ein niedres Gewlbe mit rauh gefgeten Steinen,
Der stets reichliches Wasser entsprudelte. Drinnen gelagert
War ein Drache des Mars, mit Kamm vorstrahlend und Golde,
Zuckendes Feuer im Aug', und der Leib vom Gifte geschwollen,
Mit dreispaltiger Zung', und dreifach stehenden Zhnen.
Aber nachdem das Gehlz die wandelnden Mnner von Tyrus
Im unseligen Gange berhrt, und die Urn' in das Wasser
Niedergesenkt auftnte; da streckt' aus dem langen Geklft her
Blulich der Drache das Haupt, und erhob ein entsetzliches Zischen.
Schnell entsanken die Urnen der Hand, und das Blut aus dem Antlitz
Floh, und in pltzlicher Angst erzitterten allen die Glieder.
Jener rollt in behenden Verschlingungen schuppige Ringel
Schlpfrig, und wlbt sich empor in unermeliche Bogen;
Und bis ber die Hlfte zur wehenden Luft sich erhebend,
Blickt er herab auf den Wald: so gro am Leibe, wie gro er,
Wenn du ihn ganz anschaust, der die Brinnen beide durchschlngelt.
Ohne Verzug, die Phniker (ob jene zur Wehr sich bereitet,
Oder zur Flucht; ob selber die Angst sie an beidem gehindert)
Haschet er, diese mit Bi, mit langen Umwindungen jene;
Andre betubt sein Schlund mit der Pest des vergifteten Hauches.
Schon verkrzte die Sonn' aus der Mittagshhe die Schatten.
Kadmus, verwunderungsvoll, was doch die Genossen verweile,
Spht die getretene Spur. Als Hlle bedeckt ihn des Lwen
Zottige Haut; und die Lanze mit blinkendem Stahl und der Wurfspie
Sind ihm Gewehr, und ein Mut, der mehr als alles Gewehr ist.
Als er, zum Wald eingehend, nunmehr die gemordeten Leiber
Sah, und den siegenden Feind mit gedehnetem Rcken darber,
Wie er mit blutiger Zunge die traurigen Wunden umleckte:
Rcher will ich entweder, ihr Trautesten, eueres Todes
Oder Begleiter euch sein! So rief er, und hob in der Rechten
Einen Fels, und den groen mit groer Beeiferung schwang er.
Selbst die gewaltige Mauer mit hochaufragenden Trmen
Htte gebebt vor dem Sturz: doch das Untier blieb unbeschdigt;
Und von den Schuppen gedeckt, und der Hrte des dunkelen Balges,
Trieb es, wie unter dem Panzer, den prallenden Wurf von der Haut ab.
Nicht mit derselbigen Hrte besiegt auch der Drache den Wurfspie,
Welcher, gerad in die Krmmung geschnellt des geschmeidigen Rckgrats
Haftete, ganz mit dem Stahle hinab in die Weichen sich tauchend.
Jener ergrimmte vor Schmerz, und das Haupt auf den Rcken gedrehet,
Schaut' er die Wund', und nagt an dem Schaft des gehefteten Spiees;
Und nachdem er umher mit groer Gewalt ihn gerttelt,
Ri er ihn kaum aus dem Rcken; doch bleibt ihm der Stahl im Gebeine.
Aber da nun zum gewhnlichen Zorn sich die frische Verwundung
Fgete, schwoll ihm die Kehle von dick aufstrotzenden Adern;
Und ein weilicher Schaum umfliet den verpesteten Rachen;
Rasselnd ertnt von den Schuppen das Land; und des stygischen Schlundes
Schwarz ausdampfender Hauch vergiftet die Luft mit Betubung.
Bald nunmehr in Geringel von unermelichem Umfang
Rollt er sich ein; halb bumt er empor, wie ein ragender Balken;
Bald im unendlichen Schwung, wie gedrngt vom Regen ein Sturzbach,
Strmt er, und malmt mit der Brust die begegnenden Waldungen nieder.
Kadmus weicht ein wenig zurck; mit der Hlle des Lwen
Hlt er den Anfall auf, und weit vorstreckend die Spitze,
Hemmt er das nahende Haupt. Doch der Tobende knirscht an dem harten
Stahle mit eitelem Bi, und stmpfet die Zhn' an der Schrfe.
Schon zu flieen begann aus dem giftigen Gaumen des Scheusals
Rotes Blut, und frbte das grnende Kraut mit Bespritzung.
Aber die Wunde war leicht, weil jener zurck vor dem Stoe
Zuckt', und den Hals der Verletzung entzog; ausweichend verwehrt' er
Festzusitzen dem Streich, und lie nicht weiter ihn fortgehn;
Bis der Agenoride den Stahl, in die Kehle geschwungen,
Tief nachdrngend verfolgte; den rckwrts schlngelnden hemmte
Jetzo die Eich', und durchbohrt ward samt dem Holze der Nacken.
Krumm nun bog sich der Baum an der Last des strubenden Untiers,
Und ihm erseufzte der Stamm, von dem uersten Schwanze gegeielt.
Whrend der Sieger den Raum des besiegeten Feindes betrachtet,
Pltzlich ruft ihm die Stimm', und nicht von wannen erkennt er;
Aber sie ruft: Was stehst du, Agenors Sohn, den erlegten
Drachen zu schaun? Bald wird man dich selbst anschauen als Drachen.
Ihm, dem Zagenden, schwand mit der Farbe zugleich die Besinnung
Lang', und ihm strubte das Haar vor schauderndem Schrecken sich aufwrts.
Siehe, da nahete Pallas, des Manns Schutzgttin, vom Himmel
Niedergesenkt; und sie heit in aufgerttetes Erdreich
Streuen die Natternzhne zum Anwachs knftigen Volkes.
Jener gehorcht; und die Erde mit drngendem Pfluge sich ffnend,
Streuet er Menschensaat, die befohlenen Zhn', in die Furchen.
Jetzo (wer glaubt so Groes?) begann sich zu regen die Scholle;
Und zuerst aus den Furchen erschien die Spitze der Lanze.
Bald auch gehelmete Hupter, umnickt von farbigen Bschen;
Bald auch Schulter und Brust, und mit Wehr belastete Arme,
Streben empor; und es wchst der geschilderten Saatlinge Heerschar.
Also, wann sich erhebt dem Festtheater der Vorhang,
Steigen die Bilder empor, und enthllen zuerst die Gesichter,
Dann allmhlich den Leib; und in sanftem Zuge gerichtet,
Stehen sie ganz, und setzen den Fu auf die untre Verbrmung.
Kadmus, geschreckt vom befremdenden Feind, will Waffen ergreifen:
Waffne dich nicht! ruft einer des Volks, das die Erde hervortrug;
Waffne dich nicht, und meid' in den heimischen Krieg dich zu mischen!
Und so hauet er einen der erdgeborenen Brder
Nahe mit starrendem Schwert; selbst ttet ihn ferne der Wurfspie.
Dieser auch, welcher den Tod ihm sendete, lebet nicht lnger,
Als er selbst, und verhaucht die eben empfangenen Lfte.
hnliche Wut erfllt die Saatlinge rings, und in eigner
Mordlust fallen sofort durch Wechselwunden die Brder.
Schon die smtliche Jugend, die kurz zu leben bestimmt war,
Schlug mit zappelnder Brust den blutigen Boden der Mutter;
Fnf nur atmeten noch; davon war einer Echion.
Dieser streckte zur Erde die Wehr auf den Rat der Tritonis,
Friedlichen Bruderverein verlangend zugleich und gewhrend.
Sie nun wurden Genossen des Werks dem sidonischen Fremdling,
Als er die thebische Burg aufbauete, nach dem Orakel.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / III, Kadmus in Illyrien





























Kadmus in Illyrien
     
Kadmus, besiegt durch Gram und gereihete bel des Hauses,
Und durch knftigen Grams Vordeutungen, ging, der Erbauer,
Aus der eigenen Stadt; als ob ihn der Gegenden Schicksal,
Nicht das seinige drngt'; und lang' umirrend erreicht' er
Nun das illyrische Land mit Harmonia, seiner Genossin.
Als sie, von Leid und Alter gebeugt, nachdenken des Hauses
Erste Geschick', und beid' im Gesprch auffrischen die Drangsal:
Sollte vielleicht, sprach Kadmus, der Drache da, den ich durchbohrte,
Gar ein geheiligter sein? damals, wie ich, kommend von Sidon,
Streute die Natternzhn', als neue Saat, in das Erdreich?
Wenn ihn sorgsame Gtter gercht mit so treffendem Zorne;
Mg' ich doch selbst auf dem Bauch als langer Drache mich winden!
Sprach's, und er dehnte den Bauch, ein langgewundener Drache;
Und die gehrtete Haut, er fhlt's, umzog sich mit Schuppen,
Und sein dunkeler Leib ward blau mit Tropfen gesprenkelt.
Vorwrts sinkt auf die Brust er hinab; und beide vereinigt
Ziehn sich die Bein' allmhlich gewlbt zur gerundeten Spitze.
Noch sind die Arm' unverwandelt; die noch unverwandelten streckt er,
Und mit Trnen bestrmend das auch noch menschliche Antlitz:
Komm, mein Weib, komm nher, Erbarmungswrdige! sprach er;
Weil noch etwas von mir nachbleibt, berhre mich! nimm doch,
Traute, die Hand, da sie Hand noch ist, nicht alles mir Schlang' ist!
Mehreres strebt zu reden der Greis; doch die Zunge verdnnt sich
Pltzlich, und hebt zweispaltig: wie sehr er sich mhet, die Worte
Stocken ihm, und wie er ringt, doch einige Klage zu geben,
Zischet er; diesen Laut erteilete jetzt die Natur ihm.
Schlagend die Brust mit der Hand, die enthllete, ruft die Genossin:
Kadmus, o bleib, und wind', Unseliger, dich aus dem Scheusal!
Kadmus, wie nun? wo geblieben der Fu! wo die Hnd' und die Schultern?
Wo das Gesicht, und die Farb', und, indem ich plaudere, alles?
Gtter, warum nicht mich zur hnlichen Schlange verwandelt?
Als sie es sprach, da leckt er das Antlitz seiner Gemahlin,
Und in den teueren Busen, als ob er sie kennete, schlpft er,
Windet sie ein, und schlngelt, wie lange vertraut, zu dem Hals' auf
Wer sich genaht von den Ihrigen, schaut mit Entsetzen. Doch jene
Streichelt den schlpfrigen Hals des purpurkmmigen Drachen.
Pltzlich wurden es zwei; und sie gehn, in verschlungenen Ringeln,
Schlngelnd einher, bis die Kluft des grenzenden Waldes sie aufnahm.
Jetzt auch fliehn vor den Menschen sie nicht, noch krnken sie feindlich;
Eingedenk, was sie waren, sind noch die friedsamen Drachen.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / III, Akton





























Akton
     
Hufig gefrbt war ein Berg mit mancherlei Wildes Ermordung;
Und schon krzte der Tag die mittleren Schatten der Dinge,
Und gleich weit war entfernt von jeglichem Ende die Sonne:
Als die Genossen der Jagd, die in Dickichten schweiften des Forstes,
So mit ruhigem Mund aussprach der hyantische Jngling:
Feucht ist Garn, o Genossen, und Stahl vom Blute des Wildes;
Glck genug gab heute der Tag. Wann morgen das Licht uns,
Steigend in safranfarbnem Geschirr, Aurora zurckfhrt,
Dann erneuen wir unser Geschft. Nun schwebet im Mittel
Beider Gestade die Sonn', und zerreit mit Gluten die Felder.
Hemmt fr jetzo das Werk, und enthebt die geknoteten Garne.
Folgsam hren die Mnner das Wort, und ruhn von der Arbeit.
Dort war ein Tal voll Fhren und hochgespitzter Zypressen,
Welches Gargaphia hie, der geschrzten Diana geheiligt.
Eine bewaldete Grott' ist tief im Winkel des Tales,
Ungebildet durch Kunst; doch ahmte der Kunst die Natur nach,
Durch selbstndigen Trieb: denn sie hatt' aus lebendem Bimsstein
Und leichthangendem Tof den natrlichen Bogen gewlbet.
Rechts ihr murmelt ein Quell mit sanft durchscheinendem Wasser,
Rings vom grasigen Bord das gebreitete Becken umgrtet.
Hier war's, wo nach der Jagd die ermdete Gttin der Wlder
Oft mit lauterem Tau jungfruliche Glieder besprengte.
Jetzt auch trat sie hinein, und der waffentragenden Nymphe
Reichte sie Speer und Kcher zugleich mit entspannetem Bogen;
Eine nahm in die Arme den aufgelegeten Mantel;
Zwei entziehn ihr der Fe Geflecht; und die Tochter Ismenus,
Krokale ordnet geschickt das flatternde Haar um den Nacken
Zum geknoteten Wulst, obgleich es ihr selber gelst hing.
Nephele schpft das Gesprudel, und Hyale, Psekas und Rhanis,
Phiale auch; und sie strmen herab die gerumigen Urnen.
Whrend Titania hier im gewhnlichen Borne sich khlet;
Siehe, da kommt, nach verschobenem Werk, der Enkel des Kadmus,
Durch das fremde Gehlz nachlssige Schritte bewegend,
Und durchdringt den geweiheten Hain: so fhrt ihn das Schicksal.
Als er kaum in die Grotte mit tauenden Quellen hineintrat;
Pltzlich, entblt wie sie waren, zerschlugen die Brust sich die Nymphen,
Vor dem gesehenen Mann; von schleunigem Jammergeheul scholl
Rings umher das Gehlz; und sie strzten sich all um Diana,
Schtzend mit eigenem Leibe die Herrscherin: Aber sie selber
Ragte vor allen empor mit berschauendem Antlitz.
So wie mit Gluten gefrbt von der hell ausstrahlenden Sonne
Oftmals entflammt ein Gewlk, wie in Purpurschimmer Aurora:
Also erschien das Gesicht der unverhllten Diana.
Diese, wiewohl sorgsam der Genossinnen Trupp sie umdrngte,
Stand doch quer auf die Seite geschmiegt, und beugte das Antlitz
Rckwrts, und mit dem Wunsch, bei der Hand die Pfeile zu haben,
Schpfte sie, was sie hatte, die Flut, und bestrmte des Mannes
Angesicht, und das triefende Haar, mit rchenden Wassern;
Und im Sprengen erhub sie die Graun weissagenden Worte:
Jetzo verkndige du, ich sei unverhllt dir erschienen,
Wenn du verkndigen kannst! Und schnell, nicht mehreres drohend,
Gibt sie dem Haupt das Gehrn des uralt werdenden Hirsches,
Streckt in die Lnge den Hals, und spitzt die gegipfelten Ohren;
Auch zu Fen die Hnd', und zu ragenden Beinen die Arme,
Wandelt sie ihm, und kleidet mit fleckigem Balge die Glieder;
ngstlichkeit fgt sie hinzu: es entflieht der Autonoe Sprling,
Mitten im hurtigen Lauf die eigene Schnelle bewundernd.
Aber sobald er im Wasser das Antlitz gesehn und die Hrner:
Wehe mir, weh! so begann er den Ruf; stumm haftet das Wort ihm.
Seufzer vertreten das Wort; und ihm strzet die Trn' auf die Wangen,
Ach, nicht seine! hinab: nur bleibt ihm die alte Besinnung.
Was zu tun? Heimkehren vielleicht zum Knigspalaste?
Oder sich bergen im Wald? Hier Furcht, dort schrecket die Scham ihn.
Ihn, den Zweifelnden, schauten die Hund', und der erste, Melampus,
Gab, mit dem Sprer Ichnobates, gleich laut bellend das Zeichen.
Gnosier war von Geburt Ichnobates, Sparter Melampus.
Alle nun kamen daher wie die strmenden Winde geflogen:
Pamphagus, Dorkeus auch, und Oribasus, Arkader alle;
Auch des Nebrophonos Kraft, und der trotzige Theron mit Llaps;
Pterelas, hurtig zu Fu, und Agre mit witternder Schnauze;
Und Hylus, den jngst ein rasender Eber verwundet;
Nape, gezeugt vom Samen des Wolfs, und der Herde Gesellin
Pmenis; auch Harpya, von Zwillingsshnen begleitet;
Und mit schmchtiger Weiche der Sikyonier Ladon;
Dromas und Stikte zugleich, und Kanache, Tigris und Alke,
Leukon mit weilichen Zotten, und Asbolus wallend mit schwarzen;
Auch der gewaltige Lakon, und tapferen Laufes Allo;
Thous zugleich, und rasch mit dem cyprischen Bruder Lyciska;
Und, an der dunkelen Stirne mit schneeiger Blasse gezeichnet,
Harpalos, Melaneus auch, und die rauchgezottelte Lachne;
Auch von dikttischem Vater gezeugt und lakonischer Mutter,
Labros, Agriodos auch, und mit gellender Stimme Hylaktor;
Und die zu nennen verdreut. Sie all, in Begierde des Raubes,
Eilen durch Fels und Geklipp, und des Zugangs mangelnde Zacken,
Schwierige Bahnen sowohl, als Ungebahntes, durchstrmend.
Jener entflieht durch rter, wo oft zu verfolgen er pflegte;
Ach, selbst flieht er das eigne Gesind'! Ausrufen nun wollt' er:
Schonet! ich bin Akton! Erkennt ihr eueren Herrn nicht?
Worte gebrachen dem Geist. Es erschallt vom Gebelle der ther.
Melanchtes zuerst verwundete jenem den Rcken;
Nchst ihm Theridamas auch; Oresitrophos packte den Bug an.
Spter liefen sie aus; doch den Richtsteig whlend des Berges,
Kamen im Lauf sie zuvor, da den Herrn aufhielten die andern.
Ringsher strmt das Gewhl, und drnget die Zhn' in die Glieder.
Und schon fehlt zu Wunden der Ort. Tief seufzt er, und winselt,
Ach, ein Getn, wenn auch nicht ein menschliches, doch wie ein Hirsch nie
Winselte; und er erfllt die vertraulichen Hhen mit Angstruf
Demutsvoll auf die Knie gestreckt, und dem Bittenden hnlich,
Wendet er schweigend umher, statt flehender Arme, das Antlitz.
Doch das Gefolg', unkundig der Tat, mit gewohnter Ermahnung
Hetzt es den reienden Trupp, und sucht mit den Augen Akton;
Und als wr' er entfernt, so rufen sie eifernd Akton.
Jener kehrt nach dem Namen das Haupt. Da er fern sei, beklagt man,
Und da trg' er versume die Schau des gebotenen Fanges.
Fern, ach, wnscht' er zu sein; nah weilet er! selber mit ansehn
Mcht' er, allein nicht fhlen, die Wut der traulichen Hunde!
Rings umstehn sie, und tauchen das Maul in den Leib, und zerreien
Selbst den eigenen Herrn in Gestalt des tuschenden Hirsches.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / III, Semele





























Semele
     
Juno, herab vom Olympus in funkelnder Wolke getragen,
Kam zur thebischen Schwelle der Semele. Dort sich entwlkend,
Log sie Matronengestalt, mit silbernem Haar um die Schlfen;
Runzelig hing und welkend die Haut; ein wankender Futritt
Trug den gebogenen Leib; auch die Stimme war ganz der Matrone.
Bero schien sie der Frstin, die Pflegerin aus Epidaurus.
Bald ein Gesprch anspannend, und dies abschwatzend und jenes,
Kamen sie nun zum Namen des Jupiter. Seufzend: O mcht' er,
Sprach sie, nur Jupiter sein! Doch sorg' ich alles; denn viele
Durften, wie Gtter genannt, eingehn in keusche Gemcher.
Nicht da er Jupiter sei, ist genug. Wahrzeichen der Liebe
Geb' er, wofern er es ist. Wie gro, und wie herrlich der hohen
Juno zu nahen er pflegt; so gro, und so herrlich erschein' er,
(Fordre das) dich zu umarmen, in eigener Gttlichkeit strahlend.
Also beredete Juno mit List der Kadmeerin Einfalt;
Und sie erbat ein Geschenk von Jupiter, ohn' es zu nennen.
Fordere, was dir gefllt, antwortet' er, alles gewhr' ich.
Und da vllig du glaubst: auch des stygischen Stromes Gewalten
Sein uns Zeugen des Schwurs; selbst Gttern ein Graun ist die Gottheit.
Froh des Wehs, und zu reichlich begabt, und dem Tode durch blinde
Zrtlichkeit nahegefhrt, sprach Semele: So wie der Juno
Du in deiner Gestalt als liebender Gatte dich nahest,
So gewhre dich mir. Den Mund der Redenden wollte
Schlieen der Gott; doch entflohn war bereits die beschleunigte Bitte.
Jupiter seufzt; denn es kann so wenig ihr Wunsch ungewnscht sein,
Als ungeschworen sein Schwur. Drum steiget er, voll der Betrbnis,
Hoch zum ther empor, und winkt nachfolgende Wolken
Hinter sich her; Platzregen und Leuchtungen, wehend mit Winden,
Fgt er dazu, auch Donner, und treffende Strahlen des Donners.
Aber er strebt, was er kann, sich selbst die Krfte zu nehmen.
Nicht die Glut, die Typhus den hundertarmigen nieder
Donnerte, waffnet ihn jetzt; zu gro ist die Heftigkeit jener.
Noch ein leichterer Blitz ist dort, dem die Hand der Zyklopen
Weniger Wut und Flamme verlieh, und weniger Zornes:
Zweites Gescho von den Gttern genannt: Dies nimmt er, und wandelt
In das kadmesche Haus. Es ertrug den therischen Aufruhr
Nicht der sterblichen Leib; in dem Brautgeschenke verbrannt' er.
Aber die noch unzeitige Frucht wird dem Schoe der Mutter
Schleunig entrafft, und dem Vater das Kind (wenn glaublich die Sag' ist)
Sanft in die Hfte genht; wo die reifenden Mond' es erfllet.
Ino erzog in der Wiege zuerst den geheimlichten Neffen.
Hierauf ward er der Pflege nisescher Nymphen vertrauet,
Die im Geklft ihn bargen, und Milch ihm reichten zur Nahrung.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / III, Narcissus und Echo





























Narcissus und Echo
     
Durch die aonischen Stdte, berhmt als Seher der Zukunft,
Gab dem fragenden Volke Tiresias treffende Antwort.
Gleich die bluliche Nymphe Liriope machte die Probe
Seines unfehlbaren Spruchs: die einst in gekrmmeter Wallung
Rings Cephisos umhegt', und in bergenden Wogen ihr Brautbett
Wlbete. Diesem gebar im Laufe der Monden die Schnste
Ein holdseliges Kind, schon damals Nymphen bezaubernd,
Und Narcissus genannt. Um ihn gefraget, ob jener
Vllig gereift sehn wrde das Ziel des hheren Alters,
Gab der erleuchtete Mann: Wenn er sich nicht kennet! zur Antwort.
Lang' in den Wind schien solches geweissagt: endlich bewhrt es
Tat und Erfolg, und des Todes Gestalt, und die Neuheit des Wahnsinns.
Jetzo hatte Narcissus den fnfzehn Jahren noch eines
Zugefgt, und er konnte wie Knab' erscheinen und Jngling.
Mancher begehrete sein der Jnglinge, manche der Jungfrau'n.
Aber es war so grausam der Stolz bei der blhenden Schnheit:
Keiner rhrete jenen der Jnglinge, keine der Jungfrau'n.
Ihn, da er Hirsche zum Garn hertummelte, schaute die Nymphe
Hellen Getns, die weder dem Redenden lernte zu schweigen,
Noch selbst eher zu reden, die widerhallende Echo.
Leib war Echo annoch, nicht Stimme nur; aber auch damals
Tat der Schwtzerin Mund nicht andere Dienste, denn jetzo:
Da sie geschickt von vielen die ueren Worte zurckgab,
Solches verlieh ihr Juno; da diese den Jupiter oftmals
Konnt' auf den Bergen ertappen in williger Nymphen Gemeinschaft,
Wute sie schlau die Gttin in langem Gesprch zu verweilen,
Bis ihr die Nymphen entflohn. Sobald es Saturnia merkte:
Dieser Zunge Gewalt, die mich belastete, sprach sie,
Soll dir gering hinfort, und kurz der Stimme Gebrauch sein.
Drohungen folget die Tat; jedoch am Ende des Redens
Tnt sie die Laute zurck, die gehreten Worte verdoppelnd.
Als sie den Jngling anjetzt durch buschige Lager des Wildes
Schweifen sah, und entbrannte, da folgt sie dem Wandelnden heimlich
Und je mehr sie verfolgt, je nhere Flamme durchglht sie:
So wie die kienene Fackel, am oberen Ende getupfet
In lebendigen Schwefel, ergreift das nahende Feuer.
O wie so oft will Echo mit schmeichelnden Worten hinangehn,
Und liebkosenden Bitten! Es wehrt die Natur, und vergnnt nicht,
Da sie zuerst anrede; was jene vergnnt, das beschliet sie:
Abzuwarten ein Wort, dem zurck sie das ihrige sende.
Siehe, der Knab', abirrend vom treuen Gefolg' der Begleiter,
Rief: Ist einer allhier? und: Allhier! antwortete Echo.
Jener staunt, und indem er mit sphendem Blicke sich umsieht,
Rufet er: Komm! laut auf; Komm! ruft sie dem Rufenden wieder.
Rckwrts schauet er; keiner erscheint: Was, rufet er endlich,
Meidest du mich? Was meidest du mich? antwortet die Stimme.
Jener besteht, und getuscht von des Wechselhalles Gegaukel:
Hier uns vereiniget! ruft er; und freudiger keinen der Tne
Nachzutnen bereit: Uns vereiniget! ruft sie entgegen;
Und sie gefllt in den Worten sich selbst. Aus dem dichten Gestruch nun
Trat sie hervor, mit dem Arm den ersehneten Hals zu umschlingen.
Jener entflieht, und entziehend: Hinweg die umschlingenden Hnde,
Saget er; lieber den Tod, als dir mich schenken, begehr' ich!
Nichts antwortete jen', als: Dir mich zu schenken begehr' ich!
Und die Verachtete schlpft in den Wald; ihr errtendes Antlitz
Deckt sie mit Laub, und lebt seitdem in einsamen Grotten.
Dennoch haftet die Lieb', und wchst von dem Schmerze der Weigrung.
Wachsame Sorge verzehrt den schwindenden Leib zum Erbarmen;
Ganz verschrumpft ihr die Haut vor Magerkeit; und es entfliegt ihr
Jeglicher Saft in die Luft; nur Laut und Gebeine sind brig.
Tnend bleibet der Laut; das Gebein wird in Felsen verwandelt.
Immer noch lauscht sie im Wald', und nie auf dem Berge gesehen,
Wird sie von allen gehrt; ein Nachhall lebet in jener.
So nun hatt' er die Echo, und so in Gebirge und Fluten
Andere Nymphen gehhnt, und so der Jnglinge Sehnsucht.
Jetzo streckte die Hnd' ein Verachteter flehend zum ther,
Und: So lieb' er denn selbst! so werd' er nicht froh des Geliebten!
Betet' er. Beifall gab dem Gebet die rhamnusische Gttin.
Dort war ein lauterer Quell, mit silberhellem Gewsser,
Welchen nimmer ein Hirt, noch weidende Ziegen der Berghh'n,
Angerhrt, noch anderes Vieh; den nimmer ein Vogel
Oder ein Wild getrbt, noch ein abgefallener Baumzweig.
Ringsher grnete Gras, von der feuchtenden Welle genhret;
Rings verbot ein Gebsch der wrmenden Sonne den Zugang.
Hier einst ruhte der Knabe, von Jagdlust md' und Erhitzung,
Hingestreckt; ihn lockte der Quell und die Schne der Gegend.
Whrend den Durst zu lschen er strebt, wchst anderer Durst nach.
Whrend er trinkt, von dem Bilde gesehener Reize bezaubert,
Lieber er nichtigen Trug; und Leib erscheint ihm der Schemen.
Selber staunt er sich an; unbewegt in einerlei Stellung
Haftet er, wie ein Gebild aus parischem Marmor gemeielt.
Gierig schaut er, im Grase gelehnt, zwei Sterne, die Augen;
Schaut, wie wert des Lyus, wie wert des Apollo das Haar sei,
Wie unmnnlich die Wang', und wie schimmernd der Hals und die Anmut
Seines Gesichts, wie gesellt zur schneeigen Weie die Rte;
Alles bewundert er selbst, was er selbst der Bewunderung darbeut.
Sich verlanget der Tor; und der Lobende ist der Gelobte.
Suchend wird er gesucht; und zugleich entflammt er und brennt er.
Oftmals naht' er umsonst dem tuschenden Borne mit Kssen;
Oftmals mitten hinein, den gesehenen Hals zu umfangen,
Taucht' er die Arm in die Quell' und haschte sich nicht in dem Quelle.
Was ihm erschein' unkundig, entlodert er von der Erscheinung;
Und derselbige Wahn, der sie anlockt, tuschet die Augen.
Was, Leichtglubiger, fngst du umsonst ein entfliehendes Gleichnis?
Nirgend ist, was du begehrst; das Geliebte, wende dich! schwindet.
Was du erblickst, ist Schatten des widerstrahlenden Bildes.
Nichts hat jenes von sich; mit dir nur kommt es, und weilt es;
Auch entweicht es mit dir, wenn du zu entweichen vermchtest.
Nicht der nhrenden Kost, nicht kann die Sorge der Ruhe
Jenen von dort abziehen. Im dunkelen Grase gelagert,
Schaut er den trgenden Reiz mit unersttlichem Anblick,
Selbst von den eigenen Augen verzehrt. Nun hebt er sich etwas,
Und zu den Waldungen rings die gebreiteten Arme gestrecket:
Hat unglcklicher einer, o Waldungen, sagt er, geliebet?
Denn ihr wit's, dir ihr oft mitkundige Lauben geboten!
Knnt ihr wohl, da so viel Jahrhunderte schon ihr verlebet,
Eines, der so hinschmachtet', in grauender Zeit euch erinnern?
Jenes gefllt, und ich seh' es; doch was mit Gefallen ich sehe,
Nirgendwo find' ich es auf: so schlgt mich Liebenden Wahnsinn!
Ja, was den Schmerz noch mehrt: nicht trennt ein gewaltiges Meer uns,
Nicht ein Gebirg, nicht Ferne, nicht riegelnde Barren und Mauern.
Nur ein Wsserchen hemmt! Selbst wnschet er, selbst die Umarmung.
Denn wie oft ich den Mund zur flssigen Welle hinabbog,
Ebensooft kam dieser mit aufwrtsstrebendem Mndlein.
Fast, fast scheint er berhrt; nur ein weniges scheidet die Sehnsucht.
Wer du auch bist, komm her! Was trgst du mich, einziger Knabe?
Welchem entfliehst du gesucht? Nicht meine Gestalt, noch das Alter
Scheint doch gemacht zum Entfliehn; auch mir liebkoseten Nymphen.
Hoffnung, ich wei nicht welche, verheit dein freundliches Antlitz.
Breit' ich die Arme zu dir, so breitest du wieder die Arme;
Lchel' ich, lchelst du auch. Oft sah ich dir Trnen entrollen,
Wann ich Trnen vergo; und dem Wink auch winkst du entgegen;
Auch, so viel die Bewegung des lieblichen Mundes mir anzeigt,
Redest du Worte, die nicht zu meinem Ohre gelangen.
Du bist ich! Nun merk' ich, und nicht mehr tuscht mich mein Bildnis!
Liebe verzehrt mich zu mir; und die Glut, die ich gebe, die nehm' ich!
Was denn tun? Flehn, oder erfleht sein? Was denn erflehen?
Was ich begehr', ist bei mir; zum Darbenden macht mich der Reichtum.
O wie mcht' ich so gern vom eigenen Leibe mich sondern!
Was kein Liebender wnscht, ich wnsche mir fern das Geliebte!
Schon entnimmt mir die Krfte der Schmerz; nur wenige Dauer
Steht dem Leben bevor; und kaum aufblhend, verwelk' ich.
Nicht ist schwer mir der Tod, da im Tod' ausruhen die Leiden.
Mchten dem Lieblinge dort nur mehrere Tage gegnnt sein!
Beide nunmehr einmtig verhauchen wir eine Seele.
Jener sprach's; und zur selben Gestalt umkehrend, wie sinnlos,
Trbt er mit Trnen die Flut, und getilgt von kreisender Wallung
Schwand in dem Spiegel das Bild. Da es unter ihm zitternd hinwegfloh:
Willst du entfliehn? Bleib, fleh' ich! Verla, o Grausamer, rief er,
Deinen Liebenden nicht! La mich, was zu rhren verwehrt ist,
Wenigstens schaun, und nhren den mitleidswrdigen Wahnsinn!
Schmerzvoll reit er herab den oberen Rand des Gewandes,
Und die enthllete Brust zerschlgt er mit marmornen Hnden.
Siehe, die Brust umzog von dem Schlag sanftglhende Rte:
Also erscheint ein Apfel, der wei zur Hlfte, zur Hlfte
Rot sich gefrbt; so pflegt mit gesprenkelten Beeren die Traube
Leise die Purpurfarb', annoch unzeitig, zu nehmen.
Als er solches erblickt' im wieder geklreten Wasser,
Trug er nicht lnger den Gram: wie unvermerkt an gelindem
Feuer das gelbliche Wachs hinschmilzt, wie leise der Frhreif
Taut an der wrmenden Sonne; so aufgelset in Liebe
Schwindet er, ganz allmhlich von innerer Flamme verzehret.
Nicht mehr frbt ihn jetzo gemischt zur Weie die Rte;
Nicht mehr Feuer und Kraft, und was man sahe mit Wollust;
Selbst nicht dauert der Leib, den vormals Echo geliebet.
Doch da sie jenes gesehn, obgleich noch gedenkend des Zornes,
Fhlte sie Leid; und so oft der Erbarmungswrdige: Wehe!
Ausrief, so rief ihm entgegen die Widerhallerin: Wehe!
Und wann jener die Arme sich schlug mit wtenden Hnden,
Gab auch diese zurck das Getn des wtenden Schlages.
Also sprach er zuletzt, am gewhnlichen Borne sich spiegelnd:
Ach, umsonst geliebeter Knab'! Und gleich war der Nachhall.
Jener rief. Leb' wohl! Leb' wohl! antwortet' ihm Echo.
Jetzo senkt er das Haupt kraftlos im grnenden Grase;
Nacht umschattet die Augen, womit sich der Schne bewundert.
Aber auch dann, nachdem in die untere Wohnung er einging,
Schaut' er sich selbst in stygischer Flut. Wehklagend betrau'rten
Ihn die Schwesternajaden, und weiheten Locken des Hauptes;
Auch wehklagten Dryaden: zur Wehklag' hallete Echo.
Schon ward Bahre besorgt und Brand und geschwungene Fackel:
Doch war nirgend der Leib; fr den Leib ein gelbliches Blmlein
Fanden sie, rings um den Kelch weischimmernde Bltter gegrtet.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / III, Pentheus





























Pentheus
     
Anerkannt durch Verdienst ringsher in den Stdten Achajas
War des Tiresias Ruhm, und gro der Name des Sehers.
Pentheus, Sohn des Echion, entehrt' ihn einzig von allen,
Stets ein Gtterverchter; des schicksalredenden Greises
Lacht' er; die Dunkelheit selbst, und das Leid des genommenen Lichtes,
Schmhet' er. Jener bewegte die silberhaarigen Schlfen,
Und: Wie wrest du glcklich, wenn du auch, sprach er, des Lichtes
Wrdest beraubt, damit du die bacchische Feier nicht shest!
Schon wird nahen der Tag, schon ahnet mir, da er nicht fern sei,
Da das neue Geschlecht der Semele, Liber, hierher kommt.
Wenn du den nicht wrdig mit Tempeldienste verehrest;
Klein zerstckt und gestreut in die Gegenden, wirst du die Wlder
Rten mit Blut, und die Mutter zugleich und die Schwester der Mutter.
Solches geschieht: nicht wirst du die Gottheit wrdig verehren.
Da nur zu viel ich gesehn in der Dunkelheit, klagest du knftig.
Als er solches geredet, verjagt ihn der Sohn des Echion.
Treu ist der Reden Erfolg, und zum Ausgang eilt die Verkndung.
Liber erscheint; und es brausen von Festgeheul die Gefilde.
Aufruhr schwrmt; und zu Mnnern gesellete Mtter und Schnre,
Niedrige drngen und Hohe zur neuankommenden Feier.
Welcherlei Wut, Mars' Enkel, o Schlangengeborene, rhrt euch
So wie ein Donner den Geist? ruft Pentheus. Mgen denn Erze,
Schlagend an Erz, so viel, und das krummgehrnete Schallrohr?
Oder der magische Trug? da euch, die das kriegende Schwert nie,
Noch die Trompete geschreckt, noch zuckende Waffen des Heeres,
Weiblicher Stimmen Geschrei, und vom Wein aufgrender Wahnsinn,
Und unmnnlicher Schwarm, und die nichtige Trommel besieget?
Staun' ich um euch, ihr Greise, die fern ihr gekommen durch Meerflut,
Und hier Tyros gebaut, hier flchtige Gtter gesiedelt;
Da unkriegrisches Volk sie erobere? oder um euch dort,
Jnglinge, nher an Frische mir selbst; ihr, denen die Rstung
Fr den umwundenen Stab, und der Helm anstand fr den Laubkranz?
Seid mir doch eingedenk, aus welcherlei Stamm ihr erwuchset!
Nehmt von jenem den Mut, der allein so viele gettet,
Eurem Ahn, dem Drachen! Fr Teich und quellenden Sprudel
Starb er; o sieget doch ihr in Verteidigung eueres Ruhmes!
Tapfere gab er dem Tode; vertreibt ihr jetzo die Feigen,
Da den geerbeten Glanz ihr zurckruft! Gnnte der Stadt nicht
Lange zu stehn das Geschick; o donnerten wider die Mauern
Mnner und Schleudergert, und rasselte Eisen und Flamme!
Elend wren wir dann, doch schuldlos; und wir beklagten
Nicht ein verhehletes Los; unbeschmt entflsse die Trne.
Nun soll ein Knab' uns Thebe, ein Waffenloser, erobern?
Denn nicht freuet der Krieg, noch Wehr, noch streitbare Rosse;
Sondern das Haar mit Myrrhen getrnkt, und weiche Bekrnzung,
Purpur, und buntes Gewand, durchwirkt mit funkelndem Golde?
Ha! mir soll er sogleich, wenn ihr nur scheidet, bekennen
Seinen erlogenen Dienst, und den angenommenen Vater!
Hatt' Akrisius Mut, zu verachten die eitele Gottheit,
Und dem kommenden Gott die argolischen Tore zu schlieen;
Aber den Pentheus schreckt, mit der smtlichen Thebe, der Fremdling?
Gehet mir rasch (so gebeut er den Dienenden), geht, und den Fhrer
Her in Banden geschleppt! ungesumt den Befehl mir vollendet!
Ihn straft Kadmus der Ahn, ihn Athamas, ihn der Verwandten
brige Schar laut tadelnd, und mhn sich umsonst, ihn zu hemmen.
Bitterer macht die Ermahnung, und heftiger schwillt und emprt sich
Ihm die gehaltene Wut; und die Linderung selber ereifert.
Also, wo nichts in dem Fall ihn hinderte, sah ich den Giebach
Sanfter hinab von der Hhe mit linderem Rauschen gerollet;
Doch wo Geblk abhielt und vorgebaueter Felsdamm,
Schaumiger dort aufbrausend, vom Zwang noch zorniger, strzt' er.
Schau', nun kehren sie blutig zurck. Wo Bacchus denn bleibe?
Fragt ihr Herr. Den Bacchus, erwidern sie, sahen wir nirgend.
Diesen Begleiter indes und Mitgenossen des Dienstes
Nahmen wir. Hier empfah' ihn, die Hnd' auf den Rcken gefesselt,
Der dem gefeierten Gott aus dem Volk der Tyrrhener gefolgt war.
Pentheus schauete diesen mit furchtbaren Augen des Grimmes;
Und obgleich er die Strafe nur kaum aufschob: O Verruchter,
Rief er, dem Tode bestimmt, und anderen warnendes Beispiel!
Sage, wie heit dein Nam', und der Eltern Nam', und der Heimat?
Warum folgst du dem Zuge der neuaufkommenden Feier?
Furchtlos jener darauf. Mein Nam' ist, sprach er, Actes;
Heimat Monia mir; von niedrigem Volke die Eltern.
Nicht ein Feld, zu bestellen mit krftigen Farren, ererbt' ich,
Auch nicht wollige Schafe noch Rinderherden vom Vater.
Drftig war er auch selbst: mit Schnur und hakiger Angel
Tuscht' er, und zog mit dem Rohre die hpfenden Fisch' an das Ufer.
Ihm war Hab' und Vermgen die Kunst; er lehrte die Kunst mir:
Nimm, was ich habe, mein Sohn, des Betriebs Nachfolger und Erbe,
Sprach er, o nimm mein Alles; und nichts verlie er mir sterbend,
Auer die Flut; das nenn' ich allein mein vterlich Erbteil.
Bald darauf, nicht immer an einerlei Klippen zu haften,
Lernt' ich hinzu, das Steuer mit lenkender Rechte dem Fahrzeug'
Umzudrehn; auch das Regengestirn der olenischen Ziege,
Samt Plejad' und Hyad', und die leuchtende Brin, bemerkt' ich;
Auch die Huser der Wind', und wohlanlandbare Hafen.
Als ich gen Delos einmal hinsteuere, land' ich an Ceia,
Mit rechtzeitigem Ruder heran die Gestade mir ziehend.
Leicht entsprang ich dem Bord und betrat den gefeuchteten Meersand.
Schon war vergangen die Nacht; und sobald errtend Aurora
Schimmerte, steh' ich auf, und erinnere, frisches Gewsser
Einzutragen, und zeige den Weg, der fhre zum Sprudel.
Selbst ersteig' ich den Hgel, und was die Luft mir verheie,
Schau' ich umher; dann ruf' ich die Schar, und kehre zum Schiff um.
Heda, wir sind's! antwortet des Schiffsvolks erster, Opheltes;
Und den vermeineten Raub, den er fand im leeren Gefilde,
Fhret er lngs dem Gestade, den jungfrauhnlichen Knaben.
Jener, der wie betubt von Wein und Schlummer einherwankt,
Folget ihm kaum. Ich betrachte den Schmuck und den Gang und das Antlitz;
Nichts, in der ganzen Gestalt dem Sterblichen hnliches sah ich.
Und ich erkannt' es, und sprach zu den Meinigen: Welcherlei Gottheit
Jenen bewohn', ist dunkel; doch Gottheit wohnet in jenem!
Wer du auch bist, sei gndig, und gibt uns Segen zur Arbeit!
Woll' auch diesen verzeihn! - Fr uns nicht brauchst du zu beten!
Ruft mir Diktys darauf, der gewandt wie keiner die hchsten
Rahen erklomm, und gewandt am ergriffenen Taue herabglitt.
Libys lobet das Wort, und des Vorschiffs Hter Melanthus;
Auch Alcimedon lobt; und der mit Gesange den Rudern
Ma den geordneten Schlag, der Mutanreizer, Epopeus;
Alle die anderen auch: so blendet sie gierige Raubsucht!
Nein! da die heilige Last die Bark' uns beschdige, ruf' ich,
Das soll nimmer geschehn! hier trag' ich selber die Obmacht!
Und ich streb' entgegen am Eingang. Wtender tobt noch
Lykabas, frech vor allen, der ausgejagt in Verbannung
Floh aus der thuskischen Stadt, zur Strafe des grlichen Mordes.
Mich Abwehrenden packt er mit nerviger Faust an der Gurgel,
Wrgend, und htte vom Bord in das Meer mich gestoen, wofern nicht
Hangen ich blieb, auch betubt wie ich war, an dem Seile mich haltend.
Beifall lacht der frevelnde Schwarm. Jetzt hebet sich Bacchus
(Denn kein anderer war's), als ob vom Geschrei sich der Schlummer
Lsete, und nach dem Rausch in die Brust umkehrte Besinnung:
Welch ein Lrm? Was, ruft er, geschieht? Wie, saget mir, Schiffer,
Wie doch kam ich hierher? und wohin mich zu bringen gedenkt ihr?
Sei nicht bange, mein Sohn, sprach Prorcus. Nenne den Hafen,
Den zu erreichen du strebst, wir setzen dich dort an das Ufer.
Steurt, antwortete Liber, den Lauf des Schiffes gen Naxos.
Dort gehr' ich zu Haus; auch findet ihr gute Bewirtung.
Trughaft schwren sie das, bei dem Meer und allen Gewalten.
Und ich spanne gemahnt dem bebilderten Schiffe die Segel.
Rechts war Naxos entfernt. Da ich rechtshin stelle die Leinwand:
Was, o Rasender, machst du? wie plagt dich, Actes, der Wahnsinn?
Schreit ein jeder daher. Links wende dich! winken die meisten
Mir durch Blick' und Gebrd', und zischeln ins Ohr mir die andern.
Staunend der Tat: So empfang' ein anderer jetzo die Lenkung!
Rief ich, und zog mich zurck vom Dienste der Kunst und des Frevels.
Alle schelten und schmhn, und umher rauscht dumpfes Gemurmel.
Aber thalion ruft: Frwahr, ganz trgest du einer
Unser gemeinsames Wohl! und der Hhnende tritt an das Steuer,
Mein Geschft zu versehn, und abwrts lenkt er von Naxos.
Siehe, der tuschende Gott, als ob er nun den Betrug erst
Ahnete, schaut von der Wlbung des Hinterverdecks in die Meerflut.
Und dem Weinenden gleich: Nicht dort die Gestade verhiet ihr,
Ruft er, Genossen des Schiffs; nicht dort zu landen begehrt' ich.
Was Strafwrdiges tat ich an euch? Was habt ihr des Ruhmes,
Wenn mich Knaben ihr Jnglinge tuscht, mich einen so viele?
Lngst schon flo mir die Trne. Des Weinenden lachen die Frevler
All, und drngen die Woge mit schnell geschwungenen Rudern.
Bei ihm selber nunmehr (denn nicht ein anderer Gott ist
Nher denn er) beschwr' ich, so wahr ist meine Verkndung,
Als sie den Schein des Wahren verlt. Unbewegt in den Wogen
Stand nicht anders das Schiff, als stnd' es auf trockenem Werfte.
Voll Verwunderung schwingen sie rasch die Ruder, und rollen
Schleunig die Segel herab, um mit doppelter Kraft zu enteilen.
Efeugerank umstrickt in verschlungenen Knoten die Ruder
Kriechend umher, und streift mit doldigen Blumen die Segel.
Selbst die Stirn' in den Kranz vollbeeriger Trauben gehllet,
Schwingt er den grnenden Schaft mit zierlich gewundenem Weinlaub.
Rings umruhn ihn Tiger, und nichtige Schatten der Lchse,
Auch graunvolle Gestalten der buntgesprenkelten Pardel.
Wild nun sprangen die Mnner empor; ob es wirkte der Wahnsinn,
Oder die Angst. Und Medon zuerst trgt dunkelnde Flossen
Am hinsinkenden Leib', und krmmt den gewlbeten Rckgrat.
Ihm ruft Lykabas zu: In was fr Wundergestalt doch
Wandelst du dich? Breit zog sich des Redenden Maul mit geschweifter
Schnauze herum, und Schuppen gewann die erhrtende Haut ihm.
Libys, mit Macht andrngend die fest anstehenden Ruder,
Schaut, wie in krzeren Raum einlaufen die Hnd', und wie Hnde
Jene nicht mehr, nein, schon Flofittiche knnen genannt sein.
Einer der Arm' ausstreckend, umwickelte Seile zu lsen,
Sieht sich der Arme beraubt; mit gestmmeltem Rumpfe sich buckelnd,
Springt er hinab in die Wog'; und es luft zur Sichel der Schwanz aus,
Mit dem gehalbeten Monde sich krumm einschmiegen die Hrner.
Ringsum heben sie Sprng', und taun mit besprengendem Tropfen,
Tauchen hinab in die Flut, und tauchen empor zu der Flche,
Walzen und drehn, wie im Tanze, sich wild, und die ppigen Leiber
Tummeln sie, hoch aufblasend das Meer aus offenen Nstern.
Und von Zwanzigen eben, denn soviel fhrte die Barke,
War ich brig allein. Da ich bang' und erkaltet vor Schrecken
Zittere, kaum bei mir selbst, erweckt mich der Gott durch den Zuspruch:
Schtt' aus dem Herzen die Furcht, und halt' auf Dia. Gelandet
Znd' ich Opferaltre, dem bacchischen Dienste mich weihend.
Willig liehn wir das Ohr, sprach Pentheus, deinem gedehnten
Umschweif, da durch Verweilung der Zorn die Krfte verlre.
Rasch ihn hinweg, ihr Diener, gerafft! mit den grlichsten Foltern
Qult ihm den Leib, und sendet zur stygischen Nacht ihn hinunter!
Stracks wird von dannen geschleppt, und gesperrt, der Tyrrhener Actes,
In ein gediegnes Verschlo. Und indem des befohlenen Todes
Schreckliches Martergert sie bereiten, Eisen und Flamme,
Schlossen von selbst die Pforten sich auf, und entsanken den Armen,
Also verkndet der Ruf, von selbst ungelset die Fesseln.
Dennoch beharrt der Tyrann. Nicht heit er gehen; er selber
Wandelt dahin, wo, gewhlt zur heiligen Feier, Cythron
Laut vom Gesang aufschwoll, und dem schwrmenden Ruf der Bacchanten
So wie ein feuriges Ro, wann aus hallendem Erze der Kriegsruf
Schmetterte, mutvoll braust, und begieriger strebt in die Feldschlacht:
So ward Pentheus erregt, da langes Geheul durch den ther
Rollt'; und der gellende Hall, der daherklang, schrte den Zorn auf.
Fast um die Mitte des Bergs, in dem Kreis' umgrtender Wlder,
Ist, von Bumen entblt, ein rings durchsehbares Blachfeld.
Als er das Heilige dort mit entweihenden Augen betrachtet,
Schaut ihn zuerst, wird zuerst von des Wahnsinns Trieben erreget,
Schwingt den verletzenden Thyrsus zuerst auf Pentheus die Mutter.
Kommt doch, Io! ruft diese, heran kommt beid', ihr Geschwister!
Jenen gewaltigen Eber, der uns die Gefilde durchschweifet,
Strzt ihn, den Eber, in Blut! Hin rennen sie all auf den einen,
Tobend im Schwarm; und alles vereinet sich, alles verfolgt ihn,
Der schon zagt, schon Worte geminderter Heftigkeit redet,
Schon sich selber verdammt, schon selbst das Vergehen bekennet.
Rette mich! rief er, verwundet: Autonoe, Schwester der Mutter,
Rette mich doch! dir rhre das Herz der Schatten Aktons!
Doch nichts wei von Akton ihr Herz; und des Flehenden Rechte
Ri sie hinweg; und die andre verstmmelte Ino entraffend.
Nicht kann Arme nunmehr der Elende strecken zur Mutter;
Sondern den Rumpf nur zeigend, entblt der zerstreueten Glieder,
Schaue doch, ruft er, o Mutter! Es schaut und heulet Agaue,
Schwingt im Taumel den Hals, und bewegt durch die Lfte das Haupthaar;
Und das entrissene Haupt mit blutigen Fingern umfassend,
Schreit sie: Io! ihr Gespielen, der Sieg ist unser, ist unser!
Schnell, wie die Bltter des Baums, die gestreift durch herbstliche Klte,
Kaum an dem Stiel noch haften, der Wind abreiet vom Wipfel,
Wurden die Glieder des Manns von frevelnden Hnden zerrissen.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / IV, Des Minyas Tchter





























Viertes Buch
Des Minyas Tchter
     
Bacchus heiliges Fest gebot in Thebe der Priester;
Da vom Geschft ausruhend, die Frau'n und die Mgde des Hauses,
Felle gehllt um die Brust, und das Band der Haare gelset,
Krnz' um das Haupt, in die Hnd' umlaubte Stbe sich nhmen.
Rings, wo der Zug hinschwrmt, tnt mutiger Jnglinge Ausruf,
Tnt der Weiber Geschrei, und gerhrt von den Hnden die Trommel,
Samt dem gewlbeten Erz, und der lang gehhlete Buxus.
Nah' uns freundlich und hold! so flehn die ismenischen Frauen,
Feiernd im Jubel das Fest. Nur Minyas' Tchter im Hause,
Durch unzeitigen Dienst der Minerva strend die Feier,
Ziehn die gefeinerte Woll', und drehn mit dem Daumen die Spindel,
Oder beschicken Geweb', und mahnen die Mgd' an der Arbeit.
Eine davon, ausziehend mit hurtigem Finger den Faden:
Whrend die anderen ruhn, und frommen Erdichtungen nachgehn,
Lat uns, sagt sie, von Pallas, der besseren Gttin, beschftigt,
Unser ntzliches Werk durch mancherlei Reden erleichtern.
Jede soll umeinander ein zeitverkrzendes Mrlein
Zur gemeinsamen Lust den migen Ohren erzhlen.
Wohl! du erzhle zuerst; wir folgen dir, sagen die Schwestern.
Jene bedenkt sich ein wenig; denn viel der Erzhlungen wei sie.
Jetzo, indem sie die Wolle herabdrillt, redet sie also:
Pyramus war und Thisbe, der Jnglinge schnster der eine,
Hoch die andre gerhmt vor den morgenlndischen Jungfrau'n.
Dicht angrenzende Huser bewohnten sie, dort in der Hauptstadt,
Welche Semiramis einst mit tnernen Mauern befestigt.
Beide wurden bekannt, und wie Nachbarkinder vertraulich,
Dann allmhlich verliebt; auch htte sie Ehe vereinigt;
Doch dies wehrten die Vter: was nicht sie zu wehren vermochten,
Von gleichzeitiger Glut entloderten beiden die Herzen.
Fern ist jeglicher Zeug'; Andeutungen sprechen und Winke;
Und je enger bedeckt, je heftiger brauset das Feuer.
Eine mige Ritze durchspaltete seit der Erbauung
Schon die gemeinsame Wand der beiden verbundenen Huser.
Dieser Fehl, den keiner in ewigen Zeiten gespret,
Ward (was merkt nicht Liebe?) zuerst euch Liebenden merkbar;
Und ihr bahntet der Stimme den Weg, auf welchem gesichert
Oft liebkosende Red' in gedmpfterem Lispel hindurchging.
Wann sie davor sich gestellt, hier Thisbe, Pyramus jenseits,
Und mit begegnendem Munde den Hauch voneinander geschpfet:
Neidische Wand, was trennst du die Liebenden? sagten sie oftmals.
Was denn, wenn du einmal uns volle Vereinigung gnntest,
Oder, ist dieses zuviel, dich ffnetest unseren Kssen?
Aber nicht undankbar wir bekennen uns gerne verpflichtet,
Da du den Worten die Bahn zu geflligen Ohren gewhrtest.
Wann sie solches umsonst am geschiedenen Orte geredet,
Sagten sie gegen die Nacht: Schlaf wohl! und hefteten Ksse,
Jeder der eigenen Seite, die nicht zu der anderen drangen.
Frh nun hatte verscheucht die nchtlichen Schimmer Aurora,
Und mit den Strahlen die Sonne betauete Kruter getrocknet.
Beide nahn dem gewhnlichen Ort. Mit leisem Geflster
Klagen sie vieles zuvor, und beraten sich, da sie die Hter
Tuschen in schweigender Nacht, und hinauszugehen versuchen;
Und wann auer dem Haus', und den Toren der Stadt sie gekommen,
Um dann nicht zu verirren im weit durchwandelten Felde,
Whlen sie Ninus' Grab zur Vereinigung: wo sie im Schatten
Berge der Baum; denn ein Baum voll schneewei hngenden Obstes
Stand an dem khligen Quell, ein hochgewipfelter Maulbeer.
Beiden gefllt's; und der Tag, zu langsam ihnen entweichend,
Sinkt zum Gewsser hinab, und die Nacht entsteigt dem Gewsser.
Listig schleicht durch das Dunkel aus leise gedreheter Angel
Thisbe hinaus, unbemerkt von den Ihrigen; und zu dem Hgel
Kommt sie, das Antlitz verhllt, und sitzt am erkorenen Baume.
Khnheit gab ihr die Liebe. Da kommt, o siehe, von frischem
Morde der Rinder geschwrzt am schumenden Rachen, die Lwin,
Um zu lschen den Durst in der Flut des benachbarten Quelles.
Als sie der Mondschein ferne der Babylonierin Thisbe
Zeigete, flieht sie mit ngstlichem Fu in die dstere Bergkluft;
Aber im Fliehn entfllt ihr die gleitende Hlle vom Rcken.
Jetzo bezhmte den Durst mit vielem Wasser die Lwin;
Dann in den Wald heimkehrend, erblickte sie ohne die Jungfrau
Dort ihr feines Gewand, und zerfetzt' es mit blutigem Maule.
Spter entwandelt der Stadt nun Pyramus; schaut in dem tiefen
Staube die deutliche Spur des Gewilds, und, erblassend im Antlitz,
Starret er. Aber sobald er den Schleier auch findet voll Blutes:
Eine Nacht denn soll zwei Liebende tten! beginnt er;
War doch jene von beiden die wrdigste lngeren Lebens!
Schuldig ist meine Seel'; ich bin, Elende, dein Mrder;
Da ich in greuliche Wsten heraus dich lockte bei Nachtzeit,
Und nicht zuerst ankam! O zerreit mit den Zhnen den Leib mir,
Und mein frevelndes Herz verschlingt in den wtenden Rachen,
Ihr, in jenem Geklipp herbergende Lwen der Wildnis!
Doch feig' ist's, nur wnschen den Tod! - Und die Hlle der Thisbe
Hebt er, und trgt sie zum Schatten des abgeredeten Baumes.
Als er mit Trnen genetzt das bekannte Gewirk, und geksset:
Jetzt denn, sagt er, empfang' auch meines Blutes Bestrmung!
Und er senkt den umgrtenden Stahl in die Weiche des Bauches;
Schnell dann zieht er ihn sterbend hervor aus der kochenden Wunde;
Und wie er lag auf dem Rcken gestreckt, springt rtliches Blut auf:
Anders nicht, als wenn mit beschdigtem Bleie die Rhre
Platzt, und gewaltig empor aus zischender ffnung das Wasser
Spritzt im verdnneten Strahl, und hoch in die Lfte sich aufschwingt.
Aber die Frchte des Baums, vom Todesblute gesprenget,
Nehmen die schwarze Gestalt; und die blutgefeuchtete Wurzel
Frbt mit purpurnem Dunkel die ringsher hngenden Maulbeern.
Siehe, da kommt, noch ngstlich, um nicht den Geliebten zu tuschen,
Thisbe zurck; und sie forscht mit Aug' und Herzen den Jngling,
Ihm zu erzhlen begierig, wie groer Gefahr sie entflohn sei.
Jetzt, wie den Ort sie erkennt, und des Baums vernderten Anblick,
Irrt sie die Farbe der Frucht; und sie stutzt, ob jener auch recht sei.
Weil sie erwgt, schnell sah sie, wie dort die zuckenden Glieder
Schlagen den blutigen Grund: und sie wandte den Fu, und wie Buxus
Blat' ihr gelbes Gesicht, und sie schauderte, hnlich der Meerflut,
Welche sich krust, wann oben ein wehendes Lftchen dahinstreicht.
Aber sobald sie verweilend ihn selbst erkannte, den Liebling,
Schlug sie mit tnendem Schlag die unverschuldeten Arme;
Und sich zerraufend das Haar, und den Leib des Geliebten umarmend,
Fllte sie ihm mit Trnen die Wund', und Trnen zum Blute
Mischte sie; dann das Gesicht, das erkltete, deckend mit Kssen:
Pyramus, rufte sie aus, welch Unglck nahm dich hinweg mir?
Pyramus, ach, antworte! dir ruft, du Trautester, Thisbe!
Hre der Deinigen Stimm', und erhebe das liegende Antlitz!
So wie sie Thisbe genannt, so erhebt die starrenden Augen
Pyramus, jene zu schaun, und schliet sie wieder auf ewig.
Als sie nunmehr ihr Gewand, und die elfenbeinene Scheide
Sah, von der Klinge getrennt: Unglcklicher! rief sie, dich raubte
Deine Hand und die Lieb'! Auch mir ist tapfer zu diesem
Einen die Hand, auch mir gibt Kraft zu Wunden der Liebe!
Folg' ich dir Scheidenden nach! und hei' ich Arme des Todes
Grund und Begleiterin dir! Und hat uns beide der Tod nur,
Ach! zu trennen vermocht, so vermg' auch der Tod nicht zu trennen!
Um dies Einzige noch seid flehentlich jetzo gebeten,
Unglckselige beide, du mein, und des Jnglinges Vater:
Da, da entschlossene Lieb', und die letzte Stund' uns vereint hat,
Ihr in dem selbigen Grab' uns nicht mignnet zu ruhen!
Der du, o Baum, mit Zweigen den mitleidswrdigen Leichnam
Jetzt dem einen bedeckst, bald wirst du ihn decken uns beiden!
Halte die Zeichen des Mords, und in dunkeler Farbe der Trauer
Reife dir immer die Frucht, dem gedoppelten Blute zum Denkmal!
Thisbe sprach's; und unter die Brust sich fgend die Spitze,
Sank sie hinab auf den Stahl, der noch vom Morde gewrmt war.
Aber es rhrte die Gtter ihr Wunsch, und rhrte die Eltern;
Denn die Farbe der Frucht, wann ganz sie gereifet, ist schwrzlich;
Was man dem Feuer enthob, das ruht in derselbigen Urne.
Also erzhlt' Arsippe, die Spinnerin. Jetzo im Krempeln
Hub Leukonoe an, wie der leuchtende Sohn Hyperions
Brannt' in Lieb'; und die Schwester Alcithoe sann auf ein Mrlein,
Whrend ihr Schiffchen durchflog das Gespinnst des stehenden Aufzugs.
Pltzlich erscholl, ungesehen den festentweihenden Schwestern,
Zur dumpfrollenden Trommel das krummgehrnete Schallrohr
Und das erklingende Erz; rings dufteten Myrrhen und Safran,
Und, kaum glaubliche Tat! es ergrnete jeglicher Webstuhl,
Und in des Efeus Laub verhllte das hangende Tuch sich.
Anderes schwand in Reben; und was als Faden gespannt war,
Rankt mit Geringel empor; aus dem Aufzug drnget sich Weinlaub;
Und das Purpurgewand leiht Glanz den gefrbeten Trauben.
Jetzo war vergangen der Tag, und es rckte die Zeit an,
Welche man Licht so wenig als Finsternis mchte benennen,
Sondern Scheide des Tags und der Nacht, ein dmmerndes Zwielicht.
Schleunig erbebte das Haus, und es schien, wie wenn harzige Fackeln
Loderten, und die Gemcher in rtlicher Glut sich erhellten:
Und von des grlichen Wildes Erscheinungen scholl's wie Geheul auf.
Rings in der dampfenden Wohnung verbargen sich eilig die Schwestern,
Jed' am besonderen Orte die Glut und die Helle vermeidend.
Whrend sie Winkel ersphn, da umluft die verkleinerten Glieder
Dnne Haut, und bedeckt mit zarten Schwingen die rmlein
Auch nicht einmal, wie ihnen die vorige Bildung dahinschwand,
Lie sie das Dunkel erkennen. Es hob nicht jene Gefieder;
Dennoch trugen sie sich auf matt durchscheinenden Flgeln.
Rede versuchen sie jetzt; und der feineste Laut fr den Krper
Schwirret hervor; und sie ben mit zirpender Stimme die Klagen.
Huser bewohnen sie gern, nicht Waldungen; immer noch lichtscheu
Schwrmen sie gegen die Nacht als Fledermus' in der Dmmrung.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / IV, Leukothoe





























Leukothoe
     
Sol bemerkte zuerst, wenn der Ruf nicht tuschet, der Venus
Heimliche Liebe mit Mars; denn zuerst bemerket er alles.
Und ihn schmerzte die Tat; und der Juno Sohne, dem Ehmann,
Sagt' er der Gattin Vergehn, und den Ort des Vergehens. Doch jenem
Sank die Besinnung zugleich und das Schmiedegert aus der Rechten.
Schleunig schafft er aus Erz sich dnngezogene Kettlein;
Und feinmaschige Netze, die fast den Augen entschwinden,
Feilet er aus: nicht drehet die Spinnerin zartere Fden;
Nicht mit so duftiger Web' umspannt' die Balken Arachne.
Auch da, eben berhrt, sie den leisteten Regungen folgen,
Macht er, und stellet geschickt sie rings um das Bette verbreitend.
Jetzo, sobald ein Lager das Weib und den Buhlen gesellet,
Siehe, durch Kunst des Gemahls, und neu erfundene Bande,
Werden im Augenblick der Umarmungen beide verhaftet.
Und der Lemnier, ffnend die elfenbeinenen Flgel,
Ladet die Gtter heran. Sie ruhn miteinander gefesselt
Lsterlich. Doch wnscht mancher der nicht schwermtigen Gtter,
Lsterlich also zu sein. Die Oberen lachten; und lange
Blieb dies allen umher das bekannteste Mrchen im Himmel.
Jetzo bt Cytherea der Anzeig' ahndende Strafe;
Und zum Vergelt ihm selbst, der verborgene Liebe gekrnket,
Krnkt sie mit Liebe das Herz. Was nun, o du Sohn Hyperions,
Frommt dir deine Gestalt und die Wrm' und der strahlende Schimmer?
Du, da der Lande Bezirk mit deiner Glut du entflammest,
Flammst in anderer Glut; und da alles zu schaun dir gebhret,
Schaust du Leukothoe nur, und senkst auf die einzige Jungfrau
Deinen der Welt entzogenen Blick. Bald steigst du des Morgens
Frher am Himmel empor, bald tauchst du spter des Abends.
Winterstunden verlngerst du im unersttlichen Anschaun.
Finsternis duldest du oft, da das Licht den Fehler des Geistes
Annimmt: und du erschreckst der Sterblichen Herz mit Dunkel.
Nicht, weil etwa der Mond, dem Erdkreis nher, dich hemmet,
Schwindet in Blsse dein Glanz; es entfrbt dich also die Liebe.
Jen' erkorst du allein; nicht Klymene frder, und Rhodos,
Nicht die reizende Perse, der Circe Mutter, beherrscht dich,
Klytie nicht, die, wie sehr auch verschmht, nach deiner Umarmung
Trachtete. Selbst ja trugst du nunmehr im Herzen die Wunde;
Und Leukothoe tilgte so vieler Frauen Gedchtnis:
Welche die Schnste vordem des balsambauenden Volkes
Ihrem Gatten gebar, Eurynome; und da sie aufwuchs,
Wie vor allen die Mutter, so ragt vor der Mutter die Tochter.
Orchamus hie ihr Vater, der Achmenier Knig,
Welcher der Siebente sprote vom Stamm des alternden Belus.
Unter dem westlichen Pol hat Sol die Weide der Rosse.
Statt des Grases ernhrt sie Ambrosia, welche die Glieder,
Matt vom Dienste des Tages, erquickt und krftigt zur Arbeit.
Whrend die Stampfenden dort sich himmlische Nahrungen rupfen,
Und rings waltet die Nacht, geht liebend der Gott in die Kammern,
Eingehllt in der Mutter Eurynome Bildung, und siehet
Unter den zwlf Hausmdchen Leukothoe neben dem Lichte
Ebenes Garn ausziehen an umgedreheter Spindel.
Wie sie nunmehr, als Mutter, ihr Tchterchen zrtlich geksset:
Heimlich ist unser Geschft; entfernt euch, sagt sie, ihr Mdchen;
Und nicht strt die Mutter, ein Wort in Vertrauen zu reden!
Alles gehorcht; und sobald das Gemach dem Gotte gerumt war:
Ich bin, sprach er, der Gott, der die Bahn des Jahres durchwandelt;
Alles seh' ich, und gebe dem Erdkreis alles zu sehen,
Ich das Auge der Welt. Du gefllst mir, glaub' es. Sie zaget;
Und vor Schrecken entsinkt aus der Hand ihr Wocken und Spindel.
Schn war selber die Angst; und der Gott, nicht lnger verweilend,
Kehrte zurck in die wahre Gestalt und den eigenen Schimmer.
Aber die Jungfrau ward wie geschreckt von dem pltzlichen Anblick,
Doch von dem Schimmer besiegt, und strubte sich nicht der Umarmung.
Eifersucht entflammte die Klytie; denn ungemigt
Liebete Sol; und Rache der Nebenbuhlerin schwrend,
Rgt sie des Gottes Besuch, bis die schleichende Sage den Vater
Warnete. Jetzo voll Wut und unbarmherzig, wie flehend
Jene zum Lichte des Sol auch die Arm' ausstreckt', und: Da ist er,
Der mit Gewalt mich bezwang! ausrief, vergrub er sie grausam
Unter die Erd', und hufte gehgelten Sand zur Bedeckung.
Diesen zerstreut mit Strahlen der Sohn Hyperions, und ffnet
Ausgang dir, zu erheben das eingegrabene Antlitz.
Aber du konntest nicht mehr dein Haupt aufrichten, o Nymphe,
Welk von der lastenden Erd', und du lagst, ein erblichener Leichnam.
Niemals sah, wie man glaubt, der geflgelten Rosse Beherrscher
Seit des Phaethons Brande, so herzzerschneidenden Anblick.
Ach, mit strahlender Glut die erklteten Glieder bescheinend,
Strebt er, zurck, wenn's mglich, die Lebenswrme zu rufen.
Aber dieweil das Geschick ihm wehrt ein so khnes Verlangen,
Sprengt er den Leib und den Ort mit balsamduftendem Nektar;
Und da er vieles geklagt: Doch steige mir, sprach er, zum ther!
Pltzlich zerflo, durchdrungen vom himmlischen Nektar, der Leib ihr
Aufgelst, und trnkte mit Wohlgerchen das Erdreich.
Bald nun wurzelte leis' und drang die Staude des Weihrauchs
Durch die Schollen empor, und brach mit dem Sprosse den Hgel.
Aber der Klytie jetzt, wie sehr die Liebe den Schmerz auch,
Und wie sehr den Verrat ihr Schmerz entschuldigen konnte,
Nahete nimmer der Gott, und entzog ihr Lieb' und Umarmung.
Seitdem schwand sie dahin vor sinnlos starrender Sehnsucht:
Nacht und Tag, von den Nymphen getrennt, in der Freie des Himmels,
Sa sie auf nackendem Grund', ungeschmckt die betaueten Haare.
Neunmal kreiste das Licht; und Trank und Speise verschmhend,
Nahm die Fastende nichts als Tau und Trnen zum Labsal.
Nie auch wich sie vom Ort, und allein des wandelnden Gottes
Antlitz schaute sie an, ihr Gesicht umwendend nach jenem.
Endlich hafteten fest, wie man sagt, am Boden die Glieder,
Teils von fahler Blsse verfrbt zu erblichenem Kraute,
Teils errtend wie Gold; und gleich der gelben Viole
Krnt ihr die Blume das Haupt; obgleich an der Wurzel befestigt,
Dreht sie nach Sol sich herum und behlt, auch verwandelt, die Liebe.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / IV, Ino und Athamas





























Ino und Athamas
     
Rings war jetzo in Thebe durch Wunderzeichen verherrlicht
Bacchus' Gewalt; und die Base des neuen Gottes erzhlet
Allen sein mchtiges Tun; und allein war unter den Schwestern
Teillos Ino des Leids, nur schwesterlich fhlte sie Mitleid.
Hoch erhuben den Mut ihr die Shn', und des Athamas' Lager,
Und der erzogene Gott. Saturnia sah, und ertrug's nicht.
Also vermochte denn, sprach sie, der Buhlerin heimlicher Bastard,
Da er entmenscht in die Woge Moniens Schiffer versenkte?
Da er der eigenen Mutter den Sohn zu zerfleischen dahingab?
Da er die drei Minyaden verschuf in gefittichte Vgel?
Nichts soll Juno vermgen, als still zu beweinen den Kummer?
Das, das wre genug? Drauf schrnkte sich unsre Gewalt ein?
Handeln lehrt er mich selbst! Man darf auch vom Feinde belehrt sein!
Und was die Wut auswirke, das hat durch Pentheus' Ermordung
Mehr denn zu viel er gezeigt! Warum nicht geht mir gestachelt
Ino mit eigener Wut auf der Beispielbahn der Verwandten?
Ein abschssiger Pfad, vom traurigen Taxus umdmmert,
Fhrt durch schweigende Stille zur unterirdischen Wohnung.
Nebel dampft unttig die Styx. Abscheidende Seelen
Steigen dort in die Tief', und bestatteter Toten Gebilde.
Blss' und Winter beherrschen den wustigen Ort; und der Geister
Neulinge schwrmen umher, unkundig des Wegs, der sie fhre
Nach der stygischen Stadt, und der Burg des dsteren Pluto.
Tausend der Eingng' hat und ringsum offene Tore
Jene gerumige Stadt. Wie ins Meer die Strme der Lnder,
Also strmen dahin die Gestorbenen alle; der Raum ist
Nie dem Volke zu eng, nie fhlt er den schwrmenden Zuwachs.
Blutlos irren die Schatten, von Fleisch entblt und Gebeinen.
Manche besuchen den Markt, und manche die Burg des Beherrschers;
Teils auch ben sie Kunst, Nachahmungen vorigen Lebens.
Dorthin duldet zu gehn, die himmlischen Sle verlassend,
(So lag Ha ihr am Herzen und Zorn!) die saturnische Juno.
Als sie nunmehr eintrat, und gedrckt von dem heiligen Leibe
Seufzte die Schwelle des Tors; da erhub drei grliche Hupter
Zerberus, und dreifaches Gebell scholl. Jene berufet
Stracks das unshnbare Grauen der nachtgeborenen Schwestern:
Vor dem demantenen Tore des fest verschlossenen Kerkers
Saen sie, dunkele Schlangen herab aus dem Haare sich kmmend.
Aber sobald sie die Gttin im finsteren Schatten erkannten,
Stauden die Furien auf. Man nennt ihn den Ort der Verdammnis.
Tityos bot zu zerfleischen das innerste Leben, indem neun
Hufen entlang er den Leib ausdehnete. Tantalus haschet
Ewig die Wasser umsonst; es entzieht die umhangende Baumfrucht.
Bald rennt Sisyphus nach, bald drngt er den Fels zu dem Absturz.
Rasch wird Ixion gedreht, und sich selbst verfolgt er, und flieht er.
Und, die tckischen Mord den eigenen Vettern bereitet,
Schpfen verrinnende Flut rastlos die belischen Jungfrau'n.
Aber nachdem sie alle Saturnia dsteren Auges,
Und vor allen Ixion, betrachtete; kehrt sie den Anblick
Wieder dem Sisyphus zu: Warum soll der von den Brdern,
Ruft sie, unendliche Strafe bestehn, weil Athamas machtvoll
Wohnt in dem stolzen Palast: der samt der Genossin mich immer
Lsterte? - Und sie erzhlt, was den Ha und die Reise verursacht,
Und den ersehneten Wunsch, da die Burg des herrschenden Kadmus
Snk', und die grausen Geschwister des Athamas zgen zur Untat.
Machtgebot und Verheiung und Flehn miteinander vermischend,
Regt sie die Gttinnen auf. Da Saturnia solches geredet,
Schttelt Tisiphone wild ihr graues verworrenes Haupthaar,
Und die umringelnden Schlangen zurck vom Gesichte sich werfend:
Keineswegs bedarf's umschweifender Worte, beginnt sie;
Achte geschehn, was du immer gebeutst; und erhebe dich, Gttin,
Aus unfreundlicher de zur Luft des besseren Himmels.
Froh kehrt Juno zurck; und bevor in dem Himmel sie eingeht,
Sprengt die thaumantische Iris der Reinigung tauende Tropfen.
Aber Tisiphone rafft die mit Blut gefeuchtete Fackel
Ungestm; und den Mantel, von triefendem Morde gertet,
Leget sie an, und grtet den Leib mit gewundener Schlange;
Und sie entstrmet dem Hause. Der Gehenden folget der Gram nach,
Angst und Schrecken zugleich, und die Wut mit krampfigem Antlitz.
Als sie die Schwelle betrat, da erzitterten, sagt man, die Pfosten
olus' Sohn'; es erblaten die Doppelflgel von Ahorn,
Sol auch wandte den Lauf. Geschreckt durch die Zeichen erhub sich
Athamas und die Genossin; sie wollten entfliehn aus der Wohnung.
Aber es droht scheuslig und hemmt die Erinnys den Ausgang.
Schrecklich die Arm' ausbreitend, von Natternknoten umzingelt,
Schttelte jene das Haar; und es scholl das bewegte Geschlngel.
Teils auf die Schulter gerollt, und teils um die Schlfen sich windend,
Zischen sie her, und speien ihr Gift, die zngelnden Schlangen.
Jetzt aus der Mitte des Haars zwei Ungeheuer sich raufend,
Fat der Verderberin Hand, und schwingt sie entgegen, Doch jene,
Vorn der Ino Gewand und des Athamas beide durchirrend,
Atmen sie strengen Gedfts Anhauch. Nicht Wunden den Gliedern
Geben sie, aber der Geist empfindet die grlichen Bisse.
Ferner brachte sie mit des lautersten Giftes Erfindung:
Schaum aus Zerberus' Maul, und fressenden Schleim der Echidna;
Unstet irrenden Wahn, und Vergessenheit dumpfer Betubung,
Frevel zugleich, und Trnen, und Grimm, und Begierde des Mordes:
Alles zusammengemengt mit frisch vergessenem Blute,
Hatt' in Erz sie gekocht, und gequirlt mit dem Schafte des Schierlings.
Und weil zagend sie stehn, da giet sie die Beize des Rasens
Beiden hinab in die Brust, und regt das innerste Herz auf
Dann in denselbigen Kreis mehrmals umwirbelnd die Fackel,
Schrt sie heftiger noch die erregete Flamme mit Flammen.
Siegreich nun, des Gebots Vollenderin, kehrt sie zum den
Reiche des mchtigen Dis, und lst die umgrtende Schlange.
Siehe, des olus Sohn schreit mutvoll mitten im Vorhof:
Auf, ihr Genossen, Io ! hier spannet die Netz' in den Wldern!
Eben erblickt' ich allhier mit Zwillingsjungen die Lwin!
Sinnlos dann, wie des Wildes, verfolgt er die Spur der Gemahlin;
Und aus dem Busen der Mutter den lchelnden kleinen Learchus
Da er die Hndchen ihm streckt, entrafft er, und hoch, wie die Schleuder,
Dreht er ihn dreimal herum, und am starrenden Felsen zermalmt er
Grimmig des Knaben Gebein. Erst jetzt wird erreget die Mutter;
Ob dies wirkte der Schmerz, ob die Kraft des verbreiteten Giftes:
Laut aufheult sie, und rennt wahnsinnig mit fliegenden Haaren.
Dich, ihr Kind, Melicertes, in nackenden Armen, ertnt sie:
Evoe, Bacchus, Io! Es lacht bei dem Namen des Bacchus
Juno, und: Solchen Gewinn verleihe dir, ruft sie, der Zgling!
Vorwrts ragt in das Meer ein Geklipp, das unten gehhlt wird
Von anschlagender Flut, wie ein Dach vor dem Regen sich schirmend;
Oben erstreckt's rauchzackig die Stirn in die offene Woge.
Diesen erklomm wahnsinnig (der Wahnsinn krftigte) Ino;
Und in die wallende Tief', ungehemmt von Bangigkeit, strzt sie
Selbst sich hinab und die Last; wei schumt die geschlagene Flut auf.
Venus, im Herzen gerhrt von der Enkelin leidender Unschuld,
Schmeichelte jetzo dem Ohm: Obwaltender Gott der Gewsser,
Welcher zunchst dem Himmel Gewalt ausbet, Neptunus!
Groes begehr' ich frwahr; doch blick' auf die Meinen erbarmend,
Die des ionischen Sunds endloses Gewog' umherwirft!
La dir Gtter sie sein! Ich selbst bin dem Meere nicht unlieb;
Wenn ja in heiliger Tief' ich einst aus gerinnendem Meerschaum
Aufwuchs, und Aphrodite daher mich nennet der Grajer!
Huldreich winkt Neptunus der Bittenden. Alles entnimmt er
Jenen, was sterblich war, und erteilt ehrwrdige Hoheit
Ihrer Gestalt; und den Namen zugleich mit der Bildung erneuend
Nennt er die Mutter des Gottes Leukothea, jenen Palmon.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / V, Perseus





























Fnftes Buch
Perseus
     
Tragend die ruchtbare Beute des natterlockigen Scheusals
Flog durch Dnne der Luft mit rauschenden Fittichen Perseus,
ber die libyschen Sande. Da siegreich jener sich fortschwang,
Trpfelten blutige Tropfen vom Haupt der Gorgo Medusa,
Welche die Erd' aufnehmend in mancherlei Schlangen beseelte:
Darum wimmelt das Land von der Brut feindseliger Wrmer.
Durch Unermeliches dann, in dem Sturm mihelliger Winde,
Hierhin nun, nun dort, wie Gewlk voll schwellenden Regens,
Schwebet er; und tief unten entfernt aus der Hhe des thers
Schaut er die liegenden Land', und ganz umfliegt er den Erdkreis.
Dreimal den klauigen Krebs, und die frostigen Brinnen sah er;
Oft zu dem Niedergang, oft ward er enttragen zum Aufgang.
Jetzt am sinkenden Tage besorgt, sich der Nacht zu vertrauen,
Stand er, wo Atlas gebot, im Bezirk des hesperischen Landes,
Wenige Frist sich nehmend zur Ruh', bis die Gluten Auroras
Lucifer rufe hervor, und Aurora die tagende Sonne.
Dort, vor den Sterblichen allen mit Riesenwuchse sich hebend,
War der gewaltige Sohn des Japetus. Unter dem Knig
War das uerste Land, und das Meer, das unter der Sonne
Keichenden Rossen sich streckt, die ermdeten Achsen empfahend.
Tausend Herden der Schaf' und des Hornviehs irreten jenem
Durch die Gefild'; und kein Anwohnender drngte die Gegend.
Laubige Sprossen des Baums, von blinkendem Golde gertet,
Spielten um goldene ste, die Frucht aus Golde beschattend.
Gastfreund, redete Perseus ihn an, wenn Ehre dich rhret
Eines erhabnen Geschlechts; von Jupiter stammt das Geschlecht mir.
Wenn du der Taten Bewunderer bist, so bewundre die meinen.
Pflege begehr' ich und Ruh'. - Doch Atlas dachte des alten
Gtterspruchs, den ihm einst die parnassische Themis geweissagt:
Kommen wird, Atlas, die Zeit, da beraubt des wachsenden Goldes
Steht dein Baum, und ein Sohn des Jupiter prangt mit der Beute.
Dessen besorgt, hatt' Atlas mit sicheren Mauern den Obsthain
Fest umschirmt, und die Hut dem gewaltigen Drachen vertrauet;
Und er verbot ungastlich den Fremdlingen allen den Zugang.
Hebe dich fort! rief jener: da nicht die Ehre der Taten,
Welche du lgst, dir entfernt, nicht Jupiter selbst dir entfernt sei!
Drohungen mischt er Gewalt, und versucht aus der Pforte zu treiben
Ihn, der weilt, und sanfte zu tapferen Worten gesellet.
Aber an Kraft ihm weichend (denn wer wohl gliche dem Atlas
Je an Kraft?). Nun, weil dir so weniges unsere Lieb' ist,
Saget er, nimm ein Geschenk! und er zeiget ihm, links von der Seite,
Selber zurck sich wendend, das wustige Haupt der Medusa.
Gro wie er war, ward Atlas ein Berg. Sein Bart und das Haupthaar
Wallen in Wlder dahin; Felshh'n sind Schultern und Hnde;
Was sonst Scheitel ihm war, ist oberster Gipfel des Berges;
Knochen erstarren zu Stein; an jeglichem Teile vergrert,
Wchst er ins Ungeheure, (so wolltet ihr, Gtter!) und ganz nun
Ruht mit allen Gestirnen auf seinem Haupte der Himmel.
olus hatte die Wind' im ewigen Kerker gebndigt
Und, ein Ermahner zum Flei, erschien am Gewlbe des Himmels
Lucifer, strahlend von Licht. Jetzt heftet sich jener die Flgel
Wieder an jeglichen Fu, und schnallt die gebogene Wehr um;
Dann durch lautere Lfte bewegt er gefittichte Fersen.
Vlker, unendlich an Zahl, diesseits verlassend und jenseits,
Schauet er Cepheus Reich, die thiopengeschlechter.
Dort war jetzt unschuldig Andromeda, Strafe zu dulden
Fr die Zunge der Mutter, vom grausamen Ammon verurteilt.
Als an dem harten Gestein sie zurck mit den Armen gefesselt
Sah der abantische Held; wenn nicht in den Haaren ein Lftchen
Spielete, nicht die Augen von zitternden Trnen ihr flssen,
Htt' er ein marmornes Bild sie gewhnt! Unwissend entbrannt er,
Staunet sie an, und, verloren im Reiz der betrachteten Bildung,
Denket er kaum zu schwingen in tragender Luft das Gefieder.
So wie er stand: Oh, sprach er, nicht solcherlei Ketten verdienst du,
Sondern womit sich einander entflammete Liebende fesseln!
ffne dem Fragenden doch den Namen des Lands und den deinen;
Auch warum du in Banden erscheinst! - Erst schweigt sie, und wagt nicht
Anzureden den Mann, die Jungfrau. Gerne das Antlitz
Deckte sie scheu mit den Hnden, wenn nicht gebunden sie wre;
Was sie vermag, die Augen erfllt sie mit quellender Wehmut.
Dringend erneut er die Frag'; und, damit nicht eigne Verbrechen
Sie zu verheimlichen scheine, den Namen des Lands und den ihren,
Und wie hoch sich die Mutter verma im Stolze der Schnheit,
Meldet sie. Aber noch nicht war alles verkndiget; pltzlich
Rauschte die Flut, und es kam ans unendlichen Wogen ein Untier,
Ragend das Haupt, breit unter der Brust die Gewsser bedeckend.
Laut aufschreie die Gebundne: der Vater in Gram und wie sinnlos
Eilt die Mutter daher, beid' elend, schuldiger jene.
Aber Errettung nicht, nur wohlverdienete Trnen,
Jammer nur bringen sie mit, und schmiegen sich fest um die Tochter.
Jetzo begann der Fremdling: Zu Trnen ist immer hinfort noch
Zeit euch genug; doch zur Rettung ist wenige Frist uns vergnnet!
Wrb' ich Perseus um diese, von Jupiter stammende und jener,
Welcher der Gott im Verschlo mit befruchtendem Golde genahet.
Ich, der umschlngelten Gorgo Eroberer Perseus, der herzhaft
Durch die therischen Hh'n mit geschwungenen Flgeln einherging;
Allen ja trt' ich zuvor als Eidam. Solcherlei Aussteu'r
Durch ein Verdienst zu erhh'n, willfahren mir Himmlische, tracht' ich.
Mir zu eigen gelobt sie, wofern mein Arm sie errettet.
Gern empfahn die Bedingung (wer zweifelte jetzo?) und flehend
Bieten sie noch ihr Reich zur Brautaussteuer, die Eltern.
Siehe, wie schnell anrauschend ein Schiff mit spitzigem Schnabel
Spaltet die Flut, wann in Schwei die Arme der Jnglinge rudern:
Also scho mit der Brust durch getrennete Wogen das Scheusal,
Nicht mehr weiter vom Felsen entfernt, als mchtig die Luft durch
Fliegt das gewirbelte Blei aus der balearischen Schleuder.
Pltzlich erhebt sich der Held, der das Land mit den Fen
zurckstt,
Hoch zu den Wolken empor. Doch sobald auf dem Meere das Untier
Sah den Schatten des Mannes, so wtet es gegen den Schatten.
Wie wenn Jupiters Vogel, sobald er im freien Gefilde
Sah an der Sonne gestreckt mit blulichem Rcken den Drachen,
Rasch den gewendeten fat; und damit er das grliche Haupt nicht
Drehe, dem schuppigen Hals eindrngt die begierigen Krallen,
So in beschleunigtem Flug, vorwrts durch die Leere sich schwingend,
Drngt' er den Rcken des Tiers, der inachische Kmpfer, und tauchte
Rechts in des schnaubenden Bug bis zum krummen Hefte das Eisen.
Schwer von der Wunde verletzt, erhebt es sich bald in die Lfte
Hochauf; bald fhrt's unter die Flut; bald dreht's wie ein Eber
Wild sich herum, den der Hunde Gewhl umscheucht mit Gebelfer.
Doch, wie begierig es schnappt, er entflieht auf hurtigen Flgeln.
Rings darin, jetzt ihm den Rcken, umstarrt von geschildeten Muscheln,
Jetzt die Rippen der Seit', und jetzt, wo der Schwanz sich verdnnend
Endet zum Fisch, zerfetzt er mit sichelfrmigem Sbel.
Aber das Untier speit mit purpurnem Blute vermischte
Strm' empor; und es triefen, beschwert von Bespritzung, die Flgel.
Perseus wagt nicht lnger der schlrfenden Fersenbefiedrung
Sich zu vertraun; er erblickte den Fels, des oberster Gipfel
Ragt aus der stehenden Flut, vom wallenden Meere bedeckt wird.
Dort gestemmt, mit der Linken die vordersten Zacken umfassend,
Drnget er drei-, viermal in die Weichen des Bauchs ihm das Eisen.
Jubel erschallt und Klatschen vom Strande des Meers zu der Gtter
Himmlischen Wohnungen auf. sie freun sich, und gren den Eidam,
Danken dem Schutz des Hauses, und preisen ihn Retter und Heiland,
Cepheus der Vater zugleich und Kassiope. Frei nun der Fessel,
Wandelt die Jungfrau her, Ursach' und Belohnung der Arbeit.
Selbst nun splet der Held die siegenden Hnd' in der Woge.
Aber damit er nicht schade dem Schlangenhaupt in dem Meerkies,
Lockert er Laub auf die Erd', und im Abgrund wachsende Reiser
Streut er, und leget darauf das Gesicht der Phorkide Medusa.
Siehe das Reis, noch frisch, und mit saugendem Marke belebet,
Raffte des Scheusals Kraft, und erhrtete von der Berhrung;
ste zugleich und Bltter umzog fremdartige Starrheit.
Staunend nahn die Nymphen des Meers, und versuchen das Wunder
Noch an mehreren Reis, und freuen sich gleichen Erfolges.
Samen davon erneun sie, umher durch die Wogen ihn streuend.
Und auch jetzt ist gleiche Natur den Korallen geblieben:
Da von berhrender Luft sie Hrt' annehmen, und, was erst
Schmeidig am Meergrund wuchs, gleich ber dem Meer sich versteinert
Jetzt drei Gttern erhebt drei Rasenaltre der Sieger:
Links dem Merkurius einen, und rechts dir, kriegrische Jungfrau;
Mitten ist Jupiters Herd. Es blutet die Kuh der Minerva:
Und dem Geschwingten das Kalb; und der Farr dir, Knig der Gtter.
Stracks die Andromeda nimmt er, der groen Tat zur Belohnung,
Ohn' aussteurendes Reich. Ihm schwingt Hymenus und Amor
Brutlichen Kien; es dampfen von reichlichen Dften die Feuer;
Laub und Blume bekrnzen das Haus; die Gitarr' und die Lyra,
Auch die Schalmei, und Gesang, glckseliger Herzen entzckter
Ausruf, tnet umher; mit entriegelten Pforten geffnet,
Strahlen in Gold die Gemcher; es nahn zu des Knigs kstlich
Prangendem Hochzeitsmahl die cephenischen Vlkergebieter.
Als nach vollendetem Schmaus vom Geschenk des edelen Bacchus
Allen das Herz anschwoll; nach der Art und Sitte des Landes
Fragt der Abantier nun. Und sobald dem Fragendes solches
Einer die Gste gelehrt: Wohlan, o tapferer Perseus,
Redet er, melde mir jetzt, durch welcherlei Knste, durch welche
Tugenden, du dir gewannst dies drachenhaarige Antlitz.
Drauf der Spro des Agenor: Es lieg' am frostigen Atlas,
Sagt er, ein Ort, durch Mauern umschanzender Blcke gesichert;
Wo, in des Tals Eingang, zwo Schwestern gewohnt, die Phorkiden,
Beide des einzelnen Augs teilnehmende; dieses, indem sie
Wechselten, hab' er geheim, durch tuschenden Trug sie belistend,
Mit vorgreifender Hand sich geraubt. Dann fern durch entlegnes,
Unwegsames Geklft, und von Waldungen starrende Felsen,
Hab' er den Sitz der Gorgonen erreicht, und umher in den Feldern
Und an den Wegen geschaut der Menschen Gebild', und der Tiere,
Welche zu Stein aus beseelten der Anblick schuf der Medusa.
Aber er selbst, an der Linken mit schrecklichem Schilde gewappnet,
Hab' in dem spiegelnden Erz die Gestalt der Medusa geschauet;
Und weil schwer der Schlummer sie selbst und die Schlangen betubte,
Hab' er dem Hals entrissen das Haupt; da mit Fittichen fliegend,
Pegasos, samt dem Bruder, vom Blut der Erzeugerin aufwuchs.
Aber nicht falsche Gefahren des langen Laufes erzhlt er:
Welche Sund' und Lnder er unter sich schaut' aus der Hhe,
Welche Gestirn' er sogar mit geschwungenen Fittichen rhrte.
Whrend dies in dem Kreise cephenischer Frsten erzhlet
Danaes Heldensohn, da erfllt des Kniges Sle
Dumpf aufbrausender Lrm: und nicht hochzeitliche Feier
Singt das rohe Geschrei, es verkndiget tobende Waffen.
Und aus gastlichem Schmause so schnell vorbrechender Aufruhr
War dem Meer zu vergleichen, das wild nach ruhiger Stille
Rasender Winde Gewalt aufstrmt in erhobene Brandung.
Phineus zuerst, Urheber des unbesonnenen Krieges,
Schttelnd den eschenen Speer mit vorgespitzetem Erze:
Schaue mich, sprach er, bereit, die entrissene Gattin zu rchen!
Nicht soll jetzt das Gefieder, noch dein zu Golde geflschter
Jupiter, mir dich entziehn! - Er wollt' ausschwingen; doch Cepheus
Rief ihm: Was machst du, Bruder? und welch ein Gedanke des Wahnsinns
Treibt dir zum Frevel das Herz? So lohnest du solchem Verdienste?
Dies dein brutlich Geschenk fr unserer Tochter Erhaltung?
Welche dir Perseus nicht, wenn du Wahrheit suchest, genommen;
Nein, mir Nereus' Tchter, die zrnenden; nur der gehrnte
Ammon, nur das in Wut annahende Scheusal des Abgrunds,
Lechzend mein Kind zu verschlingen! Geraubt dir wurde sie damals,
Als zum Verderben sie ging! Wofern nicht grade du forderst,
Grausamer, da sie verderb', und an unserem Kummer dich weidest!
Traun, nicht ist es genug, da man dir vor den Augen sie anschlo,
Und da keinerlei Hilfe du Ohm und Brutigam brachtest!
Oben darein, da jemand sie rettete, willst du betrauren,
Und ihm entraffen den Preis! Wenn dieser so gro dir erscheinet,
Warum nicht von dem Fels, wo geheftet er war, ihn geholet?
Nun la, der ihn geholt, durch den mein Alter nicht d' ist,
Nehmen, was Wort und Verdienst ihm sicherte! Denke, da dir nicht
Vorgezogen er sei, vielmehr dem entschiedenen Tode.
Nichts antwortete jener; ihn selbst abwechselnd und Perseus
Funkelt' er an, unschlssig, ob den, ob jenen er treffe.
Und nach kurzem Verzug, da schwang er die Lanze mit Kraft um,
Wie sie gewhrte der Zorn, und auf Perseus schnellt' er den Fehlschu.
Als sie dem Polster entragt', erst jetzo sprang von dem Lager
Perseus empor; und zurck das Gescho ihm sendend in Unmut,
Brch' er die feindliche Brust: doch hinter den Opferaltar floh
Phineus, und, ach, unwrdig! es barg der Altar den Verbrecher!
Aber die Stirn des Rhtus durchdrang nicht eitel die Spitze.
Jener sank; und sobald sie den Stahl aus dem Schdel gezogen,
Zappelt er, rot mit Blut die gestelleten Tische besprengend.
Jetzo lodert die Meng' in ungebndigtem Zorn auf;
Ringsher schnellt man Gescho; ja mancher schreit, es verdiene
Cepheus selbst und der Eidam den Tod. Doch gegangen war Cepheus
ber die Schwelle des Saals, anrufend das Recht und die Treue,
Auch die gastlichen Gtter, er sei unschuldig des Aufruhrs.
Pallas, die Kriegerin, naht, und bedeckt mit der gis den Bruder,
Hauchend ihm Mut. Dort war ein Indier Athis, den weiland
Ganges' Tochter Limnate gebar in kristallener Grotte:
Von vorragender Schne, die noch sein kstlicher Anzug
Mehrete, frisch von Kraft, ein sechzehnjhriger Jngling.
Tyrisches Kriegsgewand, umringt mit goldner Verbrmung,
Hllte den Leib; es prangt' ein goldnes Gehenk an dem Halse,
Und ein gekrmmetes Band um das myrrhenduftende Haupthaar.
Stets mit geschwungenem Spie auch noch so Entferntes zu treffen,
War ihm kundig die Hand, doch kundiger, Bogen zu spannen.
Jetzt auch bog er bereits die geschmeidigen Hrner; doch Perseus,
Raffend den Brand, der rauchend den Herd des Altares bedeckte,
Schlug, und verwstete stracks in zersplitterten Knochen das Antlitz.
Diesen sah, wie in Blut sein holdes Gesicht er herumwarf,
Lykabas nun, der assyrische Held, stets jenem vereinigt,
Als Gefhrt', und Bekenner der ungeheuchelten Liebe;
Und da er Athis beweint, der, matt von der bitteren Wunde,
Jetzo den Geist aushauchte; da nahm er den Bogen, den ehmals
Jener gespannt, und sagte: Mit mir sei jetzo der Kampf dir!
Auch wird nicht gar lange des Jnglinges Tod dich erfreuen,
Der mehr Ha dir bringet, denn Lob! - Noch hatt' er nicht alles
Ausgesagt; da entsprang der durchdringende Pfeil von der Sehne:
Jener vermied, doch haftet' er ihm in dem faltigen Kleide.
Gegen ihn wandte die Wehr, erprobt durch den Mord der Medusa,
Er des Akrisius Sohn, und stie in die Brust sie. Doch jener,
Sterbend schon, da die Augen in Todesdunkel ihm schwammen,
Schaute nach Athis umher, und lehnte sich nieder auf Athis,
Und nahm mit zu den Manen den Trost des vereinigten Todes.
Siehe, der Libyer dort, Amphimedon, und der Syener,
Phorbas, Methions Sohn, voll Gier, in den Kampf sich zu mischen,
Waren im Blut, das umher den laulichen Boden gefeuchtet,
Beid' ausgleitend gestrzt: an dem Aufstehn hindert das Schwert sie,
Welches Amphimedons Rippen durchdrang, und die Kehle des Phorbas.
Erithos, Aktors Sohn, dem breit die gedoppelte Streitaxt
Schimmerte, sank nicht unter des Perseus Schwerte; den Mischkrug,
Hoch mit Gebild vorragend, und schwer vom Gewichte des Erzes,
Diesen gewaltigen hebt mit beiden Hnden der Halbgott,
Schwingt, und zerschmettert den Mann: flugs speit er rtliches Blut aus,
Rcklings gestreckt, und schlgt mit sterbender Scheitel das Estrich.
Jetzt der Semiramis Sohn Polydmon, Abaris jetzo,
Welcher vom Kaukasus kam, und den Spercheiaden Lycetus,
Klytus, und Phlegyas jetzt, und den ungeschorenen Elyx,
Streckt er, da hoch einher auf der Sterbenden Haufen er wandelt.
Phineus wagete nicht, in der Nhe dem Feind zu begegnen,
Sondern er schwingst den Speer: den trgt auf Idas der Irrweg,
Welcher umsonst, teillos des Gefechts, sich der Waffen enthalten.
Dster das Auge gewandt auf den unbarmherzigen Phineus:
Soll ich durchaus teilnehmen, so rufet er, habe denn, Phineus,
Welchen du wolltest, den Feind; und empfah fr die Wunde die Wunde!
Schon den entzogenen Speer ihm zurckzusenden verlangt' er,
Aber er sank in die Kniee, die leer des Blutes erschlafften.
Auch nach dem Knige selbst der Cephenier Erster, Odites,
Lag durch Klymenus' Schwert; den Protenor ttete Hypseus;
Diesen des Lynkeus Sohn. Ein Emathion war in der Anzahl,
Hochbejahrt, Wahrnehmer des Rechts, und Verehrer der Gottheit,
Der, weil schon sein Alter am Kampf ihn hinderte, redend
Kmpft, und sie laut anfhrt, und die frevelen Waffen verwnschet.
Wie er mit bebender Hand den Altar umfing, so entmht' ihm
Chromis das Haupt mit dem Schwert; und es taumelte auf den Altar hin,
Wo die ersterbende Zunge mit schwachem Laut, wie Verwnschung,
Lallete, dann in die Mitte der Glut aushauchte den Atem.
Broteas drauf und Ammon, der Zwillingsbrder, mit Riemen
Unbesiegt, wenn der Arme Geriem obsiegte den Schwertern,
Sanken durch Phineus' Hand in den Staub. Auch der Priester der Ceres,
Ampykos, wei um die Schlfen mit heiliger Binde geschleiert.
Du auch, Japetos' Sohn, nicht solcherlei Diensten gewidmet;
Sondern ein friedliches Werk, die Gitarr' im Gesange zu rhren.
Dir befahl man zu feiern mit wonnigen Tnen den Festschmaus;
Doch wie ferne du standst, unkriegrisches Spiel in den Hnden:
Geh! sprach Pettalus lachend, das brige singe den Manen
Drunten am Styx; und er bohret den Dolch ihm links in die Schlfe.
Dieser sinkt, und im Fallen berhrt sein sterbender Finger
Noch das besaitete Spiel, das sanft wie Klagegetn scholl.
Nicht unbestraft lt jenen der ungestme Lykormas;
Sondern rechts von der Pfoste den stmmigen Riegel sich brechend,
Schmettert er ihm die Gebeine gerad am Nacken. Doch jener
Taumelte nieder in Staub, nach Art des geschlachteten Stieres.
Pelates auch nun strebt, der Cinyphier, links von der Pfoste
Abzureien den Baum: da durchbohrt mit der Spitze die Hand ihm
Korythos, Frst des marmarischen Volks, da am Holze sie haftet.
Abas stt in die Seite des Haftenden; und er entsinkt nicht;
Sondern es hngt an der Pfoste des Sterbenden Rechte befestigt.
Siehe, auch Melaneus sinkt, des Perseus Sache verfechtend;
Dorylas auch, der reichste des Nasamonengebietes,
Dorylas, reich an Gebiet: kein anderer hatte Besitzung
Weiter umher, noch trug er soviel des Getreids in die Speicher.
Schrg her stand ihm geschnellt im unteren Bauche das Eisen,
Wo schnell ttet der Tod. Halcyoneus, der ihn verwundet,
Sah, der Baktrierfrst, wie er matt ausschluchzte den Atem,
Drehend den Blick: Nimm, sprach er, soviel du bedeckst von der Erde,
Nach so reichem Gebiet! und verlie den entbluteten Leichnam.
Rchend schwinget den Speer, den der warmen Wund' er entraffte,
Ihm der abantische Held; und mitten die Nas' ihm durchschlpfend,
Fuhr sie zum Nacken hinaus, und ragt' an jeglicher Seite.
Und, wie das Glck ihn lenkt, auch Klytios streckt er, und Klanis,
Gleicher Gebrerin Frucht, an verschiedener Wunde verblutend:
Klytios' Hften hindurch, aus gewaltigem Arme geschleudert,
Strmte die Esch', und es klirrt' in Klanis' Munde der Wurfspie.
Jetzt war Keladon hin, der Mendesier: jetzo auch Astreus,
Den vom bezweifelten Vater die Palstinerin aufzog.
Auch thion der Seher, vor dem scharfahnend die Zukunft,
Nun vom trgenden Vogel getuscht; und Thoaktes, des Knigs
Waffengeno; und, berchtigt als Vatermrder, Agyrtes.
Viel war getan, doch mehreres nach: denn all auf den einen
Strmen sie, lechzend nach Mord; das Gewhl der Verschworenen kmpfet
Rings fr jenen daher, der Verdienst anfeindet und Treue.
Ihm sind der redliche Schwher umsonst, und die brutliche Gattin,
Samt der Erzeugerin hold, und erfllen den Saal mit Gejammer.
Aber das Waffengerusch tnt vor, und der Fallenden Angstruf;
Und, da sie einmal entheiliget sind, umstrmt die Penaten
Ganz Bellona mit Blut, und mischt die erneueten Kmpfe.
Rings um den einen ist Phineus gestellt, und die Scharen des Phineus,
Tausende! hufiger fliegt das Gescho, wie der winternde Hagel,
Jegliche Seite vorbei, und die Augen vorbei, und die Ohren.
Jetzt an der Sule Gestein, der erhabenen, drngt er die Schulter;
So im Rcken geschirmt, und vorn auf die Scharen gerichtet,
Hlt er den Ansturz auf. Nun strzten heran von der Linken
Molpeus, Chaonias Brger, und rechts Nabathas Ethemon.
Wie vom Hunger gespornt die Tigerin, wann in dem Tale
Hier und dort sie gehrt zwei brllende Rinderherden
Zweifelt, wohin sie sich wende, nach der und jener verlangend:
So auch zweifelte Perseus, ob links, ob rechts er bestrme;
Endlich fernt er Molpeus zuerst mit verwundetem Schenkel,
Wohl vergngt mit der Flucht: denn Zeit nicht gnnet Ethemon;
Sondern in rasender Gier, ihm oben den Hals zu verwunden,
Eiferig schwingend das Schwert mit unvorsichtigen Krften,
Brach er es: dort an dem uersten Rand des geschlagenen Pfeilers
Sprang auseinander die Kling', und fuhr in die Kehle dem Eigner.
Dennoch gab zum Tode noch nicht zureichenden Antrieb
Jener Schnitt: wie er zagt', und umsonst die entwaffneten Arme
Aufhub, streckt' ihn der Held, durchbohrt mit cyllenischem Sbel.
Aber da Perseus sah, die Tapferkeit weiche dem Schwarme:
Hilfe, wohlan! so rief er, dieweil ihr selber mich ntigt,
Werd' ich vom Feind mir suchen! Hinweg hebt alle das Antlitz,
Wer ein Gewogener ist! und das Haupt der Gorgo entblt' er.
Andre gesucht, die das Wunder von dir angaffen! erwidert
Theskelos; und wie die Hand zu entsenden den tdlichen Wurfspie
Trachtete, stockt' er in dieser Gebrd', ein marmornes Bildnis.
Ampyx, diesem zunchst, lief gegen des Akrisiaden
Mutbeseelete Brust mit dem Schwert an; aber im Anlauf
Starrete pltzlich die Hand, nicht rckwrts knnend noch vorwrts.
Nileus drauf, der den Sohn des siebenstrmigen Nilus
Falsch sich immer genannt, der auch auf dem Schilde die sieben
Strmungen teils aus Silber und teils aus Golde gemeielt:
Schaue doch, rief er, o Perseus, den Ursprung unseres Stammes!
Gro wird bleiben der Trost bei den schweigenden Schatten des Todes,
Solchem Manne gefallen zu sein! - Das Ende des Rufes
Ward ihm mitten im Tode gedmpft; fortreden zu wollen
Schien der geffnete Mund; doch den Durchgang wehrt' er den Worten
Laut fuhr Eryx sie an: Durch Schuld des Mutes erstarrt ihr,
Sprach er, und nicht des gorgonischen Haars! Strmt alle zum Einhaun!
Streckt zur Erde den Jngling, der magische Waffen beweget!
Einhaun wollt' er im Sturm; doch es hielt der Boden den Futritt,
Unbewegt stand jener, ein Stein in gewappneter Bildung.
Alle sie trugen indes verschuldete Strafen. Doch einer
Kmpfte fr Perseus mit; und indem noch kmpfet Akonteus,
Schaut er der Gorgo Gestalt, und erstarrt zu gediegenem Felsen.
Aber Astyages schwingt, fr belebt ihn haltend, mit langem
Schwerte den Hieb, da ertnt von hellem Geklinge das Schwert ihm.
Whrend Astyages staunt, hat gleich Natur ihn umhllet;
Und des Bewundernden Mien' ist noch im marmornen Antlitz.
Sumnis wr' es, die Namen Geringerer alle zu nennen:
Noch zwei Hunderte waren der Heerschar brig zum Kampfe,
Und zwei Hunderte starrten vom Blick des gorgonischen Hauptes.
Endlich gereut der Krieg, der ungerechte, den Phineus.
Doch was zu tun? Rings schaut er die vielgestalteten Bilder;
Und er erkennt die Freund', und jeglichen rufend mit Namen,
Fordert er Schutz; noch glaubet er nicht, und die nchsten Gestalten
Rhret er: Marmor war's! Er wendet den Blick, und in Demut,
Seitwrts die Arme gestreckt, und die Schuld abbittende Hnde:
Perseus, ruft er, du siegst! O hinweg das entsetzliche Scheusal!
Nimm das versteinernde Haupt, wer immer sie sei, der Medusa!
Nimm es, ich flehe, hinweg! Nicht Ha, noch Begierde der Herrschaft,
Fhrte ja uns in den Streit; fr die Braut erhuben wir Waffen!
Besseren Anspruch gab das Verdienst dir, aber die Zeit uns!
Da ich dir nicht einrumte, verdreut! Nichts, tapferer Held, nichts,
Nur dies Leben vergnne du mir; sei das brige deines!
Als dies jener gesagt, und auf ihn, den die Stimme nur anrief,
Niemals wagte zu schaun: Feigherziger, rief er, o Phineus,
Was ich vermag zu gewhren, ein groes Geschenk dem Verzagten,
Hemme die Furcht! das gewhr' ich: dich soll kein Eisen verletzen.
Ja, ein dauerndes Mal fr die Ewigkeit stift' ich dir jetzo;
Und stets werde geschaut in den Wohnungen unseres Schwhers:
Da sich trste mein Weib an des frheren Brutigams Bildnis.
Perseus sprach's; und das Haupt der Phorkynerin wendet er dorthin,
Wo mit banger Gebrd' hinfloh der erschrockene Phineus,
Da er den Blick noch jetzo herumzudrehen sich anstrengt,
Starret der Hals, und in Felsen erharscht die Feuchte der Augen.
Aber die ngstliche Miene der Demut blieb in dem Marmor,
Seine gerungenen Hnd', und die tief abhngige Stellung.
Siegreich kehrt der abantische Held mit der Gattin zur Heimat,
Argos. Dort als Rcher des unverdienenden Vaters,
Naht er dem Prtus im Zorn. Denn mit Kriegsmacht scheuchte der Bruder
Prtus, und eignete sich des Akrisius trmende Berghh'n.
Weder der Waffen Gewalt, noch die bel gewonnenen Berghh'n,
Schtzten ihn gegen das grasse Gesicht des umschlngelten Scheusals.
Doch hat dich, Polydektes, o Frst der kleinen Seriphos,
Weder des Jnglinges Mut, den so viel Kmpfe bewhret,
Noch sein Leiden erweicht; unerbittlichen Ha ohn' Erbarmen
bst du Grausamer noch, und nhrst unbillige Feindschaft.
Selber den Ruhm verkleinert dein Mund; denn gefabelt, erklrst du,
Sei der Medusa Mord. Fr die Wahrheit, redete Perseus,
Stellen wir Pfand! Hemmt alle den Blick! Und des Kniges Antlitz
Ward vom Medusengesicht blutlos zum Granite verwandelt.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / V, Die Musen





























Die Musen
     
Eilend ging in hohlem Gewlk die tritonische Pallas
Zum jungfrulichen Berge des Helikon ber die Meerflut.
Also redete sie zu den neun tonkundigen Schwestern:
Uns erscholl das Gercht des neu entsprungenen Bornes,
Den der medusische Gaul, der geflgelte, brach mit dem Hufschlag.
Dieses bewog mich zu gehn, um selbst die Wundererscheinung
Anzuschaun; ihn sah ich aus Mutterblute gezeuget.
Drauf Urania so: Was auch dich beweget, o Gttin,
Unsere Wohnung zu sehn; uns sehr willkommen erscheinst du.
Wahr ist indes das Gercht, und Pegasus brachte den Ursprung
Diesem Quell. Und sie fhrte zum heiligen Sprudel die Pallas.
Als sie lange bewundert des Hufschlags quellende Wasser,
Schaut sie umher die Haine der altertmlichen Waldung,
Und die Geklft', und die Kruter, gemalt mit unzhligen Blumen;
Und: Glckselige, ruft sie, zugleich an Geschft und an Wohnung,
Ihr, der Mnemosyne Tchter! Da redete eine der Schwestern:
O wenn Tugend dich nicht zu hheren Taten entflammte,
Du zur Genossin bestimmt, Tritonia, unseres Chores!
Wahr ist die Red', und mit Recht wird Kunst gepriesen und Wohnung.
Ja, ein liebliches Los empfingen wir, wren wir sicher.
Aber (so gar nichts achtet ein Frevler!) alles erschrecket
Uns jungfruliche Seelen; es schwebt der grause Pyreneus
Vor dem Gesicht; kaum jetzo noch kehrt mir ganz die Besinnung!
Daulischer Fluren Bezirk und phocescher hatte der Wtrich
Inne mit thrazischer Macht; und gesetzlos herrscht' er mit Willkr.
Einst den parnasischen Tempel besuchten wir. Jener erblickt' uns
Wandelnde; und mit Verehrung geheuchelten Dienstes sich nahend:
Weilt, mnemonische Mdchen (er kannt' uns), weilet ein wenig,
Sprach er; und lat mein Haus vor der Wut des Gestirns und des Regens
(Denn es regnete sehr) euch verteidigen! Oft ja in Httlein
Traten die Oberen ein! - Durch Zeit und Worte gentigt,
Folgen wir willig dem Mann, und gehn in die vordersten Zimmer.
Bald war der Regen verrauscht; es besiegeten Norde den Sdwind,
Und das braune Gewlk zerflog am gereinigten Himmel.
Gehn war unser Begehr; doch Pyreneus, schlieend die Wohnung,
Drohte Gewalt, der wir mit genommenen Schwingen entflohen.
Hoch auf der Burg stand jener, zu folgen bereit sich gebrdend,
Und: Wo Bahn ist fr euch, dort, rufet er, wird sie fr mich sein!
Und er entspringt wahnsinnig dem obersten Gipfel des Turmes:
Aber er strzt auf das Haupt, und dumpf, mit zerschmettertem Schdel,
Schlgt er sterbend den Grund, vom frevelnden Blute gertet.
Also erzhlte die Muse; da rauscht' ein Geflgel die Luft durch,
Und ein krchzender Gru ertnete hoch von den sten.
Pallas schauet empor, und, woher so deutliche Rede,
Forschet sie rings, und whnt, da menschliche Zunge geredet.
Vgel waren es: neun an der Zahl, ihr Schicksal bejammernd,
Saen sie hoch im Gezweige, die allnachahmenden Elstern.
Zur anstaunenden Gttin begann die Gttin: Auch jene
Mehreten jngst den geflgelten Schwarm, in der Wette besieget.
Pieros, reich an Gefild', erzeugte sie, wohnend in Pella;
Dem sie Euippe gebar, die Ponerin. Neunmal erschien ihr
In neunmaligen Wehn die gerufene Macht der Lucina.
Stolz ob der Anzahl blht sich der Schwarm der trichten Schwestern.
So viel Stdte hindurch, der Hmonier und der Acher.
Kommen sie her, und reizen mit solcherlei Rede den Wettkampf.
Hret doch auf, zu tuschen das ungewitzigte Vlklein
Durch geistleeres Getn! Mit uns, wenn ihr selber euch trauet,
Thespische Gttinnen, kmpft! Nicht Stimme noch Kunst ist geringer
Uns, und die Anzahl gleich. Auf, rumt entweder besieget
Uns den medusischen Born und Hyantias Quell Aganippe;
Oder von uns wird gerumt, bis zu den beschneiten Ponern,
Euch die ematische Flur. Den Kampf entscheiden die Nymphen.
Schimpflich war's sich messen im Kampf, doch weichen erschien noch
Schimpflicher. Treue beschwren bei heiliger Flut die erwhlten
Nymphen, und setzen sich hin auf Bnke von lebendem Marmor.
Ohne zu losen beginnt, die zuerst dem Streite sich darbot:
Krieg der Unsterblichen singt sie; und falschen Ruhms die Giganten
Wrdigend, krnkt sie die Taten der ewig waltenden Gtter.
Aufgesandt aus den Tiefen des Erdreichs, habe Typhoeus
Furcht den Himmlischen allen erregt, da alle den Rcken
Wandten zur Flucht; bis die Matten zuletzt die gyptische Flche
Aufnahm, und der in sieben Ergieungen strmende Nilus
Dort auch verfolgt', erzhlt sie, der Erdgeborene Typhoeus;
Und erlogne Gestalt umhllete jeden der Gtter.
Fhrer der wolligen Trift ward Jupiter; welcher daher noch
Jetzt mit gekrmmtem Gehrne sich zeigt, als libyscher Ammon.
Delius barg sich im Raben, der Semele Sohn in dem Geibock,
Juno in schimmernder Kuh, in Gestalt der Katze Diana,
Venus schlpft' in den Fisch, der Cyllenier flattert als Ibis.
Solches sang zur Gitarre des Pieros tnende Tochter.
Wir Aoniden vertraun der Kalliope unseren Wettkampf.
Diese, das wallende Haar im Efeukranze gesammelt,
Tritt hervor, mit dem Daum sanfttnende Saiten versuchend;
Und dem geschlagenen Spiele gesellet sie hohe Gesnge,
Preisend der Ceres Geschenk, und ihres Triptolemos Luftfahrt:
Wie sie zuerst aufschollte das Land, und mildere Nahrung
Schuf und mildere Sitte den Sterblichen und die Gesetze;
Da durch Ceres Geschenk sie menschlicher wurden und frmmer.
Jetzo beschlo den Gesang die erhabenste unseres Reigens.
Aber die Nymphen erkannten den helikonischen Jungfrau'n
Mit eintrchtigem Spruche den Sieg. Als drauf die Besiegten
Schmheten: Weil euch demnach, durch den Wettkampf Strafe verdienen,
Sprach sie, zu wenig noch ist, und Lsterung ihr der Verschuldung
Zufgt, und nicht einmal die freie Geduld uns gegnnt ist;
Wohl! so verlangen wir Bu', und folgen dem rchenden Zorne!
Lachend hrt's die Emathierschar, und verachtet die Drohung.
Doch da zu reden sie trachten, und laut mit Geschrei zur Verruchtheit
Auszustrecken die Hnde, da sehn sie Gefieder hervorgehn
Ganz an die Ngel hinab, und Flaum die Arme bedecken.
Ein' an der anderen schaut, wie der Mund zum starrenden Schnabel
Spitz sich engt, und ein Vogelgeschlecht den Waldungen zuwchst.
Jammernd wollen sie schlagen die Brust; die geregeten Arme
Schwingen sie hoch in die Lfte, die walddurchkrchzenden Elstern.
Jetzt noch bleibt dem Gevgel die alte Beredsamkeit brig,
Heiserer Kehlen Geschwtz, und die Sucht, unmig zu plaudern.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / V, Ceres





























Ceres
     
Ceres zuerst hat Schollen mit hakigem Pfluge gewhlet;
Ceres zuerst gab Frchte dem Land und mildere Nahrung:
Ceres gab die Gesetze; durch Ceres' Geschenk sind wir alles.
Jene gebhrt mir zu singen. O knnt' ich nur wrdig der Gttin
Singen ein Lied! Doch die Gttin ist wenigstens wrdig des Liedes.
Eine gewaltige Insel bedeckt gigantische Glieder,
Trinakris: schwer auflassend dem ungeheuren Typhoeus,
Drnget sie ihn, der gewagt, therische Sitze zu hoffen.
Zwar strebt jener empor, will oft aufstehen, und mht sich:
Aber die Rechte bedeckt der ausonische Felsen Peloros;
Du, Pachynos, die Link'; und die Schenkel ihm zwngt Lilybos;
tna belastet das Haupt, wo, dem Grund' anlehnend den Rcken,
Sand ausspeiet und Glut aus entsetzlichem Rachen Typhoeus.
Oftmals ringt er, mit Macht hinwegarbeitend die Erdlast,
Da er die trmenden Stdt' und Gebirg' abwlze vom Leibe.
Davon erbebet das Land; und es zagt der Knig der Geister,
Da ihm zerspalte der Boden in weit aufghnender ffnung,
Und eindringender Tag die zitternden Schatten erschrecke.
Bange vor solchem Verderb enteilte der finsteren Wohnung
Jetzt der Tyrann, und im Wagen von dunkelen Rossen gefhret,
Mustert' er rings des sikulischen Lands Grundfesten mit Vorsicht.
Als er genau nun erforscht, es wackele nirgend ein Ort ihm,
Und die Besorgnis verschwand; da sahe den Schweifenden Venus,
Sitzend auf Eryx Hh'n, und sprach, den Knaben umarmend:
Du mir Waffen und Arm, und meine Gewalt, o Erzeugter!
Nimm das Gescho, Kupido, womit du alle besiegest;
Und in die Brust des Gottes entsende mir hurtige Pfeile,
Dem das uerste Los zufiel des gedrittelten Reiches.
Du kannst Gtter und Jupiter selbst, du Mchte der Meerflut
Bndigen, du selbst ihn, der beherrscht die Mchte der Meerflut.
Was soll der Tartarus ruhn? Warum nicht dehnst du die Herrschaft,
Dein und der Mutter zugleich? Hier gilt's ein Drittel des Weltalls!
Dennoch wird sie sogar in unserem Himmel verachtet,
Solche Gewalt! und es schwinden mit mir die Krfte des Amor.
Siehest du nicht, wie Diana die Jgerin, nicht, wie Minerva
Schon sich gewendet von mir? Auch der Ceres Tochter ist Jungfrau,
Wenn wir's dulden, hinfort; denn sie hegt die selbige Hoffnung
Auf denn! fr das gemeinsame Reich, wenn ich Liebe noch finde,
Fge die Gttin dem Ohm! - So redete Venus, doch Amor
Lst den Kcher und legt, nach der Wahl der Mutter, aus tausend
Einen der Pfeile zurck; nicht spitziger drohet ein andrer,
Noch fehlloseren Flugs, noch mehr der Senne gehorchend.
Jetzo krmmt er das Horn mit angestemmetem Kniee,
Und durchbohret das Herz mit hakigem Rohre dem Pluto.
Ein tiefflutender See ist Hennas Mauren benachbart,
Pergus mit Namen genannt. Nicht hufiger hret Kaystros
Schwanengesng', als dieser, in sanft hingleitenden Wassern.
Ringsher krnzen die Flut Umwaldungen, welche bestndig,
Wie mit laubigem Teppich, die Glut abwehren des Phbus.
Khlung streut das Gezweig', und die Au' hellschimmernde Blumen.
Frhling ist ewig im Hain. Als hier Proserpina weiland
Spielete, sanfte Violen und silberne Lilien brechend;
Als sie mit kindlicher Lust sich die Krb' und den Scho des Gewandes
Anfllt', und zu besiegen die Freundinnen eifert' im Sammeln,
Wurde zugleich sie gesehn und geliebt und geraubet von Pluto.
Also durchstrmt ihn die Flamme! Sie rief, die erschrockene Gttin,
Mutter und Freundinnen an, doch hufiger rief sie die Mutter,
Bang'; und indem das Gewand sie zerri am obersten Rande,
Sanken aus gleitenden Rocke hinab die gesammelten Blumen:
Und, so lauter noch war die jugendlich heitere Unschuld!
Auch der Blumen Verlust erregete Kummer dem Mgdlein.
Pluto beflgelt die Fahrt, und jeglichen rufend mit Namen,
Treibt er die Rosse zum Lauf, und ber die mhnigen Hlse
Schttelt er dunkele Zgel, mit Eisenschwrze gefrbet.
ber des Sees Abgrund' enteilet er, und der Paliker
Dunstendes Schwefelgesmpf, das geborstenem Boden entsiedet;
Und wo die Bacchiaden vom Doppelstrande Korinthus,
Zwischen dem greren Hafen und kleineren, Mauern gegrndet.
Cyane hlt in der Mitt', und Pisas Quell' Arethusa,
Jenes umschlossene Meer, das begegnende Hrner verengen.
Dort war sie, von welcher der See den Namen behauptet,
Cyane, hochberhmt in der Schar sikelischer Nymphen,
Die in der strudelnden Flut bis hoch zu den Hften emporstand.
Und sie erkannte den Gott: Halt! rufte sie, gehet nicht weiter!
Niemals wirst du mit Zwang der Ceres Eidam. Erbitten
Solltest du sie, nicht rauben. Wofern mir kleines mit groem
Abzumessen gebhrt: um mich auch bewarb sich Anapis;
Aber erfleht, nicht also gengstiget, reicht' ich die Hand ihm.
Dieses gesagt, trat jene mit ausgebreiteten Armen
Ihm in den Weg. Nicht hemmte den Zorn der saturnische Knig:
Welcher die Ross' anmahnend, die schrecklichen, tief in den Strudel,
Umgedreht mit gewaltigem Arm, den gebietenden Zepter
Schwang; da getroffen die Erd' ihm Bahn zum Tartarus aufschlo,
Und den entstrzenden Wagen empfing in die Mitte des Schlundes.
Cyane trauert zugleich um Proserpina, und die Verachtung
Ihres geweiheten Quells; die unausheilbare Wunde
Nhrt sie in schweigender Brust, und ganz in Trnen verrinnt sie;
Und, wo als Gttin sie jngst obwaltete, in die Gewsser
Fliet sie jetzo verdnnt. Man sah weich werden die Glieder,
Biegsamer jedes Gebein, und frei von Hrte die Ngel.
Immer das Zartere schmolz von der ganzen Gestalt ihr zuletzt hin,
Ihr blaulockiges Haar, und die Finger, die Bein' und die Fe;
Denn nur kurz in erkltende Flut ist feinerer Glieder
bergang; und darauf schwand Rcken und Seit' und die Schultern,
Auch die Brust ihr hinweg in sanft verrieselnde Bche.
Endlich drang, statt lebenden Bluts, den zergehenden Adern
Wasser hinein; und nichts war anzufassen noch brig.
Aber indes ward umsonst von der zagenden Mutter die Tochter
Rings in jeglichem Lande gesucht, und in jeglicher Tiefe.
Niemals sah Aurora, mit goldenen Haaren erscheinend,
Jene vom Gang' ausruhn; nie Hesperus. Stets in den Hnden
Hielt sie brennende Fichten, an tnas Flammen entzndet,
Welche sie unruhvoll in tauigen Nchten umhertrug.
Wiederum, wann der heilige Tag die Gestirne verdunkelt,
Suchte vom Aufgang jene zum Niedergange die Tochter.
Als nun mde vor Durst sie schmachtete, und ihr die Zunge
Keine der Quellen gekhlt; jetzt traf sie ein niedriges Httlein,
Strohbedeckt, und klopft' an die Tr. Ein Mtterchen ffnet
Trippelnd und schaut die Gttin und reicht, da Wasser sie bittet,
Ihr ein ses Getrnk, aus gerstetem Malze gesotten.
Whrend sie trinkt das Gereichte, da tritt vor die Gttin ein Knabe,
Frech von Gesicht und verwegen, und lacht und nennet sie gierig.
Doch die Beleidigte schwingst die Neig' in des Redenden Antlitz,
Und umstrmt ihn mit Nsse zugleich und malziger Mischung.
Flecken saugt das Gesicht; und dort, wo er Arme gereget,
Reget er Bein', und ein Schwanz beschliet die verwandelten Glieder.
Nur in kleine Gestalt, da klein zum Schaden die Kraft sei,
Enget er sich, noch unter dem Ma der gewhnlichen Eidechs.
Doch wie das Mtterchen staunt, wie sie weint und zu greifen ihm nachluft,
Flieht er behend', und ereilet ein Loch; nun fhrt er den Namen
Sterneidechs, um den Leib mit sternigen Tropfen gesprenkelt.
Welche Lande die Gttin durchirrete, welche Gewsser,
Ist langweilig zu melden: der Suchenden fehlte der Erdkreis.
Nach Sikania kehrt sie zurck; dort alles erforschend
Naht sie der Cyane jetzt: die, wre sie nicht in Verwandlung,
Htt' ihr alles erzhlt; doch Mund so wenig wie Zunge
Spricht der Redenden an; nichts hatte sie, Worte zu bilden.
Doch ein deutliches Zeichen gewhret sie; und den bekannten,
Dort in den heiligen Strudel hinabgefallenen Grtel,
Welchen Persephone trug, den zeiget sie oben im Wasser.
So wie sie jenen erkannt, als ob er erst jetzo den Raub sie
Wte, zerri sich die Gttin das ungeordnete Haupthaar,
Und sie zerschlug, wie zuvor, die zerschlagene Brust mit den Hnden.
Nicht, wo sie sei, wei jene; doch schilt sie die Gegenden alle,
Undankbare sie nennend, nicht wert der verliehenen Feldfrucht:
Doch das trinakrische Land vor anderen, wo sie des Schadens
Spuren entdeckt. Dort jetzo die schollenkehrenden Pflge
Brach sie mit wtender Hand und verdammt' im Zorn die Besteller,
Mnner und Stiere, zum Tod', und hie ableugnen den Acker
Alles vertrauete Gut, und flschte die edelen Samen.
Siehe, der fruchtbare Segen, der rings umwallte den Erdkreis,
Liegt nun taub; es erstirbt im sprossenden Grne die Saatflur.
Bald hat heftige Sonn' und heftiger Regen geschadet,
Bald das Gestirn und der rasende Wind; auch die gierigen Vgel
Raffen gestreuete Saat; der Lolch und die Distel beherrschen
Nhrende Weizengefild', und unaustilgbare Quecke.
Jetzt aus eleschen Fluten erhob Arethusa die Scheitel,
Und ihr triefendes Haar von der Stirne gewandt zu den Ohren,
Sagte sie: O du Mutter der rings erkundeten Jungfrau,
Mutter der nhrenden Frucht, o hemme die schreckliche Drangsal!
Zrne nicht so gewaltig dem stets dir pflichtigen Lande!
Nichts hat verschuldet das Land; es trug unwillig den Ruber.
Nicht fr die Heimat fleh' ich um Gnad'; als Fremdlingin kam ich.
Pisa ist Heimat mir, und den Ursprung leit' ich aus Elis.
Angesiedelt bewohn' ich Sikania; doch mir erwnschter
Ist kein Land. Hier hab' ich, benamt Arethusa, Penaten
Jetzo und huslichen Sitz. Du, gtige Gttin, erhalt' ihn!
Aber warum ich so weit auswanderte, und durch des Meeres
Wogen hierher mich gewandt in Ortygia: dies zu erzhlen,
Kommt die gelegnere Stunde, wann du, von Sorgen erleichtert,
Freundlicher trgst dein Gesicht. Mir beut durchwegsamer Meergrund
Dunkele Bahn, und gerollt durch unterirdische Klfte,
Heb' ich allhier mein Haupt, die entwhneten Sterne zu schauen.
Als ich unter der Erd' im stygischen Strudel einherglitt,
Sah ich deine Proserpina dort mit eigenen Augen.
Traurig zwar im Gesicht und noch unerheitert vom Schrecken,
Ist sie Knigin doch, und gebeut in dem dsteren Weltraum,
Als obwaltende Gattin des unterirdischen Herrschers.
Staunend vernahm die Mutter, wie starrer Fels, die Erzhlung;
Und, wie vom Donner gerhrt, stand lange sie. Doch wie der Schmerz ihr
Heftig die heftige Wut aufregete, fuhr sie im Wagen
Hoch zur therischen Luft. Dort ganz in Wolken das Antlitz,
Stand sie mit bitterem Hasse vor Jupiter, fliegend das Haupthaar.
Fr mein eigenes Blut und das deinige, Jupiter, komm' ich,
Sprach sie, dich anzuflehn! Wenn Gunst nicht findet die Mutter,
Rhre die Tochter dein Herz, und nicht sei weniger darum
Vterlich gegen dein Kind, weil mir im Schoe sie aufwuchs!
Ach, so lange gesucht, ward endlich das Kind mir gefunden;
Wenn ja finden du nennst, nur sicherer noch zu verlieren,
Oder zu wissen, wohin sie mir schwand! Die Entfhrung verzeih' ich,
Geb' er nur jene zurck! Nicht traun des vermhleten Rubers
Ist ja wrdig dein Kind, sei auch das meinige wrdig!
Jupiter drauf antwortet: Gemeinsame Lust und Beschwerd' ist
Mir die Tochter, wie dir. Doch wenn uns jetzo nach Wahrheit
Namen zu whlen gefllt, nicht scheint mir Beleidigung solches,
Sondern Lieb'; auch wird er nicht Schand' uns bringen, der Eidam;
Wolle nur du, o Gttin! Das brige fehle; wieviel ist,
Jupiters Bruder zu sein! und was? auch das brige fehlt nicht!
Nur am Los weicht jener mir selbst! Doch wenn mit Gewalt du
Trennung verlangst, so kehre Proserpina wieder zum Himmel:
Nur mit dem strengen Beding, wofern sie keinerlei Speise
Dort mit dem Munde berhrt! So will's der Parzen Verhngnis!
Jupiter sprach's; doch Ceres begehrt der Tochter Zurckkunft.
Aber das Schicksal verbeut; dieweil nicht fastend die Jungfrau
Ausgedau'rt, und irrend im fruchtbaren Garten, mit Einfalt
Einen punischen Apfel vom hngenden Baume gepflcket,
Und aus gelblicher Rinde die sieben genommenen Krner
ber die Lippe gebracht. Von allen der einzige schaute
Dies Askalaphos an: den weiland, sagen sie, Orphne,
Nicht an Ruhm die geringste der avernalischen Nymphen,
Aus des Acherons Lieb' in umnachteter Grotte geboren.
Dieser schaut', und verkndend, der Grausame, raubt er die Heimkehr.
Unmutsvoll verwandelt des Erebus Frstin den Zeugen
Zum unheiligen Vogel: mit Phlegethons Welle besprengend,
Schuf sie dem Haupt nebst Schnabel und Busch grofunkelnde Augen.
Er, sich selber entrafft, wird in gelbliche Flgel gekleidet,
Mit vorwachsendem Haupt, und krmmt langkrallige Klauen;
Doch kaum regt er zum Flug' unttiger Arme Befiedrung.
Gram zu verkndigen wird er ein migestalteter Vogel,
Sterblichen Graun und Entsetzen, ein trg' einsiedelnder Uhu.
Zwar der Plauderer hatte der frevelen Zunge Bestrafung
Wohl verdient: doch euch, acheloische Mdchen, woher euch
Vogelf' und Gefieder, bei menschlichem Antlitz der Jungfrau?
Etwa, weil ihr des Tags, da Proserpina Blumen des Frhlings
Las, in der Zahl der Gespielinnen wart, tonreiche Sirenen?
Als ihr umsonst nach jener im Kreis der Erde geforschet,
Stracks, da euere Sorg' auch Meeresfluten erfhren,
Wnschtet ihr ber der Wog' in ruderndem Fluge zu schweben;
Und willfhrige Gtter erhreten. Pltzlich gehllet
Saht ihr euere Glieder in gelb umwachsende Federn.
Aber damit das Getn, das sanft die Ohren bezaubert,
Nicht auf der Zunge vertnt', und der Kehle melodischer Reichtum;
Blieb euch menschliche Stimm', und blieb jungfruliches Antlitz.
Jupiter, zwischen den Bruder gestellt und die trauernde Schwester,
Teilete nun gleichmig des Jahrs umrollende Kreisung.
Jetzo verweilt die Gttin, mit Macht zwei Reiche beherrschend,
Bei dem Gemahl sechs Monden, und sechs bei der liebenden Mutter.
Andre Gestalt hat pltzlich die Seele zugleich und das Antlitz:
Denn, die eben noch traurig erschien auch selber dem Pluto,
Trgt nun heiter die Stirn, wie die Sonn', in regnende Wolken
Eben gehllt, wann siegend hervor aus der Wolke sie strahlet.
Ceres fragte nunmehr, sorglos nach gefundener Tochter,
Was dich entfernt, Arethusa, warum du ein heiliger Quell seist?
Ringsum schwieg das Gewog'; und die Gttin hob aus des Quelles
Tiefe das Haupt; dann trocknend das grnliche Haar mit den Hnden,
Meldete sie, wie vordem der elesche Strom sie geliebet.
Nymphe von jenem Geschlecht, das achische Fluten bewohnet,
Sprach sie, war ich; nie streifte geschftiger eine durch Waldhh'n
Jagend umher, nie stellte geschftiger eine das Garn auf.
Aber obgleich ich nie um der Schnheit Ruhm mich bekmmert,
Rstig und stark, wie ich war, ich hie die Schne bestndig.
Doch erfreute mich nicht mein hochgespriesenes Antlitz;
Und, was andre beglckt, das Lob des blhenden Wuchses
Machte mich Lndliche rot; und ich hielt zu gefallen fr Frevel.
Aus dem stymphalischen Wald', ich erinnre mich, kam ich ermdet.
Hei war der Tag, und es mehrt' Arbeit die gewaltige Hitze.
Siehe, da rieselte still ein Wsserchen ohne Gewirbel,
Bis an den Grund durchsichtig, wodurch in der Tiefe mir zhlbar
Jedes Kieselchen war; und kaum flo leise die Welle.
Grauliches Weidengebsch; und die wassergenhrete Pappel,
berwlbten von selbst die hngenden Borde mit Schatten.
Und ich naht', und khlte zuerst die Sohlen des Fues,
Dann zu den Knieen empor; noch lsterner lst' ich den Grtel:
Und mein weiches Gewand der gebogenen Weide vertrauend,
Taucht' ich enthllt in die Flut. Doch indem ich sie schlug und heranzog.
Gleitend in jeder Gestalt, und die schmeidigen Arme bewegte,
Stieg mir unter dem Strudel, ich wei nicht, welches Gerusch auf,
Und ich Erschrockene trat an den Rand des nheren Ufers.
Nicht so geeilt! rief pltzlich aus eigenen Fluten Alpheos:
Nicht so geeilt, Arethusa! erscholl von neuem sein Ausruf.
Ohne Gewand, wie ich war, enteilet' ich; denn das Gewand hing
Drben am anderen Bord. Noch heftiger drngt er, und glht er;
Und weil nackend ich war, so schien ich geflliger jenem.
Also lief ich in Hast, so drngte mich wild der Verfolger:
Wie vor dem Habicht entfliehn mit zitternder Schwinge die Tauben,
Und wie den zitternden Tauben im Sturm nachflieget der Habicht.
Weit nach Orchomenos hin, nach Psophis hin und Cyllene,
Bis zu mnalischen Hh'n und den Hh'n Crimanthos, bis Elis
Hielt ich den fliegenden Lauf, nicht sumender folgte mir jener.
Aber lange zum Lauf mich anzustrengen, gebrach's mir
Armen an Kraft; und jener war ganz unermdet zur Arbeit.
Dennoch die Ebenen durch, und die baumumschatteten Berge,
Felsen sogar und Geklipp, unwegsame Wsten durchlief ich.
Rckwrts schien mir die Sonn', und langhin sah ich den Schatten
Mir vor den Fen gestreckt; wofern nicht Angst ihn allein sah.
Aber gewi erschreckte der Fe Getn, und es hauchte
An das geschleierte Haar der gewaltige Atem des Mundes.
Matt von der mdenden Flucht: Hilf, ruft' ich, o hilf! er erhascht mich!
Hilf der Genossin, Diktynna, der deinigen! der du zu tragen
Oft den Bogen gereicht, und den pfeilumschlieenden Kcher!
Gleich war die Gttin bewegt, und eine der dichtesten Wolken
Strzte sie ber mich her. Die mit Nacht Umhllete forschet
ngstlich der Strom, und tappt ringsher um den bergenden Nebel.
Zweimal umirrt' er die Stelle betrt, wo die Gttin mich einschlo;
Zweimal erscholl: Arethusa! o komm, Arethusa! sein Ausruf.
Ach, wem pochte das Herz, wie mir Elenden? Etwa dem Lamme,
Wenn es die schnaubenden Wlfe vernahm um das hohe Gehege?
Oder dem duckenden Hasen im Busch, der die feindlichen Muler
Stbernder Hund' anschaut, nicht wagend den Leib zu bewegen?
Dennoch entweicht er nicht; denn nirgendwo Spuren des Fues
Schauet er weiter entfernt; das Gewlk und die Stelle bewacht er.
Kalter Schwei umstrmt mir Belagerten jetzo die Glieder,
Da von dem ganzen Leibe mir bluliche Tropfen entfallen.
Wo ich die Fe bewegt, dort wallet ein See; aus den Locken
Trieft mir der Tau; und geschwinder, als nun ich erzhle mein Schicksal
Ls' ich in Nsse mich auf. Doch selbst die geliebeten Wasser
Kennet der Strom: und er legt die genommene Mannesgestalt ab,
Und wird, mir sich zu mischen, in eigene Fluten verwandelt.
Delia spaltet die Erd'; und ich, in die Tiefe mich tauchend,
Eile durch blindes Geklft zur Ortygia: welche, der Gttin
Als gleichnamige wert, mich zuerst an die Lfte hervorzog.
Also sprach Arethusa. Da spannte die fruchtbare Gttin
Vor das Geschirr zwei Schlangen, das Maul mit Zumen gebndigt,
Und sie durchschwebte die Luft im Mittel der Erd' und des Himmels.
Jetzt dem Triptolemus bringt sie das luftige Drachengeschirr hin
Zur tritonischen Burg, und gibt ihm Samen zu streuen,
Teils in rohes Gefild, und teils in endlich erneutes.
Hoch schon ber Europa und Asias Lande getragen,
Fuhr der Jngling einher, und Szythiens Ksten erreicht' er.
Knig allhier war Lynkos. Er geht in des Kniges Wohnung.
Wie er komm', um des Wegs Ursach', um Namen und Heimat,
Ward er gefragt, und: Die edle Athen ist, sagt' er, mir Heimat,
Und Triptolemus hei ich; mich trug kein Kiel durch die Wogen,
Noch durch die Lande der Fu, mir ffnete Bahnen der ther.
Gaben bring' ich von Ceres, die, weit durch cker gestreuet,
Fruchtbare Ernten des Korns und mildere Nahrungen tragen.
Neidisch sah der Barbar, und um selbst Urheber so groer
Milde zu sein, empfngt er den Gast; und dem Schlummerbetubten
Naht er mit wrgendem Stahl. Da die Brust zu durchstoen er trachtet,
Wandelt ihn Ceres zum Luchs, und heit von neuem die Luft durch
Lenken sein heiliges Drachengespann den mopsopischen Jngling.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VI, Arachne





























Sechstes Buch
Arachne
     
Pallas hrte den Ruhm der Monerin, jener Arachne,
Da sie ihr selbst nicht weiche mit knstlicher Wollebereitung.
Nicht durch den Adel des Ortes noch der Herkunft war sie gepriesen,
Sondern durch Kunst. Ihr Vater, der Kolophonier Idmon,
Pflegt' in phokischen Purpur die trinkende Wolle zu tauchen.
Tot war die Mutter bereits, auch sie aus niedrigem Volke,
Und dem Vermhleten gleich. Doch fand in den lydischen Stdten
Jene durch edelen Flei denkwrdigen Namen, wiewohl sie
Stammt' aus kleinem Geschlecht, und wohnt in der kleinen Hyppa.
Anzuschaun der Arachne bewunderungswrdige Arbeit,
Kamen die Nymphen daher von den Weinhhen ihres Tymolos,
Kamen aus ihrem Gewsser daher paktolische Nymphen.
Nicht nur gewordene Zeuge vergngte sie dort zu betrachten,
Sondern die Werdenden auch: so paarte sich Kunst mit der Anmut!
Ob sie die rohere Wolle zuerst aufwickelt' in Ballen;
Ob mit den Fingern ihr Werk sie lockerte; oder ob krempelnd
Feiner sie zog und feiner die nebelhnlichen Vliese;
Ob sie mit hurtigem Daum umschwang die gerundete Spindel;
Ob mit der Nadel sie stickte: gewitziget schien sie von Pallas.
Doch sie leugnet die Lehrerin ab, und beleidiget ruft sie:
Streite die Gttin mit mir! nichts ist, was besiegt ich verweigre!
Pallas nimmt der Greisin Gestalt, und flscht um die Schlfen
Graues Haar, auch sttzet ein Stab ihr die schwchlichen Glieder.
So nun redete sie: Nicht hat das hhere Alter
Unannehmliches nur; die Erfahrung reift mit den Jahren:
Meinen Rat verachte mir nicht. Du suche den Ruhm dir,
Da vor den Sterblichen du am geschicktesten Wolle bereitest.
Doch der Unsterblichen weich', und in Demut bitte Verzeihung
Deinem entfahrenen Worte; der Bittenden wird sie verzeihen.
Dsteren Augs verlt sie die angefangenen Fden;
Kaum noch haltend die Hand, und Zorn im Gesichte bekennend,
Ruft sie die Wort' entgegen der eingehlleten Pallas:
Drftig kommst du des Sinns, und geschwcht vom lastenden Alter!
Wer zu lange gelebt, dem schadet es! Solcherlei Reden
Magst du der Schnur, die du hast, vorpredigen, oder der Tochter!
Rat ersinn' ich mir selber genug! Mit deiner Ermahnung
Whne mir nicht zu frommen; es bleibt bei unserem Vorsatz!
Warum kommt sie nicht selbst, und meidet den Kampf der Entscheidung?
Wohl, ruft Pallas, sie kam! und den Wuchs ablegend der Greisin,
Stellt sie die Himmlische dar. Voll Ehrfurcht huldigen Nymphen
Und mygdonische Frau'n. Sie allein nicht zagte, die Jungfrau.
Dennoch errtete sie; und es flog um der Trotzigen Antlitz
Schleunige Glut, die wieder verschimmerte: so wie in Purpur
Pflegt zu erscheinen die Luft, wann zuerst Aurora herannaht,
Und nach weniger Frist sich erhellt an der Sonne Bestrahlung.
Jene beharrt im Entschlu, und die trichte Palme begehrend,
Rennt sie ins nahe Geschick: Nicht weigert sich Jupiters Tochter.
Weder ermahnt sie hinfort, noch sumet sie jetzt die Entscheidung.
Ohne Verzug nun stellen sie beid' an gesonderten Orten,
Und mit zartem Gespinste bespannen sie jede den Webstuhl.
Fest am Baum ist die Web', und der Rohrkamm scheidet den Aufzug;
Mitten hindurch wird geschossen mit spitzigem Schifflein der Einschlag,
Aus der entwickelnden Hand; und gestreckt nun zwischen die Faden,
Drngen ihn dicht mit dem Sto die gereiheten Stbe des Kammes.
Jegliche Kmpferin eilt; die Gewand' um den Busen gegrtet,
Regen sie kundige Arm', und die Lust macht leichter die Arbeit.
Dort wird Purpurgespinst, das den tyrischen Kessel gekostet,
Eingewebt, und daneben die sanft abgleitenden Schatten:
Wie nach Regenergu von prallender Sonne den Bogen
Pflegt mit gewaltiger Krmmung entlang zu frben den Himmel;
Da in geschiedenen Rumen ihn tausend Farben durchschimmern,
Flieen sie doch ineinander, das sphende Auge verwirrend;
So sehr scheint, was grenzet, sich gleich, und Entfernteres ungleich.
Dort auch laufen hindurch die geschmeidigen Faden des Goldes;
Und im Gewirk erhebt sich ein altertmlicher Inhalt.
Auf der cekropischen Burg wirkt Pallas frbend des Mavors
Fels, und den lngst besungenen Streit um den Namen des Landes.
Zwlf Unsterbliche sitzen, und Jupiter mitten, auf Thronen,
Mit ehrwrdigem Ernst, hochfeierlich. Jeden der Gtter
Zeichnet die eigne Gestalt, und den Jupiter kniglich Ansehn.
Aber der Meergott steht, und mit langgeschaftetem Dreizack
Schlgt er den schroffigen Fels, da hervor aus der Wunde des Felsens
Springt die gesalzene Flut; und der Leistende eignet die Stadt sich.
Selbst erscheint sie mit Schild und spitziger Lanze gewaffnet,
Und auf dem Haupte den Helm, an der Brust die schtzende gis.
Und das gehnlichte Land, von der mchtigen Spitze geschmettert,
Treibet hervor mit Beeren den Spro des ergrauenden lbaums.
Staunend sehn es die Gtter. Das Werk umkrnzet ihr Siegslaub.
Doch die Monerin zeigte vom Stiere getuscht die Europa:
Wahrhaft schien zu leben der Stier, und zu wallen die Meerflut;
Wahrhaft schaute daher zum verlassenen Lande die Jungfrau.
So, wie sie angstvoll rief den Gespielinnen, und die Benetzung
Scheute der hpfenden Flut, und die furchtsame Ferse zurckzog.
Auch Asteria schuf sie, gefat vom ringenden Adler;
Leda dem Schwan, und Antiope hold dem geheuchelten Satyr;
Wie in Amphitryons Bild einst Jupiter warb um Alkmene;
Wie er, ein Hirt, Mnemosyne tuscht', und im Feuer gina,
Wie um Dane Gold, und ein Drach' um Proserpina spielte.
Aber den Bord umringte mit Blumen durchflochtener Efeu.
Selbst nicht Pallas vermag, noch die Migunst, sagten die Nymphen,
Dir zu tadeln das Werk. An belebender Kunst und Gestaltung
Gleichst der Unsterblichen du; doch mit edlerer Seele belebt sie.
Auch dies Lob ereiferte dich, blondlockige Mnnin;
Mehr ihr trotzender Blick, und der Bildungen hhnender Inhalt,
Welcher des Vaters Schmach dir vorwarf, Tochter und Jungfrau!
Zornig zerri die Gttin der Lsterung schndes Gemld' ihr,
Und in der Hand noch haltend das Schiff aus cytorischem Buxus,
Schlug sie dreimal die Stirn dem idmonischen Mdchen Arachne.
Nicht ertrgt es die Arme; das Seil anknpfend, umschlingt sie
Mutig die Kehl'. Es enthebt die Hangende Pallas voll Mitleid,
Und: So lebe demnach, doch hange du, Frevlerin! ruft sie.
Und nach gleichem Gesetz (nicht schmeichele dir mit der Zukunft!)
Werde bestraft dein ganzes Geschlecht, und die sptesten Enkel.
Hierauf geht sie hinweg, und den Saft hekateschen Krautes
Sprenget sie ihr; und sofort, da der traurige Seim sie berhrte,
Flo herunter das Haar, und die Nase zugleich und die Ohren.
Winzig verschrumpft ihr Haupt, am kleinlichen Krper das Kleinste;
Schmchtige Fingerchen haften wie Bein' an jeglicher Seit' ihr.
brigens waltet der Bauch. Aus ihm auch sendet Arachne
Faden, und fleiiger noch als Spinn' ihr altes Gewebe.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VI, Niobe





























Niobe
     
Niobe hrt' im Palaste der lydischen Spinne Verwandlung,
Als in Monia noch am Sipylus wohnte die Jungfrau;
Doch nicht warnte die Strafe der Volksgenossin Arachne,
Himmlischen nachzustehn, und in kleinerem Laute zu reden.
Vieles erhhte den Mut. Doch weder die Kunst des Gemahles,
Noch ihr beider Geschlecht, und der Glanz des mchtigen Reiches,
Gab ihr solches Behagen, wie sehr auch alles behagte,
Als der Kinder Gedeihn. Glckseligste unter den Mttern,
Niobe, wrst du genannt, wenn du nicht es geschienen dir selber.
Denn des Tiresias' Tochter, die zukunftahnende Manto,
Ging durch die Gassen der Stadt, von gttlichem Geiste gereget,
Einst weissagend umher: Kommt, kommt, ismenische Weiber!
Bringt der Latona, und bringt den Zwillingen unsrer Latona,
Weihrauch dar mit Gebet; und fgt um die Haare den Lorbeer!
Solches gebeut Latona durch mich! - Man gehorcht; und es wandeln
Alle thebischen Frau'n, geschmckt mit befohlenem Laube,
Weihrauch heiligen Flammen, und bittende Worte, zu bringen.
Aber Niobe kommt im Gewhl des begleitenden Schwarmes,
Prangend in phrygischen Prunk der golddurchwirkten Gewande,
Und, wie der Zorn es gestattet, auch schn; und bewegend ihr stattlich
Angesicht mit den Locken, die jegliche Schulter umwallten,
Stand sie, und hoch die Augen umhergewendet voll Stolzes:
Welch ein Wahnsinn, rief sie, gehrete Gtter gesehnen
Vorzuziehn! Was, wenn ihr Latona verehrt an Altren,
Fehlt noch meiner Gewalt der Weihrauch? Mich ja erzeugte
Tantalus, welcher allein zum Mahl der Unsterblichen einging;
Und mich gebar die Plejade Taygete, Tochter des Atlas,
Der den therischen Pol hoch trgt mit erhabenem Nacken!
Jupiters Sohn ist der Vater, und Jupiters Sohn der Gemahl auch!
Mir sind die Vlker gebeugt in Phrygia; mir auch gehorchet
Kadmus' Burg; und die Mauern, gefgt von den Saiten Amphions,
Werden, und was sie bewohnt, von mir und dem Gatten verwaltet!
Welchem Teil des Palastes ich auch zuwende die Augen,
Unermeliche Hab' erscheinet mir! Aber ich selber
Rag' als Gttin an Wuchs; und sieben Tchter umblhn mich,
Jnglinge ebensoviel, und bald auch Eidam' und Schnre!
Fragt noch, aus was fr Grunde der Niobe Stolz sich erhebet;
Und dann wagt, die von Cus, ich wei nicht welchem, entsprone
Titanide Latona mit vorzuziehn, der die Erde,
Gro wie sie ist, den winzigen Raum zum Gebren versagt hat!
Himmel und Land und Gewsser verbanneten euere Gttin!
Flchtlingin war sie der Welt! bis Delos endlich voll Mitleid:
Du durchirrest das Land, ihr zurief, ich das Gewsser:
Und unbefestigten Grund einrumte. Zweier Gebornen
Freute sie sich; das ist von unserem Segen ein Siebteil!
Selig bin ich; wer leugnet mir das? und selig beharr' ich:
Wer auch bezweifelt mir dies? Zur Sicherheit hebt mich der Reichtum!
Hher schau' ich herab, als wo Fortuna mir schade!
Ob sie auch vieles entreit, weit mehreres wird sie mir lassen!
Schon stieg ber die Furcht mir die Seligkeit! Denkt euch, gekrzet
Knne mir etwas sein von der Heerschar meiner Gebornen;
Doch nicht snk' ich hinab zu der Doppelzahl der Latona,
Die mit dem smtlichen Schwarm nur weniges mehr ist, denn fruchtlos!
Weit, o weit von dem Opfer entfernt; und dem Lorbeer des Hauptes
Niedergesenkt! - Sie senken; es bleibt unvollendet das Opfer;
Und sie flehn, wie man darf, mit leiserer Stimme zur Gottheit.
Unmutsvoll vernahm's die Unsterbliche. Jetzt auf des Cynthus
Oberstem Gipfel begann zu den Zwillingen also Latona:
Schaut! ich euere Mutter, die khn durch eure Geburt ward,
Und die der Juno allein, sonst keiner der Gttinnen, ausweicht,
Werd' als Gttin bezweifelt! Von stets gefei'rten Altren
Werd' ich, o Kinder, gescheucht, wo ihr nicht meiner euch annehmt!
Nicht mein einziger Schmerz! Zu der Untat fgete Schmhung
Tantalus Tochter hinzu: vor den ihrigen euch zu verachten,
Wagte sie; ja mich selbst (ihr werde das!) nannte sie fruchtlos;
Und die Verbrecherin zeigte die Lsterzunge des Vaters!
Bitten wollte gesellen Latona zu der Erzhlung.
Endige! sagte der Sohn; du sumst nur die Strafe mit Klagen!
Endige! sagte die Tochter. In schleunigem Schwung durch die Lfte
Kamen zur Burg des Kadmus sie beid', in Wolken gehllet.
Eben und weit gedehnt war nah an den Mauern ein Blachfeld.
Immerdar von Rossen zerstampft; wo der Rder Getmmel
Und der zermalmende Huf die liegenden Schollen gelockert.
Einige dort von den Shnen der Niobe und des Amphion
Steigen auf mutige Ross'; in tyrischer Farbe gertet,
Glht das Gedeck, und es starren von Gold die lenkenden Zgel.
Aber Ismenos anjetzt, der zuerst der gebrenden Mutter
Schmerz und Freude gebracht, da den trampenden Lauf er herumdreht
In den gemessenen Kreis, und den schumenden Rachen bezhmet;
Wehe mir! schreit er auf; und grad in den Busen geheftet,
Trgt er Gescho; und aus sterbender Hand die Zgel entlassend,
Sinkt auf die Seit' allmhlich am rechten Bug er hinunter.
Sipylus, jenem zunchst, wie des Kchers Geklirr ihm daherscholl,
Floh in entzgeltem Lauf: so wie oft, vorkundig des Regens,
Flieht vor der drohenden Wolke der Steuerer, und die gespannten
Segel umher ausdehnt, da auch kein Lftchen entfliee.
Doch wie entzgelt er floh: dem Entfliehenden folgt unvermeidlich
Todesgescho; und zitternd im oberen Wirbel des Nackens
Haftet der Pfeil, und es raget entblt aus der Kehle das Eisen.
Vorgestreckt, wie er war, auf den strmenden Hals und die Mhnen
Rollt er hinab, die Erde mit warmem Blute besudelnd.
Phdimus aber, der arme, gleichnamig dem Ahnen,
Tantalus, als sie ein Ziel dem gewhnlichen Fleie gesetzet,
Hatten zum Jugendgeschft sich gewandt des glnzenden Ringens.
Und schon rangen sie beide mit eng verflochtenen Gliedern,
Brust arbeitend an Brust: da geschnellt vom straffen Gehrne,
So wie gefgt sie waren, der Pfeil sie beide durchbohrte.
Beid' erseufzten zugleich, und zugleich die vom Schmerze gekrmmten
Glieder zur Erde gestreckt, zugleich die erlschenden Augen
Gegen das Licht aufrollend, verhauchten zugleich sie den Atem.
Jene schaut Alphenor; mit wund geschlagenem Busen
Fliegt er heran, und erhebt die kalten Glieder umarmend;
Ach, und fllt in dem zrtlichen Dienst: denn der Delier Phbus
Schmettert den finsteren Stahl ihm tief in die Kammer des Herzens.
Und dem entzogenen folgt ein Teil der Lung' an den Haken
Ausgedreht; es ergiet mit dem Atem sich Blut in die Lfte.
Doch nicht einfach trifft, Ungeschorener, o Damasichthon,
Dich die Wund'. Es durchdrang am beginnenden Bein das Gescho ihn,
Wo im Gelenk sich bewegt die sehnige Beuge des Kniees.
Whrend er strebt, mit der Hand zu entziehn die verderbende Waffe,
Fliegt ihm ein anderer Pfeil bis zur Fiederung tief in die Gurgel.
Wieder heraus drngt diesen das Blut, und hoch sich erhebend,
Schiet es hervor, und steiget mit langem Strahl in die Luft auf
Auch der letzte der Shn' Ilioneus hob unerhrbar
Flehend die Arm' empor: O ihr Himmlischen alle gemeinsam,
Rief er aus, unwissend, nicht alle sie braucht' er zu bitten:
Schonet, o schont! und gerhrt, da unhemmbar bereits das Gescho flog,
Wurde der treffende Gott: doch erlag der kleinsten Verwundung
Jener, indem nicht tief ihm der Pfeil zum Herzen hineindrang.
Trauriger Ruf, und Kummer des Volks, und Trnen der Diener
Kndeten jetzt der Mutter den pltzlichen Jammer des Hauses:
Ihr, die erstaunt, da vermocht, und eifert im Zorn, da gewaget
Dies die Oberen htten, und soviel Macht sie verbten.
Den der Vater Amphion, die Brust von dem Stahle durchschmettert,
Hatte sterbend geendet zugleich mit dem Lichte den Kummer.
Ach, wie Niobe weit von der Niobe jetzo entfernt ist,
Welche dem Volke verbot die latoschen Opferaltre,
Und, durch die Stadt herschreitend, das Haupt in den Nacken zurckbog,
Lstig den Ihrigen selbst; nun mitleidswrdig dem Feinde!
Auf die erklteten Leichen gesenkt, ohn' Ordnung und Auswahl,
Teilt sie umher die Ksse den Kindern allen zum Abschied.
Dann zum Himmel erhebend die blau gerungenen Arme:
Grausame, weide das Herz an unserem Grame, Latona!
Weide dir, sprach sie, das Herz, bis es satt werd' unseres Jammers!
Hpf' im Triumph! mich trgt man zu Grab', obsiegende Feindin!
Aber warum obsiegend? Mir Elenden bleibet noch mehrers,
Als, Glckselige, dir! Nach soviel Leichen auch sieg' ich!
Niobe sprach's; da erklang vorn gespanneten Bogen die Senne,
Da rings alle vor Schrecken erzitterten; nur sie allein nicht.
Unglck machte sie khn. In dunkelen Trauergewanden
Stehn um die Bahren der Brder, mit hangendem Haare, die Schwestern.
Eine davon, ausziehend den Pfeil, der im Innersten haftet,
Senkt auf den Bruder hinab das Gesicht, ohnmchtig verscheidend.
Dort die andere strebt die bekmmerte Mutter zu trsten;
Pltzlich schweiget sie still, um die heimliche Wunde sich krmmend.
Jene will fliehn, doch umsonst! hin gleitet sie; jen', auf der Schwester
Liegend, erblat; die birgt sich; die andere zittert umher noch.
Sechs nun sanken dem Tod', an verschiedener Wunde verblutend;
Nur die letzte noch blieb, die ganz mit dem Leibe die Mutter,
Ganz im Gewand' umhllt': O die Einzige la mir, die Kleinste!
Von so vielen die Kleinste verlang' ich nur, rief sie, und eine!
Whrend sie fleht, sinkt auch die Erflehete! Ganz nun vereinsamt,
Sa sie, von Leichen umringt, der Tchter, der Shn', und des Mannes.
Und sie erstarrte vor Gram. Ihr regt kein Lftchen die Haare;
Blutlos wird und bleich das Gesicht; auf traurigen Wangen
Steht das Aug' unbewegt; nichts Lebendes bleibt in dem Bildnis.
Selbst im inneren Munde, zugleich mit gehrtetem Gaumen,
Harscht ihr die Zung', und die Ader mit schwindendem Pulse versieget.
Nicht mehr beugt sich der Hals, nicht dreht sich der Arm im Gelenke,
Nicht kann gehen der Fu; auch Herz und Leber ist Felsen.
Dennoch weint sie, und schnell vom gewaltigen Wirbel des Sturmes
Wird sie zur Heimat entrafft. Dort hoch auf dem Berge gewurzelt,
Rinnet sie; stets in Trnen zerfliet noch jetzo der Marmor.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VI, Die Frsche





























Die Frsche
     
Habet ihr Lust und Weile, so hret mich. Eine Geschichte
Wei ich aus lterer Zeit: wie in Lycias fruchtbaren ckern
Nicht ungestraft die Latona verachteten Bauern der Vorwelt.
Zwar ist dunkel die Tat, wie selbst die Mnner; allein doch
Wunderbar. Ich sah in Person den sumpfigen Weiher,
Wo das Wunder geschah. Denn mein schon alternder Vater,
Schwach fr weitere Wege, befahl mir, ihm die erlesnen
Rinder daher zu holen; und gab mir einen Geleiter
Mit aus dem Lyciervolk. Da zugleich wir die Triften umwandeln;
Denkt doch! mitten im See, von Opferasche geschwrzet,
Stand ein alter Altar, umgrnt von zitterndem Rohre.
Stehen blieb der Gefhrt', und: Gnade mir! flstert' er ngstlich
Gegen den See; und sogleich: o Gnade mir! flstert' ich selber.
Ist der Altar der Najaden? so fraget' ich; oder des Faunus?
Oder des rtlichen Gottes? Zur Antwort sagte der Fremdling:
Nein, nicht wohnet, o Jngling, ein Berggott hier im Altare.
Jene nennt ihn den ihren, der einst die Knigin Juno
Ganz die Erde verbot, der kaum die irrende Delos
Gab die erbetene Ruh', als leicht noch die Insel umherschwamm.
Dort, an die Palme gelehnt, und den Baum der Pallas, genas sie,
Der Stiefmutter zum Trotz, von Zwillingen endlich, Latona.
Dort auch entfloh, wie man sagt, die Gebrerin ngstlich vor Juno,
Tragend im eigenen Busen die neugeborenen Gtter.
Schon in das Land der Chimra, in Lycia kam sie, von langer
Arbeit matt, da die Sonne mit Glut anstrahlte die Fluren;
Und sie lechzte vor Durst in der drrenden Flamme des Himmels;
Auch war die Brust ihr erschpft von den gierig saugenden Kindern.
Jetzo traf sie den Teich von besserer Flut in des Tales
Niedrungen: wo Landleute sich staudende Reiser zum Flechten
Sammelten, Binsen zugleich, und klobige Schilfe des Sumpfes.
Nher ging die Titanin, und senkend das Knie auf die Erde,
Neigte sie sich, zu schpfen den Trunk des khlen Gewssers.
Aber der lndliche Haufen verbot. Drauf sagte die Gttin:
Warum Wasser verwehrt? Zu aller Gebrauch ist das Wasser!
Eigen erschuf nicht Luft die Natur, noch eigen die Sonne,
Oder die lautere Flut! Am Gemeingut nehm' ich nur Anteil!
Dennoch erfleh' ich solches zur Gabe mir! Nicht ja gedacht' ich
Hier zu baden den Leib, und die abgematteten Glieder;
Sondern den Durst zu khlen! Mit fehlt schon Feuchte zum Reden;
Trocken ist Zung' und Kehle; ja kaum noch lautet die Stimme!
Wassertrunk wird Nektar mir sein! Ja, das Leben verdank' ich
Euch mit dem Trunke zugleich; ihr gewhrt mir Leben im Wasser!
Werdet durch diese gerhrt, die hier im Busen die Hndchen
Strecken nach euch! Und es traf sich, die Kindelein streckten die Hnde.
Wen nicht htten gerhrt die schmeichelnden Worte der Gttin?
Dennoch bestehn sie zu hemmen die Bittende; Drohungen endlich,
Wo nicht fern sie entweiche, mit schmhender Lsterung fgt man.
Noch nicht genug: ihn selber umher mit Hnden und Fen
Machen sie trbe den Teich; und tief aufwhlend vom Grunde,
Regen sie weichen Morast ringsum mit neidischen Sprngen.
Unmut tubte den Durst; nicht mag die Tochter des Cus
Noch Unwrdigen flehn; es verdriet, noch lnger zu reden
Worte, der Gttin zu klein; und die Hnd' aufhebend zum Himmel:
Lebt denn, sagte sie, ewig hinfort in jenem Gesmpfe!
Schnell war Tat, was die Gttin gewnscht. In die Fluten zu springen,
Freut sie und bald ganz unter den Pfuhl zu tauchen die Glieder,
Bald zu erheben das Haupt, und bald auf der Flche zu schwimmen;
Oft sich ber dem Bord zu sonnen am Sumpf, und hinab dann
Wieder zu plumpen in khlende Flut. Noch jetzo bestndig
Gellt von Zank die schmhliche Zung'; und der Schande nicht achtend,
Ob sie die Flut auch bedeckt, auch bedeckt noch schimpfen sie kecklich.
Selber der Ruf tnt rauh, und es schwillt der geblhete Hals auf,
Und viel weiter noch sperrt den gedehneten Rachen die Schmhung.
Schulter und Haupt sind gesellt, und scheinen den Hals zu verdrngen,
Grnlich gefrbt ist der Rcken, der gro vorragende Bauch wei.
Jugendlich hpfen herum im morastigen Sumpfe die Frschlein.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VI, Marsyas





























Marsyas
     
Klglich war, sehr klglich, des Satyrs Marsyas Schicksal,
Der, von Apollo besiegt im Getn des tritonischen Rohres,
Jetzo die Strafe bestand. Was entziehst du mir selber mich? rief er.
Ah, mich gereut's! ah! schrie er, soviel nicht gilt mir das Schallrohr!
Doch wie er schrie, zog jener die Haut ihm ber die Glieder;
Und nichts war, als Wunde, zu schaun. Blut rieselte ringsum;
Aufgedeckt lag Muskel und Sehn'; auch die zitternden Adern
Schlugen, der Hlle beraubt, aufzuckende Eingeweide
Konnte man zhlen sogar, und der Brust durchscheinende Fibern.
Ihn wehklageten Faune, die lndlichen Mchte der Waldung,
Ihn die Satyrgebrder, und du, ruhmvoller Olympus,
Ihn auch der Nymphen Geschlecht, und wer in der bergigen Gegend
Herden der wolligen Schaf, und gehrnete Rinder umhertrieb.
Aber das fruchtbare Land empfing die fallenden Trnen,
Durchgenetzt, und trank sie hinab in die innersten Adern:
Wo sie, zu Wasser geseigt, aufquellen an freiere Lfte.
Jh zu dem strmischen Meer, im Hang abschssiger Ufer,
Rollt der Marsyasstrom durch Phrygia lautere Wellen.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VI, Prokne und Philomela





























Prokne und Philomela
     
Barbarn schreckten gelandet Athens mopsopische Mauern.
Aber es kam hilfreich der gerstete Thrazier, Tereus,
Scheuchte den Feind, und gewann den glnzenden Namen des Siegers.
Diesem, der weit vorherrscht' an der Lande Gebiet und der Mnner,
Und sein tapfres Geschlecht ableitete selbst von Gradivus,
Gab Pandion die Prokne zur Braut. Doch nicht Hymenus,
Juno die eh'liche nicht, noch die Grazie, nahte dem Lager.
Furien hielten empor die geraubeten Leichenfackeln;
Furien breiteten ihnen das Bett; der entweihende Uhu
Brtet' im Dach, und sa auf dem Giebel des Ehegemaches.
Solch ein Vogel verband mit Tereus Prokne; zu Eltern
Segnete solcher sie ein. Glckwnschungen jubelte freilich
Thracia; selbst auch brachten sie Dank den unsterblichen Gttern;
Und wie den Tag, der dem Herrscher Pandions Tochter vermhlet,
So der ihm Itys geschenkt, verordneten alle zum Festtag.
O wie tief ist verborgen, was frommt! Schon fhrete Titan
Durch fnf Herbste den Lauf des wiederkehrenden Jahres,
Als so Prokne den Mann liebkosete: Find' ich noch etwas
Freundlichkeit, send' entweder mich selbst zum Besuche der Schwester,
Oder sie komme zu mir. Verhei' dem Schwher, in kurzem
Kehre sie wieder zurck. Ein Geschenk, wie der segnenden Gtter,
Wird mir's sein, die Schwester zu schaun! Er ordnet, die Barken
Niederzuziehn in die Flut, und geht mit Ruder und Segel
In den cekropischen Port, und berhrt die pirischen Ufer.
Gleich wie zuerst der Schwher sich darbeut, und ihn bewillkommt,
Hand in Hand, fngt wechselnd das unheilschwangre Gesprch an.
Kaum noch war des Besuchs Ursach', und die Bitte der Gattin
Angesagt, und gelobt der Gesendeten baldige Heimkehr;
Siehe, da kommt glanzreich in frstlicher Pracht Philomela,
Glnzender noch an Gestalt: so anmutsvoll, wie wir hren,
Da Najad' und Dryad' umgehn durch grnende Wlder;
Wenn man hnlichen Schmuck und hnliche Pracht sich hinzudenkt.
Anders nicht wird entflammt von der Jungfrau Blicke der Thraker,
Als wenn in falbere hren den Brand einleget der Wandrer,
Oder geschobertes Heu und dorrende Sprossen entzndet.
Wrdig ist zwar ihr holdes Gesicht; doch ihn selber auch stachelt
Angebotene Lust: denn es glhn unmig die Herzen
Jenes Bezirks; er entbrannt durch eigene Schuld und des Volkes.
Rasch ist gefat der Entschlu, zu verfhren die Hut der Begleiter
Und der redlichen Amme; zugleich zu versuchen die Jungfrau
Mit unendlicher Gab', und aufzuwenden sein Erbreich;
Oder mit Zwang sie zu rauben, bereit zu erbitterter Abwehr.
Nichts ist, was nicht wage, von zgelloser Begierde
Tobend, der Mann; kaum fat die verschlossenen Flammen das Herz noch.
Mhsam schon ertrgt er Verzug; zu den Wnschen der Prokne
Kehrt er mit gierigem Munde, die eigenen Wnsche betreibend.
Liebe macht ihn beredt; und so oft sein dringendes Fordern
ber die Billigkeit geht, so saget er, Prokne verlang' es.
Trnen auch fgt er hinzu, als heischt auch diese der Auftrag.
O ihr himmlischen Mchte, wie hllt die sterblichen Herzen
Blinde Nacht! In dem Eifer, da Schandtat brtet der Unhold,
Scheint er ein zrtlicher Mann, und gewinnt sich Lob aus dem Frevel.
Ja, auch selbst Philomela begehrt's; um den Nacken des Vaters
Schlingt sie kosend die Arm', und besuchen zu drfen die Schwester,
Fleht sie bei ihrem Heil, und gegen ihr Heil, unermdet.
Tereus schauet sie an, und herzet voraus mit dem Anblick.
Sehend die hold umwindenden Arm' und das kuliche Mndlein,
Fhlt er alles wie Stacheln, wie Feuerbrnd', und wie Nahrung
Rasender Wut; und so oft sie den liebenden Vater umarmet,
Wnscht er sich Vater zu sein; auch wr' er nicht weniger Frevler.
Endlich besiegt wird der Vater durch beider Flehn; mit Entzckung
Sagt die Tochter ihm Dank: da gelungen sie zweien Geschwistern,
Denkt die Arme bei sich, was bald Weh bringet den zweien.
Schon war wenig Beschwerde dem Phbus brig; und sehnend
Stampften die Sonnenrosse die Bahn des gesenkten Olympus.
Frstlicher Schmaus belastet die Tisch', und es blinket in Golde
Bacchischer Wein; dann gibt man dem ruhigen Schlafe die Glieder.
Doch wie einsam er sei, der odrysische Knig, fr jene
Woget sein Herz; und denkend Gesicht und Bewegung und Hnde,
Bildet er sich, wie er will, die verborgene Schnheit; und selber
Nhrt er die eigene Glut, da die Sorg' abweiset den Schlummer.
Morgen war's. Pandion, die Hand des gehenden Eidams
Drckend, empfiehlt ihm also mit Trnenergu die Gefhrtin:
Diese, mein teuerster Sohn, weil zrtliche Liebe mich ntigt,
Und sie beid' es verlangen, auch du es verlangest, o Tereus,
Geb' ich dir; und beschwrend bei Redlichkeit, und bei Verwandtschaft,
Bei den Unsterblichen fleh' ich, beschtz' als Vater sie liebreich!
Und den holdesten Trost des vielfach leidenden Alters,
Bald (doch jeder Verzug wird lang sein!) send' ihn zurck mir!
Du auch, sobald als mglich, (genug, da die Schwester entfernt ist!)
Wenn du den Vater noch liebst, komm bald mir zurck, Philomela!
Whrend des Auftrags kt' er die trauteste Tochter mit Inbrunst,
Und mildrinnende Trnen entrolleten unter den Worten.
Drauf, wie zum Pfande der Treu' er die Hand von beiden gefordert,
Fgt er sie fest ineinander, und hie sie Tochter und Enkel
Herzlich von sich in der Ferne mit Worten der Innigkeit gren.
Lebe wohl! kaum lallt' er mit schluchzendem Munde den Abschied:
Lebe wohl! und erschrak vor der dsteren Ahnung des Geistes.
Aber sobald einstieg an den farbigen Bord Philomela,
Und vom Ruder die Wog' aufrauscht', und die Kste zurckflog:
Unser ist, ruft er, der Sieg! mit fhrt die Ersehnte des Herzens!
So frohlockt der Barbar, und kaum die lsterne Seele
Bndigend, wendet er nie die funkelnden Blicke von jener:
Wie wenn Jupiters Vogel, der krummgeklauete Ruber,
Nieder den Hasen gesetzt in das Nest des erhabenen Felsens,
Nirgend ist Flucht dem Gefang'nen, den wild der Eroberer angiert.
Schon war die Reise vollbracht, schon trat aus ermdeten Barken
Jeder an heimisches Land; da Pandions Tochter der Knig
Schleppt zu dem Hirtengeheg' in die Nacht des altenden Bergwalds.
Dort die Erblassende nun, wie sie bebt und erschrocken umherblickt,
Und, mit Trnen bereits, nach der Schwester fraget, verschliet er;
Und, ein Bekenner der Schand', an der Jungfrau, und die allein war,
bt er Gewalt; nachdem sie umsonst oft jammernd den Vater,
Oft die Schwester genannt, und zumeist die unsterblichen Gtter.
Ach, sie erbebt, wie ein zagendes Lamm, das verwundet des Wolfes
Blutigem Rachen entrafft, noch nicht ganz sicher sich scheinet;
Und wie die Taube, genetzt von eigenem Blut am Gefieder,
Immer noch starrt, und die gierigen Klaun, wo sie hafteten, scheuet.
Bald, da der Geist ihr kehrte, zerrauft sie das fliegende Haupthaar,
Und, wie in Todestrauer, mit Heftigkeit schlgt sie die Arme,
Streckt dann die Hnd' aufwrts, und: Ha, Mihandeler! ruft sie,
Ha, grausamer Barbar! den nicht die Empfehlung des Vaters,
Samt den zrtlichen Trnen gerhrt, noch die Sorge der Schwester,
Auch nicht ehliches Bndnis, und nicht jungfruliche Unschuld!
Alles zerrttetest du! Mitbuhlerin ward ich der Schwester!
Du zwiefacher Gemahl! Nicht solcherlei Strafe verdient' ich!
Nimm auch, damit kein Frevel dir berig bleibe, Verbrecher!
Nimm dies Leben hinweg! O httest du vor der Entehrung
Schon es getan! dann schwebte doch schuldlos nieder mein Schatten!
Doch wenn die Oberen dies anschaun, wenn Mchte der Gtter
Etwas noch sind, wenn nicht in das Unding alles mit mir sank,
Wann es auch sei, du bezahlest die Bue mir! Selber verknd' ich's,
Ohne zu achten der Scham, wie du freveltest! Wenn es vergnnt wird,
Tret' ich unter das Volk; wenn schlieende Wlder mich halten,
Fll' ich die Wlder mit Ruf, und kundige Felsen beweg' ich!
Hre der ther die Tat, und wenn dort irgendein Gott ist!
Also erregt Philomela den Zorn des grausen Tyrannen,
Und nicht minder die Furcht. Von der doppelten Regung gestachelt,
Reit er hervor aus der Scheide den umgegrteten Sbel;
Dann sie ergreifend am Haar, und zurck ihr drehend die Arme,
Zwngt er in Bande sie ein. Da reichte den Hals Philomela,
Freudig den Tod erwartend vom Streich des gesehenen Schwertes.
Aber indem unwillig des Vaters Namen sie ausruft,
Ringt, und zu reden sich mht, mit der Zang' ihr fat er, und schneidet
Weg mit dem Stahle die Zung'; es zuckt inwendig die Wurzel;
Zitternd liegt sie, und lallt im dunkelen Staube, die Zunge;
Und wie getrennt aufhpfet der Schwanz der verstmmelten Natter,
Zappelt sie, als ob sterbend der Eignerin Spuren sie suche.
Auch nach der schrecklichen Tat (kaum mcht' ich's glauben), erzhlt man,
Da dem zerrissenen Leib er sich oft genahet mit Wollust.
Kalt nun kehrt er zurck, der Missetter, zu Prokne.
Diese fragt den Gemahl, wo die Schwester bleibe. Doch Tereus
Seufzet verstellt, und erzhlt ein gefabeltes Leichenbegngnis.
Glauben gewann durch Trnen das Wort. Schnell reit von den Schultern
Prokne die Kleider herab mit breit umfunkelndem Golde,
Hllet den Leib in schwarze Gewand', und ein lediges Grabmal
Baut sie, und bringt Shnopfer dem unverstorbenen Geiste;
Ach, und betrau'rt dein Geschick, nicht so zu betrauernde Schwester.
Schon zwlf Zeichen durchlief der leuchtende Gott in dem Jahrkreis.
Was soll tun Philomela? Die Flucht ist durch Wache gesperret;
Mchtig starrt des Gehegs aus Felsen erhhete Mauer;
Stumm verweigert der Mund ihr der Tat Anzeige: doch sinnreich
Ist im Schmerz der Verstand, und Erfindungen lehret das Elend.
Aufzug spannte die Schlaue herab am barbarischen Webstuhl,
Und dem weien Gespinst durchwebte sie purpurne Zeichen,
Rge des schnden Verrats. Das Vollendete reichte sie einem,
Flehend mit Wink, es zu bringen der Herrscherin. Jener bestellet,
Was sie gefleht, an Prokne; und wei nicht, was er ihr bringe.
Jetzo entrollt das Gewand des grausamen Kniges Gattin,
Wo sie die Schrift der Schwester, die jammernswrdige, lieset;
Und (wie war's doch mglich?) sie schweigt. Schmerz hemmte den Mund ihr;
Und es gebrach der Zung' an genug unwilligen Worten.
Nicht auch zu weinen ist Raum; nein, Recht zu verwirren und Unrecht,
Strmt sie einher; und Gedanken der Rachsucht fllen sie gnzlich.
Zeit nun war's, da gewhnlich das Dreijahrfest des Lyus
Feiern sithonische Frau'n; die Nacht ist dem Feste gewidmet.
Nachts tnt Rhodope rings vom Geklirr hellklingenden Erzes.
Nachts auch geht aus dem Hause die Knigin, lernet des Gottes
Dienst und Gebrauch, und empfht die geweihete Taumelgertschaft.
Rebe beschattet das Haupt, links hngt an der Seite der Hindin
Balg ihr herab, und es liegt der umwundene Stab auf der Schulter.
Durch Bergwaldungen rennt im Gewhl der begleitenden Weiber
Frchterlich Prokne daher, und von Wut des Schmerzes getrieben,
Heuchelt sie bacchische Wut. Zu dem einsamen Hirtengehege
Kommt sie zuletzt mit Geheul, ruft Evoe, bricht durch die Pforten,
Raubt die Schwester hinweg, und umhllt die Geraubte mit Bacchus'
Feierschmuck, und das Antlitz mit Efeuranken ihr bergend,
Fhrt sie die Staunende fort in die Schwelle der eigenen Wohnung.
So wie gemerkt, sie berhre das grliche Haus, Philomela,
Starrte die Arme vor Graun, und erblat' im ganzen Gesichte.
Prokne, zum Orte gelangt, nimmt ab den festlichen Anzug,
Und enthllt das verschmte Gesicht der bekmmerten Schwester,
Beut dann Ku und Umarmung. Doch nicht zu erheben ihr Auge
Wagt sie dort, die sich selbst Mitbuhlerin dnket der Schwester.
Niedergesenkt zur Erde den Blick, da zu schwren sie trachtet,
Und zu bezeugen die Gtter, Gewalt sei's, welche mit Schmach sie
Zeichnete, war fr die Stimme die Hand. Es entbrennet, und fat nicht
Prokne selbst den inneren Zorn; abbrechend der Schwester
Weinenden Gram: Nicht, sprach sie, ist hier mit Trnen zu handeln,
Sondern mit Stahl, und kennest du was, das ber den Stahl noch
Reicht! Zu jeglichem Greuel bin ich, o Schwester, gerstet,
Dem arglistigen Manne Vergelt zu geben der Schandtat!
Winke du, was es auch sei; nichts scheuen wir: Glut und Verstmmlung,
Oder den grlichsten Tod! - Indem noch redet die Mutter,
Naht ihr Itys, der Sohn, ein Erinnerer, was sie vermge.
Mit unfreundlichen Augen ihn wild anstarrend: Wie gleich du,
Ha, wie dem Vater so gleich! Sie sprach's, und pltzlich verstummend,
Denkt sie auf traurige Tat; ihr wogt in dem Busen der Ingrimm.
Doch als nher der Sohn anwandelte, als er die Mutter
Freundlich grt', und den Hals mit kleinen Armen herabzog,
Und zum holden Geschmeichel der Kindlichkeit Ksse gesellte;
Stand zwar etwas die Mutter bewegt, und es stockte der Zorn ihr,
Feucht auch wurden die Augen von unwillkrlichen Trnen;
Aber sobald sie merkte, von Zrtlichkeit wankt' ihr betubtes
Mutterherz; schnell kehrt sie von ihm zu der Schwester das Antlitz;
Drauf mit wechselndem Blicke sie beid' anschauend: Warum doch,
Sagte sie, schmeichelt der ein', und verstummt die andere sprachlos?
Mutter nennt mich der; was nennt nicht jene mich Schwester?
Denke doch, welchem Gemahl du dich schleiertest, Tochter Pandions!
Frevel, Entartete, ist's, den Gemahl zu lieben in Tereus!
Rasch nun schleppt' sie den Itys hinweg: wie am Ganges der Hindin
Saugendes Kind die Tigerin schleppt durch finstere Wlder.
Und da im inneren Raum des erhabenen Hauses sie weilten;
Wie er die Hnd' ausstreckt', und schon sein Schicksal erkennet,
Schon: Ach Mtterchen! ruft mit Geschrei, und den Hals ihr umwindet,
Sticht mit dem Schwert ihn Prokne, wo Brust und Seite sich fgen,
Ohne zu wenden den Blick. Ihm war zum Tod' auch die eine
Wunde genug; doch ffnet die Kehle mit Stahl Philomela.
Siehe, die noch seelvollen und schwach aufatmenden Glieder
Werden zerfleischt. Bald hpfet ein Teil im gehhleten Kessel,
Anderes zischt um den Spie; rings strmen in Blut die Gemcher.
Prokne ruft zu dem Schmause den nichts argwhnenden Tereus;
Und den Gebrauch vorschtzend des vaterlndischen Opfers,
Da ein Mann es vollend', entfernt sie Gefhrten und Diener.
Tereus, hoch dasitzend auf stattlichem Throne des Ahnherrn,
Schmaust, und hufet sich selbst sein eigenes Fleisch in den Magen.
Und, so nachtet der Sinn! ruft, saget er, ruft mir den Itys.
Nicht zu hehlen vermag die grausamen Freuden die Gattin;
Gierig, vom eigenen Wehe zu sein die Verknderin, sprach sie:
Drinnen hast ja, was du verlangst! Umschauet sich Tereus,
Fragend, wo jener denn sei. Da der Fragende wieder verlanget;
So wie sie war, bluttriefend vom grlichen Morde die Haare,
Springet hervor Philomela, und wirft dem Vater des Itys
Blutiges Haupt ins Gesicht; und niemals htte sie lieber
Reden gemocht, und die Freude durch wrdige Worte bezeugen.
Tereus mit grassem Geschrei, da den schrecklichen Tisch er zurckstt,
Regt aus dem stygischen Tale die schlangenumringelten Schwestern.
Und bald ringt er, wo mglich, herauszuwrgen des Jammers
Mahl aus geffneter Kehl', und die halbverzehreten Glieder;
Bald dann weint er, und nennt sich das klgliche Grab des Erzeugten.
Jetzo mit blinkendem Schwert verfolgt er die Tchter Pandions.
Fittiche scheinen den Lauf der cekropischen Weiber zu heben;
Fittiche hoben den Flug. Die flieht in die Wlder; die andre
Schwingt sich unter das Dach: noch unerloschen am Busen
Haftet vom Morde die Spur, und Blut befleckt das Gefieder.
Jener, von eigenem Schmerz und Begier der Strafe beschleunigt,
Wandelt zum Vogel sich um: dem ein Busch auf dem Scheitel emporsteht,
Und unmig entragt mit langer Spitze der Schnabel.
Wiedehopf ist der Nam'; es erscheint wie gewaffnet das Antlitz.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VI, Orithya





























Orithya
     
Boreas warb um die Tochter des attischen Frsten Erechtheus.
Lang entbehrte der Gott der geliebeten Orithya;
Whrend er fleht', und lieber mit Zrtlichkeit, als mit Gewalt kam.
Aber da schmeichelndes Flehn nichts fruchtete, straubig von Zorne,
Welcher gewhnlich bereits und zu sehr einheimisch dem Wind ist:
Recht so! redet er, recht! Was lie ich meine Geschosse,
Grausame Kraft und Gewalt und Zorn und trotzige Wildheit,
Und versuchte zu flehn? was mir am wenigsten ansteht!
Mir ziemt einzig Gewalt: mit Gewalt verjag' ich die Wolken,
Schttle den Sund mit Gewalt und drehe die knotigen Eichen,
Hrte den Schnee und geile das Land mit geschmettertem Hagel.
Auch, wann ich etwa die Brder im offenen Himmel erlange,
(Mein ist jenes Gefild'!) so machtvoll ring' ich und kmpf' ich,
Da, von unsrer Begegnung gezwngt, laut donnert der ther,
Und aus hohlem Gewlk das entschlagene Feuer hervorzuckt.
Doch wann nieder ich fahr' in gewlbete Klfte des Erdreichs,
Meinen Rcken mit Trotz an die untersten Hhlungen stemmend;
Beben die Manen zugleich und die Lande der Welt von Erschttrung.
Also sollt' ich gerstet die Braut angehn, und zum Schwher
Sollt' ich, statt zu erflehn, mit Gewalt erzwingen Erechtheus!
Als dies, oder nicht minder Erhabenes jener geredet,
Spreizt' er der Fittiche Schwung, der gewaltigen: da von dem Wehen
Ringsum strmte die Erd', und erschauderten weite Gewsser.
ber die Spitzen der Berg' hinziehend den staubigen Mantel,
Fegt' er den Grund; und der ngstlich erzitternden Orithya
Naht' er, in Dunkel gehllt, und umschlang sie mit gelblichen Flgeln,
Und wie er flog, so entbrannte gefacht noch strker das Herz ihm.
Und nicht hemmte der Ruber dem luftigen Laufe die Zgel,
Bis er erreicht der Cikonen Geschlecht und trmende Mauern.
Dort, Akterin, wardst du das Weib des frostigen Knigs,
Auch Gebrerin bald; denn Zwillinge brachte dein Scho ihm,
Die von der Mutter den Wuchs, und Fittiche trugen vom Vater.
Doch nicht sproten zugleich, wie man sagt, mit dem Leibe die Flgel;
Sondern bevor sich der Bart zum brunlichen Haare gesellte,
Wandelten Zethes der Knab' und Kalas ohne Gefieder.
Bald nun keimten die Kiele zugleich, wie gebrteten Vglein,
Flaumig um jegliche Seit', und zugleich ergilbten die Wangen.
Aber sobald vor der Jugend die Knabenjahre zurckflohn;
Jetzt mit den Minyern holend das Vlies von strahlenden Zotteln,
Trug sie das erste Schiff durch unbefahrene Meerflut.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VII, Medea





























Siebentes Buch
Medea
     
Schon mit der Minyerschar durchsteuerte Argo die Meerflut:
Und, der in ewiger Nacht hilflos sein Alter dahinzog,
Phineus empfing den Besuch; und des Boreas Shne mit Flgeln
Scheuchten die Jungfrauvgel vom Mund des bekmmerten Greises;
Und viel duldeten schon mit dem Held Jason die Helden:
Bis sie zuletzt einlenkten zum Sturz des schlammigen Phasis.
Weil sie dem Knige nahn, und das Vlies verlangen des Phrixos,
Und der Beding, abschreckend durch viel Arbeiten, genannt wird,
Zndet gewaltige Flamme das Herz der ctischen Jungfrau.
Als sie lange gerungen, und nicht mit Vernunft der Betrung
Obzusiegen vermocht: Umsonst ach! kmpfst du, Medea;
Irgendein Gott, sagt jene, bestrmt. Ja wahrlich, das ist es,
Oder gewi was hnliches dem, was Liebe genannt wird.
Warum scheinen mir doch zu hart die Befehle des Vaters?
Aber sie sind auch zu hart! Warum doch frcht' ich das Unglck
Des, den ich eben gesehn? Woher so bange Besorgnis?
Schtte sie aus jungfrulicher Brust, die empfangene Flamme,
Wenn du es kannst, Elende! Ja, knnt' ich es, richtiger wr' ich!
Aber mit Zwang zieht neue Gewalt; und ein anderes rt mir
Lust, ein anderes Sinn. Das Bessere seh' ich und lob' ich,
Schlechterem folget das Herz. Fr den Fremdling, Tochter des Knigs,
Glhest du? Einen Gemahl aus entlegenen Landen ertrumst du?
Hier auch wohnt, was Liebe verdient. Ob er leb', ob er sterbe,
Ordnen die Gtter allein. Doch er leb'! und dies zu erflehn ist
Auer der Lieb' auch erlaubt. Denn was verschuldete Jason?
Welche nicht Grausame blieb' unbewegt von dem Alter Jasons,
Von dem Geschlecht und der Kraft? Wen knnte nicht, fehlt' auch das andre,
Rhren allein die Gestalt? Mich wenigstens rhrte sie herzlich.
Aber, wo ich nicht helfe, der Stier' Anatmung versengt ihn;
Und mit der eigenen Saat, den erdgeborenen Feinden,
Kmpfet er, oder er fllt dem gierigen Drachen zur Beute.
Duldet' ich das, dann htte der Tigerin Scho mich geboren;
Dann von Felsen und Stahl ein Herz zu tragen bekennt' ich!
Warum schau' ich nicht selbst den Sterbenden? Warum entweih' ich
Nicht den betrachtenden Blick? und reize die Stier' auf den Jngling,
Reize die Brut des Gefilds und den schlaflos sphenden Drachen?
Gtter, ein Besseres gebt! Wiewohl, hier gilt's nicht zu beten,
Sondern zu tun! Was? soll ich das Reich verraten des Vaters?
Soll mein Schutz den Fremdling, ich wei nicht welchen, erhalten?
Da er, gerettet von mir, dann ohne mich segl' in die Winde,
Einer andren Gemahl; und der Straf' hier bleibe Medea?
Wenn er dieses vermag, und ein anderes Mdchen mir vorzieht,
Sterbe der Undankbare! Doch nicht gleicht solchem das Antlitz,
Nicht der Adel des Geistes und nicht die gefllige Bildung,
Da ich frchte Betrug, und Vergessenheit meines Verdienstes!
Auch gelobt er mir Treue zuvor; mitkundige Gtter
Zeugen dem Bund! Was sorgst du, Gesicherte? Grte zur Tat dich
Ohne Verzug! Dir ewig verdankt sich selber Jason!
Dir mit heiliger Fackel vermhlt er sich; durch der Pelasger
Stdt', als Retterin, wirst du von edelen Frauen verherrlicht!
Soll ich denn Schwester und Bruder und leiblichen Vater und Gtter,
Soll ich das Land der Geburt, entrafft vom Winde, verlassen?
Traun, ein Tyrann ist der Vater, und Barbarei das Geburtsland,
Kind der Bruder annoch, und geneigt mit Wnschen die Schwester;
Und der erhabenste Gott ist in mir! Nicht Groes verlass' ich,
Groes such' ich: den Ruhm der erhaltenen Danaerjugend,
Kunde des besseren Orts, und glnzende Stdte, von welchen
Hier auch die Herrlichkeit strahlt, und die Knst' und die Sitten der Mnner;
Und, den nie ich mit allem, was rings einschlieet der Erdkreis,
Tauschte, den soniden! mit dem ich Beglckte vermhlet,
Gtterlieblingin hei', und das Haupt zu den Sternen erhebe.
Wie? Man sagt ja, da Berg', ich wei nicht welche, zusammen-
Prallen im wogenden Meer; da, feind den Schiffen, Charybdis
Bald einschlrfe die Flut, bald strudele; da die versuchte
Szylla, von Hunden umtobt, aufbell' in sikulischen Wassern.
Traun, den Geliebten umarmend, im Scho des trauten Jason,
Schweif' ich die Meere hindurch; nichts, hab' ich nur jenen, erschreckt mich!
Oder empfind' ich ja Angst, nur Angst um meinen Gemahl ist's!
Wird es Vermhlung genannt? So blendenden Namen, Medea,
Leihest du deinem Vergehn zur Beschnigung? Schaue, wie groem
Frevel du nahst; und entfliehe, dieweil du es kannst, dem Verbrechen!
Jene sprach's; und es stand Jungfrulichkeit, Recht und Naturpflicht
Ihr vor dem Blick; schon wandte besiegt den Rcken Kupido.
Jetzo ging sie zum alten Altar der perseschen Gttin
Hekate, den ein Gehlz tiefschattenden Waldes bedeckte.
Und schon war sie beherzt, und es sank das geschwchtere Feuer.
Als den Jason sie schaut, da lebt die erloschene Flamm' auf,
Und es errtet die Wang', und ganz wird glhend das Antlitz.
So wie Nahrung empfngt von wehenden Winden ein kleines,
Unter umhllender Asche geheim verborgenes Fnklein;
Wie es erwchst, und gefacht zu den vorigen Krften emporsteigt:
Also flammte die Liebe, die matt schon sank und verschmachtend,
Wie sie den Jngling ersah, durch den Glanz des Nahen entzndet.
Schner noch wie gewhnlich erschien der Sprling des son
Jenes Tags; man konnte verzeihn dem liebenden Mdchen.
Siehe, sie schaut, und am Antlitz, wie wenn's nun endlich erschiene,
Hngt ihr gehefteter Blick; und mehr als menschliche Bildung
Whnet die Trin zu sehn, und kann nicht weichen von jenem.
Aber sobald er zu reden begann, und die Rechte der Fremdling
Sanft ihr drckt', und um Hilfe mit leiser Stimme sie ansprach,
Und zum Gemahl sich erbot; da sagte sie, flieend in Trnen:
Auch ich wei, was ich tu'; und nicht Unkunde der Wahrheit
Tuschet mich, aber die Lieb': ein Geschenk, dich zu retten, gewhr' ich.
Doch du Geretteter sichre das Wort. - Bei den heiligen Opfern
Schwret er, und bei dem Haine der dreigestalteten Gottheit,
Und bei des Schwhers Vater, der alles vernimmt und umschauet,
Bei dem gewnschten Erfolg, und bei so groen Gefahren.
Jetzo geglaubt, empfngt er sofort die bezauberten Kruter,
Lernt den Gebrauch, und kehret in Frhlichkeit unter sein Obdach.
Frhe verscheucht' Aurora die schimmernden Sterne vom Himmel;
Ringsher strmet das Volk zum heiligen Felde des Mavors;
Und sie betreten die Hh'n; der Knig selbst in dem Heerzug
Sa von Purpur umstrahlt, mit dem elfenbeinenen Zepter.
Sieh, aus demantenen Schnauzen entsprht erzhufigen Stieren
Hell aufwehende Glut; und das Kraut, von der Lohe berhret,
Brennt: und laut, wie ertnt in voller Esse das Feuer,
Oder wenn Kalkgestein, im tnernen Ofen gelset,
Fngt die gischende Glut von flssiger Wasser Besprengung:
Also ertnt inwendig die Brust von der wirbelnden Flamme,
Und der entzndete Schlund. Doch den Schnaubenden wandelt entgegen
sons Sohn. Sie wandten mit Trotz auf des Nahenden Antlitz
Ihr graunvolles Gesicht und die eisenspitzigen Hrner;
Und sie zerstampften zu Staub mit gespaltener Klaue den Boden
Und erfllten den Ort mit Gebrll und dampfendem Aushauch.
Bang' erstarrt der Minyer Schar: nah geht er und fhlt nicht
Ihr anatmendes Feuer; ihn schtzt das bezauberte Heilkraut.
Khnlich streichelt der Held mit der Hand die hngenden Wampen,
Fgt sie unter das Joch, und heit den lastenden Pflug sie
Ziehn, und mit Stahl aufreien das ungewohnte Gefilde.
Staunend sehn es die Kolcher; der Minyer Jubelgeschrei tnt,
Und erhht ihm den Mut. Dann nimmt er aus ehernem Helme
Natternzhne hervor, und bestreut die geackerten Felder.
Weich in der Furche zerquillt der mit Gift gebeizete Samen,
Keimt und sprot, und es bilden sich jugendlich wachsende Leiber.
So wie ein Kind allmhlich im fruchtenden Schoe der Mutter
Menschengestalt annimmt und jegliches Gliedchen entwickelt,
Und nicht eher, denn reif, in gemeinsame Lfte hervorgeht:
Also, nachdem im Innern der schwangeren Erde sich vllig
Ausgebildet der Mensch, entsteigt er dem Muttergefilde;
Und, noch wunderbarer, der Steigende schttelt die Waffen
Als sie bereit die Erwachsenen sahn, scharfspitzige Lanzen
Gegen das Haupt zu schnellen dem edlen Hmonierjngling,
Senkten sie nieder vor Angst das Gesicht und den Mut, die Pelasger.
Auch sie selber erschrak, die ihn vor Schaden gesichert.
Und wie den Jngling befeindet sie sah, von so vielen den einen,
Wurde sie bla im Gesicht, und sa blutlos und erkaltet.
Da ihm zu schwach nicht wirke das Kraut, so murmelt sie hilfreich
Zaubergetn, und ruft die geheimeren Knste zum Beistand.
Er nun schleudert den Fels, den gewaltigen, unter die Feinde,
Da er von sich abwende den Streit auf die Kmpfenden selber.
Wunde mit Wund' erwidert die erdgeborene Sippschaft;
Alle vertilgt einheimischer Kampf. Die Achiver mit Glckwunsch
Halten den Sieger umringt, und freuen sich seiner Umarmung,
Du auch schlngest den Sieger, o Fremdlingin, gern in die Arme;
Aber dich hemmt' im Beginn Jungfrulichkeit: dennoch umschlngst du;
Aber es wehrte dem Tun ehrliebende Achtung des Leumunds.
Was dir beides vergnnt, du freuest dich heimlich und bringest
Dank dem Zaubergetn, und den waltenden Mchten des Zaubers.
Noch war einzuschlfern durch Kraut der sphende Drache,
Der dreifaches Gezngel und Kamm und gebogene Zhne
Bot zur entsetzlichen Schau, den goldenen Widder bewachend.
Als er diesen besprengt mit Gras des lethischen Saftes,
Dreimal Worte gesagt, die ruhige Schlummer gewhren,
Die aufrhrische Meer' und reiende Strmungen hemmen,
Schleicht in die Augen gemach unkundiger Schlummer. Das Goldvlies
Nimmt der sonische Held zum Gewinn; und stolz auf die Beute,
Auch die Begnstigerin als andere Beute sich nehmend,
Lenkt er das Schiff zum iolkischen Port, mit der Gattin der Sieger.
Fr die Erhaltenen bringen zum Dank die hmonischen Mtter,
Und hochaltrige Vter Geschenk'; und gehuft in der Flamme,
Schmelzen die Weihrauchopfer; mit Gold die Hrner umzogen,
Sinkt der gelobete Stier. Doch es fehlt den Feiernden son,
Nher dem Tode bereits, und matt von Jahren des Alters.
Jetzo begann Jason: Du, der ich das Heil zu verdanken
Eingesteh', o Genossin, wiewohl du mir alles geschenket,
Und sich dem Glauben entschwingt die Anzahl deiner Verdienste:
Dennoch, knnen sie dies, (denn was nicht knnen die Zauber?)
Nimm mir ab von den Jahren, und lege sie bei dem Erzeuger!
Und nicht hielt er die Trnen. Bewegt von der kindlichen Bitte,
Dachte sie, zwar unhnlich gesinnt, des verlanen etes.
Aber sie nicht bekennend, die Regungen: Welch ein Verbrechen,
Sagt sie, entfiel, o Gemahl, dem kindlichen Munde? So schein' ich
Mchtig, zu eignen den Raum von deinem Leben dem andern?
Nie gnnt Hekate das; Unbilliges suchst du! Doch mehrers,
Als du gesucht, zu gewhren, sei mein Bestreben, Jason:
Da ich durch Kunst des Schwhers entflohenes Alter ersetze,
Nicht durch Jahre von dir; wenn die dreigestaltete Gttin
Nur, mit Hilfe genaht, zuwinkt der erhabenen Khnheit.
Drei noch fehlten der Nchte, bis ganz sich vereinten die Hrner
Zum vollstndigen Kreis. Sobald im vollesten Glanze,
Als ein gediegenes Rund, auf die Erd' abschauete Luna;
Geht sie hervor aus dem Haus', in entgrtete Kleider gehllet,
Nackend den Fu, und nackend das Haar um die Schulter gegossen;
Und sie erhebet den Schritt durch mitternchtliche Stille,
Ohne Geleit umschweifend. Der Mensch, das Gewild und die Vgel
Atmeten ruhigen Schlaf, rings schweigt die Hecke geruschlos,
Rings das schlummernde Laub; es schweigt der tauige Himmel;
Rege nur blinkt das Gestirn. Empor nun streckend die Arme
Dreht sie sich dreimal herum, mit dreimal genommenen Fluten
bertaut sie das Haar, und stimmt dreifaches Geheul an.
Dann auf der harten Erde das Knie gebeuget beginnt sie:
Nacht, Vetrauteste du den Geheimnissen; und ihr Gestirne,
Die ihr der tagenden Glut nachfolgt mit der goldenen Luna;
Du Dreihauptige auch, Mitkundige unsres Beginnens
Und Mithelferin stets; und die du der Zauberin Bannspruch
Und sie selbst, o Erde, versorgst mit mchtigen Krutern;
Auch ihr Wind' und Lftchen, ihr Berg' und ihr Strm' und ihr Teiche;
Gtter der Haine gesamt, und Gtter der Nacht, o erscheint mir!
Ihr schuft, da, wann ich wollte, den staunenden Ufern die Flsse
Aufwrts kehrten zum Quell; und ihr, da geschwollene Meerflut
Stand, und stehende schwoll der Bezauberung. Wolken vertreib' ich,
Wolken auch fhr' ich herauf; und Winde verjag' ich und ruf' ich.
Mir durch Wort und Gemurmel zerplatzt der Rachen der Natter;
Auch den lebenden Fels und die Eich', aus dem Boden gerttelt,
Raff' ich, und Wlder, hinweg; mir bebt der bedruete Berg auf,
Mir auch brllet der Grund, und Gestorbene gehn aus den Grbern.
Selbst dich zieh' ich, o Mond, wie sehr temesisches Erz auch
Dir Arbeitendem hilft; es erblat der Wagen des Ahnen
Unsrem Gesang'; es erblat vor unseren Giften Aurora.
Ihr habt matt mir gemacht die Glut anschnaubender Stiere,
Und mit gebogenem Pflug' unduldsame Nacken belastet.
Ihr habt Krieg mit sich selbst dem Gezcht der Schlange beschieden,
Ihr den wachsamen Hter in Taumel gewiegt, und das Goldvlies,
Nach umgangener Rache, gesandt in die Stdte der Grajer.
Nun sind Sfte mir not, wodurch erneuetes Alter
Jugendlich wieder erblh', und frisch anfange das Leben.
Und ihr gewhret sie mir; nicht blinken umsonst die Gestirne;
Nicht umsonst, von dem Nacken geflgelter Drachen gezogen,
Kommt der Wagen daher. - Und es kam der Wagen vom ther.
Als sie diesen bestieg, und den Hals der gezumeten Drachen
Streichelte, und in den Hnden die schwebenden Zgel bewegte,
Fliegt sie empor in die Luft, und schaut Thessalias Tempe
Unter sich, lenket sodann zu den kreidigen Bergen die Schlangen;
Und was Ossa gebar, was Pelions Hhe, von Krutern,
Auch was Othrys und Pindus und grer denn er, der Olympus,
Mustert sie: was ihr gefllt, das reutet sie teils mit der Wurzel,
Anderes mhet sie ab mit der Krmmung der ehernen Sichel.
Auch ward manches Gewchs vom Apidanus, auch von Amphrysus'
Grasigem Borde gereicht; nicht zinsfrei warst du, Enipeus;
Nicht auch fehlte Peneos und nicht die spercheischen Wasser
Beizutragen ihr Teil, und die binsigen Ufer der Bbe.
Auch am eubischen Strande das Lebensgras bei Anthedon
Rupfte sie, welches noch nicht durch Glaukus' Verwandlung berhmt war.
Als schon neunmal der Tag mit fahrendem Drachengefieder,
Neunmal die Nacht sie gesehn ringsher ausforschen die cker;
Kam sie zurck: nichts, auer Geruch, gab Nahrung den Drachen;
Dennoch legten sie ab die Haut des bejahrteren Alters.
Kommend bleibet sie stehn diesseits der Schwell' und der Pforte,
Nur vom Himmel bedeckt, und scheut den mnnlichen Umgang.
Hierauf stellet sie zween geheiligte Rasenaltre,
Einen der Hekate rechts, und links den andern der Jugend;
Flicht dann umher Weihkraut und wildernde Bsche des Waldes.
Ohnfern hhlet sie nun in das Land zwo Gruben der Shnung,
Opfert sodann, und stt schwarzwolligem Vieh in die Gurgeln
Schneidendes Erz, und bestrmt die fassenden Grfte mit Blute.
Jetzo darber geneigt das Geschirr voll lauteren Honigs,
Und die lauliche Milch im ehernen Opfergeschirre,
Rief sie zugleich mit Gebet die unterirdischen Mchte,
Laut dem Schattenbeherrscher, und laut Proserpina flehend,
Da sie dem Greis nicht eilen den Lebenshauch zu entwenden.
Als sie jene geshnt mit Gebet und langem Gemurmel,
Heit sie des sons Leib, den welkenden zu den Altren
Bringen, und zaubert ihm Schlaf; den Eingeschlferten streckt sie,
Einem Entseeleten gleich, auf untergebreitete Kruter.
Fern den Jason nunmehr, fern heit sie die Diener hinweggehn;
Und sie ermahnt, vom Geheimnis die weltlichen Blicke zu wenden.
Schleunig entfliehn sie dem Wort. Medea mit fliegendem Haupthaar
Geht in bacchantischer Weis' um die brennenden Opferaltre,
Und kleinspaltigen Kien, in das Blut der Grube getauchet,
Zndet sie auf den Altren, und heiliget dreimal die Flamme,
Dreimal mit Wasser den Greis, und dreimal mit dampfendem Schwefel.
Aber das Zaubergemisch im gestelleten Kessel des Erzes
Brodelt indes aufbrausend, und schwillt mit weilichem Schaume.
Wurzeln siedet sie dort, im hmonischen Tale geschnitten.
Samen zugleich und Blumen, zugleich scharfbeizende Sfte.
Dazu fget sie Steine, gesucht am uersten Aufgang,
Auch den Sand, den gesplt des Okeanus ebbende Meerflut.
Dazu gesammelte Feuchte des bernachtenden Mondes;
Und die verrufenen Schwingen mitsamt dem Fleische des Leichhuhns;
Auch zerschnittnes Gekrse des Werwolfs, der aus dem Untier
Schnell in des Mannes Gestalt sich verwandelte. Nicht auch ermangeln
Lie sie den schuppigen Balg der cinyphischen dnnen Chelyder,
Nicht die geistige Leber des lang' ausdauernden Hirsches;
Und von der Krhe das Haupt, die gelebt neun Menschengeschlechter.
Als sie mit solcherlei Dingen und tausend unnennbaren andern
Ihr beschlones Geschenk im marmornen Mrser gefertigt,
Rhrt sie alsbald mit dem dorrenden Ast des edleren lbaums
Alles zusammen im Erz, und mischt das untre zum obern.
Sieh, der veraltete Stumpf, im siedenden Kessel gequirlet,
Grnt voll Saftes zuerst, und es whrt nicht lange, so sprot er
Laub, und pltzlich erscheint er umhngt mit vollen Oliven.
Und wohin nur den Schaum aus gehhletem Erze das Feuer
Sprhete, wo auf die Erde nur kochende Tropfen entsanken,
Lenzt das Gefild', und Blumen und Kruterchen heben sich frhlich.
Schnell, wie sie solches gesehn, mit gezogenem Schwerte die Gurgel
ffnet Medea dem Greis, und lt das verjhrete Blut aus,
Fllt dann wieder mit Saft; und sobald die Mischung son
Durch die Kehl' und die Wunde hineinsog, pltzlich verschimmert
Bart und greisendes Haar, und wallt in dunkelen Locken;
Runzel und Magerkeit flieht, der Wust und die Blsse verschwindet;
Voll von erneuetem Blut sind gedrngt die gehhleten Adern;
Jugendlich schwelget der Wuchs. Der neugeschaffene son
Staunt, und fhlet sich ganz, wie einst vor dem vierzigsten Jahre.
Hochher schauete Liber die wundersame Begegnis:
Angemahnt, da Jugend den Nymphen auch, die ihn gepfleget,
Wiedergebracht sein knne, verlangt er die Gunst von Medea.
Da nicht raste die List, so heuchelt die phasische Heldin
Falschen Ha mit dem Gatten, und flieht zu des Pelias Schwelle
Demutsvoll; und als Gast, da er selbst von Alter geschwcht war,
Nehmen die Tchter sie auf, die in weniger Frist die verschlagne
Kolcherin ganz sich gewann durch den Schein der erlesenen Freundschaft.
Weil sie erzhlt, es krne die gresten ihrer Verdienste
sons entalteter Wuchs, und hierbei lange verweilet,
Wird die heimliche Hoffnung erregt in Pelias' Tchtern,
Ihnen auch mchte durch Kunst noch einst aufgrnen der Vater.
Und sie verlangen die Tat, und bieten unendlichen Lohn an.
Jene verstummt ein wenig, und, gleich der erwgenden sinnend,
Hlt sie mit scheinbarem Ernst ihr sehnendes Herz in Erwartung.
Bald verheit sie, und sagt: Da ihr noch sicherer, Jungfrauen,
Diesem Geschenke vertraut; der lteste Fhrer der Herde,
Den ihr den Schafen bestellt, soll Lamm durch Verzauberung werden.
Schleunig wird ein bejahrter, und schon abgngiger Widder
Hergeschleppt, dem die Hrner um hohle Schlfen sich krmmten.
Als in die welkende Kehl' ihr hmonisches Messer Medea
Eingebohrt, und den Stahl mit wenigem Blute geflecket,
Taucht sie die Glieder des Tiers, und mchtige Sfte des Zaubers,
Beid' in gehhletes Erz. Da verkleinern sich alle Gelenke;
Und er verliert das Gehrn, und samt dem Gehrne das Alter;
Und ein zartes Geblk erschallt aus der Tiefe des Kessels.
Flugs, indem das Geblk sie bewunderten, springet ein Lamm aus,
Hpft mutwillig umher, und sucht milchschwellende Euter.
Staunend sehn es die Tchter des Pelias; und da so vllig
Sich die Verheiung bewhrt, noch dringender jetzo bestehn sie.
Dreimal hatte die Ross' am Ziel des iberischen Strudels
Phbus entjocht, und es blinkten zum viertenmal helle Gestirne
Durch die Nacht, da dem Feuer die trgliche Tochter etes'
Lautere Flut aufstellte, mit unwohlttigen Krutern.
Und schon deckte dem Knig die aufgelseten Glieder,
Und den Trabanten zugleich, ein todeshnlicher Schlummer,
Den das Gemurmel gebannt, und die Kraft des magischen Spruches.
ber die Schwelle hinein mit der Kolcherin traten die Tchter;
Und sie umgingen das Bett: Was nun, Feigherzige, sumt ihr?
Zuckt doch, sprach sie, das Schwert, und schpft das verjhrete Blut aus:
Da ich frisch ihm erflle mit Jugendrte die Adern.
Eurer Hand ist vertraut des Vaters Leben und Alter.
Habt ihr kindliche Lieb', und hegt nicht eitele Hoffnung,
Leistet getreu dem Vater die Pflicht! Mit Waffen das Alter
Ausgejagt, und mit Eisen die nchterne Jauche gezapfet!
Jede kindlichste wird unkindlicher durch die Ermahnung;
Da sie nicht Frevlerin sei, so frevelt sie. Dennoch vermag nicht
Eine zu schaun den geschwungenen Hieb; mit entdreheten Augen
Wten sie abgewandt, ihn blind mit den Hnden verwundend.
Blutvoll hebet der Greis auf dem Ellenbogen die Glieder;
Und der Verstmmelte will von dem Bett aufstehen; und streckend,
Unter der mordenden Schwerter Geklirr, die erbleichenden Arme;
Tchter, was macht ihr? rief er; was reizt euch gegen des Vaters
Leben zur Wut? - Da entsank den Mordenden Hand und Besinnung.
Ihm, wie er redete, nahm mit dem Wort die Kehle Medea,
Warf den Zerhauenen dann in die Flut des siedenden Kessels;
Und sie entfloh in die Luft, von geflgelten Drachen gefhret.
Endlich gen Ephyra kam sie, zur Stadt des pirenischen Quelles.
Dort, als kolchische Gifte verbrannt die neue Gemahlin,
Und der entflammte Palast auf beiderlei Meere gestrahlet,
Frbt' unmtterlich jene das Schwert in dem Blute der Kinder;
Und nach der schrecklichen Rach' entfloh sie den Waffen Jasons.
Schleunig hinweg vom Gespann titanischer Drachen gestrmet,
Trat sie den attischen Grund auf der heiligen Hhe der Pallas.
geus nimmt sie ins Haus, Vorwurf in dem einen verdienend,
Als Gastfreundin zugleich, und zugleich als Ehegenossin.
Schon war Theseus genaht dem noch unkundigen Vater,
Er, des Tugend gestillt die korinthischen Doppelgestade.
Diesem mengt Medea zu tdlichem Trunk Akoniton,
Welches sie selber vordem mitbracht' aus den szythischen Landen.
Jenes ward, wie man sagt, an des echidneischen Hundes
Zhnen erzeugt. Tief streckt sich der Felskluft dunkelnder Eingang
Mit abschssigem Pfade, wodurch der tirnythische Halbgott,
Wie er sich strubt', und gegen den Tag und die zuckenden Schimmer
Quer die Augen verdrehte, mit bindenden Ketten des Demants
Weg den Zerberus zog, der, gereizt von wtendem Zorne
Dreifach bellende Halle zugleich auftnte zum Himmel,
Und das grnende Feld mit weilichem Schaume besprengte.
Dieser erharschte sofort, wie man glaubt; und in ppiger Nahrung
Triebsamen Grundes gepflegt, empfing er die Kraft des Verderbens.
Aber ihn nennt Akoniton das Landvolk, weil es auf harter
Klipp' am frhlichsten wchst. Durch Arglist jetzo der Gattin
Bot selbst geus, der Vater, dem Sohn, als Feinde, den Gifttrank.
Theseus nahm das Gemisch mit unargwhnischer Rechte:
Als der Vater erkannte das elfenbeinene Schwertheft,
Seines Geschlechts Anzeig', und den Mord von den Lippen hinwegschlug,
Rasch durch gezauberte Nebel entfloh dem Verderben Medea.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VII, Die Myrmidonen





























Die Myrmidonen
     
Cephalus, abgesandt vom cekropischen Volk gen gina,
Forderte Hilfe des Streits, und ermahnte den altenden Knig
akus, treu dem Bunde zu sein, und dem Schwure der Vter.
akus lehnte die Link' auf das Heft des heiligen Zepters:
Heischt nicht Hilfe von uns, nein, nehmet sie, sprach er, Athener.
Achtet die Krfte getrost fr die eurigen, welche das Eiland
Fat, und gemeinsam sei die Ergiebigkeit meines Gebietes.
Nicht ist Mangel an Macht; vollauf fr den Feind sind der Krieger
Wohl steht's, Dank sei den Gttern! und keiner Entschuldigung braucht es.
Ja, noch blhender wachse dein Reich an Brgern! erwidert
Cephalus. Eben empfand ich Kommender innige Freude,
Als so herrlich an Wuchs, so gleich an Alter die Jugend
Wandelte, mir zu begegnen. Doch deucht mir, viele vermiss' ich,
Die bei dem ersten Besuch in eurer Stadt ich gesehen.
akus seufzete tief und sprach mit trauriger Stimme:
Schauerlich war der Beginn, ihm folgt' ein besseres Schicksal.
Knnt' ich nur dieses allein euch verkndigen, ohne den Anfang!
Doch sei genau der Bericht. Um mit Umschweif euch zu verschonen:
Staub und Gebein sind alle, die eingedenk du vermissest,
Welch ein Teil von meiner Gewalt verwelkte mit jenen!
Grliche Pest verhngte dem Volk die grausame Juno,
Hassend das Land, das den Namen der Nebenbuhlerin fhret.
Als natrlich die Seuche noch schien, und des groen Verderbens
Ursach' uns sich entzog, da kmpft' entgegen die Heilkunst.
Aber die Plag' obsiegte der unterliegenden Rettung.
Anfangs drckte die Luft mit dicht umbrtendem Dunkel
Dumpf das Land, und verschlo unttige Schwl' in den Wolken.
Viermal fllete Luna den Mond mit verbundenen Hrnern,
Viermal lste sie wieder gemach abnehmend den Vollmond;
Und stets atmete hei mit tdlichen Hauchen der Sdwind.
Sag' auch herrscht', da Quellen in Fulnis gingen und Teiche;
Und da unzhlbare Schlangen durch ungebauete Felder
Irreten, welche die Flsse mit Gift und Geifer verderbten.
Fallende Hunde zuerst, und Rinder, und Schaf', und Gevgel,
Zeigten, und schweigendes Wild, die Gewalt der pltzlichen Krankheit.
Bald, mit schwererem Schaden, zum mitleidswrdigen Landvolk
Dringet die Pest, und der Stadt weitkreisende Mauren durchherrscht sie.
Wo auch immer die Augen umher ich wendete, sah ich
Scharen von Leichen gestreckt: wie wenn von geschttelten sten
Zeitiges Ost abfllt, und ein Gu von brunlichen Eicheln.
Niedergebeugt von der Last des unaussprechlichen Jammers:
Jupiter, rief ich empor, wenn von dir nicht flschlich gesagt wird,
Da du in Feuer umarmst des Asopos Tochter, gina,
Und du, erhabener Vater, dich deines Geschlechts nicht schmest,
Gibt mir die Meinen zurck: sonst birg mich selber im Grabmal!
Jener gewhrt' ein Zeichen mit Glanz und gnstigem Donner.
Willig empfahn! so rief ich: o sei's mir ein glcklicher Ausspruch
Deines Sinns! Ich nehme zum Pfand die gegebne Verkndung!
Neben mir wuchs weitstig ein unvergleichbarer Eichbaum,
Heilig dem Jupiter selbst, von dodonischem Samen.
Hieran sah ich ein langes Gewhl Ameisen hinaufgehn,
Tragend im winzigen Munde die mchtige Last des Getreides,
Und den eigenen Pfad an der runzlichten Rinde beachtend.
Weil ich die Meng' anstaune: So viel, barmherziger Vater,
Gib mir, sprach ich, der Brger, und flle die ledigen Mauern!
Pltzlich erbebt, und die st' ohn' einige Hauche bewegend,
Rauscht die erhabene Eich'. Ich zagte vor Angst, und die Glieder
Schauderten mir, und es strubte das Haar. Doch kt' ich das Erdreich,
Kte den heiligen Stamm; und nicht zu hoffen bekennend,
Hofft' ich doch, und hegt' in der Brust mein stilles Gelbde.
Jetzo nahte die Nacht, und den Leib, von Sorgen ermdet,
Deckte der Schlaf Da stand mir dieselbige Eiche vor Augen;
Und der ste soviel, und soviel des Gewrms an den sten
Schien zu tragen den Baum, und in gleicher Erschtterung bebend,
Ein korntragendes Heer auf das untere Land zu verstreuen:
Welches sofort aufwuchs, und von Ansehn grer und grer,
Nun sich dem Boden enthob, und aufrecht stand mit dem Rumpfe,
Auch die Meng' und die Dnne der F', und die dunkele Farbe
Ablegt', und in des Menschen Gestalt einhllte die Glieder.
Pltzlich erwacht, verwerf' ich des Schlafes Gesicht, und bejammre,
Da kein Trost mir erscheine von Himmlischen. Horch! ein Gemurmel
Tnt' in dem Haus, und mir war, als hret' ich Stimmen der Menschen,
Deren ich schon mich entwhnt. Indem mir auch dieses ertrumt schien,
Siehe, da eilt mein Telamon her, und die Flgel erffnend:
Mehr denn wir hoffen und traun, ist, rufet er, Vater, zu sehen!
Komm doch heraus! - Ich komm,; und ganz wie im Bilde des Traumes
Ich zu sehn die Mnner geglaubt, so ganz nach der Reihe
Schau' und erkenn' ich sie dort. Sie nahn, und gren mich Knig.
Froh die Gelbde bezahl' ich, und froh der jungen Bevlkrung
Teil ich die Stadt und die cker, gerumt von den alten Bebauern.
Myrmidonen benenn' ich sie dann, andeutend den Ursprung.
Selber sahst du den Wuchs; zugleich die Sitten, wie vormals,
Haben sie noch: ein emsig Geschlecht, ausdauernd zur Arbeit,
Karg und genau im Erwerb, und wohl das Erworbene sparend.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VII, Cephalus und Prokris





























Cephalus und Prokris
     
Phokus, des akus Sohn, mit Cephalus und den Athenern
Sitzend im schnen Gemach, indes noch ruhte der Vater,
Schaute von unbekanntem Gehlz den gegltteten Wurfspie,
Welchen Cephalus trug, mit goldener Schrfe gespitzet.
Als in dem Wechselgesprch erst weniges dieser geredet:
Ich bin, sprach er, ein Freund von Gebsch, und des Wildes Erlegung;
Aber aus welcherlei Baume der Schaft, den du fhrest, gehaun sei,
Zweifel' ich lange bereits. Frwahr, wenn's ein eschener wre,
Gelblich erschiene die Farb'; ein kornellener, wr' er geknotet.
Fremd ist mir das Gewchs; allein nicht schnerer Bildung
Haben ein Wurfgert je unsere Augen gesehen.
Drauf antwortet' ihm einer der attischen Brder: der Nutzen
Ist noch mehr, denn die Schne, bewunderungswrdig an jenem.
Denn er erreicht, wohin er auch fliegt; kein blindes Verhngnis
Lenkt ihn: und selber zurck zu dem Sendenden flieget er blutig.
Eiferig forscht nach allem nunmehr der neresche Jngling:
Wer ihn verlieh, und warum; und woher solch Ehrengeschenk kam.
Jener erzhlt, was die Scham ihm vergnnt; und das brige meldend,
Schweiget er, wes zum Lohn er ihn trug. Voll inniger Wehmut
Um das verlorene Weib, mit quellender Trne beginnt er:
Dieses Gert, (wer glaubt es?) o Sohn der Psamathe, macht mich
Weinen anjetzt, und lange hinfort; wenn lange das Schicksal
Mir zu leben verleiht! Dies hat mich samt der Genossin
Ausgetilgt! Oh, htt' ich doch nie des Geschenks mich erfreuet!
Prokris war, wenn vielleicht von Orithya der Ruf dir
Tnete, Schwester vordem der geraubeten Orithya;
Und wenn vergleichen du willst die Gestalt und Sitte der beiden,
Wrdiger selber des Raubs. Die hat mir der Vater Erechtheus,
Die mir Amor gefgt. Ein Seliger hie ich, und war ich;
(Nicht den Gttern gefiel's!) und vielleicht noch wr' ich es heute!
Kaum der andere Mond nach dem brutlichen Feste verging uns,
Als mich, welcher das Garn ausspannt den gehrneten Hirschen
Auf dem erhabensten Gipfel des stets umblhten Hymettus,
Frh in der Dmmerung schaut die flammenfarbne Aurora,
Und mit Gewalt mich entrafft. Die Wahrheit gnne die Gttin
Mir zu gestehn! Wie jene mit rosigem Antlitz sich ausnimmt,
Wie auch die Grenze des Lichts, und die Grenze der Nacht sie behauptet,
Wie nektarischer Tau sie ernhrt: ich liebete Prokris.
Prokris war in der Brust, und stets in dem Munde mir Prokris.
Ehlichen Bund, und die Neue der Lieb', und die frischen Gemcher,
Unser Wort, da das Lager zuerst wir verlieen, erzhlt' ich.
Drauf die Gttin gerhrt: Unfreundlicher, hemme die Klagen;
Habe denn Prokris hinfort! Einst wnschest du, ahn' ich die Zukunft,
Da du sie nimmer gehabt! So sprach sie im Zorn, und entlie mich.
Weil ich, zurck mich wendend, das Wort der Gttin erwge,
Steigt allmhlich die Furcht, ob der Hochzeit Schwre die Gattin
Unverrckt mir bewahrt. Die Gestalt und das blhende Alter
Machten mir glaublich den Bruch; ihn macht unglaublich die Sitte.
Doch ich war ja entfernt; doch jene, woher ich zurckkam,
War ja der Schuld Beispiel; doch schreckt ja den Liebenden alles.
Selber ring' ich nach Gram, und mhe mich, redliche Treue
Durch Geschenk zu versuchen. Die Furcht begnstigt' Aurora;
Und sie verwandelte mir (ich glaubt' es zu merken) die Bildung.
Unerkennbar geh' ich zur attischen Stadt der Minerva,
Und ich betrete das Haus. Nichts war in dem Hause zu tadeln;
Alles verkndete Zucht, und Sorg' um den fehlenden Hausherrn.
Kaum durch mancherlei List zu der Erechthide gelangend,
Sah ich sie jetzo, und staunt', und verlie beinahe der Treue
Ausgedachten Versuch; schwer hielt ich mich, da ich die Wahrheit
Eingestand, schwer, da ich mit ziemenden Kssen ihr nahte.
Traurig sa sie fr sich; doch kann nicht schner ein Weib sein,
Als die traurige war; sie glhete hei vom Verlangen
Ihres entrinen Gemahls. Urteile du, welcherlei Anmut,
Phokus, jene geschmckt, die selbst im Kummer noch einnahm.
Was erzhl' ich, wie oft sie meine Versuchungen abtrieb
Mit unreizbarem Sinn! wie oft sie sagte: dem einen
Bin ich getreu, wo er immer auch ist, sein bin ich auf ewig!
Wem von gesundem Verstand war nicht die Probe der Unschuld
Bndig genug? Mir genget sie nicht; und in eigene Wunden
Wt' ich, indem fr die Gunst ein reiches Geschenk ich verheie,
Und durch erhhtere Gabe zuletzt zum Wanken sie bringe.
Und ich rief. ich verstellter, ich heillos handelnder Buhler
Bin dein Gemahl! Treulose, mein eigenes Zeugnis verdammt dich!
Jen' antwortete nichts; nur gebeugt von stiller Beschmung
Floh sie das Haus voll Tcke zugleich mit dem hmischen Gatten;
Und da die Krnkung von mir der Mnner Geschlecht ihr verleidet,
Irrte sie durch die Gebirge, den Dienst der Diana besorgend.
Doch mir Verlassenen drang noch ungestmere Flamme
Durch das Gebein; ich bekannte den Fehl, und fleht' um Verzeihung.
Ich auch htte vermocht, gleich ihr, zu erliegen der Schwachheit.
Sagt' ich, nach solchem Geschenk; ward solch ein Geschenk mir geboten!
Als ich dieses bekannt, und die Krnkung der Scham sie gerchet,
Kehrt sie zurck, und verlebt glckselige Jahre der Eintracht.
berdies, als wre sie selbst ein zu kleines Geschenk, mir
Schenkt sie den Wurfspie hier, den du in den Hnden mir siehest.
Cephalus sprach's, und verstummt. Was tat denn Bses der Wurfspie?
Fragt' ihn Phokus darauf. Sein Tun verkndiget jener.
Freuden sind, o Phokus, der Anfang unseres Leides.
Jene denn meld' ich zuerst. Mich entzckt der Gedanke der alten
Seligkeit, akus' Sohn, da in frheren Jahren der Ehe
Froh der Gattin ich war, und froh war jene des Gatten.
Zrtlich begegnende Sorg' und gemeinsame Liebe vereint' uns.
Nicht wrd' unserer Lieb' auch Jupiters Lager sie vorziehn,
Noch war, mich zu verleiten, ob Venus selber auch kme,
Mchtig ein Weib; gleich brannten in hnlicher Flamme die Herzen.
Wann die Sonne zuerst die Hhn der Berge bestrahlte,
Pflegt' ich jugendlich oft zur Jagd in die Wlder zu gehen.
Weder begleitende Diener, noch Ross' und sprende Hunde,
Lie ich gehen mit mir, noch knotige Garne mir folgen.
Sicherheit gab mir der Spie. Doch wann von des Wildes Erlegung
Satt die Rechte mir war, dann sucht' ich erfrischende Schatten,
Und aus luftigem Tale mich sanft anatmende Khlung.
Khlung sucht' ich bestndig in Mittagsgluten zum Labsal;
Khlung wnschte mein Herz, um auszuruhn von der Arbeit.
Khlung, pflegt' ich zu singen, o komm, du liebliche Freundin!
Trsterin, komm, und spiele mir hold um den offenen Busen!
Nahe mir sanft, wie du tust, die brennende Glut mir zu lindern!
Manch liebkosendes Wort (so leitete mich das Verhngnis)
Fgt' ich vielleicht noch hinzu, und: Oh, mir Wonne des Himmels!
Rief ich mit innigem Laut, du, du erquickst mich, und strkst mich!
Du verschnst mir den Wald, du einsame Wsten! O la mich
Deinen Hauch mit lechzendem Mund einatmen, du Se!
Heimlich vernahm aufhorchend, ich wei nicht wer, des Gesanges
Doppelsinn; er whnte, die oft gerufene Khlung
Sei wohl Nymphe des Orts, und meint', ich liebe die Nymphe.
Straks dann geht er zu Prokris, ein unbesonnener Melder
Nichtiger Schuld, und zischelnd vertrauet er, was er gehret.
Leicht ist die Liebe betrt. Sie sank vor betubender Wehmut,
Wie er erzhlt', ohnmchtig dahin; und endlich zum Leben
Wiedergebracht: O mir Armen, mir Unglckseligen! rief sie;
Und wehklagt' um die Treu'; und emprt vom eitelen Vorwurf,
Frchtet sie, was nichts ist, und erschrickt vor dem ledigen Namen,
Ach! und traurt, als wre die Nebenbuhlerin wirklich.
Oftmals zweifelt sie doch, und hofft sich zu tuschen, die Gute;
Und mitraut dem Bericht; und wofern nicht selbst sie gesehen,
Will sie nicht verdammen die Untat ihres Gemahles.
Gleich, wie die Nacht sich verzog vor dem folgenden Licht der Aurora,
Geh' ich hinaus in den Wald; und vom Sieg' ausruhend im Grnen,
Sang ich: O Schmeichlerin, komm, und lindere mir die Ermattung!
Pltzlich schien wie Geseufz ein dunkeler Laut in die Worte
Meines Gesangs zu ertnen; doch: Komm, Holdselige! rief ich.
Als nun mit leisem Gerusch das gefallene Laub sich bewegte,
Glaubt' ich ein Wild in dem Busch, und sandte den fliegenden Wurfspie.
Prokis war's; und tragend die Wund' in der Mitte des Busens:
Wehe mir! schrie sie auf. Wie den Ruf der treuesten Gattin
Kaum ich erkannt, so enteil' ich zum Ruf sinnlos und verwildert.
Halb entseelt, die Gewande mit strmendem Blute besudelnd,
Wie sie ihr eignes Geschenk (ich Elender!) zog aus der Wunde,
Find' ich sie dort; und den Leib, der teurer mir war, wie der meine,
Heb' ich mit Armen der Schuld; und das Kleid mir am Busen zerreiend,
Bind' ich die schreckliche Wund', um das Blut, wo mglich, zu hemmen;
Da sie mich Freveler nicht durch Tod vereinsame, fleh' ich.
Jene, der Krfte beraubt, die schon Hinsterbende, mhsam
Sagt sie das Wenige noch: Bei dem heiligen Bunde des Lagers,
Bei den Unsterblichen fleh' ich, den oberen, ach und den meinen!
Bei den Verdiensten um dich, wofern ich etwas verdienet,
Und bei des Tods Ursache, die jetzt auch dauert, der Liebe!
Nicht in unser Gemach la gehn die gerufene Freundin!
Prokris sprach's; erst jetzo erkannt' ich den tuschenden Irrtum;
Und ich belehrte sie des. Allein was frommte Belehrung?
Ach sie sank, und es flohn mit dem Blut die wenigen Krfte.
Und so lange zu schaun sie vermag; mich schaut sie, und in mich
Fliet die bekmmerte Seel', in meine Lippen geatmet.
Heiterer scheinet indes der Beruhigten sterbendes Antlitz.
Weinend erzhlt es der Held den Weinenden. Siehe, da wandelt
akus her mit dem dopplen Geschlecht, und der streitbaren Jugend,
Die er dem Cephalus gibt, mit mchtigen Waffen gerstet.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VIII, Scylla und Minos





























Achtes Buch
Scylla und Minos
     
Als nun heiteren Tag, fortscheuchend die nchtlichen Stunden,
Lucifer wieder erschliet, da legt sich der Ost, und es hebt sich
Feuchtes Gewlk. Dem Cephalus beut und des akus Shnen
Rckfahrt friedlicher Sd, von welchem getrieben sie glcklich
Vor der erwarteten Zeit anlangen am Ziele des Hafens.
Minos indessen verheert die Gestade lelegischer Stmme,
Und er versucht die Strke des Heers an Alkathos Mauern
Erst zum Beginn, wo Nisus gebot, dem mitten am Scheitel
Haftete zwischen dem Grau des Ehrfurcht heischenden Hauptes
Glnzend von Purpur ein Haar, die Brgschaft mchtigen Reiches.
Sechsmal war's, da Luna erhob aufgehend die Hrner:
Immer noch schwankte das Glck des Krieges, und zwischen den beiden
Schwebete lange der Sieg unschlssig mit irrenden Flgeln.
Eigen dem Knig erhob sich ein Turm an der tnenden Mauer,
Wo der Letoische Gott nach der Sage die goldene Leier
Ehdem niedergelegt. Ihr Klang blieb haften am Steine.
Dorthin pflegte sich oft zu begeben die Tochter des Nisus
Und mit kleinem Gestein nach dem hallenden Quader zu werfen,
Als noch Frieden bestand. Im Krieg auch pflegte sie oftmals
Dort vom Turme zu schau'n auf die Kmpfe des grimmigen Mavors.
Schon in des Krieges Verlauf auch lernte sie kennen der Frsten
Namen und Ross' und Waffen und Tracht und kydonische Kcher;
Aber vor allen zumeist die Gestalt des Europische Fhrers
War ihr bekannt, mehr als ihr gefrommt. Nach ihrem Erachten
War, wenn das Haupt ihm deckte der Helm mit den buschigen Federn,
Minos schn in dem Helm, und hatte den Schild er genommen,
Der hell strahlte von Erz, sah stattlich er aus mit dem Schilde.
Wenn er den schwankende Speer ausholend er hob in der Rechten,
Lobte die Kunst im Verein mit der Kraft die bewundernde Jungfrau.
Hatt' er, das Rohr auflegend, gekrmmt den geschweifeten Bogen,
Schwur sie, wie er, so stehe, den Pfeil in der Rechten, Apollo.
Wenn er das Erz nun erst abnahm und entblte das Antlitz
Und auf schneeigem Ro, das prangte mit buntem Gedecke,
Sa im Purpurgewand und das schumende Maul ihm zurechtwies,
War kaum ihrer bewut, kaum mchtig der Sinne des Nisus
Tochter. Sie nannte beglckt den Spie, den Minos berhrte,
Nannte die Zgel beglckt, die er in den Hnden bewegte.
Oft schon war sie gewillt, jungfruliche Schritte zu lenken -
Ziemt' es sich nur - durch die feindliche Schar; oft war sie gewillt auch,
Hoch vom Turme den Leib in das gnosische Lager zu strzen
Oder das eherne Tor gar aufzuschlieen dem Feinde
Oder was Minos von ihr sonst forderte. Wie sie nun dasa,
Schauend das weie Gezelt des diktischen Knigs, begann sie:
Ob mich der traurige Krieg mehr freu'n soll oder betrben,
Zweifl' ich im Sinn. Mich betrbt, da Minos der Liebenden Feind ist.
Und doch ohne den Krieg wie wr' er bekannt mir geworden?
Aber er knnte dem Krieg absteh'n, mich nehmen als Geisel
Und zur Begleiterin mich, mich haben zum Pfande des Friedens.
Wenn sie hnlich wie du, o schnster von allen, gewesen,
Die dich gebar, ward Liebe mit Recht in dem Gotte entzndet.
O, wie wr' ich beglckt, wenn ich knnte mit Schwingen die Lfte
Teilen und schweben hinab in das Lager des gnosischen Knigs,
Da ich gestnde die Glut und ihn fragete, was er zur Mitgift
Fordere. Nur nicht drft' er die Feste des Vaters begehren.
Eher entsag' ich dem Glck des erwarteten Lagers, als da mir
Dazu hlfe Verrat, obwohl schon oft die Besiegung
Vielen zum Heile gewandt gromtige Milde des Siegers.
Sicherlich fhrt er den Krieg mit Fug fr des Sohnes Ermordung;
Ihn macht mchtig das Recht und das Recht verfechtende Waffen.
Ihm wird, glaub' ich, der Sieg. Wenn dieses Geschick zu erwarten,
Warum sollte denn Mars, nicht unsere Liebe dem Knig
ffnen die Mauern der Stadt? Viel besser, er htte die Obmacht
Ohne Verzug und Mord und Aufwand eigenen Blutes.
Denn stets bin ich in Furcht, da einer die Brust dir verwunde,
Minos, ohne Bedacht. Wer wre so harten Gemtes,
Da er es wagte, den Speer auf dich vorstzlich zu richten?
Wohl denn, es sei! Fest steht der Entschlu, samt mir ihm zur Mitgift
Zuzubringen die Stadt und ein Ende zu setzen der Fehde.
Was hilft Wollen jedoch? Stets htet die Wache den Zugang,
Und von dem Vater geschtzt ist der Tore Verschlu. Vor dem Vater,
Wehe mir, bangt mir allein; nur er setzt Schranken den Wnschen.
Machten mich doch die Gtter verwaist! Doch wahrlich, ein Gott ist
Jeder sich selbst, und das Glck ist abhold feigen Gebeten.
Lngst schon htte gewi, von solchem Verlangen entzndet,
Freudig ein anderes Weib, was hemmte die Liebe, beseitigt.
Sollt' ich einer an Mut nachsteh'n? Durch Feuer und Schwerter
Wrd' ich wagen zu geh'n. Und Feuer so wenig wie Schwerter
Sind ja vonnten dabei; ein Haar ist vonnten vom Vater.
Das gilt hher fr mich denn Gold; dies purpurne Haupthaar
Soll mir schaffen das Glck und des sehnlichen Wunsches Gewhrung.
Whrend sie redete, war die Pflegerin heimlicher Sorge
Leise gekommen, die Nacht, und es wuchs ihr im Dunkel die Khnheit.
Ruhezeit nun hub an, wo der Schlaf von den Sorgen des Tages
Matte Gemter befngt. Da tritt in die Kammer des Vaters
Schweigend sie ein und entreit - o Schande! - die Tochter dem Vater
Sein hochwichtiges Haar. Wie den ruchlosen Raub sie begangen,
Nimmt sie des Frevels Gewinn mit sich und entschritten dem Tore
Geht durch die Feinde sie hin - so gibt ihr Vertrauen die Grotat -
Kommt zum Knig und spricht zu dem hchlich Verwunderten also:
Liebe bewog mich zur Tat. Ich, frstliche Tochter des Nisus,
Scylla, ich bringe dir hier des Landes und meine Penaten.
Anderen Lohn nicht heisch' ich, als dich. Zum Pfande der Liebe
Nimm dies purpurne Haar und glaube: das Haupt des Erzeugers
Geb' ich, das Haar nicht blo, dir hin. Und es bot ihm die Rechte
Dar das verruchte Geschenk. Doch weigernd entwehrt sich der Gabe
Minos, entsetzt vor dem Bild unglaublicher Tat, und erwidert:
Da dich aus ihrem Bereich ausstieen die Gtter, du Schandmal
Unserer Zeit! Da Lnder und Meer dir wrde verboten!
Wenigstens leid' ich nie, da die Wiege des Jupiter, Kreta,
Wo ich habe das Reich, solch Ungeheuer betrete.
Minos sprach's, und nachdem den Besiegten der billige Herrscher
Ordnung bestellt und Gesetz, lie gleich er die Taue der Flotte
Lsen und rudern vom Land die kupferbeschlagenen Schiffe.
Da nun Scylla gewahrt, wie ins Wasser gelassen die Kiele
Schwammen und nicht ihr den Lohn des Verbrechens gewhrte der Fhrer,
Wandte sie sich, als Bitten erschpft, zu gewaltigem Zorne;
Rasend mit fliegendem Haar und die Hnde gestreckt in Verzweiflung
Rief sie: Wo fliehest du hin, die dir geholfen, verlassend,
Du, den hher ich hielt als das Heimatland, als den Vater?
Wohin willst du entflieh'n, Hartherziger, welchem den Sieg gab
Unser Vergehn und Verdienst? So rhrete unsere Gabe,
Unsere Liebe dich nicht, doch da ich einzig auf dich nur
All mein Hoffen gesetzt! Wohin nun soll ich Verlane?
Heim in die Stadt? Die liegt ja besiegt. Und gesetzt, sie bestnde:
Durch den Verrat ist mir sie gesperrt. Vor die Augen des Vaters?
Dir ja gab ich ihn preis. Die Schuldige hassen die Brger;
Furcht weckt allen umher das Beispiel. Selbst mir verschlossen
Hab' ich die Lande gesamt, da Kreta nur offen verbliebe.
Wenn du mir das auch weigerst und mich, Fhlloser, verlssest:
Nicht Europa, frwahr unwirtliche Syrte, Charybdis,
Die stets geielt der Sd, ein armenischer Tiger gebar dich;
Jupiter zeugte dich nicht, noch wurde vom Bilde des Stieres,
Die dich geboren, berckt - so lgt ein Mrchen die Abkunft -,
Sondern ein wirklicher Stier, der grimmig zu keiner der Frsen
Liebe gefhlt, war's, der dich gezeugt. Vollziehe die Strafe,
Vater, an mir! Frohlockt ob unserer Qualen, ihr Mauern,
Die ich verriet! Ich bekenne, den Tod zu erleiden verdient' ich.
Einer von ihnen jedoch, die ich ruchlos habe beleidigt,
Bringe mich um. Warum willst du, dem unsere Schuld nur
Sieg gab, rchen die Schuld? Ein Verbrechen dem Land und dem Vater,
Mu es ein Dienst dir sein. Dich wahrlich verdient zum Gemahle
Sie, die buhlend betrog mit dem Holze den trotzigen Farren
Und mileibige Frucht in dem Scho trug. Aber mein Rufen,
Dringt es zu Ohren dir auch? Wie, oder entfhren die Winde,
Wie sie entfhren dein Schiff, Fhlloser, die eitelen Worte?
Nun, nun wundert es nicht, da Pasipha lieber dem Stiere
War zu Willen als dir; du hattest noch grere Wildheit.
Wehe mir! Sorglos eilt er davon, und zerteilt von den Rudern
Rauschet die Flut, und mit mir bleibt unser Gestade dahinten.
Eitles Bemh'n, o du, der meiner Verdienste vergessen!
Dir nachfolg' ich zum Trotz, und den bauchigen Spiegel umklammernd
Lass' ich mich zieh'n durchs Meer. Sie sprach's, und im Nu in die Wogen
Springt sie und kommt an das Schiff, da Kraft ihr verleiht das Verlangen,
Und an dem gnosischen Kiel hngt fest die verhate Gefhrtin.
Wie sie der Vater erblickt - denn er schwebte bereits in den Lften,
Da er sich wandelte jngst zum brunlich befiederten Fischaar -
Kommt er geschossen und will sie zerreien mit hakigem Schnabel.
Jene geschreckt lt fahren das Schiff, doch whrend des Falles
Schien sie zu halten die Luft, da nicht sie berhrte die Wellen.
Federn vermehrten den Fall; durch Federn zum Vogel gewandelt
Heit sie Ciris und fhrt vom geschorenen Haare den Namen.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VIII, Ddalus





























Ddalus
     
Schon war erwachsen die Schmach des minoschen Hauses, und schandbar
Zeigtest der Knigin Lust, zweileibige Wundergeburt du.
Minos bestimmt, zu entfernen der ehlichen Kammer Beschimpfung,
Mit vielgngigem Haus und blindem Verschlo sie umhegend.
Ddalus, hochgepriesen in schaffender Kunst und Erfindung,
Grndet das Werk, und verwirret die Merkmal', und in des Irrtums
Windungen fhrt er die Schwelle durch vielfach schlngelnden Umschweif
So wie in phrygischen Auen der lautere Strom des Mandros
Scherzt, und in zweifelndem Laufe gekrmmt abfleut und zurckfleut;
Selbst begegnend sich selbst, erblickt er die kommenden Wasser;
Und nun gegen den Quell, nun gegen das offene Meer hin,
Treibt er die unentschiedene Flut: so drehet der Knstler
Zahllos irrender Gnge Gemisch. Kaum findet er selber
Sich zu der Schwelle zurck; so tuschet der Trug des Verschlosses.
Als er die Doppelgestalt des Stiers und des Jnglings einschlo,
Und das Gezcht, das zweimal mit attischem Blut sich gesttigt,
Sank dem dritten der Lose nach neun umrollenden Jahren;
Als zu der schwierigen Pforte, die kein Vorgnger gewonnen,
Durch jungfrulichen Rat der verschlungene Faden zurckwies:
Stracks nun lenkt der gide das schwellende Segel gen Dia,
Samt der entfhreten Braut. Doch der Grausame lie Ariadne
Dort am Gestade zurck. Der verlassenen, klagenden Frstin
Nahete Liber mit Schutz und Umarmungen; und, da ihr ewig
Strahle der Ruhm im Gestirn, die dem Haupt enthobene Krone
Sandt' er zum Himmel empor, sie durchfliegt sanftatmende Lfte;
Und wie sie fliegt, sind die Stein' in pltzliche Funken verwandelt;
Und sie behaupten den Ort mit bleibendem Glanze der Krone,
Zwischen dem knieenden Bild' und dem schlangehaltenden schwebend.
Ddalus hat indessen die kerkernde Kreta, wohin ihn
Lange verbannt das Geschick, und, gelockt von der Liebe der Heimat,
War er umschlossen vom Meer. So werde denn Land und Gewsser,
Rief er, gesperrt; doch ffnet der Himmel sich: dort sei die Laufbahn!
Alles beherrsch' auch Minos, die Luft beherrschet er doch nicht!
Sprach's: und wendet den Geist auf unersphete Knste,
Und schafft neue Natur. Denn in Ordnung leget er Federn,
Wo zu der kleinsten hinab die krzere folget der lngern;
Da ein wachsender Flgel erscheint. So hebt sich dem Landmann
Eine Syring' allmhlich mit sanft aufstufenden Rhren.
Lein nun bindet sie mitten, und Wachs an der unteren Spule.
Also gefgt, empfahn sie die leise gebogene Krmmung,
Da sie genau nachahmen die Fittiche. Aber der Knabe
Ikarus stand, und fhlt' unwissend die eigne Gefahr an;
Bald, mit lchelndem Antlitz, erhascht er die hpfende Flaume,
Welche das Lftchen bewegt; bald knetet' er weich mit den Fingern
Gelbliches Wachs, und strte mit kindlichem Spiele des Vaters
Wundergeschft. Nachdem er die letzte Hand der Erfindung
Angelegt, da erhob auf wgende Schwingen der Knstler
Selbst den eigenen Leib, und schwebt in bewegeten Lften.
Dann wird gerstet der Sohn: Ich warne dich, Ikarus, sprach er,
Flieg' auf der mittelsten Bahn; da nicht, wenn gesenkter du hinfhrst,
Wasser die Fittiche laste; wenn steigender, Glut dich versenge.
Schwebe von beiden entfernt. Nicht Helice, oder Bootes
Schaue mir rechts, noch links das gezogene Schwert des Orion.
Hinter mir eile den Weg. - Zugleich die Gebote des Fluges
Lehrt er, und fgt an die Schultern die ungewohnte Beschwingung.
Whrend er schafft und ermahnt, wird na die Wange des Greises;
Und es erbebt dem Vater die Hand. Noch kt er das Shnlein,
Das nie wieder dem Kusse sich beut; und mit Schwingen sich hebend,
Fliegt er voran, voll Angst um den Folgenden: so wie ein Vogel
Hoch aus dem Nest entfhret die schwchliche Brut in die Lfte.
Und er ermahnt den Begleiter und lehrt ihm schdliche Knste;
Selbst die seinigen regt er und schaut auf die Flgel des Sohnes.
Mancher, indem er Fische mit schwankendem Rohre sich angelt,
Oder gelehnt auf den Stecken ein Hirt, auf die Sterze der Pflger,
Sahe die beiden erstaunt, und whnete, Himmlische wren's,
Welche die Luft durcheilten. Und schon die junonische Samos
War zur Linken vorbei, auch Delos geflohen, und Paros;
Rechts Lebynthos vorbei und die honigreiche Kalymne:
Als sich der Knabe begann des verwegenen Fluges zu freuen,
Und den Fhrer verlie, und, gereizt von Begierde des Himmels,
Hhere Bahn sich erkor. Die Gewalt der nheren Sonne
Weichte das duftende Wachs, das der Fittiche Spulen gefget:
Bald war geschmolzen das Wachs; und er schwingt die nackenden Arme;
Auch nicht fngt er ein Lftchen, entblt der rudernden Flgel;
Und sein Gesicht, wie umsonst des Vaters Namen er ausrief,
Taucht in die bluliche Flut, die hinfort von jenem genannt wird.
Aber der Vater voll Grams, nicht Vater noch: Ikarus, ruft er;
Ikarus, ruft er, wo bist du? wo soll ich dich suchen, du trauter
Ikarus? ruft er laut, und erblickt in den Wogen die Federn.
Und er verwnscht die eignen Erfindungen; dann in das Grabmal
Bringt er den Leib: und es trgt des Bestatteten Namen das Eiland.
Als er die Leiche begrub des erbarmungswrdigen Sohnes,
Schaut aus der stigen Eiche hervor ein geschwtziges Rebhuhn.
Frhlich schlug es die Schwingen und uerte Freud' im Gesange.
Noch ein einzelner Vogel und fremd den vorigen Jahren,
Jngst in Gefieder gehllt, dir, Ddalus, ewig ein Vorwurf.
Denn ihm hatte vertraut, der Geschick' unkundig, die Schwester,
Da er es lehrt', ihr Kind, dem zwlfmal zurck der Geburtstag
Kehrte, den feurigen Perdix, von raffendem Sinn fr die Weisheit.
Dieser, nachdem er im Fische die zackigen Grten bemerket,
Nahm ein Muster daran und schnitt in die Schrfe des Eisens
Fortgereihete Zhn' und erfand die Sge zum Werkzeug,
Auch vereint' er zuerst zween eiserne Arm' in dem Knoten
Eingefugt; und indem gleichmiger Raum sie gesondert,
Stand der andere Stift, und der andere kreist' in die Runde.
Ddalus sah es mit Neid; von der heiligen Burg der Minerva
Strzt er ihn huptlings hinab, und heuchelte, da er gestrauchelt.
Aber hold dem Verstand', empfing ihn Pallas, und schuf ihm
Vogelgestalt und verhllt' ihn mitten im Fall mit Gefieder.
Siehe, der raschen Natur Lebendigkeit ging in die Flgel,
Ging in die Fe hinein; es blieb der Name, wie vormals.
Doch nicht pflegt der Vogel den Leib in die Hhe zu schwiegen;
Auch nicht baut er im Ast und erhabenen Gipfel die Nester;
Sondern er fliegt an der Erd', und legt in den Hecken die Eier.
Stets noch scheut er das Hohe, des vorigen Falles gedenkend.
Matt nunmehr des Fluges, gewann das tnische Eiland
Ddalus, wo ihn in Schutz der freundliche Kokalus aufnahm.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VIII, Meleagros





























Meleagros
     
neus in Kalydon brachte des reich gesegneten Jahres
Erstlinge, Frucht der Ceres, und sein Getrnk dem Lyus,
Und palladisches l der blondgelockten Minerva.
Dann von den lndlichen kam zu den himmlischen Mchten Opfers
Neiderregende Ehr'; allein nur darbte des Weihrauchs,
Wie man erzhlt, der Altar der latoschen Gttin Diana.
Gtter auch rhret der Zorn. Nein, nicht ungestraft sei der Frevel!
Mag man zwar ungeehrt, doch nicht ungerecht mich nennen!
Sprach sie und sandte zur Straf' in die Fruchtgefilde des neus
Einen Eber voll Wut. Nicht mchtiger nhret Epirus
Farren im Kraut; in den Auen der Sikuler waten sie kleiner.
Feuer und Blut entfunkelt dem Blick; rauh starret der Nacken;
Aufrecht stehn wie ein Wall, wie ragende Schafte die Borsten.
Siedend mit heierem Zischen herab um die Rume des Buges
Strmet der Schaum; und es drohen, wie indische Zhne, die Hauer.
Blitz ist der Odem des Munds; es entbrennet das Laub von dem Anhauch.
Bald im Kraute zerstampft er das jugendlich grnende Saatfeld;
Bald die gereiften Gelbde des trostlos weinenden Landmanns
Mht er, und rafft in der hre die Nahrungen. Siehe, die Tenne
Harret umsonst, und umsonst der verheienen Ernte der Speicher
Rebengerank sinkt nieder, umhngt von lastenden Trauben;
Nieder die Beet' an den sten des immer sprossenden lbaums.
Gegen die Schaf' auch tobt er; und weder ihr Hirt noch die Hunde
Schtzen sie, oder die Rinder der Trotz unbndiger Stiere.
Ringsher flchtet das Volk; und allein in ummauerten Stdten
Whnen sie sicher zu sein; bis zuletzt Meleagros mit edler
Jnglinge Schar sich gesellt, mutvoll in Begierde des Ruhmes.
Tyndarus' Doppelgeschlecht, ein herrlicher dieser im Faustkampf,
Jener zu Ro; und der ltesten Bark' Anordner Jason;
Auch, der in Eintracht froh mit Pirithous lebete, Theseus;
Auch zween Thestiaden, und Lynkeus, Aphareus' Sprling,
Idas zur Schnelle zugleich, und der einst jungfruliche Cneus;
Auch Leucippus voll Muts und des Wurfspeers Schwinger Akastus;
Dryas, Hippothous auch und Phnix, gezeugt von Amyntor;
Mit dem aktorischen Paar, der von Elis kommenden Phyleus;
Telamon auch und der Vater des gttergleichen Achilles;
Du, mit Pheres' Sehne, hyantischer Held Jolaus,
Rascher Eurytion auch und im Lauf unerreichter Echion;
Auch der Narycier Lelex und Panopeus folgte, mit Hyleus,
Hippasus, trotziger Kraft, und in Waffen des Jnglinges Nestor;
Auch Hippokoons Shne, gesandt aus der alten Amykl;
Du, mit Penelopes Schwher, parrhasischer Held Ancus;
Amphykos' ahnender Sohn und des kleus Sohn, vor der Gattin
Sicher annoch; Atalanta zugleich vom bebschten Lycus.
Oben schlo ihr Gewand mit dem Dorn die geglttete Spange;
Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.
Links an der Schulter ertnte der elfenbeinene Kcher,
Voll von Geschossen gedrngt; den Bogen auch fhrte die Linke.
Also prangte der Schmuck; die Gestalt war zu nennen in Wahrheit
Jungfrau'nhaft an dem Knaben und knabenhaft an der Jungfrau.
So wie er sah, so wnschte der kalydonische Kmpfer
Ihre Huld, entgegen dem Gott; und heimliche Flamme
Schpft' er, und: O glckselig, wem jen' einst wrdiget, sprach er,
Gattin zu sein! Nicht mehreres lt die Zeit und die Scham ihn
Reden; ein greres Werk voll groer Entscheidungen drnget.
Ein hochstmmiger Wald, wo kein Zeitalter gehauen,
Steigt von dem Blachfeld' auf und schaut in geneigete Felder.
Hierher zogen die Mnner zur Jagd; teils spannen sie Netze,
Teils entkuppeln sie Hund' und teils dem getretenen Futritt
Spren sie nach, und verlangen sich Kampf und Gefahr zu ersphen.
Tief war gehhlet ein Tal, wo hinab sich pflegte zu senken
Strmender Regenergu: es beherrscht die morastigen Grnde
Zhe Weid' und kolbiges Schilf und die Binse des Sumpfes,
Schwankes Gespro, und bei schmchtigem Ried hochsaftige Rohre,
Dorther schwingt sich der Eber voll Wut in die Mitte der Feinde.
Ungestm, wie der Strahl aus prallenden Wolken hervorzuckt.
Unter dem Anlauf strzt das Gehlz, und geschmetterte Waldung
Kracht; die Jnglinge schrein laut auf, und strecken mit tapfrer
Rechte Geschosse voraus, woran breit schimmert das Eisen.
Frchterlich rennt er daher und zersprengt die Hunde, wo bellend
Einer ihn hemmt, und verscheucht sie mit seitwrts mhenden Hauern.
Erstlich entflog das Gescho, von Echions Arme geschwungen,
Eitel dahin und ritzte mit leichter Wunde den Ahorn.
Wenn das folgende nicht zu groe Gewalt des Entsenders
Flgelte, htt' es vielleicht im erzieleten Rcken gehaftet:
Jenseit flog's: so schnellte der Pagaser Jason.
Hab' ich stets dich,  Phbus, verehrt, ruft Ampykos' Sprling,
Gib mir, unseren Zweck mit sicherem Schusse zu treffen!
Ihm verlieh, was er konnte, der Gott: denn getroffen von ihm ward,
Doch unverwundet der Eber! den Stahl an dem fliegenden Wurfspie
Hatte Diana entwandt, und es kam der gestmpfete Schaft nur.
Zorniger tobt das Gewild, und wie Blitz aus den Wolken entbrannt es:
Licht ist der funkelnde Blick, und Glut das Schnauben des Rachens.
Wie ein Gestein abflieget, geschnellt von der schlagenden Feder,
Da es den Turm voll Kmpfer zerschmettre, oder die Mauern:
So im entschiedenen Sturz auf die Jnglinge rennt das Waldschwein.
Rasch den Eupalamos nun und den Pelagon (rechts in dem Halbmond
Fochten sie) streckt' es dahin; die Gefallenen rafften die Freunde.
Nicht Ensimus aber entfloh den mrdlichen Hieben,
Er des Hippokoon Sohn: da in hastiger Angst er den Rcken
Wandte, versagt' ihm die Sehne des abgehauenen Kniebugs.
Bald auch wre der pylische Held vor Ilions Zeiten
Weggeblht; doch empor an gestemmter Lanze sich schwingend,
Klettert' er auf das Gezweig des nchst ihm stehenden Baumes,
Wo er aus sicherer Hh' auf den Feind, der ihn schreckte, hinabsah.
Wild, nachdem er die Hauer am Eichenstamme gewetzet,
Ragt der Verderber daher, und keck auf erneuete Waffen
Taucht er dem Othryaden die rlichte Schnauz' in die Hfte.
Aber die Zwillingsbrder, noch nicht zwei himmlische Sterne,
Schwebeten beide, gefhrt von schneewei schimmernden Rossen,
In hochprangender Schau; und beid' hellblinkende Speere
Schwangen sie, welche die Luft mit erzitterndem Glanze durchbebten.
Blut wr' ihnen gestrmt, wenn der Borstige nicht in des Waldes
Schattigem Dunkel sich barg, dem Speer und dem Ro unerreichbar.
Telamon folget ihm nach; und im unvorsichtigen Eifer
Fllt er gerad auf das Antlitz, gehemmt von der Wurzel des Baumes.
Peleus hebt ihn empor; da legt auf die Senn' Atalanta
Einen geflgelten Pfeil und schnellt vom gekrmmeten Bogen.
Unter dem Ohr eindringend dem Untier, streifet den Leib nur
Oben das Rohr, und rtet mit wenigem Blute die Borsten.
Doch nicht sah den Erfolg des eigenen Schusses die Jungfrau
Frhlicher, als Meleagros: er schaute zuerst, wie man saget,
Und er zeigte zuerst das geschauete Blut den Genossen,
Und: du gewinnst dir, sprach er, der Tapferkeit Ehrenbelohnung.
Schamrot glht der Mnner Gesicht; sie ermahnen sich eifernd,
Hhen den Mut mit Geschrei und werfen Gescho durcheinander.
Aber es schadet die Menge, den Schwung der geworfenen wirrend.
Seinem Geschick trotzt wtend der Arkaderheld mit der Streitaxt:
Lernet, wie weit vorgehen den weiblichen, Mnnergeschosse!
Ruft er umher; und weicht, ihr Jnglinge, meinem Beginnen!
Ob auch Latonia selbst mit eigenen Waffen ihn schtze,
Doch der Diana zum Hohn soll meine Hand ihn vertilgen!
Als der Geblhete so groprahlende Worte geredet,
Jetzt die gedoppelte Axt mit beiden Hnden erhebend,
Richtet er hoch sich empor auf wgenden Spitzen der Zehen.
Aber den Khnen ereilt, und, wo leicht dem Tode die Bahn ist,
Mht in die Weiche des Bauchs ihm die Zwillingshauer das Untier.
Nieder fllt Ancus; und voll des klumpigen Blutes
Gleiten die Eingeweid' auf die mordgefeuchtete Erde.
Grad jetzt gegen den Feind, Pirithous, Sohn des Ixion,
Wandeltest du, und schwenktest in nervichter Rechte den Jagdspie.
Fernher rief der gid': O geliebterer Teil mir der Seele,
Mehr denn ich selbst mir geliebt, halt ein! Es geziemt, auch von weitem
Tapfer zu sein! Ancus erlag durch verwegene Khnheit!
Rief's, und schwang die mit Erz vorblinkende Last der Kornelle.
Aber wie abgewogen und sicher des Zwecks sie einherflog,
Hemmt' ein belaubeter Ast von Jupiters ragender Eiche.
sons Sohn auch warf sein Gescho: das von jenem der Zufall
Auf das Geschick ablenkte des schuldlos bellenden Hundes,
Und in den Bauch eindringend, den Bauch und die Erde durchbohrte.
Wechselnd trifft dem niden die Hand: von zween, die er abscho,
Stand ein Speer im Lande, der andere mitten im Rcken.
Ohne Verzug, da er tobt, da er rings mit dem Leibe sich umdreht,
Nahet der Wund' Urheber, den Feind anreizend zum Grimme,
Und den begegnenden Bug durchstt er mit schimmerndem Jagdspie.
Freude bezeigen ihm laut mit gnstigem Ruf die Genossen,
Eilen heran, mit der Rechten die siegende Rechte zu fassen;
Und das entsetzliche Wild, das umher auf den Boden gestreckt lag,
Schauen sie all anstaunend; und noch nicht scheint die Berhrung
Sicher genug; doch frbt sich ein jeglicher blutig die Waffen.
Selbst nun stemmt er die Fers' auf das grliche Haupt des Verderbers,
Und: Empfange die Beut', Arkaderin, meiner Erobrung!
Sprach er, und mge mit dir mein Ruhm mir kommen zur Teilung!
Schnell, was dem Feind' er entzog, die borstige Hlle des Rckens,
Reichet er ihr, und das Haupt, mit gewaltigen Zhnen gewaffnet.
Innige Freud' ist jener zugleich mit der Gabe der Geber.
Neidvoll sahn es die andern, und rings lief dumpfes Gemurmel.
Aber mit lauterer Stimme die Arm' ausstreckend im Haufen:
Niedergelegt! und erschleiche du Weib nicht unseren Anspruch!
Schrein des Thestius Shne; da nicht das Vertrauen der Schnheit
Tuschend dir sei, und entfernt dein zrtlicher Gnner sich halte!
Dann entwenden sie ihr das Geschenk, und das Recht des Geschenks ihm.
Nicht ertrug's der mavortische Held; aufbrausend von Unmut:
Lernet, wie weit, so rief er, o Schmlerer fremden Verdienstes,
Taten von Drohungen stehn! und die Brust Plexippus', des Oheims,
Der nichts dessen besorgte, durchgrub er mit frevelem Eisen.
Toxeus, der den Entschlu noch abwgt, und, wie des Bruders
Rache verlangt, so zugleich des Bruders Schicksal befrchtet,
Lt er nicht lang abwgen; den Stahl, den der vorige Mord noch
Wrmte, wrmt er von neuem mit gleichentsprungenem Blute.
Dank den Unsterblichen trug fr den siegenden Sohn in die Tempel,
Als man zurck ihr brachte die Bruderleichen, Altha.
Heftig zerschlgt sie den Leib, und erfllt mit Geheule des Jammers
Rings die Stadt; und das goldne Gewand vertauscht sie mit schwarzem.
Aber sobald kund wurde des Mords Urheber, entsank ihr
Aller Gram, von den Trnen zur Lust der Strafe sich wendend.
Dort war ein Scheit, den, als der Geburt entladen Altha
Ruht', in die Flamme gelegt die dreifach waltenden Schwestern.
Dann mit geschftigem Daum das Gespinst der Schicksale spinnend,
Sagten sie: Einerlei Zeit sei dem Holze beschert und dir selber,
Neugeborenes Kind. Nach so gesprochenem Segen
Schieden die Gttinnen weg. Den lodernden Brand aus dem Feuer
Raffte die Mutter hervor, und sprengt' ihn mit lauteren Fluten.
Lange bereits lag dieser verwahrt in den innersten Kammern,
Wo der erhaltene dir dein Leben erhielt, o du Jngling.
Jetzo enttrug ihn die Mutter, und hie Kienstbe mit Reisig
Hufen, und sandt' in den Haufen die Macht des verheerenden Feuers.
Viermal strebt sie nunmehr, den Ast in die Flamme zu legen,
Viermal zuckt sie zurck: es streiten sich Mutter und Schwester,
Und zu Verschiedenem ziehn ein Herz zween kmpfende Namen.
Oft erblate vor Angst der nahenden Snde das Antlitz;
Oft durchglhte die Augen der Zorn mit eigener Rte.
Bald dann, ich wei nicht welcher, entsetzlichen Drohungen Abbild
War ihr Gesicht; bald wieder von Mitleid sprach's und Erbarmung.
Und wann die Trnen versiegt in der drrenden Flamme des Herzens,
Quollen doch andere Trnen und andere. So wie ein Nachen,
Welchen der Wind, und dem Wind' ankmpfende Strmung dahinrafft,
Doppelte Macht empfindet und schwankt in geteiltem Gehorsam:
Also Thestius' Tochter; durch streitige Regungen irrend,
Legt sie den Zorn umeinander, und weckt den gelegten wieder.
Dennoch beginnt die Schwester das Mutterherz zu besiegen;
Und blutsfreundliche Schatten mit Blut zu besnftigen, bt sie
Grausame Zrtlichkeit aus. Denn sobald das vertilgende Feuer
Loderte: Brenne denn, rief sie, mein Fleisch in den Gluten des Todes!
Und wie in schrecklicher Hand sie das Holz des Jammergeschicks hielt,
Wankte sie unglckselig hinan zu dem Leichenaltare.
Ihr, des grausen Vergelts drei Gttinnen, sprach sie, o wendet,
Eumeniden, den Blick zu unserem Furienopfer!
Untat straf' ich und tu' ich! Der Tod sei mit Tode geshnet!
Frevel werde zu Frevel gefgt, zu den Leichen die Leiche!
Durch anwachsende Trauer vergehe das Haus des Verbrechens!
neus soll, ein Beglckter, des siegenden Sohnes sich freuen?
Kindlos Thestius sein? Anstndiger grmet euch beide!
Ihr, o Bruderseelen, der Tief' Ankmmlinge, fhlt nur,
Was ich tue fr euch, und empfaht das teuer gekaufte
Totengeschenk, die entartete Frucht des eigenen Schoes!
Wehe! wo taumel' ich hin? O verzeiht, ihr Brder, der Mutter!
Mir versagt zum Beginnen die Hand! Wohl hat, ich bekenn' es,
Jener zu sterben verdient; nur des Tods Urheber mifllt mir!
Ungestraft denn soll er entgehn? und lebend, und Sieger,
Und vom Erfolg' aufschwellend, behauptet er Kalydons Herrschaft?
Weil als winziger Staub ihr liegt, und erkltete Schatten?
Nimmer duld' ich es, nimmer! Der Freveler sterb'; und des Vaters
Hoffnung zerfalle mit ihm, und das Reich, und die Heimat in Trmmer!
Herz der Mutter, wohin? wo zrtliche Bande der Eltern?
Und, die ich ringend ertrug, ihr zehn mhseligen Monden?
Wrest du doch als Kind in der Erstlingsflamme verlodert!
Htt' ich es nimmer gestrt! Ich schuf dir Leben: du selber
Schufst dir den Tod! Nimm jetzo den Lohn hin! und was ich zweimal,
Erst durch Geburt dir verlieh, und bald durch Entreiung des Brandes,
Gib dein Leben zurck, sonst wirf mich ins Grab zu den Brdern!
Welcher Entschlu! Gern wollt' ich, und kann nicht! Bald vor den Augen
Stehn mir die Brder in Blut, und des grlichen Mordes Erscheinung;
Bald von Zrtlichkeit bricht mir das Herz, und von Muttergefhlen!
Weh mir! ein unglckseliger Sieg! doch sieget, ihr Brder!
Nur dem verliehenen Trost, und euch, ihr Trautesten, folg' ich
Selber sofort! - So sprach sie; und abgewendet das Antlitz,
Warf sie mit zitternder Rechte den Leichenbrand in die Flammen.
Wahrhaft, oder zum Schein, entwimmerten klagende Seufzer
Jenem Scheit, da ein Raub unwilliger Flammen er brannte.
Unbewut und entfernt, wird auch Meleagros vom Feuer
Ganz durchglht; und er fhlt, sein inneres Leben versenge
Heimlicher Brand. Doch hemmt er mit Kraft die gewaltigen Schmerzen.
Da er indes blutlos unrhmlichem Tode dahinsinkt,
Fllt ihn mit Gram; und er preist des Ancus glckliche Wunden.
Seinen Vater, den Greis, den Bruder, die zrtlichen Schwestern,
Rufet er, und die Gemahlin, zuletzt mit seufzendem Munde;
Auch die Mutter vielleicht. Es wchst mit der Flamme der Schmerz an,
Und er ermattet mit ihr; zugleich erloschen sie beide,
Und in die wehenden Lfte verflog allmhlich der Atem.
Kalydon sinkt von der Hh'; und Jnglinge trauern und Greise;
Frsten und Volk wehklagen ihr Leid; und zerrissenen Haares
Schlagen die Brust am Euenos die kalydonischen Mtter.
Haupt und greisendes Haar entstellt mit Staube der Vater,
Hingestreckt auf die Erd', und verwnscht sein sumendes Leben.
Denn die Mutter vollzog, sich bewut der entsetzlichen Untat,
Strafe mit eigener Hand, in den Leib sich stoend den Mordstahl.
Nicht, ob ein Gott mir hundert ertnende Munde mit Zungen
Schenkt', und umfassenden Geist, und des Helikons smtliche Weisheit,
Redet' ich ganz den Jammer der unglckseligen Schwestern.
Reiz nicht achtend, noch Zier, zerbluen sie nackende Brste;
Und weil dauert der Leib, wird umschlungen der Leib und geherzet,
Wird er selber gekt, und gekt das gebreitete Lager.
Als die Asche zerfiel, da streun sie die Asch' um die Brste,
Liegen gestreckt am Hgel der Gruft, und umarmen des Marmors
Namenzg', und betrnen die teuersten Namen mit Wehmut.
Satt nun endlich vom Grame des parthaonischen Hauses
Hllt, bis auf Gorge allein und die Schnur der edlen Alkmene,
Allen Diana den Leib mit dem Wuchs leichthebender Federn,
Streckt an den Armen entlang weitreichende Flgel, und spitzet
Hornig den Mund; es entfliegt die verwandelte Schar in die Lfte.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VIII, Achelous





























Achelous
     
Theseus wandelte heim, von des kalydonischen Ebers
Blutiger Jagd, gen Athen, der heiligen Burg der Tritonis.
Aber ihm hemmte den Gang, von Regen geschwellt, Achelous.
Heil dir! sagte der Strom; tritt, Herrlicher, unter mein Obdach,
Cekrops Sohn! und vertraue dich nicht den entraffenden Wogen.
Oft dickstmmige Balken, und felsige Blck' in die Quere
Sah ich gewlzt von dem mchtigen Sturz; am benachbarten Ufer
Sah ich erhabene Stlle verschwemmt mit den Herden; und wenig
Half dem Rinde die Kraft und die Schnelligkeit mutigen Rossen.
Oft hat dieses Gewsser, wann Schnee von den Bergen herabschmolz,
Jugendlich blhende Mnner getaucht in den wirbelnden Strudel.
Sicherer pflegst du der Ruh', bis wieder die Flut in gewohnter
Grenz' hinrollt, und geklrt im eigenen Bette sich schmieget.
Beifall gab der gid': Ich nutze den Rat, Achelous,
Und dein gastliches Haus! antwortet' er, jenem gehorchend.
Jetzt in den Saal, aus geriefeltem Tuff und lchrichtem Bimsstein,
Trat er hinein; feucht war von schwellendem Moose der Boden,
Und das Gewlb' abwechselnd mit Purpurschnecken und Muscheln.
Als zwei Teile des Tags Hyperion jetzo durchwandelt,
Lagerten sich auf Polster um Theseus seine Genossen:
Dort Ixions Geschlecht, und dort der trzenische Kmpfer
Lelex, dem schon dnner das Haar um die Schlfen ergraute;
Auch der Geladenen Schar, die der akarnanische Strmer
Wrdig der Ehre geschtzt, des erhabenen Gastes sich freuend.
Barfu wandelnde Nymphen bereiteten emsig das Gastmahl,
Tragend die Tisch', und ordnend die Kost; nach gerumetem Schmause
Stellten sie Wein in Gefen des funkelnden Edelgesteines.
Jetzo fragte der Held, in das Meer vorschauend: Wie heit doch
Jener Ort? (und er zeigt mit dem Finger ihn) sage den Namen
Jener Insel mir an; wiewohl nicht eine sie scheinet.
Drauf antwortet der Strom: Nicht ist, was wir schauen, nur eines;
Fnf der Lande sind dort; dicht tuscht des Raumes Entfernung.
Und, da dich weniger wundre die Tat der verschmhten Diana,
Jene waren Najaden, die einst zehn Farren zum Opfer
Schlachteten, und einluden die brigen Gtter des Feldes,
Aber nur mein nicht denkend, Gesang auffhrten und Reihntanz.
Hochauf schwellt' ich den Strom, und wie voll des Gewoges ich jemals
Rollete, tollet' ich jetzt; und an Mut unbndig und Brandung,
Ri ich vom Walde den Wald, und Gefilde mit Macht von Gefilden.
Und mit dem Orte die Nymphen, die nun erst meiner gedachten,
Wlzt' ich hinab in den Sund. Von der Wallung des Stroms und des Meeres
Ward die Feste des Landes getrennt, und in Teile gesondert.
So viel, als Echinaden du dort in den Fluten erblickest.
Doch wie du selber bemerkst, fern ziehet sich eine der Inseln
Dort, mir wert und geliebt: Perimela nennt sie der Schiffer.
Dieser raubt' ich in Liebe vordem den Namen der Jungfrau.
Dessen ergrimmt ihr Vater Hippodamas; und in die Tiefe
Strzt' er, bevor sie gebar, von dem Fels die eigene Tochter.
Ich empfing sie, und trug die Schwimmende: Der du dem Himmel
Nahes Gebiet, so sprach ich, die Meerflut, zhmst mit dem Dreizack;
Du, in welchem wir enden, wir heiligen Strme, die Laufbahn!
Diese Getragene krnkt' ich! Wenn mild und billig, wenn Vater,
Oder wenn weniger nur Hippodamas frevlerisch wre,
Mitleid sollt' er gewhren dem Kind, und mir selber Verzeihung!
Nahe mit Schutz! und ihr, die der grausame Vater versenkte,
Gib, Neptunus, ihr Raum! wo nicht, la selber sie Raum sein!
Diesen auch werd' ich umfahn; - sein Haupt bewegte der Meerfrst,
Da vom schaffenden Wink aufschauerten alle Gewsser.
Whrend ich sprach, so verhllt' Erdreich die schwimmenden Glieder,
Und die verwandelte Nymph' umwuchs ein lastendes Eiland.
Hier verstummte der Strom, und tief bewegte das Wunder
Alle. Da lchelte Hohn den Glaubenden, stets ein Verchter
Himmlischer Macht, und trotzig gesinnt, der Sohn des Ixion:
Falsch ist, rief er, das Wort; du leihst, Achelous, den Gttern
Gar zu groe Gewalt, wenn sie Bildungen geben und nehmen!
Ringsher staunete man, nicht billigend solcherlei Rede.
Lelex aber vor allen, an Geist und Alter gereifet,
Sagte darauf. Unermelich und endlos reichet des Himmels
Allgewalt; und wie immer die Oberen wollten, so ward es.
Da dir der Zweifel entschwinde, so steht auf Phrygiens Hgeln
Eich' und Linde gesellt, im Bezirk der migen Mauer.
Selber sah ich den Ort, als mich in die Fluren des Pelops
Pittheus sandte, wo einst sein herrschender Vater gewaltet.
Ohnweit sumpfet ein See, vordem ein bevlkertes Erdreich,
Jetzo nur Flut, vom Taucher und fischenden Reiher umflattert.
Jupiter kam hierher, wie ein Sterblicher, und mit dem Vater
Sein stabtragender Sohn Merkurius, ohne Gefieder.
Tausend Wohnungen nahn sie, um Obdach bittend und Ruhe;
Tausend Wohnungen sperret das Schlo: Ein Huschen empfngt sie,
Zwar sehr klein, mit Halmen gedeckt und Rohre des Sumpfes,
Aber die redliche Baucis, und gleich an Alter Philemon,
Beide verlebeten dort die blhende Jugend, und beide
Alterten dort allmhlich. Die Armut, offen bekennend,
Machten sie leicht und ertrglich mit nicht unwilliger Seele.
Gleichviel, ob du den Herrn dort aufsuchst, oder den Diener:
Zween sind das smtliche Haus; und dieselbigen tun und befehlen.
Als nun das himmlische Paar sich genaht der rmlichen Wohnung,
Und, die Scheitel gebckt, zur niedrigen Pforte hineinging,
Heit sie der freundliche Greis ausruhn auf gestelletem Sessel,
Den mit grobem Gewebe die emsige Baucis bedeckte.
Drauf, dem Herde genaht, zerwhlt sie die lauliche Asche,
Weckt das gestrige Feuer, mit Laub und trockener Rinde
Nhrend, und blst aus dem Rauche mit keuchendem Atem die Flammen.
Kleingespaltenes Holz und gedrretes Reis von dem Boden
Trgt sie herab, und zerknickt's, und legt es dem Kesselchen unter.
Auch was der Mann an Gems' im gewsserten Garten gesammelt,
Blttert sie ab. Doch jener mit zweigehrneter Gaffel
Hebt den berucherten Rcken des Schweins von der ruigen Latte,
Wo er ihn lange gespart, und schneidet ein Stck von der Schulter,
Weniges nur, und zhmet den Schnitt in der brausenden Wallung.
Beide verkrzen indes die Zwischenstund' in Gesprchen,
Da den Verzug nicht fhlen die Fremdlinge. Nahe dem Herde
Hing die buchene Wann' am Pflock mit gebogenem Handgriff.
Diese, mit laulichem Wasser gefllt, empfnget die Glieder
Bhend. Es steht in der Mitte, von fedrigen Kolben des Teichschilfs
Weich ein Lager gestopft, das Gestell und die Fe von Weiden.
Dieses umhllen sie nun mit Teppichen, die sie gewhnlich
Nur am restlichen Tag' ausbreiteten; aber auch diese
Waren schlecht und veraltet, der weidenen Flechte nicht unwert.
Hierauf ruhn die Gtter. Geschrzt dann stellet und zitternd
Baucis den Tisch; doch einer der drei Tischfe war ungleich;
Bald macht gleich ihn die Scherbe: da untergefgt sie den Hcker
Heilete, jetzo reibt den geebneten grnende Minze.
Aufgetischt wird dann die gesprenkelte Beete der Pallas,
Auch des Herbstes Kornelle, bewahrt in geklreter Lake;
Rettich, Endivien auch, und Milch zu Kse gerundet;
Eier zugleich, vorsichtig in warmer Asche gewendet:
Alles auf irdnem Geschirr. Der aus Ton geformte Mischkrug
Prangt nun bunt auf der Tafel, und buchene Becher, mit Zierat
Voll geschnitzt, und die Hhlung mit gelblichem Wachse gefirnit.
Wenige Frist, da sendet der Herd die dampfenden Speisen.
Wieder enthebt man jetzo die nicht hochaltrigen Weine;
Da sie, entfernt ein kleines, den Raum nicht engen dem Nachtisch.
Hier ist Nu, hier Feige, gemischt mit runzligen Datteln,
Pflaumen im kleineren Korb', im greren duftende pfel,
Und grobeerige Trauben, von Purpurreben gesammelt;
Mitten die weiliche Scheibe des Honiges; aber vor allem
Ladet der heitere Blick, und ein Herz, nicht trge noch kargend.
Beide nun sehn, da, wie oft sie erschpfeten, immer der Mischkrug
Wieder von selbst sich fllt, und der Wein freiwillig heranwchst.
Staunend vor Angst und bestrzt, und rckwrts hebend die Hnde,
Flehen sie, Baucis zugleich, im Gebet, und der bange Philemon:
Da sie mit Gnad' anschauen das ungerstete Gastmahl.
Jetzo die einzige Gans, die bei Nacht ihr winziges Huschen
Htete, trachten die Eigner den himmlischen Gsten zu opfern.
Jene, mit flatterndem Lauf vor den langsam folgenden Alten,
Mdet sie lang' umtuschend, und fliehet zuletzt, wie um Rettung,
Zu den Unsterblichen selbst; und den Tod verbieten die Herrscher.
Wir sind Gtter und tragen den unrechtschaffenen Nachbarn,
Sagten sie, wrdigen Lohn. Doch euch vergnnen wir, teillos
Solcher Strafe zu sein. Verlat nur euere Wohnung;
Folget unserem Schritt, und hinauf zu den Hhen des Berges
Gehet zugleich! - Sie gehorchen, und beid' auf Stbe gesttzet,
Streben sie weit hinauf mit mhsamen Tritten die Anhh'n.
Jetzo dem Gipfel so fern, wie der Pfeil von der Senne geschnellet,
Abreicht, wenden sie bange den Blick; und in sumpfender Sintflut
Sehen sie alles versenkt; ihr eigenes Huschen war brig.
Whrend sie noch anstaunen, der Nachbarn Schicksal bejammernd;
Sieh! die veraltete Htte, zu klein auch zweien Bewohnern,
Wandelt zum Tempel sich um: fr die Gaffeln ragt ein Gesul auf:
Rtlich schimmert das Stroh, und wie Gold erscheinet der Giebel,
Bunt getrieben die Pfort', und gedeckt der Boden mit Marmor.
Jetzt mit ruhigem Antlitz begann Saturnius also:
Sagt uns, redlicher Greis, und du des redlichen Mannes
Wrdige, was ihr begehrt! - Mit Baucis redet Philemon
Weniges, ffnet den Himmlischen drauf den gemeinsamen Ratschlu:
Euere Priester zu sein, und euch zu pflegen des Tempels,
Werd' uns vergnnt! Und weil wir in Eintracht immer gelebet,
Lat die selbige Stund' uns beid' hinnehmen; und niemals
Schau' ich die Gruft der Gattin hinfort, noch bestatte mich jene!
Gleich war Wunsch und Erfolg. Sie pflegeten beide des Tempels,
Ganz ihr Leben hindurch. Da, gelst von Jahren und Alter,
Einst vor den heiligen Stufen vereint sie standen und sprachen
ber das Schicksal des Orts, sah Baucis in Laub den Philemon,
Sah der alte Philemon in Laub aufgrnen die Baucis.
Und wie nun beider Gesicht der laubige Wipfel emporwuchs:
Leb', o Trautester, wohl! und o Trauteste! riefen sie wechselnd,
Weil sie noch konnten, zugleich; und zugleich umhllte das Antlitz
Beiden Gebsch. Noch zeigt der tyanischen Fluren Bewohner
Dort das heilige Paar als nachbarlich grnende Bume.
Wahrheit liebende Greise (warum auch sollten sie tuschen?)
Haben mir solches erzhlt. Auch sah ich die hngenden Krnze,
Selbst an den sten umher; und hngend den meinigen sagt ich:
Fromme sind Himmlischen wert, und Ehrende werden geehret.
Lelex schlo, und alle bewegete Tat und Verknder;
Theseus zumeist. Als dieser um mehr der gttlichen Wunder
Bat, da begann, sein Haupt den Arm auflehnend, der Stromgott:
Wozu fremder Beweis? da mir auch, oft zu verwandeln
Diesen Leib, o Jngling, durch Zahl umschrnkte Gewalt ward!
Bald ja erschein' ich, was jetzo ich bin, bald ringelnder Drache,
Bald als Frst der Rinder, und drnge die Kraft in die Hrner.
Hrner! so lang ich vermocht! Nun fehlt der gewaffneten Stirne
Eine Wehr, wie du schaust! Mit Geseufz beschlo er die Worte.
Was erseufzetest du? und woher der Stirne Gebrechen?
Fragt der neptunische Held. Drauf redete Kalydons Stromgott,
Also, mit Rohr umwunden das ungeordnete Haupthaar:
Hart ist, was du begehrst. Denn wer gedenkt, ein Besiegter,
Gern des eigenen Kampfs? Doch treulich erzhl' ich ihn! Nicht so
Ruhmlos war's zu erliegen, als selbst die Beeiferung ruhmvoll!
Und erhabenen Trost gibt uns der erhabene Sieger!
Ward einmal, wie ich traue, vor deinen Ohren der Name
Deanira genannt; vormals die gepriesenste Jungfrau
War sie, von vielen gesucht mit eiferschtiger Hoffnung.
Mit in das Haus eingehend des vielbelagerten Schwhers:
Nimm mich, sprach ich, zum Eidam, o neus, Sohn des Parthaon.
So auch sprach der Alcide. Die anderen wichen uns beiden.
Jener rhmt' als Vater den Jupiter, und die Vollendung
Jeglichen Kampfs, den Juno ihm je stiefmtterlich auftrug.
Ich, dem schmhlich es schien, wenn ein Gott dem Sterblichen wiche.
(Noch nicht war er ein Gott): Schau' mich, den Flutenbeherrscher,
Sprach ich, der mitten dein Reich in schlngelndem Laufe durchstrmet.
Auch nicht komm' ich ein Fremdling zum Eidam dir aus der Ferne,
Sondern ein Landesgeno und ein Teil selbst deines Gebietes.
Nur das schade mir nicht, da weder die Knigin Juno
Ha mir trgt, noch Strafe gebotener Kmpfe mir obliegt!
Denn da du selber dich rhmst den Entsprossenen einer Alkmena;
Falsch wird Jupiter Vater genannt; wenn wahr, mit Verbrechen!
Durch der Mutter Entehrung verlangst du ihn! Whl', ob erdichtet
Jupiter, oder ob du aus schimpflicher Liebe gezeugt seist!
Also redet' ich noch; da mit dsterem Auge mich jener
Anblickt, und nicht mnnlich dem flammenden Zorne gebietet.
Und er erwidert das Wort: Mehr taugt mir die Hand, wie die Zunge!
Wenn nur ins Kampf Obsieger ich bin; sei du es im Reden!
Trotzig naht' er heran. Scham war's, da so hoch ich geredet,
Abzustehn. Schnell warf ich das grne Gewand von der Schulter,
Stemme die Arm' entgegen, und krmmt' an der Weiche des Busens
Schrg die Hnde zur Wehr, und gab Kampfstellung den Gliedern.
Jener besprengt mich mit Staub, in gehhleten Hnden ihn schpfend;
Und vom erwiderten Wurfe des rtlichen Sandes ergilbt er.
Bald nun fat er den Nacken, und bald die beweglichen Beine,
Fat, nein, schien nur zu fassen, und zwackt von jeglicher Seite.
Mich verschanzt mein groes Gewicht; und umsonst war der Angriff.
So der gewaltige Damm, den laut anbrausend die Meerflut
Rings umtobt; er besteht, durch eigene Schwere gesichert.
Dann ein wenig getrennt, erneun wir zum Kampfe den Zulauf.
Fest hlt jeder den Stand, und durchaus nicht weichen will jeder,
Fu mit Fue gefgt; und die Brust mir vorber gelehnet,
Drngt ich die Hand mit der Hand, und die Stirn mit der Stirn ihm belastend,
Gleich so sah ich in Kraft zween mutige Stiere begegnen,
Wann die stattlichste Braut im ganzen Tal des Gebirges
Steht zum Preise des Kampfs; rings schauet die Herd', und erwartet
Bange, zu wem sich wende der Sieg so mchtiger Herrschaft.
Dreimal, ohn' aufzuschaun, arbeitete, frei sich zu ringen,
Herkules, meiner mit Macht anstrebenden Brust; und zum vierten
Schttelt er ab die Umwindung und lst die geklemmten Arme;
Und mit dem Stoe der Hand (denn es gilt zu bekennen die Wahrheit!)
Wendet er stracks mich herum, und hngt mir schwer an dem Rcken.
Wenn mir Glaube gebhrt (nicht such' ich ja Ruhm in Erdichtung!),
Als ob bergewlzt ein Berg mich drckte, so war mir.
Kaum doch wand ich die Arme heraus, die im Schweie mir ringsum
Strmeten; kaum entzog ich den Leib der harten Verstrickung.
Aber den Keuchenden drngt er, und lt nicht Krfte mich sammeln;
Und er gewann mir den Nacken, und rttelte; jetzo entsank mir
Endlich zur Erde das Knie, und ich knirschte den Sand mit den Zhnen.
Was ich an Strke verlor, das sucht' ich durch Kunst zu ersetzen,
Und ich entschlpfte dem Mann, in Gestalt der Schlange mich lngend.
Aber sobald ich den Leib ausstreckt' in gebogene Ringel,
Und mit grausem Gezisch die gespaltene Zunge bewegte,
Lchelte bitteren Hohn der Tirynthier unseren Knsten.
Meiner Wieg' ist eigen die Arbeit, Schlangen zu tten!
Sprach er: und ob, Achelous, du anderen Drachen vorangehst,
Bist du einer wie nichts, vor dem Schwarm der lernischen Hyder!
Immer fruchtbarer wuchs sie aus eigenen Wunden; und niemals
Ward vor dem Hundert der Hupter ihr eins ungerchet enthauen,
Da nicht strker der Hals mit doppeltem Erben emporschwoll.
Diese, die stig umher von blutgeborenen Nattern,
Neu zum Verderb aufsprote, bezwang ich mit Kraft und erschlug sie.
Was denn whnst du von dir, der, zur einzelnen Schlange geheuchelt,
Fremde Waffen bewegt, und gebettelte Bildung sich umhllt?
So der Alcid'; und oben den Hals mit umklammernden Fingern
Packt' er, und wrgte mir eng, wie in kneipender Zange, die Gurgel;
Und ich rang, zu entreien die Kehl' aus den zwngenden Daumen.
Jetzo war dem Besiegten die dritte Verwandelung brig,
Eines trotzigen Stiers; und im Stier' erneu' ich den Feldzug.
Doch er wickelt die Arme mir links um die hngenden Wampen,
Und mich Rennenden schleppt er zugleich; dann ergreift er die Hrner,
Dreht in den Grund sie hinab, und streckt mich entlang in den Flusand.
Nicht ihm genug war solches: das starrende Horn in der Rechten
Zuckt' er wild und zerbrach's, der verstmmelten Stirn es entreiend.
Dieses weihten Najaden, mit Obst und duftigen Blumen
Angefllt; und es prangt mit meinem Horne der Segen.
Jener sprach's; doch die Nymphe, geschrzt nach der Weise Dianas,
Eine der Dienenden dort, mit niederrollenden Locken,
Wandelte her und trug in dem reich gesegneten Horne
Ganz den Herbst, glckseliges Obst, als labenden Nachtisch.
Als in der folgenden Frhe die Sonn' anstrahlte die Gipfel,
Zogen die Jnglinge heim; denn nicht zu erwarten gefllt es,
Bis in Frieden der Strom sanft riesele, und die emprte
Flut sich gesenkt. Jetzt barg sein rohes Gesicht Achelous,
Und mit gestmmeltem Horne das Haupt in die Mitte der Wasser.
Doch ihn schndete nicht der Verlust des geraubeten Schmuckes:
Unbeschdiget sonst, verhehlt er des Hauptes Entehrung
Bald mit weidendem Laub' und bald mit gewundenem Rohre.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / VIII, Erisichthon





























Erisichthon
     
Groe Macht, in verschiedne Gestaltungen sich zu verwandeln,
Ward des Autolykus Weib', Erisichthons Tochter, gewhret.
Ruchtbar war der Erzeuger durch ewiger Gtter Verachtung
Lngst, und weihete nie mit ehrender Glut die Altre.
Selbst der Ceres Gehlz mit gewaltsamer Axt zu verletzen
Wagt' er frech, und mit Eisen die altenden Haine zu schnden.
Eine gewaltige Eiche, der Vorwelt Riesin, erwuchs dort:
Wald sie allein! wo Bnder umher, andenkende Tflein,
Hingen, und blumige Krnze, Beweis des erhrten Gelbdes.
Oftmals fhrten darunter den festlicher Tanz die Dryaden,
Oftmals auch, nach der Reihe die Hnd' aneinandergefget,
Singen sie rund um den Baum; und das Ma des gediegenen Stammes
Fllete fnfzehn Ellen. Auch lag die brige Waldung
Drunten so tief, als unter den Waldungen liegen die Kruter.
Aber auch nicht deswegen enthielt sich des krnkenden Eisens
Triopas' Sohn: er gebeut, da den heiligen Stamm die Genossen
Abhaun; und da er sumig im Dienst sie schauet, entreit er
Einem die Axt und erhebt mit freveler Zunge den Ausruf:
Nicht die Geliebte der Gttin allein, auch selber die Gttin
Sei sie; doch rhret sie gleich mit laubigem Wipfel die Erde!
Sprach's; und indem er die Barte zum schrgen Hiebe daherschwang,
Zitterte ganz und erseufzte die luftige Eiche der Deo.
Rings die Bltter zugleich und zugleich die hngenden Eicheln
Wurden bla, und von Schweie die langen ste betauet:
Und sobald ihr den Stamm die entweihende Rechte verwundet,
Strmte hervor nicht anders das Blut aus gespaltener Rinde,
Als, wann von den Altren ein Stier, das herrlichste Opfer,
Fllt, der blutige Stahl aus zerschmettertem Nacken emporsteigt.
Alle sahn es erstaunt; da erkhnt sich einer von allen
Abzuschrecken das Greu'l und die wtende Barte zu hemmen.
Da! empfange den Lohn der Frmmigkeit! rief Erisichthon,
Dsteren Augs, und wandt' auf den Mann vom Baume das Eisen,
Mht' ihm vom Halse das Haupt, und erneute den Schwung in das Kernholz.
Schnell aus der Mitte des Baums ertnete solcherlei Stimme:
Eine Nymphe bewohn' ich, geliebt von Ceres, den Stamm hier!
Da vollgltige Strafen bevorstehn deinem Beginnen,
Sag' ich sterbend dir an, und Linderung fhl' ich des Todes!
Dennoch verfolgt sein Werk der Verblendete. Endlich erschttert
Vom unzhlbaren Schlag, und herabgezogen mit Seilen,
Strzte der Baum; und es krachte die weit zerschmetterte Waldung.
Nieder schlug die Dryaden des Haines Verlust und der ihre;
Alle Geschwister sofort, umhllt mit schwarzen Gewanden,
Nahn der Ceres betrbt, und flehen die Straf' Erisichthons.
Beifall winkt sie dem Flehn, und bewegt ihr liebliches Antlitz,
Da ringsher mit Getreide belastete Fluten erzittern.
Und sie ersinnt ihm Strafe, die Mitleid forderte, wenn nicht
Jener durch eigenes Tun sich unwert machte des Mitleids:
Ihn mit verderblichem Hunger zu peinigen. Doch da die Faste
Unzugnglich ihr ist (denn da mit der Faste sich Ceres
Treffe, verbeut das Geschick), so erwhlt sie des Bergs Oreade,
Und mit solchem Befehl entlt sie die lndliche Gttin:
Fernhin streckt sich ein Ort an Szythias eisigen Ksten,
Trauriges Land, Einde, nicht Baum darbietend noch Feldfrucht;
Wo unttiger Frost, wo Blsse wohnet und Schauder,
Auch die nchterne Faste. Gebeut ihr, dem Heiligtumschnder
Ganz das frevelnde Herz zu durchglhn. Kein reichlicher Vorrat
Dmpfe sie; nein, sie besieg' auch meine Gewalt mit dem Wettkampf!
Da dich die Weite des Wegs nicht kmmere, nimm dir den Wagen;
Nimm das Drachengespann, das du hoch mit Zgeln einherlenkst.
Sprach's und gab. Doch jene, die Luft mit dein Wagen durchfahrend,
Kommt gen Szythia jetzt. Auf dem Haupt des starrenden Berges
(Kaukasos wird er genannt) entschirrt sie die Hlse der Schlangen,
Schaut nach der Faste sich um, und erblickt sie im steinigen Acker,
Wo sie mit Zhnen und Klau'n dnnsprossende Kruter sich ausrupft.
Struppig das Haar, hohlugig, im Antlitz Blsse, die Lippen
Grau von lechzendem Durst, und schroff von Roste die Gurgel;
Hart die Haut, da sichtbar das Eingeweide hindurchschien;
Drres Gebein stand unter den eingebogenen Lenden;
Fr den Bauch war Stelle des Bauchs; frei schwebete gleichsam
Oben die Brust, und allein von des Rckgrats Flechte gehalten;
Magerkeit hob die Gelenke noch mehr, vor strotzte der Kniee
Umfang, knorpelig stand die Geschwulst unmiger Knchel.
Diese von fern anschauend (sie wagt nicht nheren Zutritt),
Meldet sie ihr der Gttin Befehl; und da kurz sie geweilet,
Stracks, obgleich so entfernt, obgleich erst eben gekommen,
Fhlte sie sich, wie von Hunger geqult; und sie wendete rckwrts
Nach der hmonischen Flur das Gespann hochfliegender Drachen.
Doch die Faste, wie sehr sie auch stets dem Werke der Ceres
Widerstrebt, vollfhrt ihr Gebot: in dem Winde die Luft durch
Eilt zum befohlenen Hause sie hin; und sofort in die Kammern
Wandelt sie, wo den im Schlaf ausruhenden Heiligtumschnder
(Denn noch waltete Nacht) sie umfngt mit doppelten Flgeln,
Und sich dem Mann einflt, und in Mund, in Busen und Kehl' ihm
Hauchend, des Hungers Begier ausstreut durch geleerete Adern.
Nach vollendetem Amte verlt sie den fruchtbaren Weltteil,
Heim in das drftige Haus, zum gewhnlichen Felde, sich wendend.
Noch mit ruhigen Schwingen umschmeichelte dort Erisichthon
Sanfter Schlaf. Hin strebt er im bildender Traume zum Festschmaus,
Reget den eitelen Mund, und Zahn auf Zahne sich mdend,
Kut er umsonst, und bet an nichtiger Speise die Gurgel,
Und fr die Kost verzehrt er die Tuschungen atmender Lfte.
Doch wie die Ruhe verflog, so entbrennet die Wut des Verschlingens,
Herrschend vom gierigen Schlund durch die rumigen Eingeweide.
Ohne Verzug, was Meer, was Luft erzeuget, was Erde,
Fordert er; und wie belastet der Tisch sei, klagt er um Hunger,
Und vermit in dem Schmause den Schmaus. Was Stdten genug sein
Knnt' und dem smtlichen Volk, ist viel zu wenig dem einen.
Immer noch mehr verlangt er, je mehr in den Bauch er hinabsenkt.
So wie das Meer einschlinget die smtlichen Strme des Erdreichs,
Und, ungesttigt der Flut, austrinkt die entlegensten Sprudel;
So wie das raffende Feuer auch niemals Nahrungen abweist,
Und unzhlbare Balken verbrennt, und, je grerer Zuwachs
Kommt, je mehreres heischt, und gefriger selbst im Gewhl ist:
So nimmt alles, was nhrt, Erisichthons Mund, des Entweihers,
Nimmt, und fordert zugleich; und jegliche Speis' ist in jenem
Lockung der Speis', und immer wird leer sein Magen durch Essen.
Schon in den gierigen Schlund des unausgrndlichen Bauches
Schwand sein vterlich Erbe hinab; doch blieb ungeschwunden
Jetzt auch die grliche Gier; und der Kehl' unbndige Flamme
Loderte fort: bis endlich, nach aufgezehrtem Besitztum,
brig die Tochter ihm war, nicht wrdig sie jenes Erzeugers.
Sie auch verkauft er bedrngt. Es verschmht die Edle den Herrscher;
Und zur benachbarten Woge die Hnd' ausstreckend, beginnt sie:
Rei mich dem Herrscher hinweg, o du, der meiner Umarmung
Ersten Genu sich errang! - Es hatt' ihn errungen Neptunus.
Dieser erhrt ihr Gebet, und, wiewohl sie dem folgenden Herrscher
Eben erschien, schafft neue Gestalt, da mnnliches Ansehn
Samt der gewhnlichen Tracht fischfangender Mnner, sie einhllt.
Als der Gebieter sie schaut: O du, der in winzigem Kder
Schwebende Haken verbirgt (so redet er), Lenker des Rohres!
Mge dir ruhig das Meer, leichtglubig der Fisch in der Woge
Immer dir sein und nie vor dem Anbi merken die Angel!
Die mit schlechtem Gewand' und zerrtteten Haare nur eben
An dem Gestad' hier stand (hier sah ich sie stehn am Gestade),
Sprich, wo sie ist! nicht weiter erscheinen ja Spuren des Futritts!
Jene, die merkt, es gedeihe das Gttergeschenk, und erfreut ist,
Sich bei sich selbst ausforschen zu sehn, antwortet dem Frager:
Wer du auch seist, o verzeih! ich wendete nirgend die Augen
Hier von dem Strudel hinweg; an der Arbeit haftet' ich eifrig.
Da du dem Zweifel entsagst: So wahr das Gewerbe der Meergott
Segnen mir soll! nicht sah ich vorlngst hier jemand umhergehn,
Ausgenommen mich selbst, noch irgendein Weib am Gestade.
Glauben gab der Gebieter, und wendend den Fu in dem Meersand,
Ging er von dannen getuscht; ihr kehrete wieder die Bildung.
Als nun der Vater erkannt, da wandelbar jener der Leib sei,
Bot er sie oft zum Verkauf, die tropische Heldin; doch jene,
Bald als Vogel, als Ro, bald Kuh, bald Hndin, entweichend,
Schuf dem begierigen Vater die unrechtmige Nahrung.
Aber nachdem der Plage Gewalt ein jegliches Labsal
Aufgezehrt, und dem Wehe befremdende Kost er gereichet,
Jetzo die eigenen Glieder sich selbst mit zerfetzendem Bisse
Stmmelt' er, unglckselig den Leib durch Verminderung nhrend.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / IX, Des Herkules Tod





























Neuntes Buch
Des Herkules Tod
     
Herkules fhrete heim die vermhlete Deanira,
Jupiters Sohn, und kam an die reiende Flut des Euenos.
Reichlicher war, denn gewhnlich, von Winterregen geschwollen
Jetzo der Strom, und es wehrten den Durchgang hufige Strudel.
Unerschrocken fr sich, trug Sorge der Held um die Gattin.
Nessus naht, so gewaltig an Wuchs, als kundig der Furten.
Diese trag' ich, Alcide, dir gern an das andere Ufer,
Sprach der groe Zentaur; du brauch' als Schwimmer die Krfte.
Und wie vor Angst sie erblat', anstarrend den Strom und den Trger,
Gab der Aonier jenem die kalydonische Frstin.
Bald wie er war, vom Kcher beschwert, und der Hlle des Lwen
(Denn die Keul' und den Bogen entschwang er zuvor an das Ufer):
Was ich begann, sei vollendet! Hindurch, wie es strudele! rief er.
Und nicht zaudert er lange, noch, wo zornfreier Strom sei,
Forschet er, sondern verschmht die Geflligkeit tragender Wasser.
Als er das Ufer gewann, und erhob den geworfenen Bogen,
Hrt er der Gattin Geschrei; und indem sein Eigentum Nessus
Ihm zu veruntreun strebt: Wohin, o du Freveler, ruft er,
Reit dich der Fe Vertraun? Dir dort, zweileibiger Nessus,
Sag' ich es! Hre mein Wort und la ungestohlen das Meine!
Wenn nicht Scheu vor mir selber dich rhrete, konnte des Vaters
Wirbelndes Rad gleichwohl die verbotenen Lste vertreiben!
Doch nicht sollst du entfliehn, wie keck du auch schwingest den Rohuf.
Nicht mit dem Fu, ich erreiche mit Wunden dich! - Schnell auf die Worte
Folget die Tat; und ein Pfeil, in den fliehenden Rcken gesendet,
Bohrte hindurch, und ragte mit hakigem Stahl aus dem Busen.
Kaum war entrissen der Pfeil, da spritzte das Blut aus den Wunden
Hinten und vorn, von dem Gift der lernischen Hyder durcheitert.
Nessus fnget es auf: Nicht rachlos mein' ich zu sterben!
Sagt er bei sich; und ein Tuch, mit dem siedenden Blute gefrbet,
Gibt er dem Weib zum Geschenk, als Anreiz laulicher Liebe.
Viel umrollende Zeiten entflohn; und die Werke des groen
Herkules fllten die Erd', und der Juno Ha war gesttigt.
Sieger chalias, bracht' er dem Jupiter auf dem Cenum
Seine Gelbd': als Fama voraus dir, Deanira,
Tuschte das Ohr mit Geschwtz (die Wahrheit gerne mit Falschheit
Mengt, und klein im Beginn durch eigene Lgen emporwchst:)
Da der Amphitryonid' um die Gunst der Iole werbe.
Ach, die Liebende glaubt; und geschreckt von der jngeren Flamme,
berlt sie zuerst sich ganz den strmenden Trnen,
Ob sie verweine den Schmerz. Doch bald: Was weinen wir? rief sie,
Soll sich unserer Trnen die Nebenbuhlerin freuen?
Schon kommt jene daher; o geeilt, und was Neues erfunden,
Weil du noch kannst, und jene noch nicht in der Kammer gebietet!
Jammer' ich, oder verstumm' ich? Ob heimziehn, oder verweilen?
Ob ihr rumen das Haus? ob, wenn nichts Weiteres, hindern?
Wie? wenn ich eingedenk, dir Schwester zu sein, Meleagros,
Tapferer Tat mich erkhn', und was erduldetes Unrecht
Knn', und weiblicher Schmerz, durch den Mord der Buhlerin zeige?
Viele versucht ihr Geist der Wendungen; aber vor allen
Whlt sie, zu senden das Kleid, mit Nessus Blute gefeuchtet,
Da es die Kraft ihm erneue der abgestorbenen Liebe.
Und, was sie geb', unkundig, dem auch unkundigen Lichas
Gibt sie die eigene Trauer, und heit mit freundlichen Worten,
Arme! die Gab' hinbringen dem Mann. Arglos sie empfangend,
Legt der Alcid' um die Schulter das Gift der lernischen Otter.
Weihrauch opfert' er eben mit Flehn an gezndeter Flamme,
Und er ergo Weinstrm' aus der Schal' auf die Marmoraltre.
Pltzlich erwarmt der Plage Gewalt; und gelst von den Flammen,
Gehet sie weit umher durch Herkules' Glieder verbreitet.
Zwar er hemmt, wie er kann, mit gewhnlicher Tugend die Seufzer;
Doch da dem Leiden erlag die Geduld des Mannes, da strzt' er
Weg die Altr', und fllte den waldigen ta mit Ausruf.
Ohne Verzug nun strebt er das mrdliche Kleid zu zerreien;
Doch wo er zieht, zieht jenes die Haut; und, grlich zu melden!
Fest dort klebt's um die Glieder, umsonst von den Hnden gerttelt,
Dort zerrissenes Fleisch und gewaltige Knochen entblt es.
Selber das Blut, wie manchmal die glhende Kling' in den Khltrog
Eingetaucht, so zischt es, und kocht in dem brennenden Gifte;
Voll unmiger Gier verschlingt die Flamme das Herz ihm;
Und von dunkelem Schwei sind rings umflossen die Glieder,
Angesenkt kracht jegliche Sehn', und das Mark der Gebeine
Schmilzt in Eiter dahin; und die Hnd' aufstreckend zum Himmel:
Weide dich, ruft er aus, an unserem Jammer, o Juno!
Weide dich, diese Pest, Ungttliche, schauend von oben!
Labe das grausame Herz! Wenn Mitleid aber der Feind auch
Fordert, (denn Feind bin ich dir!) o nimm den grlich gequlten
Und mhseligen Geist, den stets verhaten, o nimm ihn!
Tod ist mir ein Geschenk! Stiefmtterlich gib das Geschenk mir!
Darum hab' ich Busiris, den Tempelschnder, bewltigt,
Rchend der Fremdlinge Blut? und dir dein mtterlich Labsal,
Grauser Antus, entrafft? Nicht hat des iberischen Hirten
Dreifacher Wuchs mich bewegt, und Zerberus' dreifacher Wuchs nicht?
Ihr, o gewaltige Hnde, bezwangt die Hrner des Stieres?
Euch sah Elis gestrengt, euch sahn die stymphalischen Wasser,
Und der parthenische Forst? Durch euere Tugend erobert,
Kam der getriebene Gurt aus thermodontischem Golde,
Kam unbehtete Frucht vom schlaflos htenden Drachen?
Mir nicht konnten Zentauren, und mir in arkadischer Wildnis
Nicht der verdende Eber bestehn? Nichts frommt' es der Hyder,
Anzuwachsen durch Schaden, und doppelte Kraft zu gewinnen?
Was? auch thrazische Gaule, mit menschlichem Blute gefeistet,
Auch die Krippen, gefllt von zerstmmelten Leichnamen, sah ich,
Und die gesehnen zerschlug ich, und tilgte die Gaul' und den Eigner?
Streckte zerknirscht mein Arm das nemesche Ungeheuer?
Hob mein Nacken dem Himmel empor? Md' ihres Befehls ward
Jupiters grausames Weib, eh' md' ich ward des Vollbringens?
Neues Verderben erscheint, dem nicht zu wehren die Tugend,
Nicht Gescho noch Waffe vermag! in den innersten Lungen
Irrt das gefrige Feuer, und zehrt durch alle Gelenke!
Aber gesund ist Eurystheus! Und doch sind manche des Glaubens,
Gtter sein! - So rief er; und durch den erhabenen ta
Geht er verwundet einher, wie wenn ein Tiger den Jagdspie
Trgt in dem Leibe gebohrt, und der Tat Urheber entflohn ist.
Oft erhub er ein lautes Geseufz, oft braust' er vor Unmut;
Oft versucht' er von neuem sich ganz das Gewand zu zerreien;
Balkige Bum' auch strzt' er, und wtete gegen den Bergwald;
Oder er streckte die Arme zur Himmelswohnung des Vaters.
Siehe, den bebenden Lichas, der bange sich barg in der Felskluft,
Schauet er; und wie der Schmerz zur rasenden Wut ihm gestiegen:
Du bist's Lichas, begann er, der mir das Leichengeschenk trug?
Du sollst Schuld an dem Morde mir sein? Der Erschrockene zittert
Totenbleich, und in Angst ein Wort der Entschuldigung stotternd.
Aber da flehend die Hnd' um die Knie er trachtet zu schlingen,
Rafft der Alcid' ihn empor, und dreimal wirbelnd und viermal,
In die eubische Flut entschwingt er ihn stark wie ein Feldstck.
Jener erhartete schnell, die wehenden Lfte durchschwebend;
Und wie man sagt, da Regen, von frostigem Winde geronnen,
Werde zu flockigem Schnee, und gerolleten Flocken die Weiche
Fest sich bind' und erstarre, gedrngt zu kuglichtem Hagel:
Also flog, durch die Leere von mchtigen Armen geschleudert,
Blutlos jener von Furcht, und jeglicher Feuchte beraubet,
Und erstarrte zu hartem Gestein, wie gemeldet die Vorzeit.
Jetzt noch raget ein Fels im tiefen eubischen Strudel
Seicht empor, und bewahrt die hnlichkeit menschlicher Bildung:
Welchen, als ob er fhle, sich scheut zu betreten der Schiffer,
Und ihn Lichas benamt. - Doch du, hochherrlicher Sohn Zeus',
Als du die Bume gehaun auf den luftigen Hh'n des ta,
Und sie geordnet zum Brand, jetzt forderst du Bogen und Kcher,
Und die Geschosse, bestimmt zum zweitenmal Troja zu sehen:
Solches bringt der pantische Held, und zndet das Feuer
Dienend. Sobald das Gehlz von der gierigen Flamme gefat wird,
Breitest du ber die Waldung das Fell des nemeschen Wrgers
Hoch, und lehnst auf die Keule zurck den ruhenden Nacken:
Nicht mit andrem Gesicht, als lgst du schmausend am Gastmahl,
Festlich gekrnzt, und umblinkt von des Weins vollstrmenden Bechern.
Mchtiger sauste bereits, ringsum sich ergieend, die Lohe,
Und zu dem sorglos ruhenden Leib', und ihrem Verchter
Flammte sie. Furcht durchdrang um der Sterblichen Heiland die Gtter.
Jupiter merkt es sofort, der Sohn des Saturnus, und redet
Also mit heiterem Blick: Wie erfreut mich jene Besorgnis,
Himmlische, o wie preis' ich von ganzer Seele mich glcklich,
Da andenkendes Volk Obwalter mich nennt und Erzeuger,
Und da meinem Geschlecht auch euere Liebe zum Schirm ist!
Denn obgleich ihr des Sohns unermeliche Taten betrachtet,
Werd' ich verpflichtet auch selbst. Doch damit euch Treuen das Herz nicht
Zage von eiteler Furcht, schaut tas Glut mit Verachtung.
Er, der alles besiegte, besiegt auch wahrlich die Flammen.
Nur, was die Mutter ihm gab, wird fhlen die Macht des Vulkanus:
Aber in Ewigkeit dau'rt, was von mir ihm ward, unverweslich,
Und unverhaftet dem Tod', und keinem Brande bezwingbar.
Das werd' ich, entlastet der Erd', in die himmlische Wohnung
Jetzo erhh'n; und ich traue, da wohlgefllig mein Ratschlu
Allen Unsterblichen sei. Schaut aber den Herkules einer,
Schaut er den Gott mit Verdru; er wird die Belohnung mignnen,
Doch das Verdienst der Belohnung gestehn, und loben auch ungern.
Beifall riefen die Gtter. Auch trug die Knigin selber
Nicht mit herbem Gesicht des Donnerers brige Rede,
Aber mit herbem den Schlu; und sie rgerte sich der Bezeichnung.
Alles indes, was irgend der Glut zu verwsten sich darbot,
Hatte Vulkanus gerafft; und unerkennbar dem Anblick
War des Herkules Bild: kein Zug der hnlichkeit bleibet
Ihm von der Muttergestalt; nur Jupiters Spuren behlt er.
Wie wenn die Schlange verjngt mit der Haut ablegte das Alter,
Und nun ppiger prangt im erneueten Glanze der Schuppen:
Also, nachdem der Alcid' auszog die sterblichen Glieder,
Blht er am edleren Teile von sich, und erhabneren Wuchses
Scheinet er, und ehrwrdig in Feierlichkeit und Verklrung;
Den in hohlem Gewlk der allmchtige Vater entfhrend
Auf vierspnnigem Wagen erhob zu den strahlenden Sternen.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / IX, Galanthis





























Galanthis
     
Hyllus, des Herkules Sohn, nahm Iole sich zur Genossin.
Als ihr im Scho nun keimte die Frucht des edelen Stammes,
Sprach Alkmene das Wort: Dir wenigstens gnne die Gottheit
Heil und krzere Frist, wann du, zur Reife gelanget,
Rufst die der bangen Geburt vorstehende Eileithya,
Die mir hart sich bewies, aus Geflligkeit gegen die Juno!
Denn als schon annahte die Zeit des erhabenen Dulders
Herkules, und das Gestirn eintrat in das zehente Zeichen,
Schwoll mir unter dem Herzen die Last; und was ich umhertrug,
War so gro, da glaublich erschien, so groem Gewicht sei
Jupiter selbst Urheber. Auch nicht ausdulden die Arbeit
Konnt' ich Erschpfte fortan. Noch jetzt fhrt kltender Schauer
Whrend ich red', ins Gebein; und des Schmerzes ein Teil ist Erinnrung.
Sieben Nchte hindurch und gleichviel Tage gemartert,
Ruft' ich, mde der Qual, und die Arm' ausstreckend zum Himmel,
Laut die Lucina mit Schrein und die Zwillingsmchte des Kreiens.
Zwar kam jene dem Ruf; doch zuvor mileitet beschlo sie,
Darzubieten mein Haupt der unheilsinnenden Juno.
Als mein winselndes Sthnen sie hrete, setzte sie dort sich
Auf den Altar an der Pforte, das linke Knie von des rechten
Buge gedrckt, und mit fest ineinander gefalteten Fingern
Hielt sie zurck die Geburt; auch leise Beschwrungen sprach sie;
Und die Beschwrungen hemmten die kaum begonnene Arbeit.
Angstvoll ring' ich, und klage mit trichter Klage des Undanks
Jupiter an, und begehre den Tod, und jammere Worte,
Hartes Gestein zu bewegen. Es nahn kadmeische Mtter,
Flehn mit Gelbd', und sprechen der Leidenden Trost und Ermahnung.
Eine der dienenden Mgd', aus niederem Volke, Galanthis,
Gelblich gelockt, war dort, ein Gebot zu vollenden betriebsam,
Durch dienstfertige Treue beliebt. Die merkt, es verb' hier
Juno durch etwas den Groll. Da oft sie hinaus und hinein geht,
Schauet sie auf dem Altar an der Tr dasitzen die Gttin,
Haltend die Hnd' auf den Knieen mit festgefalteten Fingern.
Wer du auch seist, Glck wnsche der Herrscherin! sprach sie; befreit ist
Argos' Tochter Alkmen', und geniet des erfleheten Shnleins!
Pltzlich sprang sie empor und entband die gefgeten Hnde
Lsend, die Gttin der Wehn; das lste mich selbst die Entbindung.
Ihrer betrogenen Macht, erzhlen sie, lachte Galanthis.
Aber der Lachenden fate das Haar die erbitterte Gttin,
Zog sie zur Erd', und da jene den Leib zu erheben bemht war,
Hemmte sie. Schnell sind die Arm' in vordere Fe verwandelt;
Rasche Betriebsamkeit bleibt, wie zuvor; auch der Rcken verlieret
Nicht sein schneeiges Wei: die Gestalt ist der vorigen ungleich.
Weil der Gebrerin half ihr tuschender Mund, so gebiert sie
Jetzt mit dem Mund'; auch besucht sie als Wieselchen gerne die Huser.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / IX, Dryope





























Dryope
     
Iole sprach zur Alkmene, die blhende Schnur zu der Schwieger:
Fremd ist eurem Geschlecht die Verwandelte, welche du, Mutter,
Jetzo beklagst. Wie, wenn ich das wunderbare Verhngnis
Meiner Schwester erzhl'? obgleich vor Trnen und Wehmut
Fast mir die Rede verstummt! Des Eurytus einzige Tochter
Von der anderen Frau war Dryope, ich von der ersten.
Dryope ragt' an Schne vor allen chalischen Jungfrau'n,
Selbst von dem Gotte geliebt, der in Delphos waltet und Delos,
Und die Beseligerin des edelen Gatten Andrmon.
Dort ist ein See, der gleich abhngigem Ufer des Meeres
Hebet den Bord; und oben bekrnzt ein Myrtengebsch ihn.
Dryope kam hierher, des Geschicks unkundig; und, was noch
Mehr Unwillen erregt, sie weihete Krnze den Nymphen.
Und sie trug an dem Busen den noch nicht jhrigen Sugling,
Mtterlich ihn liebkosend, mit warmer Milch ihn ernhrend.
Nahe dem sumpfigen Teich, in Purpurrte gehllet,
Blhte mit Hoffnung der Beeren der wasserliebende Lotus.
Dryope pflckte davon, zur Lust dem spielenden Knblein,
Einen blumigen Spro; und nachtun wollt' ich es selber,
Denn ich begleitete sie: da ich Blut aus dem Schafte der Blumen
Trpfeln sah, und die Zweige von zitterndem Schauer gereget.
Siehe, wie nun uns endlich der langsame Bauer verkndet,
Lotis, eine der Nymphen, gejagt von dem schlimmen Priapus,
Hatt' in den Baum die Gestalt, mit erhaltenem Namen, verwandelt.
Doch nicht wut' es die Schwester. Da voll von Schrecken sie rckwrts
Gehen wollt', und verlassen die angebeteten Nymphen,
Haftete fest an der Wurzel ihr Fu: zu entreien versucht sie
Ringend, und regt das Oberste nur: auf wchset von unten
Und umhllt allmhlich den Scho die bastige Rinde.
Als sie es sah, da begann sie das Haar mit der Hand zu zerraufen:
Laub erfllte die Hand; rings grnte von Laub ihr die Scheitel.
Aber der Knab' Amphissos (denn Eurytus hatte dem Enkel
Diesen Namen erdacht) fhlt schnell sich erhrten der Mutter
Wallende Brust; nicht folget dem saugenden Munde der Milchsaft.
Ach, Zuschauerin war ich des Jammergeschicks; und helfen
Konnt' ich, o Schwester, dir nicht! Ich tat, so viel ich vermochte,
Deinen wachsenden Stamm und die Zweig' umarmend verweilt' ich;
Und mich wnscht' ich sogar von derselbigen Rinde bedecket.
Siehe, da naht Andrmon der Mann, und der jammernde Vater:
Dryope suchen sie dort; fr Dryope, welche sie suchen,
Zeig' ich den Lotusbaum: dem laulichen geben sie Ksse,
Und um die Wurzel des Baums, des ihrigen, schmiegen sich beide.
Nichts mehr hattest du noch, o Schwesterchen, welches nicht Baum war,
Als das Gesicht. Von Trnen wird rings aus verwandeltem Leibe
Sprossendes Laub ihr betaut; und weil sie vermag und der Mund noch
Stimme gewhrt, so ergiet sie die klagenden Tn' in die Lfte:
Findet der Elende Glauben, ich hab' (o ihr Himmlischen hrt es!)
Nicht dies Greuel verdient; ich leid' unsndig die Strafe!
Schuldlos lebet' ich stets! Wo ich heuchele, mg ich verdorrend
Streuen mein Laub, und mit xten gehaun auflodern in Feuer!
Aber, o nehmt dies Kind aus den stigen Mutterarmen,
Und vertraut es der Amme; doch oft mir unter dem Baume
La es trinken die Milch, oft spiel' es mir unter dem Baume!
Kann er sprechen, der Knabe, so heit ihn gren die Mutter;
Und er sage betrbt: Hier wohnt in dem Stamme die Mutter!
Aber er scheue den See, und pflcke nicht Blumen vom Baume!
Rchende Gttinnen sein in jeglichem Strauche, gedenk' er!
Lebe wohl, du teurer Gemahl, du Schwester, und Vater!
Heget ihr Lieb' im Herzen, o schtzt vor der Hippe Verwundung,
Schtzt vor dem Zahne des Viehs der Eurigen grnende Bltter!
Und da mir das Geschick zu euch mich zu neigen verbietet,
Streckt die Glieder empor, und kommt zu unseren Kssen,
Weil noch ksset der Mund; auch hebt zum Munde das Kindlein!
Schon erstirbt mir das Wort, schon ber den schimmernden Hals her
Kriecht der geschmeidige Bast, und der obere Wipfel umhllt mich!
Nicht mit der Hand die Augen gedrckt! ohn' euere Liebe
Deckt den gebrochenen Blick mir schon die umhllende Rinde!
Jetzo endet' ihr Mund die Rede zugleich und das Dasein.
Und der Verwandelten blieb noch warm das frische Gezweige.
Also erzhlt der Schwester bejammernswrdiges Schicksal
Iole, hllt dann schluchzend ihr Purpurgewand um das Antlitz
Auch Alkmen' entreibt mit dem Daum vordringende Trnen
Ihrem Aug', inbrnstig des Eurytus Tochter beklagend.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / IX, Iphis





























Iphis
     
Leicht wohl htte der Ruf von der Wundergeschichte die hundert
Kretischen Stdte erfllt, wenn nicht in der Iphis Verwandlung
Kreta htte gezeigt erst neulich ein nheres Wunder.
Phstos' Gebiet, das nah beim gnosischen Reiche gelegen,
Hatte den Ligdus gezeugt vor Zeiten, der niederen Brger
Einen, von Keinem gekannt. Auch war nicht grer der Reichtum,
Als sein Adel es war; doch stand er im Leben und Wandel
Rein von Tadel und Schuld. Der sprach zu der schwangeren Gattin
Also das mahnende Wort, als nahte die Zeit der Entbindung:
Zwiefach ist mein Wunsch: da wenig von Schmerzen du leidest
Und mir ein Knblein bringst. Das andere Geschlecht ist zur Brde,
Und es versagt uns Mittel zum Glck. Wenn also - der Himmel
Wahre davor - du ein Mdchen gebierst, - mit weigerndem Herzen
Sag' ich es; Macht der Gefhle, vergib - so sei es gettet.
Also sagte der Mann, und sie netzten mit Trnen das Antlitz,
Er, der solches befahl, wie sie, der solcher Befehl ward.
Eitele Bitten indes bei dem Gatten versucht Telethusa
Unablssig, ihr nicht so eng zu beschrnken die Hoffnung.
Ligdus beharrt bei seinem Entschlu. Schon konnte die Mutter
Kaum noch tragen den Scho, mit der zeitigen Brde belastet,
Als in der Mitte der Nacht im Gebilde des Traums vor dem Lager
Inachus' Tochter ihr stand, vom Gefolge der Ihren begleitet,
Oder zu steh'n doch wenigstens schien. Mondhnliche Hrner
Zierten die Stirn und gefgt zu hren von glnzendem Golde
Prangender Knigesschmuck. Mit kamen der Beller Anubis,
Apis gefleckt am Leib, und die heilig verehrte Bubastis,
Auch, der bannet den Laut und Schweige gebeut mit dem Finger,
Klappern dazu und der nie zur Genge gesuchte Osiris
Und mit dem Schlaf einflenden Gift die gyptische Schlange.
Da hub an die Gttin zu ihr, die wie aus dem Schlummer
Pltzlich erwacht klar sah: Telethusa, du eine der Meinen,
La die befangende Furcht und umgehe des Gatten Befehle.
Hebe getrost nur auf, sobald dich entbindet Lucina,
Was es auch sei! Ich bin die helfende Macht, und gebeten
Bin ich zum Beistand nah, und des Undanks sollst du die Gottheit,
Die du verehrst, nicht zeihn. So mahnend verlie sie die Kammer.
Froh aufstehend erhebet die Kreterin saubere Hnde
Demutsvoll zu den Sternen und fleht um des Traumes Erfllung.
Wie sich die Schmerzen gemehrt und die Brde sich selber zum Lichte
Drngt und ein Mdchen erscheint, darum nicht wute der Vater,
Heit es die Mutter erziehn als erlogenen Knaben, und Glauben
Fand der Betrug, und der Amme allein war kund das Geheimnis.
Ligdus erfllt sein Gelbde und nennt das Kind nach dem Ahne:
Iphis war er genannt. Lieb war der Name der Mutter,
Weil im Zweifel er lie und keinen mit diesem sie tuschte.
So blieb undurchschaut durch frommen Betrug die Verhehlung.
Knabe gem war die Tracht; das Antlitz, sei es dem Mdchen
Oder dem Knaben verlieh'n, schn mute ein jedes erscheinen.
Als drei Jahre bereits nun waren gefolgt auf das zehnte,
Wird dir, Iphis, verlobt von dem Vater die blonde Ianthe,
Die, von Telestes gezeugt dem Dikter, an Gabe der Schnheit
Weit die gepriesenste war von den Jungfrau'n allen in Phstos.
Gleich war Alter dem Paar und Gestalt, und die frheste Bildung
Lernten sie auch und des Wissens Beginn bei den selbigen Lehrern:
So schlich Liebe sich ein in die jungen Gemter, und beide
Litten sie gleich vom Drang, doch ungleich war die Erwartung.
Froher Vereinigung harrt und bedungener Fackeln Ianthe
Und den vermeintlichen Mann hofft bald sie den ihren zu nennen.
Iphis ersehnt, auf deren Besitz sie verzichtet, und steigert
Dadurch eben die Glut, und die Jungfrau brennt fr die Jungfrau.
Kaum jetzt hlt sie die Trnen und spricht: Was harrt fr ein Ausgang
Mein, die denket an neuen Verein mit nimmer erhrtem
Unnatrlichem Wunsch? Ach! wollten die Gtter mich schonen,
Muten sie schicken ein Leid, das Natur gut heiet und Sitte.
Nie treibt Liebe die Kuh zur Kuh, zur Stute die Stute;
Wollvieh brennt fr den Str; nachgehet dem Hirsche die Hindin;
Vgel begatten sich so, und unter den smtlichen Tieren
Ist kein Weibchen von Brunft nach anderem Weibchen ergriffen.
Wr' ich nicht auf der Welt! Und doch, da Kreta erzeuge
Jegliche Unnatur, Sols Tochter begehrte des Stieres,
Freilich des Mannes das Weib. Mich treibt, zu gestehen die Wahrheit,
Mehr denn sie sinnraubende Glut: sie durfte doch hoffen
Auf den Genu; sie paarte sich doch in dem Bilde der Frse
Schlau mit dem Stier, und es war ihr vergnnt zu verfhren den Buhlen.
Fnde der Scharfsinn hier sich zusammen von allen den Landen,
Flge zurck auch Ddalus selbst mit den wchserne Schwingen:
Was kann Ddalus tun? Kann mich vom Mdchen zum Knaben
Wandeln die schaffende Kunst? Kann dich sie verwandeln, Ianthe?
Warum sthlest du nicht dein Herz und ermannest dich selber,
Iphis, und drngst aus dem Herzen die Glut so tricht und ratlos?
Sieh', wie Natur dich schuf, wenn nicht auch selbst du dich tuschest;
Trachte nach Mglichem nur, und dem Weibe Geziemendes liebe.
Hoffnung allein ruft Liebe hervor, mir Hoffnung erhlt sie.
Diese benimmt das Geschlecht. Dich hlt nicht wachende Aufsicht,
Noch auch Hut des besorgten Gemahls, noch Hrte des Vaters
Ab von dem sen Umfahn; nicht weigert sich selbst die Begehrte.
Dennoch bleibt dir versagt der Besitz; ob alles geschhe,
Dein wird nimmer das Glck, und mhten sich Gtter und Menschen.
Zwar ist mir zur Zeit nicht einer der Wnsche vereitelt:
Gndig gewhreten mir, was nur sie vermochten, die Gtter;
Was ich will, will sie, der Erzeuger, der knftige Schwher.
Doch die Natur will's nicht, die mchtiger ist wie sie alle;
Sie nur steht mir im Weg. Es erscheint die erwartete Stunde;
Da ist der Hochzeittag; mein wird nun werden Ianthe;
Doch eins werden wir nicht. Wird drsten in Mitte der Wellen.
Ach! was naht ihr dem Fest, Hymenus und eh'liche Juno,
Wo kein Brutigam ist und wo zwei Brute sich freien?
Damit schwieg ihr Mund. Glut wallt in der anderen Jungfrau
Ebenso hei, und sie wnscht, da bald du erscheinst, Hymenus.
Frchtend, was diese ersehnt, stellt weitere Frist Telethusa,
Oder sie schafft krank scheinend Verzug; Vorzeichen und Trume
Wendet sie oft auch vor. Nun hatte sie aber den Vorrat
Schlauer Erfindung erschpft; die verschobene Zeit der Vermhlung
Rckte heran, und es blieb ein Tag noch. Da von dem Haupte
Zieht sie die Binde des Haars sich selber herab und der Tochter,
Und sie beginnt, den Altar mit entfesselten Haaren umfassend:
Isis, die du bewohnst mareotische Fluren und Pharos
Und Partonium liebst und den siebengemndeten Nilstrom,
Hilf, so fleh' ich zu dir, und la von der Furcht uns genesen!
Vormals sah ich dich schon, o Gttin, und dies dein Gerte;
Alles, der Klappern Getn und die Fackeln des folgenden Zuges
Nahm ich wahr und behielt dein Gehei im gedenkenden Herzen.
Da sie schauet das Licht, da mich nicht Strafe getroffen,
Ist dein Rat, ist Gabe von dir. Erbarme dich beider,
Stehe mit Hilf' uns bei! Und es folgeten Trnen den Worten.
Da schien ihren Altar zu bewegen die Gttin, - und wirklich
War's auch so - und das Tor am Tempel erbebt, und die Hrner
hnlich dem Mond sind licht, und es rasselt die tnende Klapper.
Ruhig noch nicht, doch froh des glcklichen Zeichens begibt sich
Jene vom Tempel hinweg. Ihr folgt als Begleiterin Iphis,
Aber mit grerem Schritt als sonst; auch bleibet die Weie
Nicht im Gesicht, und es mehrt sich die Kraft, und die Mienen erhalten
Schrferen Zug und krzeres Ma wirr liegende Haare.
Mut auch, wie er im Weib nicht war, drngt jetzt; denn ein Jngling
Bist du, die du ein Weib jngst warst. Bringt Gaben zum Tempel;
Freut euch vollen Vertrauns! Sie kommen mit Gaben zum Tempel;
Inschrift setzen sie auch. Die fate den kurzen Gedenkspruch:
Was er als Mdchen gelobt, hier widmet es Iphis als Jngling.
Wiederum hatte das Licht mit den Strahlen erschlossen den Erdkreis,
Als zum Vermhlungsfest Hymenus und Venus und Juno
Kommen und Iphis als Mann sich vereinigt mit seiner Ianthe.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / X, Orpheus und Eurydice





























Zehntes Buch
Orpheus und Eurydice
     
Durch die unendliche Luft, vom Safranmantel umhllet,
Geht Hymenus einher, zu dem kalten Gebiet der Cikonen,
Wo ihn umsonst anflehet der Ruf des melodischen Orpheus.
Jener erscheint ihm zwar; doch nicht heiljauchzende Worte
Bringt er, noch frhlichen Blick, noch Ahnungen glcklicher Zukunft.
Selbst die gehaltene Fackel erzischt in betrnendem Dampfe
Immerdar und gewinnt nicht einige Glut von Bewegung.
Schrecklicher war der Erfolg, wie die Deutungen. Durch die Gefilde
Schweifte die jngst Vermhlte, vom Schwarm der Najaden begleitet,
Ach, und starb, an der Ferse verletzt von dem Bisse der Natter.
Als zu dem Himmel empor der rhodopeische Snger
Lange die Gattin beweint, jetzt auch zu versuchen die Schatten,
Wagt er hinab zur Styx durch des Tnarus Pforte zu steigen.
Und durch luftige Scharen bestatteter Totengebilde
Naht er Persephonen nun, und des anmutlosen Bezirkes
Knige drunten in Nacht; und sanft zum Getne der Saiten
Singet er: O ihr Gewalten des unterirdischen Weltraums,
Welcher uns all aufnimmt, so viel wir sterblich erwuchsen!
Wenn ihr, ohne der falsch umschweifenden Worte Beschnung,
Wahres zu reden vergnnt; nicht hier zu schauen den dunkeln
Tartarus, stieg' ich herab, und nicht den schlangenumstrubten,
Dreifach bellenden Hals dem medusischen Greuel zu fesseln.
Nein, ich kam um die Gattin, der jngst die getretene Natter
Gift in die Wund' einhaucht', und die blhenden Jahre verkrzte.
Dulden wollt' ich als Mann, und strengte mich; aber es siegte
Amor. Man kennet den Gott sehr wohl in der oberen Gegend.
Ob ihr unten ihn kennt? Nicht wei ich es, aber ich glaube.
Wenn nicht tuscht das Gercht des altbesungenen Raubes,
Hat euch Amor gefgt. Bei den Orten des Grauns und Entsetzens,
Bei der verstummenden d' und diesem unendlichen Chaos,
Lst der Eurydice, fleh' ich, o lst das beschleunigte Schicksal!
Alle gehren wir euch; wann wenige Frist mir geweilet,
Etwas frher und spter ereilen wir einerlei Wohnung.
Hierher mssen wir all; hier ist die letzte Behausung;
Ihr beherrscht am lngsten die elenden Menschengeschlechter.
Jen' auch, wenn sie gereift die beschiedenen Jahre gelebet,
Kommt zu euch; nur kurzen Genu verlang' ich zur Wohltat.
Wenn mir das Schicksal versagt das Geschenk der Vermhleten, niemals
Kehr' ich von hinnen zurck! Dann freut euch des doppelten Todes!
Also rief der Snger und schlug zum Gesange die Saiten;
Blutlos horchten die Seelen und weineten. Tantalus haschte
Nicht die entschlpfende Flut; und es stutzte das Rad des Ixion;
Geier zerhackten die Leber nicht mehr; die belischen Jungfrau'n
Rasteten neben der Urn'; und Sisyphus sa auf dem Marmor.
Damals ist, wie man sagt, den gerhreten Eumeniden
Bei dem Gesange zuerst die Trn' auf die Wange geflossen.
Nicht die Knigin kann, nicht kann der untere Knig
Weigern das Flehn; und sie rufen Eurydice. Unter den Schatten
War sie, die frisch ankamen, und wandelte schwer von der Wunde.
Jetzt empfing sie der Held von Rhodope samt der Bedingung,
Da er die Augen zurck nicht wendete, bis er entflohen
Aus dem avernischen Tal; sonst wre die Gab' ihm vereitelt.
Schnell erklommen sie nun durch Todesstille den Fusteig,
Jh empor, und dster, umdrngt von dumpfigem Nachtgraun;
Und nicht waren sie ferne dem Rand der oberen Erde.
Jetzo besorgt, sie bleibe zurck, und begierig des Anschauns,
Wandt' er die Augen voll Lieb'; und sogleich war jene versunken.
Streckend die Arm', und ringend, gefat zu sein und zu fassen,
Haschte der Unglckselige nichts, als weichende Lfte.
Wieder starb sie den Tod; doch nicht ein Laut um den Gatten
Klagete. Konnte sie wohl, so geliebt zu sein, sich beklagen?
Fernher rief sie zuletzt, und kaum den Ohren vernehmlich:
Lebe wohl! Und gerafft zu der vorigen Wohnung entflog sie.
Orpheus starrte wie Fels bei dem doppelten Tode der Gattin.
Jammernd bat er und fleht', und wollt' hinber von neuem:
Charon scheucht' ihn hinweg. Doch sa er sieben der Tage
Trauernd in Wust am Bord', unerquickt von den Gaben der Ceres.
Gram und trnender Schmerz und Kmmernis waren ihm Nahrung.
Grausam schalt er die Gtter des Erebus; und zu dem steilen
Rhodope wandt' er den Fu und dem sausenden Hmos im Nordsturm.
Dreimal endete schon den Kreis des rollenden Jahres
Sol mit den Fischen des Meers; und es floh der verhrtete Orpheus
Stets der Liebe der Frau'n. Denn ihr verdankt' er sein Unglck;
Treu' auch hatt' er gelobt. Es schmachteten viele der Weiber,
Lieb dem Snger zu sein; und es eiferten viele verachtet.
Dort erhob sich ein Hgel, worauf sich ebenes Blachfeld
Breitete, schn umgrnt vom frhlichen Wuchse des Grases.
Schatten nur fehlte dem Ort. Als hier sich setzte der hohe
Gttersohn und Prophet und Getn entlockte den Saiten,
Kam der Schatten dem Ort. Nicht fehlt der chaonische Wipfel,
Nicht Heliadengehlz, nicht hoch belaubete Eichen,
Nicht die weichliche Lind' und Buch' und daphnischer Lorbeer;
Brechliches Haselgestruch, und des Lanzeners Freundin, die Esche;
Auch unknotige Tann', und Steineich', hangend mit Eicheln;
Auch die Plantane der Freud', und der wechselfarbige Ahorn;
Fluanwohnende Weiden zugleich und der durstige Lotos,
Auch stets grnender Bux und schmchtige Sumpftamariske;
Mit zweifarbigen Beeren die Myrt', und mit blauen der Tinus.
Du auch kamst mit geschlungenem Fu, aufrankender Efeu;
Du, weinlaubige Reb', und, gehllt in Reben, o Ulme;
Esche des Bergs und Kiefer und, voll rotglhenden Obstes,
Arbutus; du auch, o Palme, des saueren Sieges Belohnung;
Du auch, das Haar aufbindend, o Pinie, struppiger Scheitel;
Und, der du grad' aufsteigest in Kegelgestalt, o Cupressus.
Solcherlei Waldungen zog der Gesang her; und in des Wildes
Stummer Versammelung sa, und im Schwarm der Geflgelten, der Snger.
Als er genug mit dem Daume die klingenden Saiten erprobet,
Und mit Gefallen erkannt, wie die vielfach lautenden Tne
Zu einstimmigem Hall sich vereiniget, sang er von neuem,
Flehend zuvor von der Mutter Kalliope Feuer und Andacht:
Jupiter war der Beginn und Jupiters heilige Obhut;
Wie er mit Macht ausschmckte die Welt und den Trotz der Giganten
Zwang, die phlegrische Flur durch siegende Donner zerschmetternd.
Aber indem mit Gesang der begeisterte Thrazierbarde
Waldungen samt dem Gewild' und folgende Felsen heranzog,
Siehe, die Frau'n der Cikonen, mit zottigen Huten des Waldes
Um die verwilderte Brust, von des Bergs Felshhen erschaun sie
Orpheus, welcher das Lied den geschlagenen Saiten gesellet.
Eine des taumelnden Schwarms, die das Haupthaar schwang in den Lften:
Ha! dort, rief sie, er ist's, der Verchter der Frau'n! und der Thyrsus
Flog zu dem tnenden Munde des apollonischen Sehers.
Aber mit Laub umsponnen, bezeichnet' er, ohne Verwundung.
Wtend erhub die andre den Stein; doch er ward in dem Fluge
Vom harmonischen Halle besiegt des Gesangs und der Leier;
Und als flehet' er Gnade der ungeheuren Verschuldung,
Sank zu den Fen er hin. Nun wchst des verwegenen Unsinns
Krieg, und die Migung floh; und rasender herrscht die Erynnis.
Noch wr' alles Gescho erweicht vom Gesange, wenn machtvoll
Nicht das Geschrei und das Horn des berecynthischen Schallrohrs,
Trommelgeroll und Geklatsch und Jubelgeheul des Jacchus
berscholl der Gitarre Getn. Jetzt troffen die Steine
Rot vom heiligen Blute des unvernommenen Sngers.
Stets noch blieben erstaunt von dem Wohllaut seines Gesanges,
Vgelschwrm' und Schlangen und drngende Tiere des Waldes;
Doch die Mnaden zerstrmten des Orpheus Wunderversammlung.
Gegen ihn selbst dann strecken sie wild die blutigen Hnde,
Alle geschart: wie die Vgel, wenn einst am Tage sie flattern
Sehn den Vogel der Nacht; wie zur Schau dem Doppeltheater
Frh im besandeten Raum ein Hirsch zu sterben bestimmt wird,
Hunden ein Raub. Sie bestrmen den gttlichen Snger und schleudern
Laubumwundene Stbe, zu anderem Dienste geweihet.
Die hebt Schollen zum Wurf, die schwingt den gebrochenen Baumast,
Jene Gestein; und damit nicht wehrlos rase der Wahnsinn:
Sieh, dort ackerten Stiere das Land mit gedrngeter Pflugschar:
Und nicht ferne sich Frucht mit verdienendem Schweie bereitend,
Grub im harten Gefilde die nervige Faust der Besteller.
Diese, den Heerzug schauend, entfliehn; die Gerte der Arbeit
Bleiben zurck; und es liegen, zerstreut durch verlassene Felder,
Lastende Haun, Jthacken und langgeklauete Karste.
Als die Verwilderten solches geraubt und zerrissen die Stiere,
Trotz dem drohenden Horn; jetzt mrderisch nahn sie dem Snger.
Ihn, der die Hnd' ausstreckt' und das erstemal heute vergebens
Redet' und nichts mit der Stimme bewegete: diesen ermordet
Frech der entweihende Schwarm; aus dem Mund', o Jupiter! jenem,
Den der Felsen vernahm, und den mit Empfindung das Bergwild
Hrete, schwand in die Luft die ausgeatmete Seele.
Dich wehklagt das Gewild; dich, Orpheus, girrende Vgel,
Dich das starre Gestein; dich, welche so oft dem Gesange
Folgeten, Wlder umher; dich, gleichsam scherend das Haupthaar,
Trau'rt der entbltterte Baum; mit Trnen auch, sagt man, vermehrten
Strme die eigene Flut; und gehllt in dunkele Leinwand
Ging Najad' und Dryade, mit aufgelseten Locken.
Weithin lagen die Glieder zerstreut. Haupt nahmst du und Leier,
Hebros, auf; und, o Wunder! da mitten im Strom sie hinabfliet,
Sanft wie Wehmut klagt der Leier Getn, wie Wehmut
Lallt die entseelete Zunge; die Bord' antworten wie Wehmut.
Schon aus dem heimischen Strom entrollen sie ber die Meerflut,
Bis sie erreicht die Gestade der methymnischen Lesbos.
Aber der Geist geht unter die Erd', und erkennet die Gegend,
Welche zuvor er gesehn. In der Flur der Seligen forschend,
Fand er Eurydice nun, und umschlang sie mit sehnenden Armen.
Jetzo wandeln sie dort mit vereinigtem Schritte, die beiden;
Bald geht jene voran, und er folgt; bald eilet er selbst vor;
Und nach Eurydice darf mit Sicherheit Orpheus sich umsehn.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / X, Cyparissus





























Cyparissus
     
Hoch in Kegelgestalt erhebt sich der schlanke Cupressus,
Jetzo ein Baum, als Knabe vordem ein Geliebter des Gottes,
Der mit der Saite die Laut', und Gescho mit der Saite bespannet.
Siehe, den Nymphen geweiht, die karthische Fluren bewohnen,
War ein gewaltiger Hirsch: der selbst in erhabne Beschattung
Hllte das eigene Haupt mit weitgesteten Hrnern.
Funkelnd blitzte von Gold das Gehrn; und herab auf die Buge
Hing am gerundeten Halse die Schnur glanzheller Juwelen.
Auch ein silbernes Blatt, an zierlichen Riemchen befestigt,
Schwebt' ihm ber die Stirn; und es blinkten aus Erz in den Ohren
Um die gehhlete Schlfe die gleichgedreheten Bammeln.
Dieser hatte die Furcht und die angebotene Zagheit
Vllig verlernt; er besuchte die Wohnungen immer und reichte
Gern zum Klatschen den Hals auch unbekannteren Hnden.
Doch vor anderen war dir, Schnster des ceischen Volkes,
Angenehm, Cyparissus, der Hirsch; du fhrest zu junger,
Saftiger Kost, du jenen zur Flut des lauteren Bornes;
Du durchflochtest ihm bald mit farbigen Blumen die Hrner,
Bald auf den Rcken geschmiegt und dorthin reitend und dahin,
Bogst du sein lenksames Maul mit purpurschimmerndem Zgel.
Schwle war's, und Mitte des Tages; von der brennenden Sonne
Glheten eingebogen die Hummerarme des Krebses.
Mde streckte den Leib auf grasigem Boden der Kronhirsch,
Einzuatmen die Khlung im Wehn des schattigen Baumes.
Diesen traf Cyparissus der Knab' unachtsam mit scharfem
Speer; und sobald er sterben ihn sah an grausamer Wunde,
Wnscht' er zu sterben sich selbst. O was nicht redete Phbus
Ihm zum Trost? Sich leichter und angemener zu grmen,
Mahnt er ihn an. Doch seufzet der Knab' und erfleht von den Gttern
Dies als letztes Geschenk, da stets ihm wre die Trauer.
Jetzt, da Trnen und Blut in unendlichem Schmerz er geweinet,
Wandelten sich allmhlich in grnliche Farbe die Glieder;
Und die der schneeigen Stirne noch jngst entrollenden Locken
Wurden ein struppiges Haar, das stachelicht nun und erstarrend
Vom hochschwankenden Wipfel zu himmlischen Sternen emporsah.
Gramvoll seufzte der Gott: Du hinfort mir betrauerter Knabe,
Andre betrau'rst du hinfort, ein Geno Leidtragender! sprach er.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / X, Hyacinthus





























Hyacinthus
     
Wie in Adlergestalt der Donnerer dich, Ganymedes,
Einst vom Ida geraubt, ihm einzuschenken den Nektar:
So auch htte dich Phbus verherrlichet, Sohn des Amyklas,
Htte das Trauergeschick zur Verherrlichung Zeit ihm gegnnet.
Wie es vergnnt, so dauerst du fort. Wann den Winter der Frhling
Scheucht, und dem wssernden Fisch nachfolgt der heitere Widder;
Steigst du immer empor, und blhst im lebenden Rasen.
Dich vor allen erwhlte der Gott zum Liebling; und Delphos,
Mitten im Kreise der Welt, ermangelte schweigend der Obhut:
Weil des Eurotas Gestad' und die unbefestigte Sparta
Jener umirrt, nicht achtend der hellen Gitarr' und des Bogens.
Selbst vergit er den Gott, nicht Garn zu tragen verschmhend,
Nicht Jagdhunde zu halten und nicht durch rauhere Berghh'n
Mitzugehn; und er nhret die Glut durch lange Gewhnung.
Fast war Sol zu der Mitte der kommenden und der vollbrachten
Nacht gelangt, und er stand gleich weit vor den Enden entfernet:
Jetzo enthllt der Gewand', und gesalbt mit dem Fette des lbaums,
Schimmern sie beid', und beginnen den Kampf der gerundeten Scheibe.
Diese zuerst aufwgend entsandt' in die wehenden Lfte
Phbus, und warf mit der Last die hemmende Wolk' auseinander.
Auf den gediegenen Boden zurck nach langer Verweilung
Sank das Gewicht und zeigte die Kunst mit der Strke vereinigt.
Unvorsichtig sofort, und entflammt von Begierde des Spieles,
Eilt der tnarische Knabe den Kreis zu erheben; doch jenen
Warf der gehrtete Grund mit prallendem Schwung in die Hhe,
Grad ins Gesicht, Hyacinthus, dir selbst. Da erblate mit einmal,
So wie der Knabe, der Gott. Die wankenden Glieder empfngt er;
Und bald wrmet er dich, und trocknet die klgliche Wunde,
Bald dann leget er Kraut, die entziehende Seele zu halten.
Nichts, ach! frommet die Kunst; unheilbar blutet die Wunde.
Wie wann einer Violen und Mohn im gewsserten Garten,
Oder die Lilie knickt auf hellgrn prangendem Stengel;
Wie dann pltzlich verwelkt ihr lastendes Haupt sie herabneigt,
Und nicht lnger sich hlt und erdwrts schaut mit dem Wipfel:
Also hngt das Gesicht, das sterbende; welk und entkrftet,
Ist sich selbst der Nacken zur Last, und ruht auf der Achsel.
balide, du sinkst, getuscht um die blhende Jugend,
Saget der Gott; und ich sehe die Wund', ach! meines Verbrechens!
Du mein Schmerz, mein hartes Vergehn! Mein eigener Arm schuf
Dir frhzeitigen Tod; ich stiftete dir das Begrbnis!
Doch was trag' ich fr Schuld? Es mte denn Spielen sogar nun
Schuld genannt, es mte denn Schuld auch Lieben genannt sein!
Und, oh! wr' es erlaubt, fr dich mein Leben zu lassen,
Oder mit dir! Doch weil ja des Schicksals Wille mich bindet,
Sei du bestndig mit mir und schweb' im Herzen und Munde!
Dich tn' unser Gesang, dich stets die geschlagene Leier!
Du als Blume bezeichne mit Schrift des Liebenden Wehmut!
Einst wird kommen die Zeit, da der tapferste Held der Acher
Sich der Blume gesellt, auf hnlichem Blatte geziffert!
Also ruft Apollo mit wahrheitredendem Munde.
Siehe, das Blut, das strmend des Erdreichs Kruter geflecket,
Endiget Blut zu sein; voll Glanz, wie tyrischer Purpur,
Hebt sich die Blum' und empfnget Gestalt gleich Lilien, wenn nicht
Rtelnde Blue die ein', und die anderen Silber gefrbet.
Nicht gengt es dem Phbus; denn der war Stifter der Ehre:
Selbst mit eigenem Wehe beschreibt er die Bltter; und AI AI
Sagt dem Griechen die Schrift; und es klagt auf der Blume der Buchstab'.
Auch nicht schmte sich Sparta des Sohns Hyacinthus; es dauert
Noch die Ehre bis heut; und, gefei'rt nach der Sitte der Alten,
Kehren mit vorgetragnem Geprng' Hyacinthien jhrlich.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / X, Pygmalion





























Pygmalion
     
Durch die Fehle gekrnkt, die dem weiblichen Sinne so hufig
Gab die Natur, verlebte Pygmalion ohne Genossin
Einsame Tag', und entbehrt' ehlos des geselligen Lagers.
Jetzt mit bewunderter Kunst voll Leichtigkeit schnitzet er helles
Elfenbein und gibt ihm Gestalt, wie nimmer noch aufwuchs
Irgendein Weib, und betrachtet sein Werk mit inniger Liebe.
Jungfrau ganz erscheinet das Bild; ganz lebe sie, glaubt man,
Und, wenn nicht abhalte die Scheu, sie versuche Bewegung.
So war Kunst umhllet mit Kunst! Pygmalion, staunend,
Schpft mit entflammeter Brust des gehnlichten Leibes Entzckung.
Oftmals fat er das Werk mit prfender Hand, ob es Leib sei,
Ob, was er nimmer bekennt, aus Elfenbeine gebildet.
Ksse reicht er, und whnt sich gekt, liebkost und umarmet;
Glaubt, da schwellender Wuchs nachgeb' anrhrenden Fingern;
Und ist besorgt, es entstelle der Druck durch Blue die Glieder.
Bald mit schmeichelnder Red' und bald mit Mdchengeschenken
Wirbt er und trgt ihr Muscheln heran und gerundete Kiesel,
Manches Vgelchen auch und tausendfarbige Blumen,
Lilien auch und gezeichnete Bll' und Trnen vom Baume,
Welche die Helias weint. Mit Gewand' auch schmckt er die Glieder,
Gibt an die Finger Gestein, gibt hangende Schnre dem Halse,
Und lt Perlen am Ohr, um die Brust ihr schweben die Kettlein,
Alles geziemt; doch scheint sie auch nackt nicht weniger lieblich.
Diese legt er auf Decken, gefrbt in sidonischem Purpur,
Nennt sie trauteste Gattin und streckt dem gelehneten Nacken
Weich umwallenden Flaum, als ob sie fhlte, zum Lager.
Venus heiliger Tag, hochfeierlich allen in Cyprus,
Kam; und umzogen mit Golde die langgewundenen Hrner,
Sanken dem Schlage dahin mit schneeigem Nacken die Khe;
Weihrauch wlkte den Dampf. Er stand nach vollendetem Opfer
An dem Altar, angstvoll: Wenn ihr Himmlischen alles vermget,
Werde mein Weib - nicht wagend, die elfenbeinene Jungfrau!
Rief Pygmalion nur - der elfenbeinenen hnlich.
Wohl verstand, dem Feste genaht, die goldene Venus,
Was der Flehende wnscht'; und gttliche Huld ihm verkndend,
Loderte dreimal die Flamm', und schwang sich gespitzt in die Luft auf.
Heim eilt jener zum Bilde zurck des trautesten Mgdleins,
Neigt sich ber das Lager und kt; und sie scheint zu erwarmen.
Wieder naht er dem Mund' und wagt auch die Brust zu versuchen;
Weich wird's unter der Hand; des Elfenbeines Erstarrung
Senkt sich dem Druck der Finger und weicht: wie das Wachs des Hymettus
Schmeidiger wird an der Sonn' und dem zwingenden Daum in Gestalten,
Immer verndert, sich biegt und brauchbarer durch den Gebrauch wird.
Whrend der Liebende staunt und bange sich freuet und Tuschung
Wieder besorgt und wieder den Wunsch mit den Hnden berhret,
War sie Leib; und es schlagen, versucht vom Daume, die Adern.
Jetzo erhebt der paphische Held vollstrmende Worte,
Worte des Danks zu Venus, der Gtigen! Endlich vereint er
Zum nicht tuschenden Munde den Mund: die gegebenen Ksse
Fhlt die Errtende, hebt zu dem Lichte die leuchtenden Augen
Schchtern empor und schaut mit dem Himmel zugleich den Geliebten.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / X, Venus und Adonis





























Venus und Adonis
     
Venus, im Herzen entbrannt fr den wunderschnen Adonis,
Achtet nicht mehr der Gestad', und versumt die umflutete Paphos,
Gnidos, von Fischen umschwrmt, und Amathus, reich des Metalles.
Selbst wird der Himmel gescheut; mehr gilt, als der Himmel, Adonis.
Ihn nur hegt sie und pflegt sie. Gewohnt, sonst immer im Schatten
Gtlich sich selber zu tun, und mit Schmuck zu erheben die Schnheit,
Streift sie durch Hh'n und Gehlz' und verwachsene Felsengebirge,
Hoch zu dem Kniee geschrzt das Gewand, nach Art der Diana.
Dort ermahnt sie die Hund', und verfolgt unschdliche Beute,
Bald den strzenden Hasen, und bald den erhabenen Kronhirsch
Oder die flchtige Gems': doch scheuet sie tapfere Eber;
Auch raubgierige Wlf', und klauigen Tatzen des Bren
Meidet sie gern, und Lwen, vom Rindermorde gesttigt.
Dich auch ermahnt sie, Adonis, wenn nur die Ermahnungen frommten,
Sorgsam jene zu scheun. Sei gegen die Flchtigen tapfer,
Saget sie, gegen die Khnen ist nicht ganz sicher die Khnheit.
Handele nicht auf meine Gefahr so verwegen, du Jngling;
Und nicht reize das Wild, dem schreckliche Wehr die Natur gab;
Da nicht hoch mir stehe dein Ruhm. Nicht rhret die Jugend,
Noch die Gestalt, noch alles, was Venus rhrte, die Lwen,
Oder die borstigen Sue, noch Augen und Herz des Gewildes.
Stark sind, wie schmetternder Blitz, die gebogenen Hauer des Ebers;
Heftiger Zorn und Gewalt ward gelblichen Lwen zum Anteil;
Und mir verhat ist das ganze Geschlecht. Du fragest: woher das?
Hre mich an, und erstaune dem lngst verschuldeten Untier.
Aber ich bin schon mde der ungewhnlichen Arbeit;
Und willkommenen Schatten erbeut uns die lockende Pappel,
Sanft auch bettet das Gras: hier wollen wir ruhn miteinander.
Und sie ruht auf der Erd', und drckte das Gras und ihn selber.
Und in den Scho des Adonis gelehnt den Nacken mit Lcheln,
Redet sie so, und stret mit hufigem Ku die Erzhlung:
Sicherlich hast du gehrt, wie einst ein Mdchen im Wettlauf
Hurtige Mnner besiegt; und nicht ein gefabeltes Mrlein
War das Gercht: sie besiegte gewi. Auch sagte man schwerlich,
Ob sie die Schnelligkeit mehr auszeichnete, oder die Schnheit.
Als sie den Gott ratfragt' um den knftigen Gatten: Ein Gatte,
Sprach er, ist nichts, Atalanta, dir ntz'; fleuch immer den Gatten.
Dennoch entfleuchst du ihm nicht; und du lebst, dein selber entbehrend.
Durch das Orakel geschreckt, durchschaltet sie finstere Wlder
Ehelos, und verscheucht den dringenden Schwarm der Bewerber
Wild mit dem harten Beding: Nicht werd' ich gewonnen, wofern nicht
Erst im Laufe besiegt! Wetteifert mit mir auf der Rennbahn!
Lohn dem Hurtigen werde die Braut und die ehliche Kammer;
Lohn den Langsamen Tod! Dies sei des Kampfes Bedingung.
So unmilde sie war, doch (solche Gewalt hat die Schnheit!)
Kam auf diesen Beding ein verwegener Schwarm der Bewerber.
Auch Hippomenes sa, anschauend den grausamen Wettlauf,
Und: sucht einer auf diesem gefhrlichen Wege die Gattin?
Sagt' er, und tadelte laut die zu sehr ausschweifende Liebe.
Doch wie den Wuchs er gesehn, und den Leib, des Gewandes enthllet,
Gleich dem meinigen selbst, und dem deinigen, wrst du ein Mdchen,
Staunet' er an, und erhebend die Hnd': O verzeihet mir, rief er,
Ihr, die ich eben gestraft! Noch nicht war, welche Belohnung
Ihr euch sucht, mir bekannt! Der Lobende selber entbrennet.
Da doch der Jnglinge keiner zuvor ihr laufe, das wnscht er,
Und das besorgt er mit Neid. Doch warum, in dieser Entscheidung,
Saget er, soll unversucht das Siegsglck bleiben mir selber?
Wagende frdert ein Gott! - Indem Hippomenes solches
berlegt, da enteilt mit geflgeltem Schritte die Jungfrau.
Und obgleich wie der Pfeil von der szythischen Senne zu fliegen
Sie dem aonischen Jnglinge scheint; doch dnkt ihm die Anmut
Mehr der Bewunderung wert; und erhht wird im Laufe die Anmut
Rckwrts weht an der Luft den flchtigen Fersen die Schleife;
Und ihr flattert das Haar um den blendenden Rcken, es flattert
Unter den Knieen das Band mit schn gezeichneter Borte.
Schon auch hatte der Leib jungfruliche Weie mit Rte
Sanft gemischt; nicht anders, wie wenn ein purpurner Vorhang
ber den weien Saal die gertete Dmmerung streuet.
Weil dies jener bemerkt, war erreicht das Ende des Zieles;
Und als Siegerin prangt im festlichen Kranz Atalanta.
Seufzend stehn die Besiegten und dulden gesetzliche Strafe.
Nicht den Hippomenes schreckte der Jnglinge warnendes Beispiel;
Sondern er trat in die Mitt', und, geheftet den Blick auf die Jungfrau:
Warum, Feige besiegend, erwirbst du dir leichtere Titel?
Saget er; kmpfe mit mir! Ob mich zu der Ehre das Siegsglck
Auserkor, nicht mag dich gereun ein solcher Besieger:
Megareus ist mein Vater, der Sohn des Onchestus; und jenem
Ist Neptunus der Ahn; mich nennt Urenkel der Meerfrst;
Nicht auch leugnet die Tugend den Stamm! Ob ich falle, so hast du;
Wann Hippomenes fiel, denkwrdigen Namen gefunden!
Gegen den Redenden blickt des Schneus Tochter mit sanftem
Angesicht, und erwgt, ob siegen sie woll', ob besiegt sein.
Welcher Gott, der die Schnen verfolgt, will diesen verderben
(Sagt sie geheim); und befiehlt, mit Gefahr des teueren Lebens,
Diese Vermhlung zu suchen? So gro nicht dnk' ich mir wahrlich!
Gar nicht rhrt die Gestalt (doch knnt' auch diese mich rhren;)
Nein, da er Knabe noch ist! Nicht rhret er selbst, nur das Alter!
Dann, da er Tapferkeit hegt, und ein Herz, nicht achtend des Todes!
Dann, da vom Gotte des Meers er den Ursprung leitet, der vierte!
Dann, da er liebt, und in Liebe so hoch schtzt unsre Vermhlung,
Da er zu sterben beschleut, wenn mich ihm weigert das Schicksal!
Flieh! noch kannst du es, Fremdling, und la die blutigen Kammern!
Grausam ist die Vermhlung mit mir! Kein Mdchen entzieht sich
Deiner Hand; selbst mchte dich eine Verstndige wnschen!
Aber was sorg' ich um dich, da schon so viele gestreckt sind?
Mag er sehn, und verderben; da soviel Morde der Freier
Nicht ihn zu warnen vermocht, und wild auf sein Leben er einstrmt!
Sterben soll dieser demnach, weil zu leben mit mir er gewnschet?
Und unwrdiger Tod soll sein die Belohnung der Liebe?
Nimmer vermag zu ertragen mein Sieg den schmhlichen Vorwurf!
Doch nicht mein ist die Schuld! O mchtest du noch dich bedenken!
Oder, dieweil du rasest, o mchtest du schneller im Lauf sein!
Aber wie ganz jungfrulich des Jnglinges zartes Gesicht ist!
Armer Hippomenes du! ach httest du nie mich gesehen!
Wrdig warst du zu leben! Wenn ich glckseliger wre,
Wenn nicht hartes Geschick mir weigerte meine Vermhlung,
Mit dir Einzigen knnt' ich das Ehelager besteigen!
Jene sprach's; und wie neu, und zuerst aufwallend in Sehnsucht,
Wei sie nicht, was sie tue; sie liebt, und verkennet die Liebe.
Schon den gewhnlichen Lauf verlangen das Volk und der Vater,
Als Hippomenes mir, der edele Spro des Neptunus,
Ruft mit bekmmertem Laut: Die cytherische Gttin, ich flehe,
Sei dem Beginnen geneigt, und frdre die Glut, die sie eingab!
Zu mir trug unneidisch die Luft sein schmeichelndes Flehen;
Und ich, im Herzen bewegt, verschob nicht lange den Beistand
Eine Flur ist in Cyprus, die tamasesche nennt sie
Heimisch das Volk, des Landes gepriesenste: welche der Vorzeit
Greise mir ehmal geweiht, und meinem Tempel zum Anteil
Beigelegt. Dort schimmert ein Baum in der Mitte des Feldes,
Gelblich das Laub, und gelblich die klirrenden ste von Golde.
Dorther kam ich soeben, und trug drei goldene pfel
Abgepflckt in der Hand; und sichtbar jenem allein nur,
Trat ich Hippomenes an, und lehrte, wozu der Gebrauch sei.
Jetzo rief die Trompet'; und sie schwangen sich beid' aus den Schranken
Vorgestreckt, und bezeichnen mit flchtigem Fue den Sand kaum.
Leicht auch htten sie Wellen mit trockenem Schritte gestreifet,
Oder dem grauen Gefild' auf stehenden hren gerennet.
Mutiger machen den Jngling das laute Geschrei und der Beifall,
Und das gerufene Wort: Nun, nun dich gestrengt nach Vermgen!
Eil', Hippomenes, eil'! Nun biete dir alle Gewalt auf!
Spute dich, dein ist der Sieg! - Man zweifelte, ob an dem Zuruf
Mehr der megarische Held, ob mehr Atalanta sich freute.
O wie oft, wann sie schon ihm vorbeifliehn konnte, verweilt sie;
Und sein lange gescheutes Gesicht, wie verlt sie es ungern!
Heier atmete schon der Hauch des lechzenden Mundes;
Aber das Ziel war fern. Jetzt nahm von den Frchten des Baumes
Ein', und entsendete sie, der edele Spro des Neptunus.
Siehe, die Jungfrau stutzt, und gelockt von dem schimmernden Obste,
Beugt sie den Lauf seitwrts, und hebt das rollende Gold auf.
Schnell ist der Jngling voraus; es erschallt vom Klatschen der Kampfraum.
Jene hat bald den Verzug, in rascherem Lauf, und die Sumnis
Eingeholt, und von neuem zurckgelassen den Jngling.
Wiederum versptet vom Wurf des anderen Apfels,
Rennt sie nach und vorber dem Mann. Noch das Ende der Bahn war
Ihnen bevor: Nun stehe mir bei, wohlttige Gttin!
Rief er; und schrge zur Seite, damit sie langsamer kehre,
Warf er das schimmernde Gold mit Jugendkraft ins Gefild' hin.
Ob sie hole, besann sich die Zweifelnde; doch zu erheben
Zwang ich, und mehrete noch das Gewicht dem erhobenen Apfel;
Da die Schwere der Last zugleich mit der Sumnis sie aufhielt.
Endlich (damit die Erzhlung nicht langsamer sei, wie der Wettlauf)
Blieb Atalanta zurck; heim fhrte den Lohn der Besieger.
War ich, da jener mir dankt', und Weihrauchopfer mir brchte,
War ich, Adonis, es wert? Nicht opferte jener den Weihrauch;
Selbst auch verga er den Dank. Zu pltzlichem Zorne mich wendend,
Um zu verhten hinfort den empfindlichen Schmerz der Verachtung,
Stell' ich ein Beispiel dar, und ermahne mich gegen die beiden.
An dem Tempel, den einst der Gttermutter Echion
Bauete nach dem Gelbd', im buschigen Walde verborgen,
Ging vorber ihr Weg; und Ruhe gebot die Ermdung.
Dort im geheim durchwallt unzeitige Lust der Umarmung
Pltzlich Hippomenes' Herz, erregt von unserer Gottheit.
Nahe dem Tempel erschien ein matt erleuchteten Winkel,
Fast zur Grotte gehhlt, ein Gewlb' aus natrlichem Bimsstein,
Durch urahnliche Feier geweiht: wo der Priester des Tempels
Manches hlzerne Bild hochaltriger Gtter gestellet.
Diesen geheiligten Ort entehret er durch die Umarmung.
Zornvoll wandten die Bilder den Blick; und die Mutter im Turmkranz
Sann, ob in stygische Flut sie hinab die Frevelnden tauchte.
Aber die Straf' ist zu leicht: und den Hals, der eben noch glatt war,
Hllet die gelbliche Mhn'; es krmmen sich Klaun aus den Fingern;
Rauh erwchst aus der Schulter ein Bug; in die mchtige Brust dringt
Ganz das Gewicht; und es feget der Schweif die Flche des Sandes.
Grimm beherrscht ihr Gesicht; fr die Red' erdrhnt ein Gemurmel;
Statt des Gemachs herbergt sie der Wald; und anderen furchtbar,
Kaun mit gebndigtem Zahn cybelische Zume die Lwen.
Diese, du Trautester nun, und die smtlichen Schwrme des Wildes,
Das nicht Rcken zur Flucht, das die Brust zum Kampfe dir bietet,
Fliehe mir! oder es wird dein Mut einst schdlich uns beiden!
Also ermahnt ihn die Gttin, und drauf mit geschirreten Schwnen
Steigt sie empor in die Luft; doch die Tapferkeit trotzt der Ermahnung.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XI, Midas





























Elftes Buch
Midas
     
Bacchus wandelt' einmal zu den Weinhh'n seines Tymolos,
Und den paktolischen Auen, wiewohl noch golden der Strom nicht
Flutete, noch nicht Neid mit kstlichem Sande hervorrief.
Seine gewhnliche Schar, Bacchinnen und Satyre, folgt' ihm,
Nur ward Silenus vermit: den taumelnden Alten im Weinrausch
Hatten phrygische Bauern gehascht, und in fesselnden Krnzen
Hin zum Knige Midas gefhrt: dem der Thrazier Orpheus
Nchtliche Feier gelehrt, mit des Cekrops Brger Eumolpos.
Dieser, sobald er erkannt den Genossen der heiligen Innung,
Ehrte den kommenden Gast mit frhlich gefeierten Schmusen,
Zehn der Tage hindurch, und zehn mitfolgende Nchte.
Lucifer hatte bereits am elften Morgen den Heerzug
Schwebender Sterne verscheucht, als froh in die lydischen Felder
Midas ging, und Silenus dem blhenden Zglinge darbot.
Ihm gab Bacchus die Wahl, die schmeichelte, aber nicht frommte,
Sich ein Geschenk zu ersehn, fr den wiedergefundenen Pfleger.
bel die Gab' anwendend, erwidert' er: Schaffe, da alles,
Was mein Leib auch berhrt, in funkelndes Gold sich verwandle!
Machtvoll winket dem Wunsch, ein Geschenk zum Schaden gewhrend,
Bromius; doch er bedau'rt, da ihm nichts Besseres einfiel.
Froh des Bsen enteilt der berecynthische Hochfrst,
Und das verheiene Wort versuchet er, alles berhrend.
Kaum nun glaubt er sich selbst, da der niedrigstmmigen Eiche
Ein hellgrnendes Reis er entzog: und golden das Reis ward.
Rasch erhob er den Stein; auch der Stein erblate zu Golde.
Eine Scholle berhrt' er; die Scholl' in der mchtigen Hand war
Flimmerndes Erz. Er raufte sich dorrende hren der Ceres;
Sieh, und er erntete Gold. Wenn er Obst vom Baume sich abpflckt,
Scheint es der Hesperiden Geschenk. Wenn den ragenden Pfosten
Kaum sein Finger genaht, gleich strahlt's von den Pfosten wie Feuer.
Selbst wann jener die Hnd' in lauteren Fluten gewaschen,
Konnt' auch Dana tuschen die Flut, von den Hnden gertet.
Kaum noch umfat sein Herz die Hoffnungen: golden erscheint ihm
Alles. Den Tisch nun ordnen dem Frhlichen emsige Diener,
Voll mit leckerem Fleische gehuft, und gebackener Feldfrucht.
Aber anjetzt, sobald er mit eigener Rechte der Ceres
Gabe gerhrt, so erstarrte die heilige Gabe der Ceres;
Oder sobald er das Fleisch mit dem Zahn zu malmen gedachte,
Ward es zu gelblichem Blech, und klirrt' ihm unter den Zhnen.
Traubensaft von dem Schpfer der Wohltat mischt' er mit Wasser;
Gleich schien flssiges Gold ihm hinab in die Kehle zu gleiten.
Jetzt vom befremdenden bel geschreckt, so reich und so elend,
Wnscht er dem Gut zu entfliehn, und das eben erflehete hat er.
Was er gehuft, nichts stillet den Hunger ihm, trockener Durst auch
Brennet den Gaum, und es qult das gehssige Gold nach Verdienst ihn.
Und nun hebt er die Hnd' und glnzenden Arme gen Himmel:
Gnad', o Vater Lenus! Verzeih! Wir sndigten! ruft er:
Aber ich fleh' um Erbarmen: entrei mich dem schimmernden Unglck!
Bacchus, der freundliche Gott, sobald er die Snde bekennet,
Stellt ihn her, und lst das verliehene Ehrengeschenk auf.
Da nicht Tnche dir bleibe des bel erfleheten Goldes,
Wandele, spricht er, zum Flu ohnweit der mchtigen Sardes;
ber des Bergs Anhhn der rollenden Welle begegnend.
Flgle den Weg, bis oben des Stroms Urquelle du findest.
Dann, wo der schaumige Born mit Gewalt aufsprudelt, hinein dort
Tauche das Haupt, und sple zugleich mit dem Leibe die Schuld ab.
Midas ersteigt die befohlene Flut; und die Krfte des Goldes
Frben den Strom, und weichen vom menschlichen Leib' in die Wasser.
Jetzt annoch von dem Samen der schon hochaltrigen Ader
Starrt das Gefild', in den Glimmer der goldgefeuchteten Schollen.
Er nun hate das Gut, und bewohnete Fluren und Wlder,
Dienend dem Pan, der immer in felsigen Grotten sich lagert.
Aber es blieb sein feister Verstand, und schdlich wie vormals,
Ward dem Besitzer von neuem das Herz voll trichten Sinnes.
Weit in das Meer vorschauend mit steil aufstrebender Felswand,
Starrt des Tmolos Gebirg', und in doppeltem Hange sich dehnend,
Grenzt es hier an Sardes, und dort an die kleine Hyppa.
Als hier Pan sein tndelndes Lied holdseligen Nymphlein
Vorblies, messend den Ton auf wachsvereinigtem Rohre,
Wagt' er vor sich zu verachten den Hochgesang des Apollo:
Unter dem richtenden Tmolos begann der vermessene Wettkampf.
Sitzend auf eigenen Hhn urteilt der altende Berggott,
Frei sein Ohr von Gebsch; die Eiche nur grtet des Hauptes
Bluliches Haar, und umwallt die gehhleten Schlfen mit Eicheln.
Drauf zum Gotte des Viehes gewandt: Der Richtende, sprach er,
Sumet euch nicht! und sofort durchschmetterte jener das Feldrohr.
Voll von Entzckung vernahm der mit zuhrende Midas
Seinen barbarischen Hall. Nun wandte sein heiliges Antlitz
Tmolos gegen Apollo; dem Antlitz folgte sein Wald nach.
Jener, das goldene Haupt mit parnasischem Lorbeer umwunden,
Schleppt den langen Talar, von lyrischem Blute gesttigt;
Und sein blinkendes Spiel voll Elfenbeins und Gesteines
Hlt in der Linken der Gott, und hlt in der Rechten den Schlgel.
Stellung und Blick war wrdig der Kunst. Mit kundigem Daum nun
Regt er der Saiten Getn. Von der wonnigen Se bezaubert,
Heit der Gott des Gebirgs nachstehn der Gitarre das Feldrohr.
Allen gefllt die Entscheidung des wohl urteilenden Tmolos.
Dennoch tadelt allein und nennt unbillig den Ausspruch,
Midas in lautem Geschwtz. Nicht duldet der Delier Phbus,
Da noch Menschengestalt die trichten Ohren behalten;
Sondern er reckt' sie in Lng', und hllt sie in greuliche Zotten;
Unstet schafft er das untre Gelenk, und von leichter Bewegung.
brigens Mensch, wird jener am einzigen Teile verdammet,
Und mit den Ohren begabt des langsam schreitenden Esleins.
Zwar verhehlt er die Schlfen, von krnkendem Schimpfe belastet,
Dicht sie umher einhllend mit purpurstrahlendem Turban.
Aber ein Dienstgeno, dem das lange Haar zu beschneiden
Oblag, hatt' es gesehn. Der wagete weder der Unzier
Khnen Verrat, wie sehr auch das Herz sich zu lften begehrte;
Noch vermocht' er die Schau zu verheimlichen. Weg nun gewendet,
Grbt er die Erd', und wie seltsam die Ohren des Herrn er geschauet,
Meldet er leis', und vertraut dem gehhleten Grund ein Geflster.
Wiederum mit der Erde der Stimm' Anzeige verscharrend,
Geht er hinweg stillschweigend, und lt die verschttete Grube.
Aber ein drngender Hain von zitternden Halmen des Rohres
Steiget empor; und sobald im vollendeten Jahr er gereifet,
Klagt er den Ackerer an: denn jedes verscharrete Wrtchen
Zischelt er, rege vom Sd, des Kniges Ohren verkndend.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XI, Thetis und Peleus





























Thetis und Peleus
     
Proteus sprach zu der Thetis, der Meergreis: Gttin der Wasser,
Knftig empfngst und gebierst du den Jngling, welcher des Vaters
Mchtige Taten besiegt und gro vor jenem genannt wird.
Darum, damit nichts grer denn Jupiter wr' in dem Weltall,
Ob er zwar in der Brust nicht lauliche Gluten empfunden,
Meidet Jupiter stets der umwogeten Thetis Vermhlung.
Und er gebot, da ihm sein acidischer Enkel
Folgt' in dem Wunsch, und ginge, die Meerjungfrau zu umarmen.
Eine hmonische Bucht erstreckt, wie die Sichel gerndet,
Zwei verlaufende Arm', und wallete tieferes Wasser,
Wr' es ein Port; doch es seichtet ein sandiger Boden die Flche.
Hart ist oben der Strand, und behlt nicht Spuren des Fues,
Noch verweist er den Gang, noch deckt ihn schwebendes Meergras.
Nah ist Myrtengestruch, voll dunkeler Beeren und heller.
Eine Grott' ist darin; ob Natur, ob Kunst sie gebildet,
Zweifelte man; mehr aber die Kunst: oft kamst du zu dieser,
Auf dem gezumten Delphine gewandlos sitzend, o Thetis.
Dort hat Peleus dich einst, da im fesselnden Schlafe du lagest,
berrascht; und weil du, versucht durch Bitten, dich strubtest,
bt er Gewalt, den Nacken mit beiden Armen umwendend.
Httest du nicht dich gewendet in oft vernderter Bildung
Zu der gewhnlichen Kunst; er gewann sein khnes Bestreben.
Bald als Vogel erschienst du; und fest hielt jener den Vogel:
Bald ein gewaltiger Baum; an dem Baum auch haftete Peleus.
Doch in der dritten Gestalt der gesprenkelten Tigerin drohend,
Schrecktest du akus' Sohn, da dich zu umarmen er ablie.
Jetzt die Gtter des Meers, mit Wein in die Welle gestrmt,
Shnet er, und mit geopfertem Vieh, und dampfendem Weihrauch;
Bis der karpathische Seher hervor aus der Mitte des Strudels:
akus' Sohn, ausrief. du erlangst die gewnschte Vermhlung.
Nur wann schlummernd die Nymph' in der khligen Grotte sich ausruht,
Binde sie, leise genaht, mit Seil und umschlingender Fessel.
Und sie tuschte dich nicht, von Gestalt in Gestalt sich verwandelnd;
Zwnge du, was sie auch sei, bis die vorige Bildung sie herstellt.
Proteus redete so, und taucht' in die Fluten das Antlitz,
Selbst mit eigner Umwallung die endenden Worte bedeckend.
Titan neigte den Lauf, und lenkt' abschssig die Deichsel
Zum hesperischen Sund, als Nereus' blhende Tochter
Aus der verlassenen Tief' einging zum gewhnlichen Lager.
Kaum noch strmte der Held auf die Meerjungfrau, und sie gaukelt
Immer erneute Gestalt, bis zuletzt sie die Glieder gehalten
Fhlt, und weit auseinander die Arm' in Banden gedehnet.
Seufzend sagte sie jetzt: Du siegst nicht ohne die Gtter!
Und ward Thetis, wie vor. Es umschlingt die Bekennende Peleus,
Froh der gewonnenen Braut, und schenkt ihr den groen Achilles.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XI, Cyx und Halcyone





























Cyx und Halcyone
     
Cyx, im Herzen geschreckt von graunweissagenden Wundern,
Wollt', um heilige Lose, der Sterblichen Trost, zu befragen,
Gehn zu dem klarischen Gott; denn den heiligen Tempel in Delphos
Hielt gesperrt mit dem Phlegyerschwarm der entweihende Phorbas.
Doch verkndet er dir, Halcyone, treuste Genossin,
Erst den gefaten Entschlu. Und stracks in das innerste Leben
Drang ihr der schaudernde Frost; und gelbliche Blsse des Buxus
Deckt' ihr Gesicht; und Trnen entrolleten ber die Wangen.
Dreimal begann sie zu reden, und dreimal band ihr die Zunge
Wehmut; und mit Geschluchz' abbrechend die zrtliche Klage:
Welche Verschuldung von mir hat, Trautester, sprach sie, das Herz dir
Abgewandt? wo bleibt nun die Sorge fr mich, die zuvor war?
Sorglos kannst du nunmehr von Halcyone weit dich entfernen;
Lieb ist der lngere Weg; und lieber ich selbst, je entfernter;
Landwrts geht die Reise vielleicht, und mich wird nur Betrbnis
Peinigen, nicht auch Furcht; und die Sorg' ist wenigstens angstlos!
Meerflut schreckt mir die Seel', und des Abgrunds trauriger Anblick!
Hab' ich doch jngst am Gestade zertrmmerte Scheiter gesehen,
Und oft Namen gelesen auf Grabhh'n ohne Gebeine!
La nicht falsches Vertraun dein khnes Herz dir verleiten,
Da du ein Eidam bist dem olus, welcher im Kerker
Zhmt die mutigen Wind', und das Meer nach Gefallen besnftigt;
Wann die entlassenen Wind' einmal sich bemchtigt des Meeres;
Nichts ist ihnen versagt, und unempfohlen das Erdreich
Ganz, und ganz das Gewsser; am Himmel auch schwingen sie Wolken,
Und in gewaltigen Sto entschlagen sie rtliche Feuer.
Diese, je mehr ich sie kenn' (ich kenne sie; oft bei dem Vater
Sah ich als Kind sie im Hause), je mehr auch find' ich sie schrecklich!
Drum wenn deinen Entschlu kein Flehn und Bitten bewegen,
Teurer Gemahl, dir kann, und zu fest du beharrest im Wandern,
Nimm mich selber mit dir! Dann wogen wir doch in Gemeinschaft;
Dann bin ich, mitduldend, in Angst; dann tragen zugleich wir,
Was es auch sei; und zugleich durchfliegen wir weite Gewsser!
Durch dies trnende Wort der olerin fhlte bewegt sich
Ihr sternheller Gemahl; denn ihm glht's nicht schwcher im Herzen.
Aber er will so wenig den Vorsatz brechen der Meerfahrt,
Als an seiner Gefahr der Halcyone lassen ein Anteil.
Viel antwortet er ihr, die bekmmerte Seele zu trsten.
Dennoch schafft er dem Tun nicht Billigung. Anderem Zuspruch
Fget er diesen hinzu, der allein die Liebende beuget:
Lang ist zwar ein jeder Verzug uns; aber ich schwre
Bei des Erzeugers Glanz, wenn mich heimsendet das Schicksal,
Kehr' ich eher zurck, als zweimal der Mond sich gefllet.
Als durch solches Erbieten der Rckkehr Hoffnung erregt war,
Heit er die fichtene Barke sofort, von dem Stapel gezogen,
Tauchen in Flut, und drinnen befestigen ihre Gertschaft.
Gleich bei des Schiffs Anblick, als ahne sie knftigen Jammer,
Schaudert Halcyone auf, und verstrmt vordringende Trnen,
Schliet den Gemahl in die Arm', und klglich, mit traurigem Antlitz
Saget sie: Lebe wohl! und sinkt ohnmchtig am Strande.
Aber die Jnglinge nun, da Cyx Verweilungen suchet,
Ziehn in gedoppelten Reihn an die tapferen Brste die Ruder;
Da vom gemessenen Schlage das Meer schumt. Jetzo erhebt sie
Feuchte Blick', und den stehenden dort auf der hintersten Wlbung,
Den mit erschtterter Hand ihr noch zuwinkenden Gatten,
Sieht sie zuerst, und erwidert den Wink. Als ferner und ferner
Wich das Gestad', und die Augen nicht mehr erkennen das Antlitz,
Folgt sie, so lange sie kann, mit dem Blick der entziehenden Barke.
Als auch diese nunmehr im trennenden Raume verschwindet,
Schauet sie doch die Segel, die flatterten oben am Mastbaum.
Wie auch die Segel entflohn, nun sucht sie das einsame Lager
Bang', und sinkt auf das Bett; er erneut der Halcyone Trnen
Lager und Ehegemach, und mahnt sie des fehlenden Mannes.
Jen' entglitten dem Hafen; es regt' ein Lftchen die Seile:
Gegen den Bord nun fget die hngenden Ruder der Seemann,
Stellt die Rahen am Topp in die Quer', und breitet am Mastbaum
Ganz die Segel herab, und empfht nachwehende Lfte.
Weniger, oder gewi nicht mehr denn die Hlfte des Meeres
Ward von dem Kiele gefurcht, und fern war beiderlei Ufer:
Als von geschwollenen Wogen die Meerflut gegen den Abend
Wei ward, und mit Gewalt herschnob der strzende Eurus.
Rasch mir heruntergesenkt von des Mastbaums Hhe die Rahen!
Ruft der Pilot; und das Segel mir ganz um die Stangen gewickelt!
Dieser gebeut; doch es wehrt das Gebot der begegnende Windsto;
Und kein Wort lt hren der brausende Hall der Gewsser.
Aber sie eilen von selbst, dort einzunehmen die Ruder,
Dort zu schirmen den Bord; hier raubt man dem Winde die Segel;
Hier wird geschpft, und gegossen die Meerflut wieder in Meerflut;
Dort wird die Stange gerafft. Da gesetzlos solches getan wird,
Wchst noch rauher der Sturm, und ringsher toben die Winde
Trotzig mit Winden im Kampf, da zerwhlt aufraset der Abgrund.
Selber verzagt der Ordner des Schiffs, und selber bekennt er,
Nicht, wie es stehe, zu wissen; noch was er befehl' und verbiete:
So schwer lastet das bel, und trotzet der Kunst und Erfahrung.
Denn es erschallt vom Geschrei das Volk, vom Gerassel das Tauwerk,
Von anprallender Woge die Wog' und vom Donner der ther.
Hoch erhebet den Schwall, und den Himmel sogar zu erreichen
Scheint das Meer, und zu rhren das dunkle Gewlk mit Bespritzung:
Bald, wenn es gelblichen Sand auffegt aus dem untersten Abgrund,
Ist es gefrbt wie der Sand; bald schwarz wie die stygische Woge.
Wieder senkt es sich dann und erschallt mit weilichem Schaume.
Gleich so fliegt abwechselnd im Sturm das trachinische Fahrzeug
Bald nun emporgehoben, wie hoch von dem Gipfel des Berges,
Scheint es in Tler hinab und des Acherons Tiefen zu schauen:
Bald, wann es nieder sich senkt in der krumm herhangenden Brandung,
Scheint es vom untersten Strudel emporzuschauen gen Himmel.
Oftmal drhnet der Bord von der schlagenden Flut mit Gekrach auf,
Und nicht schwcher erschallt's, als wenn ein eisernes Widder
Dumpf die zerfallende Feste bestrmt und ein schleuderndes Felsstck.
Und wie der wtende Lwe die Kraft vermehrend im Anlauf,
Gegen die Wehr mit der Brust und empfangende Spiee hinandringt:
Also, nachdem in den Winden die Flut sich beschleunigte, drang sie
Gegen die Wehren des Schiffs und stieg viel hher denn jene.
Und schon wackeln die Keil', und beraubt des deckenden Wachses
Ghnet die Spalt', und ffnet die Bahn todbringenden Wassern.
Sieh, auch ein prasselnder Regen entstrzt den gelseten Wolken.
Whnet man doch, da ganz in das Meer absteige der Himmel,
Und in die himmlischen Hh'n mit dem Schwall aufsteige der Abgrund.
Na sind die Segel vom Gu; und zugleich mit den himmlischen Wassern
Mischen sich Wasser des Meers; und ohne Gestirn ist der ther.
Blinde Nacht wird gedrngt von des Sturms und dem eigenen Dunkel.
Dennoch zerstreun dies Dunkel mit zuckender Helle des Blitzes
Leuchtungen; und es entbrennen von Donnerglut die Gewsser.
Jetzo schwinget den Sprung in des Schiffraums hohle Verbindung
Trmende Flut. Wie ein Krieger, der weit vorragt aus der Menge,
Wann schon oft an den Wall der verteidigten Stadt er hinansprang,
Endlich die Hoffnung erlangt und entbrannt in Begierde des Ruhmes
Dennoch die Mauer gewinnt, er unter den Tausenden einer:
Also, da wildes Gewog' aufschlug um die Hhen des Bordes,
Hebt sich mit ungeheurer Gewalt die zehente Welle;
Und nicht stehet sie ab, das ermattete Schiff zu bekmpfen,
Ehe sie ber den Wall des eroberten Schiffes hereinsteigt.
Noch versuchte des Meers ein Teil in die Barke zu strmen;
Teils war es drinnen bereits: und nicht weniger zittern sie alle,
Alsdann zittert die Stadt, wann andere drauen die Mauer
Graben, und andere drinnen bereits einnahmen die Mauer.
Nichts schafft Kunst; und es sinket der Mut; und so viele der Wellen
Kommen, so viel' auch scheinen hereinzubrechen der Tode.
Dieser weint; der staunt wie erstarrt; der preiset sie glcklich,
Welche das Grab aufnimmt; der fleht mit Gelbden der Gottheit;
Streckend umsonst die Arme zum nicht gesehenen Himmel,
Ringt er um Schutz; der denkt an die Brder daheim und den Vater,
Dieser an Weib und Kinder, und was ein jeder zurcklie.
Cyx denkt an Halcyone nur; aus dem Munde des Cyx
Tnt nur Halcyone auf; und wiewohl nach der Einzigen schmachtend,
Freut er sich ihrer Entfernung. Zum heimischen Ufer auch mcht' er
Umschaun und nach dem Hause zuletzt noch wenden das Antlitz;
Nicht, wo es sei, wei jener: in so hochstrudelndem Aufruhr
Brauset das Meer; in das Dunkel der pechschwarz hngenden Wolken
Hllet der Himmel sich ganz, und es herrscht das gedoppelte Nachtgraun.
Krachend zerbricht von dem Prall platzregnender Wirbel der Mastbaum,
Krachend das Steuer zugleich; und stolz auf die Beute sich hebend,
Schauet die Wog' als Siegerin her auf gewlbete Wogen.
Leichter nicht, wie wenn einer den aufgertteten Athos
Schleuderte oder des Pindus Gebirg' in die offene Meerflut,
Platzt sie von oben herab; und zugleich durch Last und den Ansto
Senkt sie zum Grunde das Schiff. Ein Teil der Mnner versinket,
Unter den Strudel gezwngt, und erreicht, nicht wieder enttauchend,
Gleich sein Geschick. Ein anderer hlt des verstmmelten Wrackes
Glieder umarmt. Selbst hlt in der Hand, der den Zepter gefhret,
Cyx getrmmerte Scheiter des Rumpfs; und Schwher und Vater
Rufet er, ach! umsonst. Doch zumeist in des Schwimmenden Munde
Ist Halcyone stets; Halcyone denkt er und nennt er.
Da vor Halcyones Augen die Flut ihm sple den Leichnam,
Wnscht er, und da den Entseelten befreundete Hnde bestatten.
Whrend er schwimmt, so oft ihm zu atmen vergnnt das Gewoge,
Ruft er Halcyone aus; es verhallt in der Flut das Gemurmel.
Schau, der dstere Bogen, der grade sich ber den Fluten
Wlbte, zerplatzt und verschttet sein Haupt im zerschelleten Wasser.
Eingehllt in Dunkel erschien und ganz unerkennbar
Lucifer jene Nacht; und weil von Olympus zu weichen
Nicht er vermocht', umzog er mit finsteren Wolken das Antlitz.
olus' Tochter indes, noch ganz unkundig des Jammers,
Zhlt die Nchte fr sich und fleiiger schon die Gewande,
Die der Gemahl anleg', und die, wann jener gekommen,
Selber sie trag', und freut sich voraus der eitelen Heimkehr.
Alle die Oberen zwar verehrte sie immer mit Weihrauch;
Dennoch pflegte sie mehr der Juno Tempel zu feiern.
Fr den Gemahl, ach! naht sie, der nicht mehr war, den Altren:
Da er gesund ihr bleib', und darf heimkehre der Gatte,
Fleht sie, und da er keine der Frau vorziehe. Doch jener
Wurde von so viel Wnschen allein nur dieser gewhret.
Nicht mehr duldet die Gttin das Flehn fr einen Gestorbnen;
Und um trauernde Hnde von ihrem Altar zu entfernen;
Iris, sagt sie, du treuste Verknderin meines Befehles,
Eil' und besuche den Hof des schlummerbringenden Schlafes,
Da er Trum' in Gestalt des abgeschiedenen Cyx
Zur Halcyone sende, das wahre Geschick zu erzhlen.
Juno sprach's; in Gewande von tausend Farben verhllt sich
Iris, und zeichnend am Himmel den weitgewlbeten Bogen,
Eilet sie, nach dem Gebot, zu des Kniges Felsenbehausung.
Nchst den Cimmeriern ist die lang eingehende Steinkluft
Tief in dem Berg, wo hauset der unbetriebsame Schlafgott.
Nimmer erreicht, aufgehend, am Mittag, oder sich senkend,
Phbus mit Strahlen den Ort. Ein matt umdsternder Nebel
Haucht vom Boden empor und Dmmerung zweifelnden Lichtes.
Kein wachhaltender Vogel mit purpurkammigem Antlitz
Krht die Aurora herauf; auch strt durch Laute die Stille
Kein sorgfltiger Hund, noch die aufmerksamere Hofgans.
Weder Gewild, noch Vieh, noch von Luft geregete Zweige,
Geben Gerusch, noch Rede, von menschlichen Zungen gewechselt.
Stumm dort wohnet die Ruh'. Doch hervor am Fue des Felsens
Rinnt ein lethischer Bach, durch den mit leisem Gemurmel
ber die Kieselchen rauscht die sanft einschlfernde Welle.
Rings um die Pforte der Kluft sind wuchernde Blumen des Mohnes,
Und unzhlbare Kruter, woraus sich Milch zur Betubung
Sammelt die Nacht und tauig die dumpfigen Lande besprenget.
Keine knarrende Tr' auf umgedreheter Angel
Ist in dem ganzen Haus, und keine Hut an der Schwelle.
Tief im Gemach ist ein Lager, erhht auf des Ebenus Schwrze,
Dunsend von brunlichem Flaum, und mit brunlicher Hlle bedecket,
Wo sich der Gott ausdehnet, gelst von Ermattung die Glieder.
Rings um jenen zerstreut in vielfach gaukelnder Bildung,
Liegen die luftigen Trume, so viel, als hren das Kornfeld,
Als Laub trget der Wald und gespleten Sand das Gestade.
Wie sie die Grotte betrat und die sperrenden Trume die Jungfrau
Weg mit den Hnden gedrngt, da erhellte der Glanz des Gewandes
Schnell das heilige Haus; und der Gott, der in lastender Trgheit
Kaum die Augen erhob, und zurck und von neuem zurcksank,
Und mit nickendem Kinn die obere Brust sich berhrte,
Schttelt sich nun aus sich selber hervor und auf sttzendem Arme
Fraget er, die er erkannt, warum sie komme. Doch Iris:
Schlaf, du Ruhe der Wesen, o Schlaf, huldreichster der Gtter,
Friede dem Geist, der du Sorgen verbannst und ermdete Herzen
Nach des Tages Geschft einwiegst und erneuest zur Arbeit.
La doch Trume, die wahrer Gestalt Nachahmungen gaukeln,
Nach der herkulischen Trachin, gehllt in des Kniges Bildung,
Zur Halcyone gehn, und genau darstellen den Schiffbruch.
Das ist der Juno Gebot. - Da den Auftrag Iris vollendet,
Eilt sie hinweg; denn sie konnte nicht mehr ausdulden des Qualmes
Taumelkraft; und sobald sie den Schlaf auf die Fe geglitten
Schauete, geht sie zurck auf dem jngst bewanderten Bogen.
Aber der Vater, im Schwarme von Tausenden, die er gezeuget,
Rufet hervor den Knstler und hnlicher aller Gestaltung,
Morpheus. Nicht ist einer gewitzigter, nach dem Gebote
Auszudrcken den Gang, die Gebrd' und die Weise des Redens;
Kleidungen fgt er hinzu und die blichsten Worte von jedem.
Nur in Gestalt der Menschen erscheint er. Aber der andre
Wird zu Gewild, wird Vogel und wird langrollende Schlange.
Ikelos nennen ihn Gtter, die Sterblichen alle Phobetor.
Noch ist dort ein Dritter von ganz verschiedenen Gaben,
Phantasos, welcher in Land, in Gestein, in Wasser, in Balken
Und was der Seel' entbehrt, mit glcklicher Leichtigkeit eingeht.
Diese zeigen ihr Antlitz den Knigen und den Gebietern
Hufig bei Nacht, weil andre das Volk und die Brger umschwrmen.
Doch sie geht der Alte vorbei, und aus allen Gebrdern
Morpheus allein, zu vollenden das Wort der thaumantischen Iris,
Whlt er, der Schlaf. Dann wieder gelst von sanfter Ermattung,
Legt er nieder das Haupt und birgt es im schwellenden Polster,
Jener entfliegt im Wehn der geruschlos gleitenden Flgel
Durch die Nacht; und sogleich in miger Weile gelangt er
Zur hmonischen Stadt; mit abgelegeten Schwingen
Nimmt er des Cyx Gestalt, und unter gehnlichter Bildung,
Totenbla, dem Entseeleten gleich, ohn' alle Gewande,
Steht er am Bette der armen Halcyone. Na von der Welle
Scheinet der Bart und triefend das Haar des Gemahles zu rieseln.
ber das Lager geneigt und in Wehmut badend das Antlitz
Saget er: Kennst du den Cyx annoch, elendeste Gattin?
Oder verwandelte Tod die Gestalt mir? Schaue; du kennst mich!
Wenigstens findest du doch fr den Mann den Schatten des Mannes!
Nichts, ach! fruchteten mir, Halcyone, deine Gelbde!
Tot bin ich! Nicht schmeichle dir falsch mit meiner Erhaltung!
Auf dem gischen Meer ergriff ein wolkiger Sdwind
Unsere Bark' und warf sie in heftigem Sturm und zerbrach sie.
Meinen Mund, der umsonst den Namen Halcyone ausrief,
Fllte die salzige Flut. Nicht meldet dir das ein Verknder
Wankenden Scheins, nicht hrst du die unstet flatternde Sage.
Ich Schiffbrchiger selbst erzhle dir hier mein Verhngnis.
Auf denn, weihe mir Trnen und lege dir Trauergewand an;
La nicht unbeweint in des Tartarus de mich wandern!
Morpheus fgt zu den Worten den Laut, den fr des Gemahles
Eigenen jene vernimmt; auch wirkliche Trnen zu weinen
Scheint er und gibt der Hnde Bewegungen vllig wie Cyx.
Trnend schluchzt Halcyone auf und strecket die Arme
Zitternd im Schlaf; und suchend den Mann, umschlinget sie Lfte:
Bleib! wo eilest du hin? so rufet sie: la uns zugleich gehn!
Aufgestrt durch eigene Stimm' und des Mannes Erscheinung
Fhrt sie empor und schauet zuerst ringsum, ob er da sei,
Welchen sie eben gesehn. Denn herbeigerufene Diener
Hatten ein Licht ihr gebracht. Nachdem sie nirgend ihn auffand,
Schlgt sie das Haupt mit der Hand und zerreit an der Brust die Gewande,
Wtet auch gegen die Brust; und das Haar, nicht achtend zu lsen,
Rauft sie; der Pflegerin dann, die des Grams Ursache sie fraget:
Hin ist Halcyone, hin! antwortet sie: nieder mit ihrem
Cyx sank sie zugleich! O hinweg mit der eitelen Trstung!
Nein, er versank mit dem Schiff! Ich sah und erkannte sein Antlitz,
Und zu dem Scheidenden streckt' ich, ihn aufzuhalten, die Hnd' aus!
Schatten war's; doch deutlich war selbst der Schatten und wahrhaft
Meines Gemahls! Zwar hatte, wofern du fragst, die Erscheinung
Nicht die gewhnliche Mien' und das vormals glnzende Antlitz.
Abgebleicht und entblt und noch mit triefendem Haupthaar
Sah ich Verlorne den Mann! Hier stand er in klglichem Ansehn,
Hier auf der Stell'! - Und sie forschet, ob einige Spuren geblieben.
Dies, dies war's, was ich frchtet' im ahnenden Geist und warum ich,
Da er doch nicht, mich fliehend, dem Sturm nachfolget', ihm anlag!
Wenigstens wnscht' ich nunmehr, da du doch zum Sterben hinweggingst,
Da du mich selber gefhrt! Vereint dir, Trauter, vereint dir,
Ging ich beglckt! Dann wre doch nichts von den Tagen des Lebens
Ohne dich mehr verlebt, noch gesondert der Tod uns erschienen!
Fern jetzt leid' ich den Tod, fern treib' ich umher im Gewoge;
Denn du flutest, mein Ich, du mein edleres! Grausamer wr' ich
Selbst wie die Woge gesinnt, wenn hinfort ich das Leben zu fristen
Strebte, wenn nachzubleiben so groem Jammer ich rnge!
Aber ich will nicht ringen, noch dich, du Armer, verlassen!
Nein, dir sei ich doch jetzo Begleiterin! und in dem Grabmal
Soll, wenn nicht die Urne, gewi uns vereinen der Buchstab;
Wenn nicht unser Gebein, soll Nam' und Name sich rhren!
Mehreres hemmet der Schmerz; zu jeglichem Worte gesellt sich
Schlag auf Schlag, und aus starrender Brust aufhebendes Seufzen.
Morgen war's; sie geht aus dem Haus an des Meeres Gestade
Traurig den Ort zu besuchen, woher sie dem Fahrenden nachsah.
Whrend sie dort verweilt' und: Ach! hier lst' er die Seile!
Hier am Gestad' empfing ich den Ku des Scheidenden! sagte;
Whrend sie, was auch geschehn, mit dem Blick auffrischt', und ins Meer hin
Schaute, sieh, in der Ferne der flssigen Wellen erscheint ihr
Etwas wie menschlicher Leib von Gestalt. Erst blieb, was es wre,
Zweifelhaft ein wenig. Sobald es die Woge herantrug,
Und, obgleich noch entfernt, doch ein Leib zu sein es erhellte;
Wurde sie, ohn' ihn zu kennen, bewegt von dem Bilde des Schiffbruchs;
Und, als ob sie den Fremden beweinete: Wehe dir, rief sie,
Wer du auch seist, und daheim der Verwitweten! Nher geflutet
Kommt allmhlich der Leib; und je mehr ihn jene betrachtet,
Schwinden je mehr und mehr die Gedanken ihr. Schon ihn getrieben
Gegen das nhere Land, und schon erkennbar dem Anblick,
Schaut sie; es war der Gemahl. Er ist's! ruft jene, zerreiend
Antlitz und Haar' und Gewande zugleich; und gegen den Cyx
Zitternde Hnde gestreckt: So kehrest du, trautester Gatte,
So zu mir, o du Armer, zurck? - Hart zwngt die Gewsser,
Knstlich geordnet, ein Damm, der den Zorn des kommenden Meeres
Bricht im Empfang und die Strme zuvor abmattet den Wogen.
Hier sprang jene hinauf, und, o Kraft der Wunder! sie flog auf.
Schlagend die wehende Luft mit eben entsprossenen Flgeln,
Streifte sie ber die Flut, ein bejammernswrdiger Vogel;
Und in dem Fluge zugleich, wie wehmutsvoll und beklagend,
Girrt ihr Mund ein helles Getn, mit dem Schnbelchen klappernd.
Doch wie den Leib sie berhrte, der stumm aufwallet' und blutlos,
Jetzt um die teuersten Glieder geschmiegt mit junger Beflglung,
Gab sie umsonst, ach! kalt, mit hartem Schnabel, ihm Ksse.
Ob dies Cyx gefhlt, ob das Haupt in der Wellen Bewegung
Er zu heben geschienen, bezweifelten alle. Doch jener
Hatt' es gefhlt. Und zuletzt, durch Gnade des Himmlischen, nehmen
Beide der Vgel Gestalt. Beherrscht von demselbigen Schicksal
Dauerte jetzo die Lieb', und nimmer getrennt auch den Vgeln
Blieb der ehliche Bund. Die Vermhleten werden Erzeuger;
Und in der winternden Zeit durch sieben geruhige Tage
Brtet Halcyone still im schwebenden Nest auf den Wassern.
Dann ist sicher die Fahrt; dann hemmt die Winde vom Ausgang
olus, schtzend die Flut, und schafft Meerstille den Enkeln.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XI, Der Taucher





























Der Taucher
     
Einst am kiesigen Strande beschftiget, Fische zu fangen,
Sah ein bejahreter Greis wehklagende Halcyonen
ber die Flut hinschweben; und billigte sehr die zum Ende
Treu erhaltene Lieb' und Zrtlichkeit. Aber sein Nachbar,
Oder derselbe vielleicht: auch dieser da, sprach er, o Gastfreund,
Den du ins streifenden Fluge mit schmchtigen Beinen des Meer durch-
Flattern siehst (und er zeigte den langgehalseten Taucher),
Stammt aus Knigesblut; und begehrst du die Folge der Abkunft
Vom uralten Geschlecht, so zhlet er unter den Ahnherrn
Ilos, Assarakos auch und Jupiters Raub, Ganymedes,
Auch den grauen Beherrscher Laomedon und der mit Troja
Hinsank, Priamos auch. Von Hektor war er ein Bruder;
Und wenn nicht das Geschick ihn verwandelte frh in der Jugend,
O wer wei, ob minder genannt er wrde, denn Hektor,
Wenn gleich jenen gebar die erhabene Tochter des Dymas;
Und den sakos heimlich gebar am schattigen Ida
Alexirho, Tochter der zweigehrnten Granikos.
sakos hate die Stdt'; und entfernt vom Schimmer des Hofes
Liebt' er einsame Berg' und unehrschtige Felder;
Nie auch ging er zum Rate der Ilier, oder nur selten.
Doch nicht burisch und wild, noch unempfnglich der Liebe
War ihm das Herz. Einst jene, die oft er verfolgt in den Wldern,
Schaut' er (Hesperie hie sie) am heimischen Borde des Cebren,
Als die zerstreueten Haare sie trocknete gegen die Sonne.
Doch die gesehene Nymph' entflchtete, wie vor dem falben
Wolf die erschrockene Hindin, und weit vom verlassenen Teiche
Unter dem stoenden Habicht die Ent': ihr folgte der Troer
Ungestm, der die Schnelle vor Angst schnell drngte vor Sehnsucht.
Sieh, in dem Kraute versteckt, die krummgezhnete Natter
Ritzt der Entfliehenden Fu und hauchet ihr Gift in die Wunde.
Schnell ist gehemmt mit dem Leben die Flucht. Er umfat die Entseelte
Sinnlos: Ach! so ruft er, mich reut, mich reut die Verfolgung!
Doch nicht frchtet' ich das; nicht galt so teuer der Sieg mir!
Beid' ermordeten wir dich Elende: Wund' hat die Schlange,
Ich Ursache verliehn! Ich wr' unholder denn jene,
Wenn nicht gleich mein Tod dir Linderung bte des Todes!
Sprach's, und vom Fels, den unten die brausende Woge zernaget,
Sprang er hinab in die Flut. Da nahm die Erbarmerin Tethys
Sanft den Fallenden auf; und dem Schwimmenden hllte sie Federn
ber den Leib und entzog den Genu des ersehneten Todes.
Aber der Liebende zrnt, mit Gewalt zum Leben gentigt,
Da mignnt sei der Seele der Wunsch, aus der elenden Wohnung
Auszugehn: und empor mit neugeflgelten Schultern
Fliegt er und senkt von neuem den Leib auf die wallende Flche.
Fittiche leichten den Fall: doch der wtende sakos strzet
ber das Haupt in die Tief, und den Tod unablssig versucht er.
Magerkeit gab ihm die Lieb'; und langgeschenkelte Beine
Bleiben ihm, lang auch der Hals; lang raget das Haupt von dem Busen.
Meerflut liebt er, und heit, weil er oft abtauchet, ein Taucher.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XII, Fama





























Zwlftes Buch
Fama
     
Zwischen der Erd' und dem Meer und den himmlischen Hh'n in der Mitte
Lieget ein Ort, abgrenzend der Welt dreischichtige Kugel,
Wo man, was irgend erscheint, wie fern auch der Raum es gesondert,
Schaut, und jeglicher Schall die gehhleten Ohren durchdringet.
Fama erkor sich den Ort und bewohnt den erhabensten Gipfel.
Rings unzhlbare Gng' und der ffnungen Tausende ringsher
Gab sie dem Haus, und es sperrte nicht Tor noch Tre die Schwellen.
Tag und Nacht ist es offen; und ganz aus klingendem Erze,
Tnet es ganz und erwidert den Laut, das Gehrte verdoppelnd.
Nirgend ist Ruh' inwendig und nirgendwo schweigende Stille;
Doch auch nirgend Geschrei; nur flsternder Stimmen Gemurmel:
Wie von des Meers Aufbrandung, wenn fernher einer es hret,
Schallt das Gerusch; wie dumpf, wann Jupiter krachende Schlge
Sandt' aus schwarzem Gewlk, abziehende Donner verhallen.
Hf' und Sle durchwhlt's; leichtflatternde gehen und kommen;
Und mit wahren Gerchten ersonnene wild durcheinander
Ziehn bei Tausenden um und rollen verworrene Worte.
Einige fllen davon mit Geschwtz die migen Ohren;
Andere tragen Erzhltes umher; und das Ma der Erdichtung
Wchst; und es fgt zum Gehrten das Seinige jeder Verknder.
Dort ist glubiger Wahn und dort zutappender Irrtum,
Eitele Frhlichkeit dort, bei dumpf anstarrenden Schrecken,
Aufruhr, jhlich emprt, und unverbrgte Gezischel.
Aber sie selbst, wo im Himmel, ins Meer, in den Landen was Neues
Aufblickt, schaut es sogleich und durchspht den unendlichen Weltraum.













Metamorphosen / XII, Die Lapithen und Zentauren





























Die Lapithen und Zentauren
     
Nestor, der Pyliergreis, am Siegesfest des Achilles,
Welcher den Cyknus erlegt, verkndete, denkend der Vorzeit,
So der Lapithen Gefecht und der untiergleichen Zentauren:
Heim mit Hippodame zog der Sohn des verwegenen Ixion;
Und an gereiheten Tischen in baumumschatteter Grotte
Lud er zum gastlichen Lager die trotzigen Wolkenshne.
Edle Hmonier kamen zum Schmaus; auch kamen wir selber.
Festliche Lust durchhallte die Knigsburg mit Getmmel;
Hymen erscholl's, Hymenos! es dampften von Glut die Gemcher;
Und in der Frau'n und Mtter Umzingelung prangte die Jungfrau,
Wunderschn von Gestalt. Den Pirithous priesen wir selig,
Solch ein Weib zu gewinnen; doch fast ward vereitelt der Glckwunsch.
Denn dir, Ungestmster der ungestmen Zentauren,
Eurytus, brennt's wie vom Weine, so hei von dem Blicke der Jungfrau
Unter der Brust; und die Trunkenheit herrscht mit Begierde verdoppelt.
Schleunig verwirrt ein Gerassel zerrtteter Tische das Gastmahl;
Und mit Gewalt wird gerafft am ergriffenen Haar die Vermhlte.
Eurytus reit von dannen Hippodame; andre, die jeder
Auskor, oder ergriff. Der eroberten Stadt war das Bildnis.
Laut scholl Weibergeschrei durch die Wohnungen. Schnell von den Sitzen
Sprangen wir. Theseus zuerst rief: Welch ein rasender Wahnsinn,
Eurytus, spornet dich an, da du meinen Pirithous angreifst,
Weil ich leb', und zween, Unwissender, krnkest in einem?
Da nicht solches umsonst vom erhabenen Helden gesagt sei,
Drngt er die Strmer hinweg und befreit die geraubete Jungfrau.
Jener darauf kein Wort; denn nichts zur Verteidigung sagen
Kann er fr solcherlei Tat: doch frech in des Rettenden Antlitz
Hebt er die schndende Hand, und schlgt ihm den edelen Busen.
Neben ihm stand, umstarrt von erhobenen Zeichen, ein schwerer
Altertmlicher Krug; den mchtigen, mchtiger selber,
Schwang empor der gid', und schleudert' ihn jenem ins Antlitz.
Klumpen geronnenen Bluts und Gehirn und Most durcheinander,
Speiend aus Wund' und Rachen, gestreckt im gefeucheten Sande,
Zappelt er. Rasch entbrennen vom Mord die gemhneten Brder;
Mit einhelligem Ruf. Zu den Waffen! ertnt's: zu den Waffen!
Weine beseelen mit Mut; und geschleuderte Becher im Anfang
Fliegen und brechliche Humpen zum Kampf und gebogene Becken:
Dinge, dem Schmause vordem, nun Krieg' und Schlachten gewidmet.
Siehe, zuerst entblte der trotzige Sohn des Ophion,
Amykus, seiner Zier das Gemach, und zuerst von der Decke
Ri er die leuchtende Krone, von hufigen Kerzen umschimmert.
Hoch sie empor dann hebend, wie wenn dem schneeigen Farren
Einer mit opferndem Beile den Hals zu zerbrechen sich anstrengt,
Schmettert' er gegen die Stirne des Celadon; und dem Lapithen
Lie er verwirrt das Gebein in dem unerkennbaren Antlitz,
Vorwrts quollen die Augen; und tief durch zersplitterte Knochen
Sank die Nase zurck, bis hinab zum Gaume gequetschet.
Aber den Fu entrttelt dem Ahorntisch der Peller
Belates, streckt den Zentaur, sein Kinn auf den Busen zerschellend,
Und da mit dunkelem Blut er die Zhn' ausspeit, da verdoppelt
Jener den Schlag und entsendet den Geist des Tartarus Schatten.
Gryneus stand ihm zunchst, und schauend mit grlicher Miene
Auf den umdampften Altar: O warum nicht brauchen wir jenen?
Sprach er und hob mit den Gluten den ungeheuren Altar auf,
Schwang und warf ihn hinein in den dichtesten Schwarm der Lapithen.
Und er verschttete zween, den Broteas und den Oreios.
Aber ein Sohn war Oreios der Mykale, die mit Bezaubrung
Oft, wie man sagte, die Hrner des strubenden Mondes herabzog.
Nicht ungestraft bleibt dir's, nur sei ein Gewehr mir vergnnet!
Rief Exadius laut; und statt des Gewehres erlangt er
Hoch von der Fichte herab das Gehrn des geweiheten Hirsches.
Siehe, dem Gryneus bohrt es mit doppeltem Ast in die Augen,
Und entreit sie der Stirn'; es haftet ein Teil um die Zacken,
Anderes fliet in den Bart und hngt mit Blute gerinnend.
Pltzlich vom hellen Altar der Erstlinge raffet sich Rhtus
Einen lodernden Brand; und rechts an dem Haupt des Charaxus
Knirscht er die Schlfe hindurch, voll gelb umwallenden Haares.
Ungestm von der Glut, wie gedrrete Saaten, entzndet,
Flammten die Locken empor; und das Blut, in der Wunde gesenget,
Zischte mit schrecklichem Ton, und prasselte: so wie das Eisen,
Rot von der Esse durchglht, nachdem in gebogener Zang' es
Fate der Schmied und hinab in den Khltrog tauchte; doch jenes
Zischt in der Flut, und es siedet der zitternden Welle Gebrodel.
Er, die begierige Flamme den struppigen Haaren entschttelnd,
Whlt aus der Erd' und erhebt die mchtige Schwell' auf die Schultern,
Deren Gewicht Lastwagen verlangt; doch den Feind zu erreichen,
Hlt ihn die Schwere zurck; den Genossen sogar, den Kometes,
Welcher zunchst ihm weilte, zerdrckt der graue Granitblock.
Und nicht bndigte Rhtus die Lust: So, fleh' ich, begann er,
Mge der brige Tro der Deinigen Tapferkeit ben!
Dann mit dem glimmenden Scheite die Wund' auffrischend von neuen,
Schmettert' er drei-, viermal ihm die berstenden Nhte des Schdels,
Da in das flssige Hirn eindrang der gesplitterte Knochen.
Siegreich nun zu Euagros und Korythos geht er, und Dryas.
Als davon, um die Wangen mit Erstlingsflaume gebrunet,
Korythos sank in den Staub: Was schufst du dir, rief Euagros,
Durch den erschlagenen Knaben fr Ruhm? Nicht mehreres lie ihn
Sagen der wilde Zentaur; dem Redenden stie er den roten
Brand in den offenen Mund und hinab durch den Mund in die Gurgel.
Dir auch, tobender Dryas, das Haupt mit dem Feuer umwirbelnd,
Folget er nach; nicht aber bei dir auch fand er denselben
Ausgang. Ihm, da er stolz des bestndigen Mordes sich freuet,
Bohrst du am Hals' in die Schulter die vorgeglhete Stange.
Rhtus erseufzt, arbeitet die Stang' aus dem harten Gebeine
Mhsam hervor und entflieht, mit eigenem Blute gefeuchtet.
Lykabas auch und Orneos entzieht und der blutige Medon,
Rechts am Buge verletzt, und Thaumas zugleich mit Pisenor;
Auch, der jngst vor allen im Kampf der Schenkel gesieget,
Mermeros, ging langsamer nunmehr an empfangener Wunde;
Pholos und Melaneus auch, und der eberjagende Abas;
Und, der umsonst die Seinen vom Krieg abmahnte, der Seher
Astylos; er auch hemmte den wundenfrchtenden Nessus:
Fleuch nicht! sprach er, du wirst fr Herkules' Bogen gesparet.
Aber Eurynomos nicht, noch Lycidas, oder Areos
Flohn, noch Imbreus, den Tod: die alle der mordende Dryas
Grade von vorn hinstreckt'; auch du von vorne, wiewohl du
Kehrtest den Rcken zur Flucht, empfingst die Wunde, Krenos:
Zwischen die Augen hinein, da zurck du wandtest das Antlitz,
Strmte der schreckliche Stahl, wo die Nas' an die Stirne sich fget.
Also tobte der Lrm; noch lag, der ohn' Ende gebechert,
Dort vom Weine betubt und unerwecklich, Aphidas;
Und in ermatteter Hand die gehenkelte Lase voll Weines
Hielt er, gestreckt auf den zottigen Balg der ossischen Brin.
Diesen von fern anschauend, wie trg' er sumet' und wehrlos,
Wickelte Phorbas die Faust in des Speers Schwungriemen und: Zeche
Wein mit stygischer Flut! so redet' er; ohne Verzug dann
Schwang er mit Macht auf den Jngling den Speer; und mit spitzigem Eisen
Drang ihm die Esche sogleich, wie er rcklings lag, in die Kehle.
Fhllos nahte der Tod; und hervor aus der strotzenden Gurgel
Rieselte schwarz auf die Polster und schwarz in die Lase der Blutstrom.
Selber sah ich Petrus, der rang aus der Erde zu rtteln
Eine bemastete Eiche; doch weil der Umklammernde ringsum
Hin und her sie bewegt und die wankenden Knorren erschttert,
Fleucht des Pirithous Speer in Petrus' Rippen und heftet
Ihm die strebende Brust mit dem knorrigen Holze zusammen.
Lykos sank, wie man sagt, durch Pirithous' Kraft zu den Schatten;
Chromis sank durch Pirithous' Kraft: doch hheren Siegsruhm,
Als sie beide zugleich, gewhreten Diktys und Helops.
Helops strzte dem Spie, der, Bahn durch die Schlfen sich ffnend,
Rechts in das Ohr einbohret' und links mit der Schrfe hervordrang.
Diktys, dem spitzigen Hange des Felsgebirges entgleitend,
Da er in Angst ausweicht dem verfolgenden Sohn des Ixion,
Taumelt die Jhen hinab und zerbricht mit der Schwere des Leibes
Eine gewaltige Esch' und umhllet den Stumpf mit Gedrmen.
Aphareus naht ihm ein Rcher; den ausgertteten Bergfels
Trachtet er abzuschwingen; allein mit dem eigenen Schafte
Eilt der gid ihm zuvor und zerbricht des gewaltigen Armes
Knochen. Doch abzutun den Verkrppelten, fehlet die Zeit ihm,
Oder die Lust. Auf den Rcken des ungeheuren Bianor
Springt er empor, der keinen, als ihn zu tragen gelernet;
Und er stemmt in die Rippen das Knie; mit der Linken ergreifend,
Hlt er das wallende Haar, und Gesicht und drohende Lippen
Samt den gediegenen Schlfen zermalmt er mit knotigem Kernholz.
Auch Nedymus erlag und der Lanzenschneller Lykotas,
Seinem zermalmenden Schwung; und die Brust voll hngenden Bartes,
Hippasos; auch, der empor aus den Waldungen ragete, Ripheus;
Tereus auch, der in Forsten hmonischer Berge gehaschte
Bren, die lebenden oft und unmutbrummenden, heimtrug.
Aber die stets mit Erfolg' ausgehenden Kmpfe des Theseus
Trug Demoleon nicht; und emporzuwhlen im Dickicht
Strebt er die altende Fichte mit unermelicher Arbeit.
Da er nicht kann, entschwingt er die abgebrochne dem Feinde.
Weit von dem kommenden Wurfe zurck entfernte sich Theseus,
Auf der Minerva Gebot: so glaubte man seiner Beteurung.
Doch nicht sank unttig der Baum; denn dem stattlichen Krantor
Schnitt er hinweg an der Kehle die Brust und die linke der Schultern.
Waffengeno war jener bei deinem Vater, Achilles:
Welchen, besiegt in Schlachten, der Doloper Knig Amyntor
akus' Sohne verliehn zum sichernden Pfande des Friedens.
Peleus, als er ihn fern von grlicher Wunde zerrissen
Schauete: Shnungen doch, o der Jnglinge trautester, Krantor!
Rief er, empfah! und im Schwung auf Demoleon sandt' er mit starkem
Arme daher und mit Geistes Gewalt die eschene Lanze:
Welche der Seiten Verband durchkracht', und im Inneren haftend,
Zitterte. Jener entzieht die des Stahls entledigte Stange;
Doch kaum folget auch die; fest hnget die Spitz' in der Lunge.
Selber der Schmerz gab Krfte dem Mut: der Verwundete bumt sich
Gegen den Feind, und stampfet den Mann mit trampelndem Rohuf.
Jener mit Helm und mit Schild empfngt die erklingenden Ste,
Schirmt sich den Leib ringsher, und erhebt vorschtzende Waffen;
Und es durchbohrt durch den Bug ein Sto zwo Brste dem Halbtier.
Doch erst hatt' er dem Tode gestreckt Phlegros und Hyles,
Fernher; und in der Nhe Iphinous kmpfend, und Klanis.
Dorylas fgt' er hinzu, der die Schlfen bedeckt mit der Wolfshaut
Trug, und statt des Gewehrs zu wtenden Kmpfen ein seitwrts
Drohendes Rindergehrn, mit vielem Blute gertet.
Diesem, denn Kraft gewhret der Mut mir: Schaue doch, rief ich,
Schaue, wie weit dein Gehrn doch nachsieht unserem Eisen!
Rief's, und drehte den Speer. Da er den nicht konnte vermeiden,
Schtzt' er die Hand vor die Stirne, der kommenden Wunde zur Abwehr.
Fest ward gebohrt mit der Stirne die Hand; aufschreit er; doch jenen
Haut, wie verhaftet er war, und von bitterer Wunde gefesselt,
Peleus, nahe gestellt, grad unter dem Bauch mit dem Schwerte.
Hochauf springt er, und schleppt sein Eingeweid' auf dem Boden,
Und das geschleppte zerstampft, das zerstampfete reit er, und wirret
Selbst um die Beine herum, und strzt mit geleeretem Bauche.
Aber dich rettete nicht, Held Cyllarus, selber die Schnheit;
Wenn an jener Natur Schnheit zu gestehen erlaubt ist.
Jugendlich sprote der Bart, und schimmerte golden, und golden
Wallete nieder das Haar bis mitten zum Bug von den Schultern,
Reizende Kraft im Gesicht; der Hals und die Schulter, die Hnd' auch,
Sind, wie die Brust, der Knstler gelobtesten Bildungen hnlich,
So weit reichet der Mann: auch dem Roleib drunten ist fehllos,
Und unbeschmt vom Manne der Wuchs. Gib Nacken und Haupt ihm;
Kastors wert ist das Ro! So blht sich der Rcken, so ragt ihm
Prall vom Fleische die Brust. Ganz dunkelt ihn Schwrze des Peches;
Wei nur schimmert der Schweif, auch hell ist den Beinen die Farbe.
Viele Zentaurinnen zwar liebkoseten jenen; doch einzig
Rhrte sein Herz die schne Hylonome, welche mit Anmut
Weit der bewaldeten Hh'n Romnninnen alle besiegte.
Sie, die Schmeichlerin, hielt durch Lieb' und der Liebe Gestndnis
Einzig den Cyllarus fest. Soweit ihr Bau es verstattet,
Hat sie den Schmuck auch erhht: da glatt vom Kamme das Haar ist;
Da sie mit Rosmarin, mit Viol' und Rose das Haar sich
Oft durchflicht, und zuweilen in schimmernden Lilien pranget;
Da sie des Tags zweimal in des pagasischen Waldbergs
Sprudel das Antlitz sich wscht, und zweimal in den Fluten sich badet;
Da sie nur, was geziemt, von des auserlesenen Wildes
Zottigem Vlies um die Schulter, und links um die Seite sich hllet.
Gleich beseelt sie die Liebe; vereint durchirren sie Berghh'n,
Gehn dann gesellt in die Kluft. Auch nun ins lapithische Obdach
Trat miteinander das Paar, und focht miteinander den Blutkampf
Nicht ist der Tter bekannt: ein linksher fliegender Wurfspie
Kam, und tiefer hinab, als die Brust dem Halse sich anschliet,
Cyllarus, heftet' er dich; und das Herz, von der Wunde gestreifet,
Welkt', und gnzlich der Leib, nach entzogenem Eisen erkltend.
Aber Hylonome fat des Lieblings sterbende Glieder,
Drckt die pflegende Hand auf die Wund', und Lippen an Lippen
Fest ihm geschmiegt, versucht sie die fliehende Seele zu hemmen.
Als sie erloschen ihn sah, da sagte sie, was das Getse
Nicht zu den Ohren mir lie, und ergreifend die Wehr, die in jenem
Haftete, sank sie darauf, und umschlang noch sterbend den Gatten.
Hell auch steht der Zentaur Phokemes mir vor den Augen,
Der sechs mchtiger Lwen zusammengeknotete Felle
Wohl sich gefgt, um den Menschen zugleich und das Ro zu umhllen.
Dieser, den Block absendend, den kaum zwei Joche beweget,
Traf des Phonolenos Sohn, und zerschmetterte oben den Scheitel,
Weit war der Wirbel des Haupts umher geborsten; und pltzlich,
Mund und Ohren hindurch, aus Nas' und Augen, entflo ihm
Weiches Gehirn: so wie fliet aus der Form des eichenen Reisigs
Ksende Milch; wie der Most, im grberen Siebe gepresset,
Rinnt, und verdickt aus der Seig' einengenden ffnungen abluft.
Doch da den Liegenden jener der Rstungen strebt zu entblen,
Jetzt (dein Vater bezeugt's) in des Raubenden Weiche hinunter
Senk' ich das Schwert. Auch Chthonios nun und Teleboas strzen
Unserer Kling': es trug die gedoppelte Gaffel des Astes
Chthonios, dieser den Spie; mit dem Wurfspie schlug er mir Wunden
Schaue das Mal; hier zeiget sich noch die verwachsene Narbe!
Damals sollte man mich zur Eroberung Ilions senden!
Damals hatt' ich die Macht, wo nicht zu besiegen, zu hemmen
Hektors gewaltige Macht. Doch in jenen Tagen war Hektor
Gar nicht, oder ein Kind; nun lt mein Alter mich hilflos.
Preis' ich den Periphas dir, der die Zwittergestalt des Pyretus
Mordete? preis' ich den Ampyx, wie dort dem Traber Oklus
Grad ins Gesicht er gebohret die ungesthlte Kornelle?
Dumpf mit dem Hebel durchstie, Pelethronier, dir, Erigdupos,
Makareus mitten die Brust. Noch seh' ich den fliegenden Jagdspie,
Der, von Nessus geschnellt, in dem Schoe sich barg dem Cymelus.
Auch vermeine du nicht, nur Knftiges habe geweissagt
Mopsus, Ampykos' Sohn. Durch Mopsus' strmenden Wurfspie
Sank der Zentaur Odites, umsonst zu reden versuchend,
Weil an das Kinn ihm die Zung', und das Kinn an die Kehle gebohrt war.
Cneus, Weib von Geburt, die schnste thessalische Jungfrau,
Jetzt durch Huld des Neptunus ein Mann, unverwundbaren Leibes
Cneus mordete fnf, den Antimachus nieder, und Bromus,
Stiphelus, Helimos auch, und der Streitaxt Schwinger Pyrakmon:
Nicht mehr denk' ich der Wunden; die Zahl und die Namen bemerkt' ich.
Vorwrts fliegt in der Wehr des Emathiers, jenes Halesus,
Den er dem Tode gestreckt, der grogegliederte Halbmensch
Latreus. Zwischen dem Greis und dem Jnglinge schwebt' ihm das Alter;
Jugendlich blhte die Kraft, es sprenkelte Silber die Schlfen.
Dieser mit Schild, und mit Helm, und makedonischer Pike
Anschaunswert, das Gesicht zu beiderlei Heeren gewendet,
Schttelte Kriegsgert, und trabt' in gemessenem Umlauf,
Dann ergo er die Worte des bermuts in die Lfte:
Dir auch, Cnis, begegn' ich im Kampf! denn immer ein Weib mir
Bleibst du, und Cnis, wie sonst! Macht nicht die erste Geburt dir
Mrbe den Sinn? Denkt nimmer dein Herz, welch Tun dir Belohnung,
Welches Verdienst des Mannes geheuchelten Schein dir erworben?
Schau, was geboren du wardst, was du duldetest! Wocken und Spindel
Nimm mit dem Krbchen zur Hand, und drehe Gespinst mit dem Daumen!
Kmpfe gebhren dem Mann! - Dem Prahlenden sendete Cneus
Whlenden Stahl in die Seite, die lang im Laufe gedehnt war,
Grade wo Ro und Mann sich gesellt. Wild tobt er vor Schmerzen:
Und in das offene Gesicht dem Thessalier stt er die Pike.
Doch sie prallte zurck, wie vom Dach abprallender Hagel,
Und wie ein winziger Stein von gespanneter Trommel emporhpft.
Nahe beginnt er den Kampf, und ringt der gehrteten Seite
Einzudrngen das Schwert; nicht bahnt dem Schwerte sich Durchgang.
Nie doch sollst du entfliehn; mit der Schneid' entgurgelt das Schwert dich,
Sei auch die Spitze gestmpft! so rufet er; und in die Quere
Dreht er das Schwert, und umschlingt ihm mit langer Rechte die Weichen.
Hell klirrt's unter dem Streich, wie Geklirr des gehauenen Marmors;
Und es zerknackt anschlagend die Kling' an dem Halse gesplittert.
Als er genug dem Erstaunten gereicht unverletzbare Glieder:
Nun, sprach Cneus, wohlan! dein Leib sei von unserem Eisen
Wieder versucht! und er senkte zum Hefte hinab in den Bug ihm
Sein todbringendes Schwert, und blind in dem Inneren regt' er's
Mit umwendender Hand, und bohrete Wund' in die Wunde.
Siehe, mit grassem Geschrei strzt rasend der Schwarm der Zentauren,
Alle zugleich auf den Einen Geschoss' absendend und tragend.
Rckwrts prallt und fllt das Gescho; und stets undurchbohret
Bleibt er, und stets unblutig, der Elateer Cneus.
Tief erstaunt ob dem Wunder die Meng': Ha, Schand' und Beschimpfung!
Ruft jetzt Monychos aus: uns Schwarm soll besiegen der Eine?
Kaum er ein Mann? Ja wahrlich ein Mann! Wir zaudernden Trumer
Sind, was er war! Was frommen die unermelichen Glieder?
Was die gedoppelte Kraft? und da zwiefache Natur uns
Strkt, aus dem tapfersten Wuchs lebendiger Wesen gepaaret?
Nicht hat uns Ixion, und nicht mit der gttlichen Mutter,
Acht' ich, gezeugt! der so gro sich erhub, da der Knigin Juno
Gunst er gehofft! Uns wird ja ein Halbmann Sieger im Kampfe!
Felsen und Blck' auf den Leib, und ganze Gebirg' ihm gewlzet!
Zh, wie das Leben ihm ist, aus knirscht's mit gesendeten Wldern!
Waldung zerdrcke die Kehl'; und statt der Wunde sei Last ihm!
Sprach's und ergriff ein langes, mit Macht vom rasenden Auster
Niedergeschlagnes Geblk, und warfs dem gewaltigen Feind hin.
Beispiel war er dem Schwarm; und in weniger Frist war der Othrys
Weit von Bumen entblt, und der Pelion leer der Beschattung.
Dicht umdrngt von des Walds Aufhgelung, schmachtete Cneus
Unter der wipflichten Last, und trug auf gehrteten Schultern
Hochgestapeltes Holz. Nachdem nun ber sein Antlitz
Wuchs das Gewicht, und nirgend ein Weg zum Atmen ihm nachbleibt,
Lieget er bald ohnmchtig, und bald zu den Lften vergebens
Ringt er empor sich zu richten, und abzuwlzen die Forste;
Oft auch regt er sie auf: wie jener da, welchen wir schauen,
Wenn er von Erderschtterung bebt, der erhabene Ida.
Zweifel umhllt den Erfolg. Es behaupteten andre, der Leib sei
Durch den belastenden Wald in des Tartarus de gedrnget.
Nein, sagt Ampykos' Sohn; denn hervor aus dem Schutte, mit gelben
Fittichen sah er den Vogel zur Heitere schweben des thers,
Welcher zuerst damals, und zuletzt damals mir erschienen.
Als ihn, der um das Lager der Seinigen sanft sich umherschwang,
Und mit gewaltigem Klang' in dem Umschwung tnete, Mopsus
Angeschaut, und mit Augen zugleich und Geiste gefolgt war:
Heil dir! rief er empor, o du Ruhm des lapithischen Volkes,
Grester Mann vormals, nur einziger Vogel, o Cneus!
Glauben schuf der Verknder dem Wort. Schmerz mehrte den Zorn uns,
Und es verdro, da einer von soviel Feinden erdrckt ward.
Auch nicht ruhten wir eher, mit Stahl zu whlen im Blute,
Ehe zum Teil sie gestrzt, teils Flucht sie gerettet und Dunkel.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XII, Ajax und Ulysses





























Ajax und Ulysses
     
Schon war Phrygias Graun, der Schmuck und das Heil der Pelasger,
akus' herrlicher Spro, das unbezwingbare Kriegshaupt,
Flammen ein Raub: und der Gott, der ihn waffnete, dieser verbrannt' ihn.
Schon ist er Asch'; und es bleibet vom einst so groen Achilles
Weniges, kaum genug, die winzige Urne zu fllen.
Aber es lebt sein Ruhm, ringsher zu erfllen den Erdkreis.
Solch ein Ma ist gem dem erhabenen Manne; nur so ist
Gleich sich selbst der Pelid', und fhlt nicht des Tartarus de.
Selber der Schild, da, wessen er war, nicht einer verkenne,
Weckt feindseligen Kampf, und um Rstungen trget man Rstung.
Nicht des Oleus Sohn, noch des Tydeus, wagt sie zu fordern,
Nicht der atridische Held Menelaus, noch Agamemnon,
Grer an Alter und Mut, nicht andere: nur des Laertes,
Nur des Telamon Sohn, sind des herrlichen Ruhmes Bewerber.
Aber des Tantalus Enkel entzog der gehssigen Last sich;
Und die argolischen Fhrer zum Sitz in der Mitte des Lagers
Rufend, befahl er allen, nach Recht zu entscheiden den Hader.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIII, Ajax und Ulysses





























Dreizehntes Buch
Ajax und Ulysses
     
Als sich die Frsten gesetzt, und der Kreis des Volkes umherstand,
Hebt sich Ajax, der Held des siebenfltigen Schildes.
Und wie den Zorn sein Herz nie bndigte, wendet er dster
Auf den sigeschen Strand, und die Flott' am Strande das Antlitz;
Dann ausstreckend die Hnd'; o Jupiter, ruft er, ich streite
Hier vor den Schiffen um Recht, und mir vergleicht sich Ulysses!
Doch nicht zweifelte jener vor Hektors Flamme zu weichen,
Die ich allein aushielt, die ich von der Flotte hinwegtrieb.
Sicherer ist es demnach, in gebildeten Worten zu hadern,
Als mit der Hand zu kmpfen. Doch mir ist weder die Rede
Leicht, noch jenem die Tat. Soviel ich schaffen im Kriegsraum
Kann, und in offener Schlacht, soviel kann jener im Sprechen.
Doch nicht brauch' ich mein Tun vor euch zu erzhlen, Pelasger,
Mein' ich; ihr sahet es ja: das seinige meld' uns Ulysses,
Was unbezeugt er verbt, was allein mitwissend die Nacht sieht.
Zwar ist gro, den ich fordre, der Preis; doch der neben mir fordert,
Nimmt ihm den Glanz. Nicht macht es den Ajax stolz, zu erlangen,
Sei es auch berschwenglich, was mitgehoffet Ulysses.
Jener erlangte den Preis schon jetzt in dieser Entscheidung,
Wo er, sogar auch besiegt, als mein Mitkmpfer genannt wird.
Ich indes, wenn die Tugend in mir zweideutig erschiene,
Ragete doch durch edle Geburt, von Telamon stammend,
Der die trojanische Stadt mit dem tapferen Herkules einnahm,
Und an der Kolcher Gestad' anlandete samt dem Jason.
Ihm ist akus Vater, der dort die schweigenden Schatten
Richtet, wo schweres Gestein den olischen Sisyphus lastet.
Aber als Sohn erkennet den akus selbst der erhabne
Jupiter an: so ist der Dritte von Jupiter Ajax.
Doch nicht sollen die Ahnen den Streit mir gewinnen, Achiver;
Hab' ich sie nicht mit Achilles, dem hochbeherzten, gemeinsam.
Bruder war mir der Held: mein brderlich Erbe verlang' ich.
Was will Sisyphus' Sohn, an Trug und Rnken ihm hnlich,
Durch fremdartige Namen den Stamm des akus flschen?
Weil ich zuerst zu den Waffen, und ohn' Anzeiger geeilt bin,
Werden mir Waffen versagt? und den Vorzug scheint zu verdienen,
Welcher zuletzt sie ergriff und lang ablehnte den Feldzug
Durch die erdichtete Wut, bis noch sinnreicher, denn jener,
Aber sich selbst unntzer, der Naupliade des Feiglings
Schlauen Betrug aufdeckt' und den Strubenden zog zu den Waffen?
Es soll nehmen die Besten, der auch nicht einige wollte?
Ungeehrt und beraubt der blutsverwandten Geschenke,
Soll ich sein, der zuerst den Kriegsgefahren sich darbot?
Mchte doch wahr entweder der Wahnsinn oder geglaubt sein!
Wr' er doch nie ein Geno zu der phrygischen Feste gekommen,
Er, der Frevel nur riet! Nie wrest du, Edler des Pas,
Ausgesetzt an Lemnos' Gestad', uns allen zum Vorwurf!
Wo du jetzt, wie sie sagen, versteckt in umwaldeten Hhlen
Felsen bewegst mit Geseufz und dem Sohn des Laertes erflehest,
Was er verdient, was (Gtter, o gebt's!) nicht umsonst du erflehest!
Jener nunmehr, der mit uns zu den selbigen Waffen geschworen,
Ach, der Frsten ein Teil, dem selbst die Geschosse zum Erbe
Herkules gab: dort liegt er, geschwcht von Hunger und Krankheit,
Und umhllt sich und nhrt sich mit Luftgefieder; und Pfeile,
Troischen Herzen bestimmt, mibrauchet er, Vgel zu fangen.
Gleichwohl lebt er annoch, weil nicht mit Ulysses er abfuhr.
Gern wr' auch Palamedes zurckgeblieben, der Arme!
Lebend wr' er; wo nicht, doch frei von Verleumdung gestorben.
Jener, zu eingedenk des bel enthlleten Wahnsinns,
Gab ihm Schuld der Acher Verrat; und der falschen Beschuldung
Fand er Beweis, und zeigte zuvor vergrabenes Gold uns.
Teils demnach durch Verbannung entzog er Kraft den Achern,
Teils durch Mord. So kmpft er und so ist furchtbar Ulysses!
Htt' er an Rede sogar vor dem biederen Nestor den Vorzug,
Dennoch beredet' er nie, da mir der verlassene Nestor
Nicht ein Verbrecher erscheine. Da laut den Ulysses er anrief,
Durch das verwundete Ro und ermdendes Alter gehemmet,
Ward ihm Verrter der Freund. Da nicht die Beschuldigung falsch sei,
Wei gar wohl der Tydide, der oft ihn namentlich rufend
Tadelte, der vorrckte die ngstliche Flucht dem Genossen.
Ja, mit Gerechtigkeit schaun auf menschliche Dinge die Gtter.
Siehe, es bedarf Beistand, der ihn weigerte; und ein Verlaner
Sollt' er sein, der verlie; dies Urteil sprach er sich selber.
Aber er ruft den Freunden; ich komm', und den Bebenden seh' ich,
Bla vor Angst im Gesicht und erschreckt vom nahenden Tode.
Vor ihn setzt' ich des Schilds Bollwerk, und den Liegenden deckt' ich,
Und erhielt ihm die Seel' (o klein ist der Ruhm!) dem Verzagten.
Wenn du bestehst auf den Streit, so la dorthin uns zurckgehn.
Stelle den Feind und dich selber mit Wund' und gewhnlicher Zagheit;
Schmiege dich unter den Schild: dort eifre mit mir um den Vorrang!
Als ich ihn jetzo entrafft; o schau, dem die Wunde zum Stehen
Kraft nicht lie, wie gehemmt von keiner Wunde, so floh er.
Hektor erscheint und fhrt in den Kampf mitfolgende Gtter;
Und wo er strzt, da entbebst nicht du allein ihm, Ulysses,
Sondern die Tapferen auch: so viel trgt jener des Schreckens!
Den hab' ich, wie er stolz des blutigen Mordes einherschritt,
Fern auf den Rcken gestreckt mit der Last des gewaltigen Felsens.
Dem hab' ich, da er einen zum Kampf ausfordert', allein mich
Dargestellt: ihr weihtet mein Los mit Flehen, Achiver;
Und nicht umsonst war euer Gebet. Wenn ihr etwa das Schicksal
Dieses Kampfes erforscht: nicht ward ich besieget von jenem!
Siehe, mit Eisen, mit Glut, mit Jupiter strmen die Troer
Gegen der Danaer Flotte! Wo nun der Redner Ulysses?
Ich mit der Brust bedeckte die tausend Schiffe, die Hoffnung
Euerer Wiederkehr! Fr die Tausende gebt mir die Waffen.
Wenn mir Wahres zu reden vergnnt wird, grere Ehr' ist
Jenen beschieden, denn mir; und beider Ruhm ist vereinigt.
Ajax wird fr die Wehr, nicht Wehr gesuchet fr Ajax.
Stell' uns den Rhesus dagegen der Ithaker, und den entnervten
Dolon und Helenus auf, den er fing mit der heiligen Pallas!
Nichts ward bei Tage vollbracht, nichts ohne den Held Diomedes.
Wollt ihr einmal die Waffen verleihn so geringem Verdienste:
Teilet sie! und es empfahe den greren Teil Diomedes!
Doch wie dem Ithaker sie? der heimlich immer und wehrlos
Kriegt und mit schleichendem Trug' unachtsame Feinde belistet!
Selbst der Schimmer des Helmes, der goldene Strahlen umherwirft,
Klrt Nachstellungen auf und verrt den duckenden Laurer.
Doch das dulichische Haupt wird unter dem Helm des Achilles
Solch ein Gewicht nie tragen; und nie unbelastend und unschwer
Kann die pelische Lanz' unkriegrischen Armen erscheinen;
Auch nie mchte der Schild, wie ein wlbender Himmel gemeielt,
Fugsam sein der scheuen und Heimlichkeit benden Linken.
Was doch begehrst du, Kecker, ein dich nur schwchendes Kleinod?
Wenn es dir miurteilend das Volk der Achiver verleihn wird,
Trgst du zum Raub es hinfort und nicht zum Schrecken dem Feinde;
Und, wodurch du allein, Freiherziger alle besiegest,
Langsam wird dir die Flucht, wo die mchtige Tracht du umherschleppst.
Fge dazu, da der Schild, der dem Kriegssturm selten sich ausstellt,
Dir unverletzt noch ist; und dem meinigen, den die Geschosse
Rings durchbohrt und gekerbt, ein jngerer Folger gebhret.
Endlich wozu der Worte noch viel? Man zeige sich handelnd!
Unter die Feind' entsendet die Wehr des tapferen Mannes,
Da wir sie dort abholen; und schmckt mit Gebrachtem den Bringer!
Also beschlo der Erzeugte des Telamon; und dem Beschlusse
Folgt' ein Gemurmel des Volks: bis der edele Sohn des Laertes
Jetzt aufstand und die Augen, die kurz am Boden verweilet,
Gegen die Frsten erhob und den Mund mit erwarteten Tnen
ffnete. Nicht war entfernt der geordneten Rede die Anmut.
Wenn mein Wunsch mit dem euren geglckt uns wre, Pelasger,
Oh, nicht schwankte die Wahl im erhabenen Streit um den Erben:
Du wrst eigener Waffen, wir selbst dein mchtig, Achilles!
Jetzo da mir und euch ein, ach! zu hartes Geschick ihn
Weigerte (und mit der Hand enttrocknet' er gleichsam dem Auge
Trnen); o wer wohl folgte mit Fug dem groen Achilles,
Als durch den Achilles dem Danaerheere gefolgt ist?
Fromme nur diesem es nicht, da er stumpf, wie er ist, sich bekennet.
Und nicht schad' es mir selbst, da euch bestndig, Acher,
Ntze des Geistes Betrieb; und wenn mir Fhigkeit beiwohnt,
Die fr den Eigener jetzt, fr euch so hufig geredet,
Sei sie vom Neide verschont; und niemand leugne sein Gutes.
Denn das Geschlecht und die Ahnen und was nicht selber wir schufen,
Nenn' ich das Unsrige kaum. Doch weil sich Ajax gerhmet,
Jupiters Enkel zu sein; auch unserem Blut ist der Ursprung
Jupiter; uns auch trennen nur drei der Stufen von jenem.
Denn mich hat Laertes erzeugt, Arcesius diesen,
Jupiter den; und keiner entfloh aus dem Lande verurteilt.
Auch der cyllenische Gott ward uns als anderer Adel
Zugesellt von der Mutter: ein Gott ist in beiden Erzeugern.
Doch nicht, weil mein Muttergeschlecht preiswrdiger anhub,
Noch weil rein sich erhielt von Bruderblute der Vater,
Sei'n mir die Waffen verliehn; nach Verdienst urteilet die Sache!
Wenn nur nicht, da Bruder dem Telamon Peleus gewesen,
Dies zum Verdienst dem Ajax gereicht; nicht Folge der Sippschaft,
Nein, der Tugenden Glanz, bei dem Kriegsgeschmeide gesucht wird!
Oder so engeres Band hier gilt und der nhere Erbe:
Peleus ist ihm Erzeuger; ihm ist der Erzeugete Pyrrhus.
Ajax, wo der? Gen Phthia versendet es, oder gen Scyros,
Auch nicht weniger nah ist Teucer verwandt dem Achilles.
Fordert sie jener indes? und fordert' er, nhm' er die Waffen?
Also, dieweil um Taten allein stattfindet der Wettstreit,
Mehr zwar hab' ich geschafft, als was in Worten zu fassen
Mir so leicht sich ergibt: doch soll Zeitfolge mich leiten.
Ahnend den knftigen Tod verbarg die neresche Mutter
Unter Verkleidung den Sohn; und es tuschte die Suchenden alle,
Auch den Ajax zugleich, der Betrug des genommenen Anzugs.
Rstungen mischt' ich nunmehr, das mnnliche Herz zu erregen,
Unter die weibliche War'; und noch entri sich der Held nicht
Sein jungfrulich Gewand, als Schild und Lanz' er umfate:
Sohn der Gttin, begann ich, von dir erwartet sein Schicksal
Pergamus! was denn weilst du den Fall der erhabenen Troja?
Und ich ergriff und sandte zu tapferen Taten den Tapfern.
Drum, was jener getan, ist mein. Ich zwang mit der Lanze
Telephus, der uns bekmpft: den Besiegten und Flehenden heilt' ich.
Auch da Thebe gesunken, ist mein; mir ffnete Lesbos,
Mir Apollos Stdte, mit Tenedos, Chryse und Cylla,
Mir auch Scyros das Tor; mein war die erschtternde Rechte,
Die in Trmmer und Schutt hinwarf die lyrnesischen Mauern.
Und da ich andere schweig'; ich gab ihn, welcher den grausen
Hektor schlug; es erlag durch mich der gefeierte Hektor.
Fr die Wehr, die entdeckt den Achilles, fordr' ich die Wehr nun;
Was ich dem Lebenden gab, verlang' ich wieder vom Toten.
Als des einzelnen Schmerz die Danaer alle durchdrungen,
Und die eubische Aulis von tausend Schiffen erfllt war,
Blieb, wie lang auch erwartet, der Wind still, oder entgegen
Unserer Flott'; und es hieen die schrecklichen Los' Agamemnon
Schlachten der grausen Diana die ganz unschuldige Tochter.
Vterlich weigert er das, und zrnt den Unsterblichen selber;
Denn noch war der Vater im Knige: aber dem Vater
Wandt' ich durch Worte das Herz zum gemeinsamen Heile des Volkes.
Dort (ich will es gestehn, und Verzeihung gewhr' Agamemnon)
Trug ich die schwierigste Sache vor einem unbefangenen Richter.
Dennoch bewegt' auch diesen das Beste des Volks, und der Bruder,
Und der verliehene Zepter, sich Lob zu erkaufen mit Blute.
Jetzo ging ich zur Mutter gesandt, wo nicht die Ermahnung,
Sondern die Tuschung nur half. Gebt Telamons Sohne den Auftrag,
Und euch harren noch jetzt auf gnstige Winde die Segel.
Auch die ilischen Hhen besucht' ich khner Gesandter;
Und ich sah und betrat den Kreis totschlagender Troer.
Voll noch war er von Helden gedrngt. Unerschrocken erklr' ich,
Was mir vertraut zu bestellen die Macht der gesamten Acher:
Paris zeih' ich der Schuld, und den Raub samt Helena fordr' ich.
Priamus hrt mich bewegt und Priamus' Freund Antenor.
Paris indes und die Brder und die mit jenem geraubet,
Hemmeten kaum die Arme (du weit, Menelaus!) vom Frevel.
Jener Tag war der erste Vereiniger unsrer Gefahren.
Sumnis wr's, zu erzhlen, was ich zur gemeinsamen Wohlfahrt
Schaffte mit Rat und mit Hand, in der Zeit des dauernden Krieges.
Nach den ersten Gefechten verschlossen sich lange die Feinde
Inner den Mauern der Stadt, und offenen Kampfes Entscheidung
Bot sich nie; in dem zehnten der Jahr' erst schlugen wir Feldschlacht.
Was begannst du indes, der du nichts als Treffen verstehest?
Was kam Gutes von dir? Denn wofern mein Tun du erforschest:
Listen bereit' ich dem Feind, mit Verschanzungen grt' ich die Graben;
Trost und Ermunterung red' ich den Unsrigen, da sie geduldig
Tragen den lstigen Krieg; ich lehre sie, wie zu ernhren,
Wie zu bewaffnen wir sein; wo es Not ist, geh' ich gesendet.
Sieh, nach Jupiters Rate getuscht von dem Bilde des Traumes,
Heit der Atrid' abwerfen die Last des begonnenen Krieges.
Jener kann das Gehei verteidigen durch den Ermahner.
Dulde das Ajax doch nicht! die Zertrmmerung Ilions heisch' er!
Und was er kann, er kmpfe! Warum nicht hemmt er die Abfahrt?
Schleunig die Waffen gefat! Ein Beispiel gibt er dem Schwarme!
Nicht war's jenem zu viel, der stets nur Groes uns vorsagt!
Was? auch du selber entfliehst? Ich sah, und mir glhte das Antlitz,
Als du, den Rcken gewandt, unrhmliche Segel beschicktest!
Ohne Verzug: Was macht ihr? wie blendet euch, rief ich, der Wahnsinn,
Da ihr, Genossen, verlat die bereits hinfallende Troja?
Was nun bringt ihr zu Haus im zehnten Jahre, denn Schande?
So und mit hnlichen Worten, die selber der Schmerz mir in Flle
Eingab, zog ich den Schwarm von der Flotte zurck und dem Heimweh.
Jetzo beruft der Atride den Rat der erschrockenen Freunde.
Was nun Telamons Sohn? Nicht einmal die Lippe zu ffnen
Waget er. Aber es wagte der Knige Namen zu lstern,
Nicht unbelohnet von mir, der unehrbare Thersites.
Ich steh' auf und ermahne die zitternden Landesgenossen
Gegen den Feind und belebe die scheidende Tugend durch Aufruf
Seit dem Tage, wieviel er getan zu haben des Tapfern
Scheinen auch kann, ist mein: ich zwang zum Stehen den Flchtling.
Endlich im Danaervolk wer lobt dich, oder wer sucht dich?
Aber mit mir teilt gerne des Tydeus Sohn, was er vornimmt;
Mich fand jener bewhrt, und vertraut dem Genossen Ulysses.
Etwas ist es, zu sein von der Danaer Tausenden einer,
Den Diomedes erkor. Auch gebot kein Los mir, zu gehen.
Also nun, die Gefahren der Nacht und des Feindes verachtend,
Hab' ich ihn, der ein Gleiches gewagt, den Phrygier Dolon,
Niedergehaun; nicht eher indes, bis alles er angab,
Und ich vllig vernahm den Entwurf der tckischen Troja.
Ganz durchschaut' ich ihn jetzo; und nichts zu erkunden war brig;
Heimgehn konnt' ich bereits mit vorausgesendetem Ruhme.
Unvergngt mit solchem, besuch' ich die Zelte des Rhesus;
Selbst im eigenen Lager ermord' ich ihn, samt den Begleitern.
Siegreich dann und der Wnsche gewhrt, auf erobertem Wagen,
Halt' ich den Festeinzug, wie in frhlicher Pracht des Triumphes,
Dessen Gespann zum Lohne der Feind fr die Nacht sich gefordert,
Schlagt des Waffen mir ab; und es sei der Verdientere Ajax!
Was noch meld' ich die Scharen des Lycierfrsten Sarpedon,
Die mein Eisen zerschlug? da in strmendes Blut ich dahinwarf
Kranos, Iphitos' Sohn, und Chromios, samt dem Alastor,
Halios auch und Alkandros und Prytanis; auch den Nomon;
Da ich den dunkelen Tod dem Chersidamas bracht' und dem Thoon,
Euch Unglcklichen auch, dir, Ennomos, dir auch, o Charops;
Und wer minder genannt in den Staub vor Ilions Mauern
Unter der Hand mir sank. Auch rhmliche Wunden, o Brger,
Hab' ich an rhmlichem Ort; und glaubt nicht eitelen Worten;
Schauet sie selbst! - Und er zieht das Gewand herunter, und: Hier ist,
Ruft er, die Brust, die immer fr euer Wohl sich beschftigt!
Nichts von dem eigenen Blute, durch so viel Jahre, verwandte
Telamons Sohn fr die Freund'; er trgt unverwundete Glieder.
Aber was macht's, wenn er Waffen zum Schutz der pelasgischen Flotte
Gegen die Troer und Zeus gefhrt zu haben behauptet,
Und, ich bekenn' es, gefhrt? Denn nicht das Gute mit Scheelsucht
Abzuleugnen ist mein. Nur nehm' er gemeinsames Gut nicht
Ganz allein; auch gnn' er zum wenigsten Teil an der Ehre!
Aktors Enkel vertrieb, durch den Schein des Achilles gesichert,
Trojas Macht von den Schiffen, die samt dem Verteidiger brannten.
Auch da allein er gewagt, mit Hektors Kraft sich zu messen,
Whnt er und denkt des Kniges nicht, noch der Frsten und meiner;
Er selbneunt' im Erbot, nur mehr vom Lose begnstigt!
Aber indes der Erfolg, o Tapferster, eueres Kampfes,
Welcher war's? Weg ging er, der unbeschdigte Hektor.
O mein Herz! mit wie tiefer Bekmmernis mu ich gedenken
Jenes traurigen Tags, da der Danaer Mauer Achilles
Hinsank! Aber nicht Trnen, nicht Gram, nicht betubender Schrecken
Hinderten, da ich den Leib von der Erd' aufhebend hinwegtrug!
Seht die Schultern, o seht! sie trugen den Leib des Achilles,
Trugen die Waffen zugleich, die ich nun zu tragen mich sehne!
Ja, mir sind hinreichend fr solcherlei Lasten die Krfte;
Ja, mir schlget ein Herz, nicht fhllos euerer Ehren!
Darum htte frwahr um den Sohn die bluliche Mutter
Gang und Bitte verwandt, da die himmlischen Gaben, das edle
Kunstgebild, ein roher und unempfindlicher Krieger
Fhrete! Denn nicht einmal des Schilds Abbildungen kennt er:
Land' und Ozeanus rings, und hochgestirneten Himmel,
Dort Plejad' und Hyad', und niemals badende Brin,
Vielfach laufende Kreis', und das blinkende Schwert des Orion,
Hinzunehmen verlangt er ihm selbst unerklrbare Rstung!
Was nun? er schuldiget mich, da, greuliche Kriegsgeschfte
Meidend, zu spt ich gekommen zur angefangenen Arbeit?
Fhlet er nicht, wie er schmhe den hochgesinnten Achilles?
Wenn Verstellung ein Frevel ihm heit; wie verstellten uns beide.
Wenn er Verzug Schuld nennet; ich kam noch frher denn jener.
Mich versptete Liebe des Weibs, ihn Liebe der Mutter.
Jenen war der Beginn nur geheiliget, alle die Folg' euch!
Furchtlos bleib' ich, und kann ich auch nicht abwlzen den Vorwurf,
Der mit solchem Manne mich trifft. Doch entdeckt von Ulysses'
Sinnendem Geist ward jener; und nicht von des Ajax Ulysses.
Da er mich mit Geschwtz der trichten Zunge besudelt,
Keinen verwundere das: da er euch schamwrdige Handlung
Vorwirft. War denn vielleicht, Palamedes falsch zu verklagen,
Schndlich an mir, und an euch, ihn falsch zu verdammen, so rhmlich?
Doch nicht Nauplius' Sohn rechtfertigte glcklich sein groes,
Und so klares Vergehn; noch, wes er beschuldiget auftrat,
Hrtet ihr, sondern ihr saht: die Belohnungen zeigten den Vorwurf
Nicht, da den Pantiden verweilt die vulkanische Lemnos,
Brauch' ich Rede zu stehn; rechtfertiget eure Verfgung,
Denn ihr beschlot einmtig. Den Rat zwar leugn' ich mitnichten,
Da sich jener entzge des Kriegs und des Weges Beschwerden,
Und dem zerreienden Schmerze durch Ausruhn Linderung suchte.
Mir gehorcht' er, und lebt. Es erschien nicht allein in dem Vorschlag
Freundschaft, sondern auch Glck; da genug war redliche Freundschaft.
Weil ihn anjetzt Wahrsager zu Trojas Eroberung fordern;
Spart mir lieber den Gang; gebt Telamons Sohne den Auftrag,
Da er mit Worten den Mann, den Zorn erbittert und Krankheit,
Snftige, oder mit Kunst ihn daherzulocken ersinne.
Eher wird rckwrts fluten der Simois, eher der Ida
Laublos stehn, und Hilfe der Danaer leisten dem Troer;
Ehe, sobald ich raste fr euch zu denken auf Wohlfahrt,
Je des trichten Ajax Betriebsamkeit fromme den Grajern!
Sei, wie du willst, den Genossen, dem Knige feind, und mir selber,
Grausamer Pantide; verfluche du auch, und verwnsche
Stets und immer mein Haupt; ja sehne dich, da mich der Zufall
Dir dem Ereiferten geb', und das Blut aus dem Herzen du schpfest;
Mge, wie du in meiner, so ich in deiner Gewalt sein:
Dennoch sollst du daran!
Ebenso nehm' ich gewi (wenn das Glck will) deine Geschosse;
Als ich gefangen mir nahm den dardanischen Seher der Zukunft,
Als ich die Gtterbescheid' und Trojas Schicksal enthllte,
Als ich das tiefverborgne Gebild der phrygischen Pallas
Mitten aus Feinden gewann! - Und mir vergleichet sich Ajax?
Traun! es versagt' ohn' ihren Besitz das Geschick die Erobrung!
Wo denn der tapfere Ajax? und wo des erhabenen Mannes
Hohes Wort? Was zagest du hier? was wagt es Ulysses,
Durch die Wchter zu gehn, und sich der Nacht zu vertrauen?
Und durch drohende Schwerter nicht nur in die Mauern der Troer,
Sondern emporzudringen zur Burg; und aus eigenem Tempel
Weg die Gttin zu reien, und wegzufahren durch Feinde?
Wenn nicht solches ich tat; der Telamonier Ajax
Trug umsonst am Arme den siebenhutigen Stierschild.
Jene Nacht erwarb mir den Sieg der trmenden Troja;
Pergamos hab' ich besiegt, da ich Mglichkeit schuf der Besiegung.
Endige, uns den Tydiden, durch deutende Mien' und Gemurmel,
Meinen Gehilfen, zu zeigen; er hat an dem Lobe sein Anteil!
Du auch, als du den Schild fr der Danaer Flotte dahertrugst,
Warst nicht allein: dich geleitet' ein Schwarm, mir wurde der Eine.
Wenn er nicht selbst urteilte, der Streitbare msse dem Klugen
Nachstehn, nicht handfester Gewalt nur komme der Preis zu;
Selbst wetteifert er nun, und zugleich der bescheidene Ajax,
Auch Eurypylus, tapfer und khn, und der Sohn des Andrmon;
Nicht Idomeneus auch, noch Meriones, Helden von Kreta,
Fehleten hier, noch der Bruder des hocherhabnen Atriden.
Schau, mit der Hand so tapfer (du selbst siegprangest nicht hher!)
Wichen sie meinem Bedacht. Du liehest den Arm in der Feldschlacht
Nicht ohn' Erfolg; nur die Seele bedarf dir unserer Lenkung.
Du hast Kraft, doch ohne Verstand; ich Sorge der Zukunft.
Du vermagst in dem Kampf, die gemessenen Zeiten des Kampfes
Whlt der Atride mit mir. Du bringst mit dem Leibe nur Vorteil;
Wir mit dem Geist. Und so weit, wer ein Fahrzeug steuert mit Klugheit,
Ragt vor dem Ruderverdienst; so weit vor dem Krieger der Feldherr:
Steh' ich hher denn du. Ja, selbst in dem Leibe des Menschen
Gilt das Herz vor der Hand; die belebende Kraft ist im Herzen.
Auf denn, gewhret den Preis, ihr Gewaltigen, euerem Hter;
Und fr die ngstliche Treue, fr so vieljhrige Sorgfalt,
Gebt mir die Ehre zum Dank, den Ersatz der redlichen Dienste.
Schon ist die Arbeit am Ziel; das hemmende Schicksal entfernt' ich.
Schon ward Pergamos' Hhe bezwinglich gemacht, und bezwungen.
Bei dem verbndeten Wunsch, und den fallenden Mauren der Troer,
Bei der Unsterblichen fleh' ich, die jngst den Feinden ich abnahm;
Bei dem brigen noch, was vielleicht durch Weisheit geschehn mu;
Wenn noch khnes Geschft, auf schlpfrigem Wege zu schaffen,
Wenn noch einiges ihr von Trojas Schicksal vorausgeht:
Denkt doch meiner in Gunst! Wo ihr mir nicht gebet die Waffen,
Gebet sie der! - Und er zeigte das hehre Gebild der Minerva.
Rings sind die Frsten bewegt. Was treffende Worte vermochten,
Lehrte die Tat; und die Waffen des Tapferen nahm der Beredte.
Er, der den Hektor so oft, der Eisen und Glut und den Donner
Jupiters trug, er allein! der trgt den einzigen Zorn nicht.
Schmerz bezwingt, den keiner bezwang; und das Schwert sich entreiend:
Mein ist, ruft er, doch dies! Wird das auch verlangen Ulysses?
Dies sei gegen mich selbst mir gebraucht! das mit Phrygierblute
Oft sich genetzt, soll nun mit des Eigeners Blute sich netzen!
Und nicht knne dem Ajax ein Mann obsiegen, als Ajax!
Sprach's, und hinein in die Brust, die nun erst Wunden erduldet,
Dort, wo dem Eisen die Bahn sich ffnete, senkt er den Mordstahl.
Nicht vermochten die Hnde das Schwert zu entziehen; doch strahlend
Schnellte das Blut es hervor. Das Land, von dem Morde gertet,
Zeugt' aus grnendem Rasen die purpurfarbene Blume,
Die dir frher entkeimt', balischer Knab' Hyacinthus.
Eine gemeinsame Schrift, dem Knaben sowohl wie dem Manne,
Ward auf die Bltter geprgt: ihn nennet sie, jenen beklagt sie.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIII, Polyxena





























Polyxena
     
Phrygiens Strand alldort, wo Troja gestanden, genber
Liegt ein Gebiet, von Bistonen bewohnt. Dort war Polymestors
Prchtige Knigesburg, dem dich, Polydorus, zur Pflege
Heimlich der Vater vertraut und den phrygischen Kmpfen entzogen,
Weise bedachter Entschlu, wenn nicht auch Schtze er mitgab,
Lohn fr frev'lige Tat und geizigen Sinnes Verlockung.
Als nun Phrygiens Glck im Staub lag, nimmt der verruchte
Knig der Thraker das Schwert und durchschneidet die Kehle dem Pflegkind;
Dann, als knnt' er die Schuld wegschaffen zugleich mit dem Leichnam,
Strzt er hinab ins Meer den Entseeleten oben vom Felsen.
Rastend am thrakischen Strand lag Atreus' Sohn mit der Flotte,
Harrend auf ruhige See und besser befreundete Winde.
Hier steigt pltzlich hervor so gro, wie er lebend gewesen,
Aus weit berstendem Grund in drohender Haltung Achilles,
Und in dem Antlitz trug er dieselbige Miene wie damals,
Als er im Grimm angriff mit vermessenem Schwert Agamemnon.
Mein so wenig gedenk abziehet ihr, - sprach er - Achiver?
Wre verscharrt mit mir der Dank fr unsere Taten?
Das sei fern, und damit mein Grab nicht Ehre vermisse,
Strme Polyxenas Blut des Achilles Manen zur Shne!
Sprach's, und dem zrnenden Geist ward Folge: vom Busen der Mutter
Reien die Krieger ihr fast noch einziges Kind, und die Jungfrau,
So unglcklich und stark und erhaben ob weiblicher Schwche,
Wird zu dem Grabe gefhrt als Opfer an schrecklicher Brandstatt.
Ihrer verblieb sie gedenk, und als sie am grausamen Altar
Stand und ersah, da ihr nur galt die entsetzliche Feier,
Und Neoptolemus sah dastehn und halte das Eisen,
Whrend an ihrem Gesicht sein Blick stets haftete, sprach sie:
Zaudere nicht, la rinnen das Blut untad'ligen Adels!
Auf, ich stehe bereit: in den Hals hier oder den Busen
Senke den Stahl! - und den Hals entblt sie zugleich und den Busen -
Nimmer ertrg's ja doch Polyxena, einem zu dienen;
(So wird aber ein Gott durch seltenes Opfer geshnet).
Bliebe mein Tod nur stets, das wnscht' ich, verborgen der Mutter!
Sie nur hindert und trbt mir die Freude des Todes, wiewohl ihr
Nicht mein Tod, vielmehr ihr Dasein ist zu beseufzen.
Ihr, da nicht unfrei zu den stygischen Manen ich gehe,
Bleibet mir fern, wenn gerecht mein Begehr, und berhret die Jungfrau
Nicht mit mnnlicher Hand! Fr jenen gewi ist genehmer,
Wem ihr immer gedenkt mein Blut zur Shne zu weihen,
Frei sich bietendes Blut. Doch falls euch rhren die letzten
Worte von unserem Mund - des Kniges Priamus Tochter,
Nicht die Gefangene, fleht -, gebt willig der Mutter die Leiche;
Lat sie das traurige Recht der Bestattung erkaufen mit Trnen,
Nicht mit Gold! Sie erkaufte mit Gold auch, als sie es konnte.
Also redete sie. Nicht wehret die Menge den Zhren,
Denen Polyxena wehrt. Selbst weinend mit zagender Rechten
Stt in die harrende Brust das gebotene Eisen der Priester.
Jene, mit brechendem Knie kraftlos hinsinkend zur Erde,
Lie nichts blicken von Furcht im Gesicht beim nahenden Ende.
Da auch, whrend sie fiel, noch war sie besorgt, zu verhllen,
Was zu bedecken geziemt, und zchtige Scham zu bewahren.
Troja's Frau'n sind sttzend ihr nah' und gedenken beweinter
Priamiden und was ein Haus an Blute gegeben,
Klagen um dich, Jungfrau, und um dich, jngst Knigsgemahlin,
Knigsmutter genannt, der blhenden Asia Abbild,
Nun ein verachtetes Los vom Raub, das der Sieger Ulixes
Nicht hinnhme fr sich, wenn dir nicht Hektor das Leben
Htte verdankt: kaum findet den Herrn fr die Zeugerin Hektor.
Die umschlinget den Leib, der bar der entschlossenen Seele;
Trnen, geweint so oft um das Land und den Mann und die Kinder;
Weint um diese sie auch; mit Trnen begiet sie die Wunde,
Deckt mit dem Munde den Mund und schlgt an den trauergewohnten
Busen und schleift im geronnenen Blut das erblichene Haupthaar,
Und mit gegeielter Brust auch solches zu anderem sprach sie:
Tochter, du letzter Verlust - denn was bleibt brig? - der Mutter,
Tochter, du liegst, und ich seh' in der deinen die eigene Wunde.
Da nicht, auer durch Mord, ich einen verlre der Meinen,
Klafft auch Wunde an dir. Dich htt' ich, dieweil du ein Weib warst,
Sicher gewhnt vor dem Stahl: als Weib auch sankst du vom Stahle.
Er gab dich in den Tod, der auch so viele der Brder
Ttete, Trojas Verderb und unser Verwaiser, Achilles.
Als ihn mit dem Gescho hinstrecketen Paris und Phbus,
Sprach ich: Frder ist nun doch nicht zu frchten
Achilles.
Da noch war er zu frchten fr mich. Des Bestatteten Asche
Wtet in unsrem Geschlecht, und wir spren im Grabe den Feind auch.
Fruchtbar war ich fr akus' Spro. Die gewaltige Troja
Liegt, und des Volks Drangsal ist geendet in schwerer Entscheidung,
Aber sie endete doch. Fr mich steht Pergamus jetzt noch,
Und es behlt Fortgang mein Schmerz. Jngst mchtig vor allen,
Gro durch die Eidame all, durch die Kinder, die Schnuren, den Gatten,
Mu ich verbannt, hilflos, von den Grbern der Meinen gerissen,
Fort zu Penelopes Dienst. Die sagt da Ithakas Mttern,
Deutend auf mich, wenn ich spinne mein Teil: Das ist die
berhmte
Troische Frau, die Hektor gebar, des Priamus Gattin!
Nach so vieler Verlust bist du, in dem Jammer der Mutter
Noch ihr einziger Trost, am feindlichen Grabe geopfert.
Totengabe gebar ich dem Feind. Was bleib' und verzieh' ich,
Hart wie Stahl? Was hebst du mich auf, vieljhriges Alter?
Grausame Gtter, wozu noch dehnt ihr das Leben der Greisin,
Als da Leichen sie sieht stets neu? Wer mchte vermeinen,
Da nach Pergamus' Fall noch Priamus glcklich zu preisen?
Ja, er ist glcklich im Tod: er sah nicht, wie sie gemordet
Dich, mein Kind, und schied von dem Leben zugleich und der Herrschaft.
Doch sie bestatten dich wohl hochfeierlich, frstliche Jungfrau,
Setzen gewi dich bei in der Stammgruft neben den Ahnen?
So wohnt nicht in dem Hause das Glck. Als Spende der Mutter
Werden dir Trnen zuteil und ein Huflein Sand in der Fremde.
Uns ist alles geraubt. Mir bleibt, weshalb ich dem Leben
Gnne noch kurzen Bestand, Polydorus, der liebste der Mutter,
Jetzo der einzige, sonst vom mnnlichen Stamme der Jngste,
Den der Ismarierfrst aufnahm an diesen Gestaden.
Doch was sum' ich indes, ihr die grausame Wunde zu waschen
Und das bespritzte Gesicht von dem schrecklichen Blute zu subern?
Also sprach sie und ging mit wankendem Schritte, die weien
Haare zerrauft, an den Strand. Reicht her, Troaden, die Urne!
Hatte die rmste gesagt, da flssige Wellen sie schpfte.
Sieh, sie gewahrt, wie zum Ufer gesplet tot liegt Polydorus
Und von dem thrakischen Schwert weit klafft die entsetzliche Wunde.
Laut schrei'n Trojas Frau'n; stumm bleibt im Schmerze die Mutter,
Denn mit der Stimme zugleich schluckt innen sich regende Zhren
Eben der Schmerz in sich, und vergleichbar hartem Gesteine
Starrt sie und heftet den Blick bald vor sich hin auf die Erde,
Bald auch richtet sie auf zum ther das finstere Antlitz;
Bald das Gesicht, bald schaut sie die Wunde des liegenden Sohnes,
Aber die Wunde zumeist, und nhrt und schret den Ingrimm.
Wie er zur Flamme gefacht, da fllt, als bliebe sie immer
Knigin, Rache ihr Herz, und sie lebt in Gedanken der Strafe.
So wie die Lwin in Wut, der genommen das saugende Junge,
Ohn' ihn zu sehen, dem Feind nachjagt, des Spur sie gefunden:
So nimmt Hekuba auch, da Zorn sich mengte mit Jammer,
Ihres Verlangens gedenk, nicht aber der Jahre gedenkend,
Zu Polymestor den Weg, dem Verber des grlichen Mordes,
Und sie begehrt ein Gesprch: Gold wolle sie, das in der Heimat
Lge versteckt, auf da er es gebe dem Sohn, ihm verraten.
Glaublich erschien's, und der Frst der Odryser, gewhnt an die Habgier,
Findet allein sich ein. Arglistig mit schmeichelndem Munde
Sprach er: Hekuba, gib nur rasch fr den Sohn die Geschenke!
Was du mir gibst, was frher du gabst, - bei den Himmlischen schwr' ich -
Alles verbleibt fr ihn. Wie er redete schuldig des Meineids,
Schaut sie finster ihn an und wallt von steigendem Zorne.
So nun packt sie ihn fest und ruft der gefangenen Mtter
Menge herzu und stt in die treulosen Augen die Finger,
Reit sie im Nu aus den Wangen heraus - stark macht sie der Ingrimm -,
Bohrt mit den Hnden und grbt, mit dem schuldigen Blute besudelt,
Nicht in den Augen, davon nichts blieb, in der Stelle der Augen.
Aber die Thraker, erbost, da solches dem Herrscher getan war,
Fallen die Troerin an mit Steinen zugleich und Geschossen.
Hinter geworfenem Stein eilt jene mit heiserem Heulen
Und will schnappen danach, und wie sie zu reden gedachte,
Scholl aus dem Rachen Gebell - noch heute, benannt von dem Wunder,
Zeigt man den Ort -, und lange gedenk vormaliger Leiden
Heulte sie da auch noch schmerzvoll in sithonischen Fluren.
Ihre Trojaner bewegt und sogar die pelasgischen Feinde
Hekubas herbes Geschick; es bewegt auch alle die Gtter,
Alle gesamt, so da gar Jupiters Gattin und Schwester
Selber gestand, das habe sie nicht zu erleiden verdienet.
Mig ist nicht, obwohl sie die nmlichen Waffen begnstigt,
Trojas und Hekubas Fall und Verderb zu empfinden Aurora:
Nhere Sorge befngt und husliche Trauer die Gttin,
Da sie den Memnon verlor. Ihn sah in den phrygischen Feldern
Vom Achilleischen Speer hinsinken die rosige Mutter,
Sah's, und der Purpurschein, davon sich die Frhe des Tages
Rtet, erblate sogleich, und in Wolken verbarg sich der ther.
Als nun aber der Leib zur Bestattung lag auf dem Feuer,
Konnte die Mutter es nicht ansehn: mit gelsetem Haupthaar,
So wie sie war, verschmhte sie nicht zu umfassen des groen
Jupiter Knie und so zu Trne die Worte zu fgen:
Keiner der Gttinnen gleich, die wohnen im goldenen ther, -
Denn mir stehen erbaut auf Erden die seltensten Tempel -
Komm' ich zu dir doch nicht, Wohnsttten und heilige Tage
Mir zu erbitten von dir und mit Feuer zu wrmende Herde.
So du bedachtest indes, was mir du verdankest, dem Weibe,
Wenn ich die Grenzen der Nacht mit erneuetem Lichte bewache,
Schien' ich dir Lohns wohl wert. Doch das nicht kmmert Aurora,
Nicht so steht es mit ihr, da schuldige Ehren sie heische:
Memnons komm' ich, des Sohnes, beraubt, der streitbare Waffen
Eitel erhob fr den Ohm und bezwungen vom starken Achilles -
Ihr ja habt es gewollt - in der blhenden Jugend dahinsank.
Gib, ich bitte, zum Trost fr den Tod ihm einige Ehre,
Hchster im gttlichen Rat, und lindre die Wunde der Mutter!
Jupiter nickte Gewhr. Als Memnons ragender Holzsto
Sank mit dem lodernden Brand und die Wirbel des schwrzlichen Rauches
Dunkel verdeckten den Tag, gleichwie wenn steigende Nebel
Hauchet der Strom und der Sonne vermehrt nach unten zu dringen,
Flieget die Asch' umher, und zu einem verdichteten Krper
Wird sie geballt und gewinnet Gestalt und eignet vom Feuer
Wrm' und Leben sich an. Mit Schwingen begabt sich die leichte.
hnlich dem Vogel zuerst, bald aber ein wirklicher Vogel,
Regte sie rauschenden Flug, und zugleich unzhlige Schwestern
Rauscheten, alle gezeugt auf die selbige Art. Um den Holzsto
Kreiset die Schar dreimal, und dreimal geht in die Lfte
Einig Geschrei; drauf teilt sich der Schwarm in dem vierten der Flge.
Feindlich geschieden sodann in zwei kampflust'ge Heere,
Fhren sie blutigen Krieg und fallen mit Schnbeln und Krallen
Zornig sich an und ermden die Brust und die Flgel im Andrang,
Und das entstand'ne Geschlecht, das verwandt der bestatteten Asche,
Sinkt als Opfer am Grab und gedenkt der Entstehung vom Helden.
Vom Urheber behlt das neue Geflgel de Namen,
Memnonsvgel genannt. Wenn Sol zwlf Zeichen durchlaufen,
Eilen sie wieder zum Kampf und sterben dem Vater zur Shne.
War drum klglich zu sehn, da bellte die Tochter des Dymas,
Anderen, eigenem Leid hngt nach Aurora, und Zhren
Weiht sie dem Sohn noch jetzt und betauet die smtlichen Lande.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIII, Acis und Galatea





























Acis und Galatea
     
Als ihr grnliches Haar des Nereus Kind, Galatea,
Reichte dem ordnenden Kamme der noch unverwandelten Scylla,
Sagte sie ihr tiefseufzend des Acis traurige Liebe.
Acis ward von Faunus erzeugt und der Nymphe Symthis.
Reizend blht' er dem Vater zur Lust und reizend der Mutter;
Aber noch reizender mir. Mich einzige liebte der Schne,
Der nur eben gefeiert den zweimal achten Geburtstag,
Und die zrtliche Wang' in bezweifeltem Flaume gebrunet.
Aber entbrannt, wie ich jenem, so trachtete mir der Zyklop nach.
Auch nicht, wenn du mich fragst, ob Ha des Zyklopen, ob Liebe
Gegen den Acis in mir vorwaltete, kann ich es sagen!
Gleich war jenes und dies. Wie gro, Allherrscherin Venus,
Ist doch deine Gewalt! Der so ganz Unmilde, der grlich
Selbst den Waldungen schien, den nie ein Fremdling besuchte
Ungestraft, der Verchter der ewigen Mcht' im Olympus
Fhlet, was Liebe sei; und fr mich in Begierde verloren,
Lodert er auf, vergessend des Viehs und der Felsenbehausung!
Schon ist deine Gestalt, schon Lust zu gefallen dir wichtig;
Schon wird gekmmt mit dem Karst dein borstiges Haar, Polyphemos;
Schon entmhst du dir gern den verzottelten Bart mit der Hippe,
Spiegelst dich gern im Gewsser, und stellst das verwilderte Antlitz.
Mordlust, grausame Wut, und unermelicher Blutdurst,
Rasten nunmehr; und es kommen und gehn ungefhrdete Schiffe.
Telemus aber indes, zum sikulischen tna verschlagen,
Telemus, Eurymus' Sohn, den nie ein Vogel getuschet,
Naht dem entsetzlichen Riesen ein Gast, und: Das einzige Auge,
Das auf der Stirne dir glnzt, entwendet dir, sagt er, Ulysses.
Lachend: o du witzloser Verkndiger, sprach er, du irrest!
Schon ja entwandt' es ein Mdchen! So spottet er sein, der umsonst ihn
Warnete. Bald die Gestade mit machtvoll wandelndem Futritt
Lastet er, bald dann kehret er md' in die dumpfige Felskluft.
Weithin ragt in das Meer ein lang auskeilender Hgel,
Zugespitzt; und die Seiten umstrmt rings wogende Brandung.
Hierauf steigt der wilde Zyklop, und sitzt in der Mitte;
Und ihm folgt ungeleitet die wolletragende Herde.
Als ihm die Fichte nunmehr, die den Dienst des Stabes ihm darbot,
Lag vor den Fen gestreckt, dem besegelten Maste nicht ungleich;
Und sein Pfeifengebund aus hundert Rhren gefat war:
Laut im ganzen Gebirg' erscholl der gellende Feldton,
Laut in den Fluten umher. Vom Geklft verborgen, und sitzend
Meinem Acis im Scho, vernahm ich fern mit den Ohren
Diese gesungenen Wort' und behielt die gehrten im Geiste:
Weiere du, Galatea, wie Bltenschnee des Ligusters,
Frischer wie Blumenau'n, und lnger gestreckt wie die Erle,
Hell vor hellem Kristall, mutwilliger hpfend wie Bcklein,
Weicher wie Schwanenflaum, und quabbelnde Milch in den Formen;
Doch wie der Fels unbeweglich, und wild wie der schumende Sturzbach,
Stolz wie der Lob anhrende Pfau, trugvoller wie Glatteis;
Und, was ganz vorzglich dir abzugewhnen ich wnsche,
Flchtiger selbst wie der Hirsch vor dem Hund, ja, wie wehende Lftchen!
Aber kennst du mich recht, du bereuest die Flucht, und verdammest
Selbst dein sprdes Verziehn, und suchst mich zu halten mit Sorgfalt.
Mir gehn tief in den Berg von lebendem Felsen gewlbte
Hhlungen, wo du so wenig die Mittagsgluten des Sommers
Fhlst, als winternden Frost; mir hngt voll Obstes der Fruchtbaum;
Mir glhn purpurne Trauben an lang ausrankenden Reben,
Mir auch gelbe wie Gold: dir sparen wir diese, wie jene.
Selbst mit eigener Hand auch sammelst du wrzige Erdbeern
Unter dem wildernden Schatten, und selbst die Kornellen des Herbstes,
Pflaumen zugleich, nicht nur von dunkelem Safte gebluet,
Sondern edle sogar, dem jungen Wachse vergleichbar.
Nie auch fehlt's an Kastanien dir, wenn ich dein Gemahl bin,
Nie an des Arbutus' Frucht; dir frnt ein jeglicher Baum dann.
Alle die Schaf und Ziegen sind mein: viel irren in Tlern,
Viel auch decket der Wald, viel sind auch in Hhlen gestaltet.
Und, wenn du etwa mich fragst, nicht kann ich dir sagen die Anzahl.
Arme nur zhlen ihr Vieh! Von des meinigen trefflicher Tugend
Sollst du mir nichts zuglauben; du kannst in Person es betrachten,
Wie kaum zwischen den Beinen es schleppt das gedehnete Euter.
Hier sind, jngere Zucht, in laulichen Stllen die Lmmer,
Hier gleichalterig auch in anderen Stllen die Zicklein.
Milch gibt's ewig bei mir, schneewei: teils wird zu Getrnk sie
Aufbewahrt, und teils mit verdnntem Labe gekset.
Auch nicht leichtere Spielchen verehr' ich dir, oder Geschenke
Von alltglicher Art, wie die Gems', und der Has', und die Berggei,
Oder ein Taubenpaar, und ein Nest aus dem Wipfel genommen;
Nein, dir fand ich ein Paar, zum Spiele mit dir wie geschaffen,
Beide so gleich, da kaum sie einer erkennt voneinander,
Hoch im Gebirg', zwei jungen der rauhgezottelten Brin;
Diese fand ich, und sprach: Der Gebieterin will ich sie aufziehn.
Strecke doch jetzt dein niedliches Haupt aus dem blulichen Meere!
Komm doch hervor, Galatea; verschmh' nicht unsere Gaben!
Wahrlich, ich kenne mich selbst: ich sah im lauteren Wasser
Neulich mein Bild; es gefiel mir meine Gestalt bei dem Ansehn.
Schaue, wie gro ich bin! Nicht stattlicher pranget an Gre
Jupiter selbst im Himmel; denn oft ja erzhlt ihr einander,
Da so ein Mann wie Jupiter herrscht. Dick bauschet das Haupthaar
Vorn in das dstre Gesicht, und beschattet wie Wald mir die Schultern.
Und wenn in starrenden Borsten mir rings aufstrauben die Glieder,
Achte fr hlich es nicht. Nur entbltterte Bume sind
hlich;
Hlich das Ro, dem Mhne den farbigen Nacken nicht einhllt.
Vgel bedeckt ihr Gefieder, dem Schaf ist Wolle die Zierat;
Mnnern ziemet der Bart, und ein Leib voll struppiger Zotteln.
Einzeln leuchtet das Auge mir grad auf der Stirne; doch Umfang
Hat's wie ein mchtiger Schild. Wie? Schaut nicht alles umher Sol
Hoch vom Himmel herab? Sol schaut mit der einzelnen Rundung!
Denke dazu, mein Vater ist eueres Meeres Gebieter:
Der soll Schwher dir sein! O erbarme dich endlich, und hre
Mein demtiges Flehn! Dir Einzigen fleh' ich in Demut!
Ich, dem Himmel und Jupiter nichts, noch der schmetternde Strahl ist,
Nymph', ich huldige dir! Mehr schreckt, wie der Donner, dein Zorn mich!
Ach, ich trge vielleicht ausdauernder deine Verachtung,
Wenn du vor allen entflhst. Doch warum, den Zyklopen verschmhend,
Hast du den Acis so lieb, und umarmst, statt meiner, den Acis?
Immer indes gefalle sich selbst, und gefalle der Jngling,
Was mich dau'rt, Galatea, auch dir! Doch kommt er mir einmal,
Lernen soll er, ob Kraft in dem Riesenwuchse mir wohne!
Lebend schlepp' ich sein Herz, und zerstckelt den Leib, durch die cker,
Und dann streu' ich ihn dir (so werdet vereint!) in die Fluten!
Hei ist die Lieb', und es braust die beleidigte Flamme noch wilder;
Ja, mich deucht, ich trage mit allen Gluten den tna,
Hier in den Busen versetzt! Doch dich, Galatea, bewegt nichts!
Als er solches umsonst herjammerte (alles bemerkt' ich),
Springt er empor: wie ein rasender Stier nach geraubeter Starke
Unstet tobt und Wlder und kundige Tale durchirret.
Jetzt, da wir harmlos ruhen und nichts argwhnen vom Unhold,
Siehet er Acis und mich: O ich seh' euch! ruft er, und diesmal
Sollt ihr zuletzt, das mein' ich, der Wollust pflegen in Eintracht!
Lautes Getn, so laut ein Zyklop voll Zorn es hervorruft,
Scholl in dem drohenden Ruf; von dem Nachhall drhnte der tna.
Ich, die Erschrockene, tauche mich schnell in das nahe Gewsser.
Aber gewendet entfloh der edele Spro des Symthus:
Rette mich doch, Galatea! so flehet' er; rettet, ihr Eltern!
Oder gnnt mir Verlornen ein Anteil eures Gebietes!
Schleunig verfolgt der Zyklop, und ein Stck, von dem Berge gerttet,
Schwingt er ihm nach; und wiewohl mit der uersten Ecke der Fels nur
Jenen erreicht, so zermalmt er doch ganz umhllend den Acis.
Wir indes, was einzig zu tun vergnnte das Schicksal,
Taten wir: da dem Symthus an Macht sich geselle der Enkel.
Purpurn strmte das Blut aus der Felsenmasse; doch wenig
Dau'rte die Frist, da begann die Rt' allmhlich zu schwinden;
Nun ward erst die Farbe des Bachs, den der Regen getrbet;
Sie auch klrte sich bald. Dann lechzte der Fels auseinander;
Frisch nun drang aus den Spalten ein hochgeschossenes Rhricht;
Und dem gehhleten Schlund' entrauscht' aufhpfendes Wasser.
Pltzlich, o Wunder! erschien, bis zur Mitte des Bauchs in dem Strudel,
Schn der Jngling mit Rohr die keimenden Hrner umgrtet:
Der, nur da er grer und blau im ganzen Gesicht ist,
Acis war. Doch was auch; er blieb, auch zum Strome verwandelt,
Acis; und noch behauptet den vorigen Namen der Sprudel.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIII, Glaukus und Scylla





























Glaukus und Scylla
     
Jetzo entlie Galatea der Nereden Gesellschaft;
Und sie schwammen zerstreut in ruhigen Wellen des Meeres.
Scylla wandelte heim; denn der Meerflut sich zu vertrauen
Wagte sie nicht. Dort irrt sie enthllt im gefeuchteten Sande;
Oder mde des Gangs durchdringt sie die einsame Felsbucht,
Da sie den Leib sich erfrisch' im eingeschlossenen Wasser.
Sieh, ein neuer Bewohner der Salzflut spaltet die Woge,
Der am eubischen Sund' Anthedons jngst sich verwandelt,
Glaukus; er naht und betrachtet mit Sehnsucht lange die Jungfrau;
Und, was immer fr Wort' ein fliehendes Mdchen verweilen,
Saget er ihr: doch fliehet sie fort; und von Schrecken geflgelt,
Klimmt sie zur Hhe des Bergs, der nah am Ufer emporsteigt.
Gegen den Sund erhebt sich, zur einzelnen Spitze geenget,
Baumlos ber den Fluten gewlbt, ein erhabener Gipfel.
Hier nun steht sie, gesichert vom Ort; und, ob Scheusal, ob Gottheit
Jener sei, erforscht sie, und sieht anstaunend die Farbe,
Sieht, wie das Haar ihm die Schulter und tief den Rcken bedecket,
Und, wie hinten der Scho zum gewundenen Fische sich endigt.
Glaukus merkt's, und gelehnt an den nah aufstarrenden Felsen:
Weder ein Wunder des Meers, noch ein Untier bin ich, o Jungfrau!
Saget er, sondern ein Gott. Nicht Proteus waltet, noch Triton,
Mchtiger ber die Flut, noch der Athamantide Palmon
Weiland war ich indes ein Sterblicher; aber schon damals
Wohl mit dem Meere vertraut und stets in den Fluten beschftigt.
Denn bald zog ich daher die fischumfangenden Netze,
Bald, auf Felsen gesetzt, bewegt' ich am Rohre die Angel.
Eine grnende Wiese begrenzt die Gestade des Meeres,
Da hier Wogen den Rand und dort ihn grten die Kruter,
Welchen nie ein gehrnetes Rind mit der Zunge verletzt hat;
Noch das friedsame Schaf und die struppige Ziege gerupfet,
Nie dort trug die geschftige Bien' aus wrzigem Kelche;
Nie auch wand man dem Haupt hochfestliche Blumen und niemals
Mhete dort mit der Sichel die Hand. Ich selber der erste
Setzt' auf den Rasen mich hin, bis die triefenden Garne getrocknet.
Um nach der Ordnung indes die gefangenen Fische zu mustern
Go ich im Grase sie aus, die sowohl in die Netze der Zufall,
Als leichtglubiger Sinn zur gebogenen Angel gefhret.
Scheinen mag's wie erdichtet; allein was frommt mir Erdichtung?
Kaum war berhret das Gras, so beginnt mein Fang sich zu regen,
Wirft sich von Seite zu Seit' und strebt, wie im Meer, auf dem Lande.
Whrend ich dies anschauend bewundre, fliehet der ganze
Schwarm in die Flut, den Eigner zugleich und das Ufer verlassend.
Und ich erstaun', und forsche des Dings Ursache mit Zweifel,
Ob dies irgendein Gott, ob der Saft es gewirket des Krautes.
Was hat aber das Kraut fr Tugenden? sprach ich und rupfte
Grne Gewchs' in der Hand und kaute sie zwischen den Zhnen.
Kaum noch hatte die Kehle die seltsamen Sfte gekostet,
Als ich empfand, da pltzlich die innerste Brust mir erbebte,
Und nach andrer Natur mein Herz aufwallte vor Sehnsucht.
Stillstehn konnt' ich nicht lnger: O Land, nie wieder besuchtes,
Lebe mir wohl! so rief ich und tauchte den Leib in die Wogen.
Gtter des Meers empfahn mich wrdigend gleicher Verehrung;
Und zu Ozeanus flehn sie und Tethys, da sie mir nehmen,
Was ich noch Sterbliches trage. Geheiliget werd' ich von ihnen.
Neunmal ummurmelte mich der Entsndigung krftiger Bannspruch;
Und man gebot mir die Brust in hundert Strmen zu lutern.
Ohne Verzug nun rollen umher aus den Quellen die Strme,
Und die Gewsser des Meers umfluten mir alle die Scheitel.
So weit kann ich die Tat des Wundergeschicks dir erzhlen;
So weit reicht die Besinnung: das Folgende fhlte mein Geist nicht.
Als er zurck mir gekehrt; in ganz vernderter Bildung
Fand ich jetzo mich wieder, auch nicht an Geiste, wie vormals.
Jetzo erschien mir zuerst mein Bart in dunkeler Grne,
Und dies hangende Haar, das lang die Welle durchfeget,
Auch die blulichen Arme, zugleich die gewaltigen Schultern,
Und die Schenkel gekrmmt zum flossigen Schweife des Fisches.
Doch was frommt die Gestalt, was Mchten der Flut zu gefallen,
Was die Vergtterung mir, wenn dich das alles nicht rhret?
Als er solches gesagt, und mehreres wollte, verlie ihn
Scylla, den Gott. Da entbrannt' er, und unmutsvoll ob der Weigrung,
Eilt' er zum Wunderpalast der titanischen Circe.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIV, Glaukus und Scylla





























Vierzehntes Buch
Glaukus und Scylla
     
Schon den drckenden Berg auf gigantischen Kehlen, den tna,
Und der Zyklopen Bezirk, die weder den Karst noch die Pflugschar
Kennen, und nichts dem Gespann arbeitender Stiere verdanken,
Lie der Euber zurck, der geschwollenen Fluten Bewohner.
Zankle darauf verlie er und jenseits Rhegions Mauern,
Samt dem zerscheiternden Sund, der, geengt vom Doppelgestade,
Hier ausonisches Feld, dort Sikulerfluren begrenzet.
Jetzt, mit gewaltiger Hand die tyrrhenische Woge durchschlpfend,
Schwamm er die krutrigen Hgel hinan und der sonnenerzeugten
Circe durchwimmelten Hof von mancherlei Wildes Erscheinung.
Gleich, da er jene geschaut und gegeben den Gru und empfangen:
Mitleid schenke mir, Gttin, dem Gott! denn allein ja vermagst du,
Sprach er, sie mir zu erleichtern, nur sei ich's wrdig, die Sehnsucht.
Welche Gewalt der Kruter du hast, o Titanin, erkennet
Inniger keiner denn ich; mich selbst verwandelten Kruter.
Da dir nicht unentdeckt die Quelle sei meiner Betrung:
An dem italischen Strand, den Messeniermauern entgegen,
Hab' ich die Scylla gesehn. Es verdreut, wie umsonst ich in Demut
Schmeichelte, fleht' und verhie, liebkost' und beschwur, zu erzhlen.
Aber wofern du wartest in Zaubertnen, so tne
Zauber dein heiliger Mund: wofern siegreicher das Kraut ist,
Brauche die wirksame Kraft des wohlerprobeten Krautes.
Nur nicht schaffe Genesung, noch heile mir, bitt' ich, die Wunden;
Denn das besserte nichts; la teil an der Flamme sie nehmen!
Circe darauf (denn es hatte fr solcherlei Gluten noch keine
So ein empfngliches Herz; ob nun in ihr selber der Grund sei,
Oder ob Venus es wirke, durch Sols Anzeige beleidigt)
Gibt ihm die Worte zurck: Du folgst der Verlangenden besser
Und die dasselbige wnscht und entbrannt von gleicher Begierd' ist.
O du verdienst, Antrge, so frei als grade, zu hren;
Und wenn du Hoffnung gewhrst, dann, glaube mir, hrst du den Antrag.
Da dir der Zweifel entschwind', und Vertraun beiwohne der Schnheit:
Ich, da Gttin ich bin, da der strahlende Sol mich gezeuget,
Da ich mit Kraute so viel und so viel mit Beschwrungen leiste,
Schmacht' ich, die Deine zu sein! Der Verachtenden sei ein Verchter,
Aber der Willigen hold; da du zwo durch eines belohnest!
Als sie ihn also versucht: Erst soll, antwortete Glaukus,
Grnen im Meere das Laub und hoch auf Bergen das Meergras,
Ehe bei Scyllas Leben sich unsere Liebe verndert!
Unmutsvoll ist die Gttin, und weil sie ihn selbst zu verletzen
Weder vermag, noch liebend es will, so zrnet sie jener,
Welche der Gott vorzog; und gekrnkt durch verschmhete Liebe,
Reibt sie sofort ein Gemisch unlblicher Kruter zusammen,
Schrecklich von Saft, und gesellt hekatescher Worte Beschwrung.
Dann in finstre Gewande den Leib einhllend, enteilt sie
Durch anschmeichelnder Tiere Gewhl aus umbauetem Vorhof;
Und den entgegenen Strand der zanklischen Felsen erreichend,
Rhegion, geht sie hinein in den wild aufbrandenden Strudel,
Wo sie den Tritt aufsetzet, als wr' es gediegenes Ufer,
Und mit trockener Fers' auf den oberen Wellen einherluft.
Eng verlor sich ein Busen in schweifendes Felsengewinde,
Scyllas liebliche Ruhe, wohin vor den Gluten des Himmels
Und des Meers sie entwich, wann Sol in der Mitte des Umlaufs
Machtvoll schien, von der Scheitel die krzesten Schatten erstreckend.
Diesen verflscht sie zuvor mit migestaltenden Giften
Trbend, und sprengt ihm Seime, gedrckt aus schdlicher Wurzel;
Dann im Gewirr seltsamer Beschwrungen tnet sie dreimal
Neunfach kehrende Worte mit magischer Laute Gemurmel.
Scylla kam und taucht' in die Flut bis zur Mitte des Bauches.
Als sie geschndet den Scho von bellenden Ungeheuern
Schauete: erst nicht glaubend, dem eigenen Leibe sei jenes
Anwachs, bebt sie zurck und verscheucht mit Entsetzen das schamlos
Grinsende Hundegewhl; doch sie schleppt, was sie flieht, mit sich selber.
Suchend den Wuchs der Hften, der Schenkel hinab und der Fe,
Findet sie Zerberusrachen umher, und auf rasendem Scheusal
Stehet sie; unten hervor arbeitende Rcken der Beller
Sind im verstmmelten Scho und geblheten Bauche verhaftet.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIV, Picus





























Picus
     
Als dem Ulysses nunmehr die titanische Zauberin Circe
Wieder aus grunzenden Su'n klugredende Mnner gebildet;
Weilt' er ein Jahr im Palaste der Herrscherin. Viele der Wunder
Sahn sie, und hreten viel', er selbst und die wackeren Freunde.
Dies auch erzhlt' im Vertraun dem Makareus eine Genossin
Jener vier, die geschftig der Zauberin Dienste besorgten.
Denn da der Ithaker Frst allein mit der Circe verweilte,
Zeigete jene dem Freund ein Bild aus schneeigem Marmor:
Jugendlich war es geschnitzt und fhrte den Specht auf der Scheitel,
Stehend in einer Kapell' und rings umhnget mit Krnzen.
Wer er sei und warum man in dieser Kapell' ihn verehre,
Auch warum ihm der Vogel gesellt sei? forschet der Fremdling.
Hre denn, sagt sie, mein Wort; und lern', o Fremdling, auch hieraus
Meiner Gebieterin Macht; du vernimm, was ich rede, mit Sorgfalt.
Picus, erzeugt von Saturnus, war einst der ausonischen Lande
Waltender Frst und hegte der kriegrischen Rosse Geschlechter.
Seine Gestalt war, wie du sie schaust; o betrachte des Mannes
Anmut selbst und bewundr' im geknstelten Bilde das wahre.
Gleich der Gestalt war der Mut; und noch nicht konnte der Jngling
Viermal heilige Kmpf' anschaun in der graijschen Elis.
Schmachtend sahn die Dryaden, die latische Berge bewohnen,
Alle sein holdes Gesicht; ihn sahn die Mchte der Quellen,
Alle Najaden mit Lust, die Albula und der Numicus,
Oder der Anio nhrt und der bald ausstrmende Almo,
Auch der narische Strudel und Pharpharus, lieblich umschattet;
Auch die im Waldreich hausen der szythischen Gttin Diana,
Und in benachbarten Seen. Doch die brigen alle verachtend,
Liebt' er die einzige Nymphe, die einst auf Palatiums Hgel,
Sagt man, Venilia brachte dem doppelhauptigen Janus.
Diese, nachdem sie zur Reife gelangt des brutlichen Alters,
Ward vor den Werbenden allen verliehn dem Laurentier Picus:
Selten zwar an Gestalt, doch seltner an Kunst des Gesanges.
Canens hie sie daher, die Singerin: Felsen und Wlder
Folgten dem Hall und gesnftigtes Wild; langschlngelnde Strme
Hemmten den Lauf, und im Fluge verweileten streifende Vgel.
Whrend mit weiblichem Laute sie ma die begeisterten Lieder,
Wandelte Picus hinaus in die laurentinischen cker,
Eingeborene Eber zu fahn. Er beschwerte den Rcken
Einem feurigen Ro und trug zween Spie' in der Linken
Und sein Purpurgewand war mit goldener Spange geheftet.
Auch die Tochter des Sol durchging die selbige Waldung,
Um sich neue Gewchs' auf den fruchtbaren Hhen zu sammeln,
Fern der circischen Flur, die den Namen der Herrscherin fhret.
Jetzo, sobald sie, gedeckt von Gebsch, anschaute den Jngling,
Staunete sie; es entsanken dem Scho die gesammelten Kruter,
Und ihr schien es wie Flamme durch Mark und Gebeine zu lodern.
Als von der strmischen Glut ihr zuerst die Besinnung gekehrt war,
Wollte sie gleich ihm bekennen die Sehnsucht; aber den Zugang
Wehrte das eilende Ro und umher der Trabanten Gewimmel.
Doch nicht sollst du entfliehn, und flhst du gerafft vom Orkane;
Wenn ich mich selbst recht kenn', und nicht mir vllig dahinschwand
Meiner Kruter Gewalt, und fehlschlgt meine Beschwrung!
Sprach sie und bildete schnell ein Truggebilde des Ebers,
Krperlos, das vorber des Kniges Augen zu laufen
Schien und hineinzugehn in des Walds vielstmmiges Dickicht,
Wo das verwachsne Gestruch nicht Bahn dem Rosse gewhrte.
Ohne Verzug, unkundig verfolgt den Schatten des Fanges
Picus und schwinget sich rasch von dem dampfenden Rcken des Rosses,
Und durchirret zu Fu das Gebsch nach der eitelen Hoffnung.
Doch sie erhebt ein Flehn und bannt mit zaubernden Worten,
Seltsame Mcht' anrufend mit seltsamer Tne Gemurmel,
Welches ihr oft das Gesicht des blinkenden Mondes beflecket,
Oder des Vaters Haupt in Regenschauer verhllet.
Jetzt auch trbt sich in Nacht vom gemurmelten Banne der Himmel,
Und das Gefild' haucht Nebel empor; blind schwrmt die Begleitung
Kreuzende Pfade hindurch und des Kniges Wache verliert sich.
Nutzend den Ort und die Zeit: Bei den glnzenden Augen, womit du,
Sprach sie, die meinigen singst; bei dieser Gestalt, o du Schnster!
Die dir zu huldigen zwingt mich Unsterbliche! lindre des Herzens
Flamme mir; nimm zum Schwher den allumschauenden Sol an!
Und nicht grausam verachte die Hand der titanischen Circe!
Jene sprach's; doch trotzig sie selbst und die Bitte verdrngend:
Wer du auch seist, nicht deiner bin ich! ein' andere, ruft er,
Hlt mich, und soll mich halten ein langes Leben, das fleh' ich!
Nie durch frevele Lust sei gekrnkt das heilige Bndnis,
Weil das Geschick mir vergnnt die vom Janus entsprossene Canens!
Oft erneuet ihr Flehn die Titanin umsonst, und beginnt nun:
Nicht ungestraft sei dir solches; du kehrst nicht wieder zur Canens!
Was die Gekrnkte vermag, was die Liebende und was ein Weib, das
Lern' aus der Tat! Doch gekrnkt und liebend und Weib ist Circe!
Zweimal zum Niedergang dreht jene sich, zweimal zum Aufgang;
Dreimal rhret ihr Stab, mit drei Bannworten, den Jngling.
Jener entflieht; doch er wundert sich selbst, da er hurtiger jetzo
Laufe, wie sonst; und bemerkt um den ganzen Leib das Gefieder.
Sich so geschwind, als Vogel, das Volk der latinischen Wlder
Mehren zu sehn, unwillig, durchbohrt er mit hackendem Schnabel
Wildernde Stmm', und verwundet im Zorn die erhabenen ste.
Gleich dem Purpurgewand erglhn die gepurpurten Flgel!
Wo die Spange zuvor das Gewand mit Golde geheftet,
Wchst nun Flaum, und den Nacken umluft ein goldener Halsring.
Nichts mehr bleibt von Picus dem pickenden Specht, denn der Name.
Seine Genossen indes, da sie lang umsonst durch die Felder
Picus mit hufigem Rufe gespht und nirgend gefunden,
Treffen die Zauberin jetzt; denn sie hatte die Luft nun verdnnet
Und den umhllenden Nebel durch Wind und Sonne geffnet.
Jeder bestrmt mit gerechter Beschuldigung, fordert den Knig
Wieder und drohet Gewalt und erhebt feindselige Waffen.
Circe sprengt ihr grauses Gemisch und die Sfte des Giftes;
Und mit der Nacht die Gtter der Nacht aus der Hll' und dem Chaos
Ruft sie, und Hekate her mit magischem Jammergeheule.
Pltzlich entsprangen dem Ort, o Wundererscheinungen! Wlder:
Und laut sthnte die Erd', in der Nh' erblaten die Bume;
Rings auch troffen die Kruter gesprengt mit blutigen Tropfen;
Und es erhub das Gestein, so schien's, dumpfbrllende Laute,
Und ein Gebell, wie der Hund'; es whleten schwrzliche Nattern
Durch das Gefild' und es schwebte von luftigen Schemen der Toten.
Starr vor dem Scheusal staunen die Jnglinge; doch der Erstaunten
Wunderndes Antlitz berhrt sie mit giftiger Rute des Zaubers.
Nach der Berhrung umfliegt vielartigen Wildes Erscheinung
Allen die Mnnergestalt; kein einziger blieb unverwandelt.
Schon war Phbus im Westen genaht dem tartessischen Ufer;
Und es erharrte daheim mit Herz und Augen vergebens
Canens ihrem Gemahl. Das Volk und die Diener durchlaufen
Wlder umher und Gebsch', und tragen begegnende Fackeln.
Nicht ist der Nymphe genug, da sie wein', und die Haare sich raufe,
Und sich zerschlage die Brust: zwar tut sie alles; doch pltzlich
Strzt sie hervor, und durchirrt sinnlos die lateinischen cker.
Sechsmal schaute die Nacht, und sechsmal kehrend der Sonne
Leuchtendes Angesicht, wie, der Kost und des Schlafes entbehrend,
Jene durch Tler und Hh'n, wo der Zufall fhrte, daherging.
Endlich sah die Arme, vom Gram und Wege gemattet,
Tiberis, als sie den Leib hinstreckt' am khlenden Ufer.
Dort mit Geseufz und Trnen den eigenen Jammer besingend,
Tnte sie wehmutsvoll sanftklagende Worte: wie manchmal
Trauergesng' anstimmet der Schwan vor dem nahenden Tode.
Aber zuletzt vor Kummer im innersten Marke zerschmolzen,
Schwand sie dahin, allmhlich in wehende Lfte veratmend.
Dennoch zeichnet die Sage den Ort; denn es nannten ihn Canens
Nach dem Namen der Nymphe mit Fug die Camnen der Vorzeit.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIV, neas' Vergtterung





























Des neas Vergtterung
     
Schon die unsterblichen Gtter gesamt, und selber die Juno
Zwang die neische Tugend, dem altenden Groll zu entsagen;
Als, nach gegrndeter Macht des wachsenden Knaben Julus,
Reif dem Himmel erschien der heroische Sohn der Cythere.
Jetzt umwandelte Venus die Oberen; und um des Vaters
Nacken geschmiegt, begann sie: O nie seit ewigen Zeiten,
Vterchen, warst du mir hart; nun sei der Mildeste, fleh' ich!
Gib doch meinem neas, der dich aus unserem Blute
Zum Grovater gemacht, gib, Bester, ihm wenige Gottheit;
Wenn du nur etwas gibst! O genug, die Bezirke der Unlust
Einmal zu schaun, und einmal die stygische Flut zu durchfahren!
Beifall gaben die Gtter; und selbst die Knigin hielt nicht
Unbewegt das Gesicht; sie nickte mit freundlichem Antlitz.
Jupiter drauf: Wert seid ihr des himmlischen Ehrengeschenkes,
Du, die verlangt, und fr den du verlangst. Nimm, Tochter, den Wunsch hin.
Jener sprach's; sie freut sich, und dankt dem liebenden Vater.
Und mit dem Taubengespann sanftwehende Lfte durchfahrend,
Naht sie dem Strand der Laurenter, wo eingehllt in den Rohrkranz
Zum angrenzenden Meere der Strom Rumicius schlngelt:
Sple hinweg dem neas, was dienstbar ist der Verwesung,
Sagt sie, und trag' es hinab in stillem Laufe zur Meerflut.
Und der gehrnete Strom vollbringt die Gebote der Venus.
Was auch klebt an neas von Sterblichkeit, wscht er und lutert
Oft mit gesprengeter Flut; bis der edlere Teil ihm zurckbleibt.
Ihn, den Gereinigten, salbt mit gttlichem Dufte die Mutter,
Und mit Ambrosia rhrt sie, gemischt zu lieblichem Nektar,
Sanft sein Gesicht, und schafft ihn zum Gott: den die Schar des Quirinus
Indiges nennt, und mit Tempel und Weihaltren verherrlicht.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIV, Pomona und Vertumnus





























Pomona und Vertumnus
     
Nie war eine vordem der latinischen Hamadryaden
Emsiger, als Pomona, in blhender Grten Bestellung,
Nie geschftiger eine fr saftige Frchte des Baumes.
Davon ward sie benamt. Nicht Waldungen liebt sie, noch Flsse;
Aber die Flur, und ste mit glcklichem Obste belastet;
Und fr den Wurfspie trgt sie die mondliche Hipp' in der Rechten,
Die bald ppigen Wuchs ihr bndiget, und die verwildert
Schweifenden Arme bezhmt, und bald in gespaltene Rinde
Pfropfet das Reis, und Sfte dem kindlichen Fremdlinge darbeut.
Nichts auch lt sie verschmachten vor Durst, und der schlrfenden Wurzel
Zackige Fserchen trnkt sie mit sanft umgleitender Welle.
Das ist Lust und Geschft! Auch der Cypria achtet sie gar nicht.
Scheuend indes die Gewalt der Lndlichen, schliet sie den Obsthain
Drinnen, und sorgsam wehrt und meidet sie mnnlichen Zugang.
Was nicht alles ersann die im Tanz aufhpfende Jugend,
Satyre! und, um die Hrner gekrnzt mit der Fichte, die Panen;
Auch Silvanus der Greis, stets jugendlich ber sein Alter;
Und der Gott, der den Dieb mit Pfahl und Hippe verscheuchet:
Ihrer Umarmung zu nahn! Selbst diesen auch strebte Vertumnus
Liebend zuvor; allein nicht glcklicher war er, denn jene.
O wie trug er so oft in der Tracht des gehrteten Schnitters
hren im Korb, und war ein wirklicher Schnitter von Ansehn!
Oft, wann er zierlich die Schlfe mit frischem Heu sich umwickelt,
Schien's, als htt' er des Grases gemhete Schwade gewendet.
Oft auch trug er den Stachel in starrender Rechte; da schwur man,
Da er nur eben vom Joch die ermdeten Farren gelset.
Nahm er die Hippe, so schor er dir Laub, und schneitelte Reben;
Hatt' er die Leiter gefat, er schien Obst pflcken zu wollen;
Kriegsmann war er mit Schwert, mit Rohr in den Hnden ein Fischer.
So durch viele Gestalten erffnete jener sich hufig
Zugang, um zu genieen die Lust der betrachteten Schnheit.
Dieser anjetzt, die Schlfen mit bunter Mtze verhllend,
Ging am Stabe gesttzt, grauschimmerndes Haar um die Schlfen,
Einem Mtterchen gleich, und trat in den zierlichen Garten.
Drinnen das Obst anstaunend: O ganz Glckselige! sprach er;
Dann die Gelobete kt' er mit wenigen Kssen; doch niemals
Gab sie ein Mtterchen so; und gekrmmt auf die Scholle sich setzend,
Schaut' er empor zu den sten, die schwer vom Herbste sich bogen.
Gegen ihm stand ein Ulm mit schwellenden Trauben gebreitet.
Als er jenen gerhmt, und zugleich die gesellete Rebe:
Stnde nun, sagt' er, der Stamm ehlos, ungepaart mit dem Weinscho,
Nichts wr' auer dem Laube, was ihn zu besuchen uns reizte.
Auch die verbundene Rebe, die sanft ausruhet im Ulmbaum,
Wre sie nicht vermhlt, sie lge gestreckt auf der Erde.
Doch du bleibst ungerhrt von des Baums so lehrendem Beispiel,
Fliehst das ehliche Lager, und denkst an keine Vermhlung!
Aber, o wolltest du nur! Nicht Helena htten so viele
Freier gedrngt, noch jene, die Kampf den Lapithen erreget,
Noch des Ulysses Gemahlin, des Trotzigen gegen Verzagte!
Jetzo sogar, wie sehr du die Liebenden fliehst und verabscheust,
Drngen sich tausend Bewerber um dich, Halbgtter und Gtter,
Und was immer fr Mcht' albanische Berge bewohnen.
Doch wenn du klug bist, Kind, wenn du wohl heiraten, und hren
Dieses Mtterchen willst, das mehr als alle die andern,
Mehr wie du glaubst, dich liebt, so verwirf alltgliche Freier,
Und den Vertumnus erwhle zum Brutigam! Fr den Vertumnus
Setz' ich zum Pfande mich dir! denn er kennt sich selber nicht besser,
Als ich ihn! Nicht schweift er, umher stets irrend, die Welt durch;
Hier nur treibt er Verkehr. Auch nicht, wie die Menge der Freier,
Macht, was er sah, ihn verliebt; du wirst ihm zuerst, und zuletzt ihm,
Rhren das Herz; dir allein wird ganz sein Leben geweiht sein.
Hiernchst ist er ein Jngling, und angebotene Zierde
Ward ihm verliehn; auch nimmt er mit Anstand jede Gestalt an,
Und was du immer verlangst, verlang' auch alles, das wird er.
Einerlei liebt ihr beide: denn jegliches Obst, das du aufziehst,
Hat er zuerst, und hlt dein Geschenk in frhlicher Rechte.
Doch nicht mehr von den Bumen gesammelte Frchte begehrt er,
Noch wohlschmeckende Kruter, die mild der Garten erzeuget:
Nichts mehr, auer dich selbst! O erbarm' dich des Schmachtenden; denk' ihn
Selbst den Bittenden hier, der aus meinem Munde dich anfleht!
Rchender Gtter Gewalt, und Idalia, welche den Starrsinn
Zchtiget, scheue, mein Kind, und den Zorn der rhamnusischen Gttin!
Dir die Scheu zu erhh'n (denn mancherlei Kund' hat das Alter
Mir ja gewhrt), so erzhl' ich, was weit in Cyprus bekannt ist,
Schickungen, welche dein Herz leicht bndigen knnen und mildern.
Iphis, erzeugt vom Geschlechte der Niedrigen, schaute die edle
Anaxarete einst, aus dem altenden Blute des Teukros;
Und wie er schauete, fuhr durch Mark und Gebein ihm das Feuer.
Lang erst kmpft' er entgegen; allein da Vernunft ihm den Wahnsinn
Nicht zu besiegen vermocht, jetzt nahet er flehend der Schwelle.
Bald bekannt' er der Amme die sterbliche Lieb', und beschwur sie,
Ihm nicht grausam zu sein, bei der Zglingin Hoffnungen allen;
Bald auch schmeichelt' er einer vom Schwarm der dienenden Mgde,
Um gewogene Huld mit ngstlicher Stimme sie bittend.
Oft vertrauet' er auch liebkosende Worte den Tflein.
Manchmal blumige Krnze verbreitet' er ber die Pfosten,
Trnenbenetzt, und legt' auf die harte Schwelle die weiche
Seite dahin, und schmhte das leidige Schlo mit Verwnschung.
Tauber war jen' als der Sund, der sich hebt vor den sinkenden Bcklein,
Hrter, wie Eisen und Stahl, das in norischer Esse geschmelzt wird,
Und wie Gestein, das lebend annoch anwurzelt dem Boden.
Vornehm hhnt sie, und lacht, und gesellt unfreundliche Taten
Trotzige Wort', und beraubt den Liebenden selber der Hoffnung.
Jetzo ertrug nicht lnger die Qual des dauernden Schmerzes
Iphis; er sprach an der Pforte zuletzt noch dieses zum Abschied:
Ja du siegst, Anaxarete, siegst! nicht bring' ich hinfort dir
Neuen Verdru zu bestehn. Du rste nur frohe Triumphe,
Rufe den Pan laut, und winde dir festlichen Lorbeer!
Ja du siegst, und ich sterbe mit Lust! Auf, freue dich, Harte!
Etwas sollst du an mir doch wenigstens loben, fr etwas
Sollst du verpflichtet mir sein, und Dank dem Verdienste bekennen!
Doch nicht eher entschwand mir die Sehnsucht deiner, gedenk es,
Als mein Hauch; und sogleich des gedoppelten Lichtes entbehr' ich.
Auch nicht soll ein Gercht dir die Botschaft bringen des Todes.
Selbst will ich, zweifele nicht, da sein, und dir sichtbar erscheinen:
Da am entseeleten Leibe die grausamen Augen du weidest!
Wenn ihr jedoch, o Gtter, der Sterblichen Schicksale sehet,
O so gedenkt doch mein! nichts Weiteres waget die Zunge
Noch zu flehn; lat dauern mein Angedenken in Zukunft;
Und was dem Leben an Zeit ihr geraubt, das gebet dem Nachruhm!
Sprach's; und drauf zu den Pfosten, die oft mit Krnzen er schmckte,
Hub er die trnenden Augen empor, und die blasseren Arme;
Dann an die Pfort' anknpfend den oberen Knoten des Seiles:
Solch ein Geflecht ist dir Freud', unzrtliche Qulerin! sprach er,
Und er umschlang sein Haupt, auch nun zu jener sich wendend,
Ach, und der Elende schwebt' an erdrosselter Kehle herunter.
Als von der zappelnden Fe Bewegungen lautes Getse
Jetzo erscholl an der Pfort', und rasch sie geffnet die Tat nun
Zeigete, huben die Knecht' ein Geschrei; und umsonst ihn enthebend,
Trugen sie (tot war der Vater) den Leib zu dem Hause der Mutter.
Jen' empfngt ihn im Scho, und umarmt die erklteten Glieder
Ihres Sohns; und nachdem sie die Wort' unglcklicher Mtter
All und jeglicher Tat unglcklicher Mtter vollendet,
Fhrte sie ganz in Trnen den Leichenzug durch die Stadt hin,
Tragend die Totengestalt auf finsterer Bahre zum Feuer.
Nahe lag an der Gasse das Haus, wo klglich vorbeiging
Jener Zug; und es drang das Jammergetn zu der harten
Anaxarete Ohr, die der rchende Gott schon verfolgte.
Lat uns, sprach sie gerhrt, anschaun das Trauerbegngnis!
Und sie trat in das hohe Gemach mit gebreiteten Fenstern,
Kaum erkannte sie recht auf dem Totenlager den Iphis:
Pltzlich erstarrt' ihr Aug', und das warme Blut aus den Adern
Floh vor umhllender Blsse hinweg. Sie wollte zurck nun
Heben den Fu, fest klebt' er, sie wollt' abwenden das Antlitz,
Dies auch konnte sie nicht; und es hllt' allmhlich die Glieder,
Was in der harten Brust vorlngst schon waltete, Felsen.
Halte das nicht fr Fabeln! denn Salamis heget das Bild noch
Ganz in Lebensgestalt; auch heit vorschauend die Venus,
Der im Tempel es steht. Dies, Teure, bedenk', und entsage,
Fleh' ich, dem strrischen Trotz, und dem Liebenden fge dich, Nymphe!
Mge dann nie im Lenze der Trost ansetzendes Obst dir
Sengen, und nie Sturmwinde die blhenden Bume zerschtteln!
Als der Gott, der umsonst in jede Gestalt sich geschmieget,
Solches gesagt, schnell ward er zum Jnglinge, und, sich entuernd
Alles Matronengerts, erschien er ihr herrlich von Ansehn:
So wie aus dichtem Gewlk das strahlende Bildnis der Sonne
Siegend hervor sich drngt, und ohne Verdunkelung leuchtet.
Und er bereitet Gewalt: nicht braucht er sie; in der Gestalt schon
Liebt die Nymphe den Gott, und fhlt antwortende Flammen.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XIV, Romulus und Hersilia





























Romulus und Hersilia
     
Tatius sank, und zugleich den Deinigen und den Sabinern,
Romolus, gabst du Gesetz; da, den Helm ablegend, der Kriegsgott
Also begann zum Vater des Menschengeschlechts und der Gtter:
Vater, die Zeit ist genaht (dieweil auf Strke gegrndet
Steht die rmische Macht, und nicht an dem Ordner allein hngt),
Da du den Lohn, den mir du gelobt, und dem wrdigen Enkel,
Ausbezahlst, und hinweg von der Erd' in den Himmel ihn einfhrst.
Weiland sagest du mir in der seligen Gtter Versammlung
(Denn ich bewahr' andenkend das gtige Wort in der Seele):
Ihn, den einzigen, wirst du erhh'n zu der Blue des Himmels
Also redest du; vollbracht nun werde der Ausspruch.
Zeus der allmchtige winkt; und schwarz in dunkele Wolken
Hllt er die Luft, und mit Donner und Leuchtungen schreckt er die Stadt rings.
Als er die Zeichen erkannt der ihm verheinen Entfhrung,
Steigt, von der Lanze gesttzt, der unerschrockne Gradivus
Schnell auf der Rosse Geschirr mit blutiger Deichsel, und schwinget
Knallendes Geielgetn; und jh durch die Lfte gerollet,
Hlt er auf des bebschten Paladiums oberstem Hgel;
Und, da er seinem Quiriten das Recht, nicht kniglich, aussprach,
Rafft er der Ilia Sohn. Die sterbliche Hlle zerflo ihm
Durch die wehende Luft: wie oft aus gerundeter Schleuder
Fliegend erblht die Gestalt, und des hochgepolsterten Lagers
Wrdiger, hehr wie die Bildung des pupurhellen Quirinus!
Ihn beweint als verloren das Weib. Doch die Herrscherin Juno
Heit zur Hersilia schnell auf gekrmmetem Pfade die Iris
Niedergehn, und so der Verdeten bringen die Botschaft:
Du vom latischen Volk und zugleich vom Volk der Sabiner,
Ausgesonderte Zierde der Frau'n, du wrdigste Gattin
Solches erhabenen Mannes zuvor, und jetzt des Quirinus!
Hemme der Wehmut Trnen; und wenn du den Gatten zu schauen
Sehnsucht hast, so folge zum Haine mir, der den Quirinus-
hgel umgrnt, und der Tempel des rmischen Knigs beschattet.
Iris gehorcht; und zur Erd' im farbigen Bogen entgleitend,
Naht sie, Hersilia, dir, und sagt die befohlenen Worte.
Sie mit verschmtem Gesicht, und kaum die Augen erhebend:
Gttin! (denn welche du seist, ist mir zwar dunkel doch deutlich,
Da du der Gttinnen seist) o fhre mich, ruft sie, und zeige
Mir des Gemahls Anblick! Wenn ihn zu schauen nur einmal
Mir das Schicksal vergnnt; wie in himmlischer Seligkeit schweb' ich!
Stracks nun wandelt sie hin mit der thaumanteischen Jungfrau
Zum romulischen Hgel. Ein Stern dort, gleitend vom ther,
Fllt auf die Erde herab: von dessen Schimmer entbrennend
Schnell der Hersilia Haar mit dem Stern auffliegt in die Lfte.
Jetzo schliet sie bekannt der Stifter Roms in die Arme,
Welcher, den vorigen Namen zugleich mit dem Leibe verndernd,
Ora sie grt, die als Gttin nunmehr dem Quirinus gesellt ist.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XV, Pythagoras





























Fnfzehntes Buch
Pythagoras
     
In der Stadt, die liegt an Italiens Ende,
Wohnte ein Mann aus Samos, aber von Samos
War er geflohn vor dem Herrn und blieb freiwillig im Banne,
Hassend Tyrannengewalt. Der stieg, ob fern von dem Himmel,
Doch zu den Gttern im Geist und ersah, was ewige Ordnung
Menschlichen Blicken entzog, mit dem Auge der denkenden Seele.
Dann, wie er alles erspht mit Gedanken und wachender Sorge,
Trug er es vor im versammelten Kreis, und den schweigende Schlern,
Die zuhrten dem Wort mit Verwunderung, lehrt' er des Weltalls
Uranfang und der Ding' Ursachen, und was die Natur sei,
Auch was Gott, von wannen der Schnee, wie Blitz sich erzeuge,
Ob in zerteiltem Gewlk Sturmwind, ob Jupiter donnre,
Was aufschttre das Land, nach welchem Gesetz die Gestirne
Wandeln, und was sonst dunkel verbleibt. Er rgte die Sitte
Tiere zu speisen zuerst und erschlo zu folgender Rede
Weisheit kndenden Mund, der nicht auch Glauben gefunden:
Lat, ihr Sterblichen, ab durch frevlige Speise die Leiber
Euch zu entweihn. Feldfrucht ja ist und die tragenden ste
Abwrts ziehendes Obst und am Weinstock schwellende Trauben,
Zarte Gewchs' auch sind und andere, welche das Feuer
Mild kann machen und weich; und wird euch nimmer benommen
Labende Milch, noch Seim nach Thymian duftenden Honigs.
Gaben in Flle beschert die verschwendende Erde zu milder
Nahrung und beut euch Kost, die Blut nicht heischet und Ttung.
Tiere nur sttigen sich mit Fleisch, doch alle mitnichten;
Denn Gras nhret das Ro und das wollige Vieh und die Rinder;
Denen jedoch inwohnt unbndiges Wesen und Wildheit,
Lwen, die zornige Brut, armenische Tiger, mit Bren
Gieriger Wlfe Geschlecht, die freuen sich blutigen Fraes.
Welch ein vermessenes Tun, im Fleische das Fleisch zu versenken
Und den begehrliche Leib mit verschlungenem Leibe zu msten
Und mit des Lebenden Tod ein Lebender sich zu erhalten!
Bei so reichlichem Gut, das die Erde, die beste der Mtter,
Zeuget, behagt dir nichts als traurige Stcke zu kauen
Mit unseligem Zahn und zu tun nach Art der Zyklopen?
Weit du nimmer die Gier des gefrigen Bauches zu stillen,
Der zum Schlimmen gewhnt, als wenn du vernichtest den Andern?
Jene verwichene Zeit, die golden wir pflegen zu nennen,
War mit Baumesertrag und dem Boden entsprossenen Pflanzen
Reichlich beglckt und befleckte noch nicht mit Blute die Lippen.
Damals schlugen die Luft mit sicheren Schwingen die Vgel;
Furchtlos irrt' umher im freien Gefilde der Hase;
Nie auch hngte den Fisch leichtglubiger Wahn an die Angel.
Ohn' auflauernden Trug und nichts argwhnend von Tcke
War voll Frieden die Welt. Als aber ein Stifter des Unheils,
Wer auch immer es war, hinblickte mit Neid auf die Rachen
Und in den gierigen Bauch sich leibliche Speisen versenkte,
Bahnt' er dem Frevel den Weg. Vielleicht von des Wildes Erlegung
Wurde am ersten gewrmt mit Blute besudeltes Eisen,
Und das htte gengt; denn was uns steht nach dem Leben,
Drfen wir, ohne die Pflicht zu verletzen, vom Boden vertilgen.
Aber zu tten die Brut war recht, nicht auch sie zu essen.
Dann ging weiter der Grul, und zu fallen als frhestes Opfer,
Glaubt man, verdiente das Schwein, weil das mit gebogenem Rssel
Saaten im Feld umwhlt und vereitelt die heurige Hoffnung.
Weil er die Reben benagt, wird an dem Altare des Rchers
Bacchus geschlachtet der Bock. Schuld brachte den beiden Verderben.
Was fr Schuld habt ihr, friedfertige Schafe, den Menschen
Zur Frsorge bestimmt, die ihr im geflleten Euter
Nektar tragt und zum weichen Gewand uns euere Wolle
Gebet und mehr, denn im Tod, uns Nutzen gewhret im Leben?
Was tat Bses der Stier, der Falsch nicht kennet und Tcke,
So unschdlich und schlicht und geschaffen zum Dulden der Arbeit?
Undank hegt im Gemt und der Gaben des Feldes ist unwert,
Wer, da eben die Last des gebogenen Pflugs ihm benommen,
Seinen Besteller der Flur zu schlachten vermocht' und den Nacken,
Der von der Arbeit wund so vielmal hartes Gefilde
Hatte bereitet fr ihn und Ernten beschafft, mit dem Beil schlug.
Doch es geschieht nicht blo die Verruchtheit, selber den Gttern
Brden den Frevel sie auf und vermeinen, das hchste der Wesen
Finde Gefallen am Morde des Mhen ertragenden Rindes.
Schn vor allen an Wuchs und jeglichen Makels entbehrend, -
Grade der Wert ist Verderb - mit Goldschmuck prangend und Bndern,
Stehet das Opfer am Herd und vernimmt arglos die Gebete,
Sieht dann, wie auf die Stirn ihm zwischen die Hrner gelegt wird
Feldfrucht, die es gebaut, und frbt beim Streiche das Messer,
Das es in spiegelnder Flut vielleicht schon sah, mit dem Blute.
Aus noch lebender Brust gleich reiend die edelen Teile,
Halten sie Schau und erforschen darin die Gesinnung der Gtter.
Warum hungert denn so nach verbotener Speise den Menschen?
Sterblich Geschlecht, sie zu essen vermet ihr euch? Von dem Frevel
Stehet, ich bitt' euch, ab und hret auf unsere Warnung!
Wenn ihr den Gaumen euch letzt mit den Gliedern geschlachteter Stiere,
O so wit und bedenkt, da euere Pflger ihr kautet!
Weil zu reden ein Gott mich treibt, so leist' ich geziemend
Folge dem treibenden Gott. Mein Delphi und droben den ther
Schliee ich auf und erffne den Spruch hochheiligen Geistes.
Groes enthllt mein Mund, was noch kein Denker ersparte,
Was lang Dunkel umzog. Durch hohe Gestirne zu wandeln
Freuet, es freut auf Wolken der Erd' unrhrigem Sitze
Ferne zu schweben, zu stehn auf der Schulter des krftigen Atlas
Und von der Hhe zu schau'n auf die unstet irrenden Menschen,
Die der Erkenntnis bar, und den Zagenden, welche der Tod schreckt,
Also zu heben den Mut und zu knden die Reihe des Weltlaufs.
O du Geschlecht, von der Furcht vor frostigem Tode bewltigt,
Was macht Styx dir bang, was Dunkel und eitele Namen,
Dichtern geflliger Stoff und Gefahren erlogenen Reiches?
Ob er im Feuer verging auf dem Holzsto, ob ihn Verwesung
Wegnahm, glaubet, der Leib kann nicht mehr Schlimmes erleiden.
Frei ist die Seele vom Tod, und verlie sie die frhere Sttte,
Wohnt und lebet sie fort im anderen Hause geborgen.
Mir ist bewut noch jetzt: Zur Zeit des trojanischen Krieges
War ich Panthous Sohn Euphorbus, welchem gehaftet
Vorn in der Brust der gewichtige Speer vom zweiten Atriden.
Unlngst hab' ich erkannt im abantischen Argos in Junos
Tempel den nmlichen Schild, den unsere Linke getragen.
Alles verndert sich nur, nichts stirbt. Herber, hinber
Irrt der belebende Hauch, und in andre beliebige Glieder
Ziehet er ein und geht aus Tieren in menschliche Leiber
Und in Getier von uns und besteht so ewige Zeiten.
Wie das geschmeidige Wachs, zu neuer Gestalt sich bequemend,
Weder verbleibt, wie es war, noch hlt an den selbige Formen,
Aber dasselbe doch ist; so bleibt auch, lehr' ich, die Seele
Immer sich gleich und begibt sich nur in verschiedene Formen.
Drum, da achtende Scheu nicht weiche den Lsten des Bauches,
Hrt mein gttliches Wort: Lat ab, zu verdrngen verwandte
Seelen mit schndlichem Mord, und Blut nicht nhret mit Blute.
Weil ich auf offener See nun treib' und die Segel den Winden
Gab zum Blhn: nichts ist von Bestand in der Weite des Weltalls.
Rings ist Flu, und jedes Gebild ist geschaffen zum Wechsel.
Selber die Zeit auch gleitet dahin in bestndigem Gange,
Anders nicht als ein Strom; denn Strom und flchtige Stunde
Stehen im Lauf nie still. Wie Woge von Woge gedrngt wird,
Immer die kommende schiebt auf die vordere, selber geschoben,
Also fliehen zugleich und folgen sich immer die Zeiten,
Unablssig erneut; was war, das bleibet dahinten;
Was nicht war, das wird, und jede Minute verjngt sich.
Gegen das Licht auch siehst du die Nacht aus dem Meere sich heben,
Aber der finsteren Nacht nachfolgen die glnzenden Strahlen.
Anders erweist sich der Himmel gefrbt, wen alles ermdet
Liegt im Schoe der Ruh, und wenn hell auf schneeigem Rosse
Lucifer kommt, und anders, wenn frh die pallantische Gttin,
Kndend den Tag, Schein wirft in die Welt, die harret des Phbus.
Rot ist auch Sols Schild, wenn er steigt vom Grunde der Erde,
Morgens zu sehn und rot, wenn er sinkt vom Grunde der Erde,
Doch in der Hh ist er hell, weil droben sich breitet des thers
Reinere Luft und ferne sich hlt von der trbenden Erde.
Nie auch bleibt die Gestalt der bei Nacht sichtbaren Diana
Vllig dieselbe und gleich; denn stets ist kleiner als morgen
Heute das Bild, wenn die Scheibe sich dehnt, doch engt sie sich, grer.
Wie, und siehest du nicht in vier abwechselnde Formen
Treten das Jahr, nachahmend den Gang von unserem Leben?
Saftreich ist es und zart, ganz hnlich dem Alter des Knaben,
In dem erwachsenden Lenz. Dann strotzen die neuen Gewchse,
Kraft noch missend und Halt, und ergtzen mit Hoffnung den Landmann.
Dann blht alles umher, und frhlich im Schmelze der Blumen
Prangt das Gefild, doch fehlt noch festes Beharren dem Laube.
Tchtiger geht nach dem Lenz nun ber das Jahr in den Sommer,
Rstigem Jngling gleich; denn es ist kein anderes Alter
Reicher in Flle der Kraft, keins heier in drngendem Streben.
Danach folget der Herbst, der ohne das Feuer der Jugend
Reif dastehet und mild und zwischen dem Greis und dem Jngling
Mig in Mitten sich hlt, schon grau an den Schlfen gesprenkelt.
Schaurig mit wankendem Schritt kommt endlich der greisende Winter,
Vllig der Haare beraubt, und trgt er sie, wei an dem Haupte.
An uns selber erfhrt ja auch rastlose Verwandlung
Immer der Leib, und was wir gewesen und sind, wir verbleiben
Morgen es nicht. Einst war ein Tag, wo im Schoe der Mutter
Nur als Samen und Keim zuknftiger Menschen wir wohnten.
Bildende Hand anlegte Natur, und da vom gedehnten
Leibe der Mutter umspannt die lebendige Brde gezwngt sei,
Wollte sie nicht und lie sie heraus an die ledigen Lfte.
Jetzo gebracht ans Licht lag ohne Vermgen der Sugling;
Bald auf vieren bewegt' er nach Sitte der Tiere die Glieder,
Und er begann allmhlig mit noch unsicheren Knieen
Wankend zu stehen und half durch schwache Versuche den Sehnen.
Stark dann wird er und rasch, und ber die Strecke der Jugend
Geht er, und ist dann auch vollendet der mittleren Jahre
Dienstzeit, geht's abwrts auf der Bahn hinflligen Alters.
Dieses zerrttet und macht zunichte der frheren Jahre
Rstige Kraft, und Milon der Greis sieht weinend die Arme,
Die, den herkulischen gleich, von straff sich spannenden Muskeln
Hatten gestrotzt ehdem, schlaff hngen in nichtiger Ohnmacht.
Weinend im Spiegel erblickt auch Tyndarus' Tochter des Alters
Runzeln und fragt bei sich, warum zweimal sie entfhrt sei.
Du, aufzehrende Zeit, und du, mignstiges Alter,
Ihr bringt alle Verderb, und benagt vom Zahne des Wechsels
Macht ihr alles gemach im schleichenden Tode vergehen.
Ohne Bestand sind auch, die wir Elemente benennen.
Was fr Wechsel sie trifft, - merkt auf - ich will es verknden.
Vier Grundstoffe bewahrt, die alles erzeugen, des Weltalls
Ewiger Bau. Zwei haben Gewicht: mit der Erde die Welle,
Die gehn nieder zum Grund, von der eigenen Schwere gezogen.
Ebensoviel sind ohne Gewicht und streben zur Hhe,
Frei vom Drucke: die Luft und, reiner als jene, das Feuer.
Daraus, wenn sie getrennt auch sind, nimmt seine Entstehung
Alles, in sie fllt alles zurck. Das zersetzete Erdreich
Lst sich in flssiges Na, und das flchtig gewordene Wasser
Schwindet in Dunst und Luft, und wieder, enthoben der Schwere,
Schwingt sich die dnneste Luft in die Hhe zum feurigen Aether.
Dann geht wieder der Weg rckwrts in der nmlichen Folge.
Denn in die trgere Luft geht ber verdichtetes Feuer;
Wasser entsteht aus der Luft; zum Erdreich ballt sich die Welle.
Keines verbleibt in derselben Gestalt, und Vernderung liebend
Schafft die Natur stets neu aus anderen andere Formen,
Und in der Weite der Welt geht nichts - das glaubt mir - verloren;
Wechsel und Tausch ist nur in der Form. Entstehen und Werden
Heit nur anders als sonst anfangen zu sein, und Vergehen
Nicht mehr sein wie zuvor. Sei hierhin jenes versetzet,
Dieses vielleicht dorthin: im Ganzen ist alles bestndig.
Unter dem selbigen Bild - so glaub' ich - beharrt auf die Dauer
Nichts in der Welt.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XV, Csars Vergtterung





























Csars Vergtterung
     
Csar, im Krieg und Triumph nicht herrlicher, als in der Toga,
Der in dem uersten Meer des Ozeanus zwang die Britanner,
Der die Papyrusfluten des siebenstrmigen Nilus
Mit siegprangender Flotte durchdrang und der Numider Aufruhr,
Und den Cinypher Juba, und selbst mithridatische Namen
Bndigte, fern im Pontus, dem herrschenden Volk des Quirinus:
Csar nahte dem Tode. Die Ewigen sahn's mit Betrbnis.
Zwar nicht konnten sie brechen die eisernen Schlsse der Parzen,
Aber sie gaben dem Volk nicht dunkele Zeichen der Trauer.
Rasselndes Waffengets' in dsteren Wolken, erzhlt man,
Schreckenvolle Trompeten, und tnende Hrner am Himmel,
Sagten den Jammer zuvor. Auch Phbus' trauriges Bildnis
Bot ein gelb erblassendes Licht den bekmmerten Lndern.
Feurige Brnde der Luft durchloderten oft die Gestirne;
Oft auch schauerte Regen herab mit blutigen Tropfen.
Neblicht war, und im Antlitz mit finsterer Brune gesprenget,
Lucifer; auch mit Blute besprengt der Wagen der Luna.
Tausendmal gab Vordeutung des Wehs der stygische Uhu;
Tausendmal flo von Trnen das Elfenbein; und Gesnge
Wurden gehrt, und drohende Wort' aus heiligen Hainen.
Auch kein Opfer vershnt; mit Tumult droht schrecklich die Fiber,
Und ein gestochenes Haupt wird im Eingeweide gefunden.
Laut auf dem Markt, um die Huser der Stadt und die Tempel der Gtter,
Scholl der nchtlichen Hunde Geheul; auch schweigende Schatten
Sagt man, irrten umher; und es bebte die Stadt von Erschttrung.
Doch die verdeckte Gefahr und die kommenden Schicksale wendet
Kein vorwarnender Gott. Man trgt gezogene Dolche
Selbst im geweiheten Raum; in der Kurie lauert Ermordung.
Jetzo schlug Cytherea mit beiden Hnden die Brust sich
Heftig, und strebte den Sohn in therischer Wolke zu bergen,
Jener, worin sich Paris dem Ungestm des Atriden
Einst entzog, und neas dem diomedischen Schwerte.
Jupiter drauf: Zu bewegen das unabwendbare Schicksal
Wagest du, Tochter, allein? Geh' selbst in der strengen Geschwister
Wohnungen, dort erkennst du die ungeheuer gebaute
Kanzelei der Geschick' aus Erz und gediegenem Eisen:
Die nicht prallenden Sturz des Gewlks, noch zornige Leuchtung,
Noch ein andres Verderb in sicherer Ewigkeit frchtet.
Dort auch siehst du gehaun in unvergnglichen Demant
Schicksale deines Geschlechts. Ich las und behielt sie im Geiste.
Merke denn auf; nicht seist du hinfort unkundig der Zukunft.
Seine Zeit hat dieser, um den, Cytherea, du sorgest,
Ausgelebt und vollbracht die der Erde gebhrenden Jahre.
Da er ein himmlischer Gott aufsteig', ehrwrdig den Tempeln,
Schaffest du mit dem Sohne zugleich, der, ein Erbe des Namens,
Trgt die genommene Brde der Stadt, und des blutenden Vaters
Tapferer Rcher im Krieg' uns selbst als die Seinen erkennet.
Gab er den Frieden der Welt, dann kehrt zu den Rechten des Brgers
Jener den Sinn und weihet Gesetz', ein billiger Ordner,
Frdert die Zucht und lutert durch Lehr' und Muster die Sitten.
Diese Seel', aus dem Leibe des Blutenden selber entfhrend,
Schaffe zu Glanz, da immer auf mein Kapitol und den Markt her
Aus dem erhabenen Tempel der gttliche Julius schaue.
Kaum war geredet das Wort; als mitten im Raum des Senates
Stand die allgtige Venus, dem Blick unbemerkbar, und ihres
Csars Seel' aus den Gliedern, bevor in die Lfte veratmet
Jene zerflo, aufnahm, und zu himmlischen Sternen emportrug.
Whrend sie trug, ward leuchtend von Glanz und feurig die Seele;
Welche, dem Busen entsandt, hoch ber den Mond sich hinaufschwang.
Weit in die Quer' hinziehend das flammenwehende Haupthaar,
Funkelt der Stern, wohlttig, und schaut die grere Wohltat
Seines Sohns und freut sich, besiegt zu werden von jenem.













Publius Ovidius Naso: Metamorphosen / XV, Sphragis





























Sphragis
     
Und nun hab' ich ein Werk vollbracht, das Feuer und Eisen
Nimmer zerstrt, noch Jupiters Zorn, noch zehrendes Alter.
Mag denn kommen der Tag, der nur am vergnglichen Leibe
Recht ausbt, und den Raum unsicheren Lebens beschlieen:
Trotz wird bieten der Zeit und ber die hohen Gestirne
Schweben mein besserer Teil und nie mein Name getilgt sein.
Rings, so weit Roms Macht sich erstreckt in bezwungenen Lndern,
Wird mich lesen das Volk, und wofern nicht trugen der Dichter
Ahnungen, werd' ich stets fortleben in ferneste Zukunft.











