

Der Geisterseher



Friedrich Schiller
Der Geisterseher
Aus den Memoires des Grafen von O**
Erstes Buch

Ich erzhle eine Begebenheit, die vielen unglaublich
scheinen wird, und von der ich groenteils selbst Augenzeuge
war. Den wenigen, welche von einem gewissen politischen Vorfalle
unterrichtet sind, wird sie - wenn anders diese Bltter sie
noch am Leben finden - einen willkommenen Aufschlu darber
geben; und auch ohne diesen Schlssel wird sie den brigen,
als ein Beitrag zur Geschichte des Betrugs und der Verirrungen
des menschlichen Geistes, vielleicht wichtig sein. Man wird ber
die Khnheit des Zwecks erstaunen, den die Bosheit
zu entwerfen und zu verfolgen imstande ist; man wird ber
die Seltsamkeit der Mittel erstaunen, die sie aufzubieten
vermag, um sich dieses Zwecks zu versichern. Reine, strenge Wahrheit
wird meine Feder leiten; denn wenn diese Bltter in die Welt
treten, bin ich nicht mehr und werde durch den Bericht, den ich
abstatte, weder zu gewinnen noch zu verlieren haben.

Es war auf meiner Zurckreise nach Kurland,
im Jahr 17** um die Karnevalszeit, als ich den Prinzen von **
in Venedig besuchte. Wir hatten uns in **schen Kriegsdiensten
kennen lernen und erneuerten hier eine Bekanntschaft, die der
Friede unterbrochen hatte. Weil ich ohnedies wnschte, das
Merkwrdige dieser Stadt zu sehen, und der Prinz nur noch
Wechsel erwartete, um nach ** zurckzureisen, so beredete
er mich leicht, ihm Gesellschaft zu leisten und meine Abreise
so lange zu verschieben. Wir kamen berein, uns nicht voneinander
zu trennen, solange unser Aufenthalt in Venedig dauern wrde,
und der Prinz war so gefllig, mir seine eigne Wohnung im
Mohren anzubieten.

Er lebte hier unter dem strengsten Inkognito, weil
er sich selbst leben wollte und seine geringe Apanage(#jhrliche
Zuwendung an nicht regierende frstliche Personen#) ihm auch
nicht verstattet htte, die Hoheit seines Rangs zu behaupten.
Zwei Kavaliere, auf deren Verschwiegenheit er sich vollkommen
verlassen konnte, waren nebst einigen treuen Bedienten sein ganzes
Gefolge. Den Aufwand vermied er, mehr aus Temperament als aus
Sparsamkeit. Er floh die Vergngungen; in einem Alter von
fnfunddreiig Jahren hatte er allen Reizungen dieser
wollstigen Stadt widerstanden. Das schne Geschlecht
war ihm bis jetzt gleichgltig gewesen. Tiefer Ernst und
eine schwrmerische Melancholie herrschten in seiner Gemtsart.
Seine Neigungen waren still, aber hartnckig bis zum berma,
seine Wahl langsam und schchtern, seine Anhnglichkeit
warm und ewig. Mitten in einem geruschvollen Gewhle
von Menschen ging er einsam; in seine Phantasienwelt verschlossen,
war er sehr oft ein Fremdling in der wirklichen. Niemand war mehr
dazu geboren, sich beherrschen zu lassen, ohne schwach zu sein.
Dabei war er unerschrocken und zuverlssig, sobald er einmal
gewonnen war, und besa gleich groen Mut, ein erkanntes
Vorurteil zu bekmpfen und fr ein anderes zu sterben.

Als der dritte Prinz seines Hauses hatte er keine
wahrscheinliche Aussicht zur Regierung. Sein Ehrgeiz war nie erwacht,
seine Leidenschaften hatten eine andere Richtung genommen. Zufrieden,
von keinem fremden Willen abzuhngen, fhlte er keine
Versuchung, ber andere zu herrschen: die ruhige Freiheit
des Privatlebens und der Genu eines geistreichen Umgangs
begrenzten alle seine Wnsche. Er las viel, doch ohne Wahl;
eine vernachlssigte Erziehung und frhe Kriegsdienste
hatten seinen Geist nicht zur Reife kommen lassen. Alle Kenntnisse,
die er nachher schpfte, vermehrten nur die Verwirrung seiner
Begriffe, weil sie auf keinen festen Grund gebauet waren.

Er war Protestant, wie seine ganze Familie - durch
Geburt, nicht nach Untersuchung, die er nie angestellt hatte,
ob er gleich in einer Epoche seines Lebens religiser Schwrmer
gewesen war. Freimurer ist er, soviel ich wei, nie
geworden.

Eines Abends, als wir nach Gewohnheit in tiefer Maske
und abgesondert auf dem St. Markusplatz spazieren gingen - es
fing an, spt zu werden, und das Gedrnge hatte sich
verloren -, bemerkte der Prinz, da eine Maske uns berall
folgte. Die Maske war ein Armenier und ging allein. Wir beschleunigten
unsere Schritte und suchten sie durch ftere Vernderung
unseres Weges irre zu machen - umsonst, die Maske blieb immer
dicht hinter uns. "Sie haben doch keine Intrige hier gehabt?"
sagte endlich der Prinz zu mir. "Die Ehemnner in Venedig
sind gefhrlich." - "Ich stehe mit keiner einzigen
Dame in Verbindung," gab ich zur Antwort. - "Wir wollen
uns hier niedersetzen und deutsch sprechen," fuhr er fort.
"Ich bilde mir ein, man verkennt uns." Wir setzten uns
auf eine steinerne Bank und erwarteten, da die Maske vorbergehen
sollte. Sie kam gerade auf uns zu und nahm ihren Platz dicht an
der Seite des Prinzen. Er zog die Uhr heraus und sagte mir laut
auf franzsisch, indem er aufstand: "neun Uhr vorbei.
Kommen Sie. Wir vergessen, da man uns im Louvre
erwartet." Dies sagte er nur, um die Maske von unsrer Spur
zu entfernen. "Neun Uhr," wiederholte sie in
eben der Sprache nachdrcklich und langsam. "Wnschen
Sie sich Glck, Prinz" (indem sie ihn bei seinem wahren
Namen nannte). "Um neun Uhr ist er gestorben."
- Damit stand sie auf und ging.

Wir sahen uns bestrzt an. - "Wer ist gestorben?"
sagte endlich der Prinz nach einer langen Stille. - "Lassen
Sie uns ihr nachgehen," sagte ich, "und eine Erklrung
fordern." Wir durchkrochen alle Winkel des Markusplatzes
- die Maske war nicht mehr zu finden. Unbefriedigt kehrten wir
nach unserm Gasthof zurck. Der Prinz sagte mir unterwegs
nicht ein Wort, sondern ging seitwrts und allein und schien
einen gewaltsamen Kampf zu kmpfen, wie er mir auch nachher
gestanden hat.

Als wir zu Hause waren, ffnete er zum ersten
Male wieder den Mund. "Es ist doch lcherlich,"
sagte er, " da ein Wahnsinniger die Ruhe eines Mannes
mit zwei Worten erschttern soll." Wir wnschten
uns eine gute Nacht, und sobald ich auf meinem Zimmer war, merkte
ich mir in meiner Schreibtafel den Tag und die Stunde, wo es geschehen
war. Es war ein Donnerstag.

Am folgenden Abend sagte mir der Prinz: " Wollen
wir nicht einen Gang ber den Markusplatz machen und unsern
geheimnisvollen Armenier aufsuchen? Mich verlangt doch nach der
Entwickelung dieser Komdie." Ich war's zufrieden. Wir
blieben bis eilf Uhr auf dem Platze. Der Armenier war nirgends
zu sehen. Das nmliche wiederholten wir die vier folgenden
Abende, und mit keinem bessern Erfolge.

Als wir am sechsten Abend unser Hotel verlieen,
hatte ich den Einfall - ob unwillkrlich oder aus Absicht,
besinne ich mich nicht mehr -, den Bedienten zu hinterlassen,
wo wir zu finden sein wrden, wenn nach uns gefragt werden
sollte. Der Prinz bemerkte meine Vorsicht und lobte sie mit einer
lchelnden Miene. Es war ein groes Gedrnge auf
dem Markusplatz, als wir da ankamen. Wir hatten kaum dreiig
Schritte gemacht, so bemerkte ich den Armenier wieder, der sich
mit schnellen Schritten durch die Menge arbeitete und mit den
Augen jemand zu suchen schien. Eben waren wir im Begriff, ihn
zu erreichen, als der Baron von F** aus der Suite des Prinzen
atemlos auf uns zukam und dem Prinzen einen Brief berbrachte.
"Er ist schwarz gesiegelt," setzte er hinzu. "Wir
vermuteten, da es Eile htte." Das fiel auf mich
wie ein Donnerschlag. Der Prinz war zu einer Laterne getreten
und fing an zu lesen. "Mein Cousin ist gestorben," rief
er. "Wann?" fiel ich ihm heftig ins Wort. Er
sah noch einmal in den Brief. "Vorigen Donnerstag. Abends
um neun Uhr."

Wir hatten nicht Zeit, von unserm Erstaunen zurckzukommen,
so stand der Armenier unter uns. "Sie sind hier erkannt,
gndigster Herr," sagte er zu dem Prinzen. "Eilen
Sie nach dem Mohren. Sie werden die Abgeordneten des
Senats dort finden. Tragen Sie kein Bedenken, die Ehre anzunehmen,
die man Ihnen erweisen will. Der Baron von F** verga, Ihnen
zu sagen, da Ihre Wechsel angekommen sind." Er verlor
sich in dem Gedrnge.

Wir eilten nach unserm Hotel. Alles fand sich, wie
der Armenier es verkndet hatte. Drei Nobili der Republik
standen bereit, den Prinzen zu bewillkommen und ihn mit Pracht
nach der Assemblee zu begleiten, wo der hohe Adel der Stadt ihn
erwartete. Er hatte kaum so viel Zeit, mir durch einen flchtigen
Wink zu verstehen zu geben, da ich fr ihn wach bleiben
mchte.

Nachts gegen eilf Uhr kam er wieder. Ernst und gedankenvoll
trat er ins Zimmer und ergriff meine Hand, nachdem er die Bedienten
entlassen hatte. "Graf," sagte er mit den Worten Hamlets
zu mir, "es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als
wir in unsern Philosophien trumen."

"Gndigster Herr," antwortete ich,
"Sie scheinen zu vergessen, da Sie um eine groe
Hoffnung reicher zu Bette gehen." (Der Verstorbene war der
Erbprinz, der einzige Sohn des regierenden ***, der alt und krnklich
ohne Hoffnung eigner Succession war. Ein Oheim unsers Prinzen,
gleichfalls ohne Erben und ohne Aussicht, welche zu bekommen,
stand jetzt allein noch zwischen diesem und dem Throne. Ich erwhne
dieses Umstandes, weil in der Folge davon die Rede sein wird.)

"Erinnern Sie mich nicht daran," sagte
der Prinz. "Und wenn eine Krone fr mich wre gewonnen
worden, ich htte jetzt mehr zu tun, als dieser Kleinigkeit
nachzudenken. - - Wenn dieser Armenier nicht blo erraten
hat - -"

"Wie ist das mglich, Prinz?" fiel
ich ein. -

"So will ich Ihnen alle meine frstlichen
Hoffnungen fr eine Mnchskutte abtreten."

Den folgenden Abend fanden wir uns zeitiger als gewhnlich
auf dem Markusplatz ein. Ein pltzlicher Regengu ntigte
uns, in ein Kaffeehaus einzutreten, wo gespielt wurde. Der Prinz
stellte sich hinter den Stuhl eines Spaniers und beobachtete das
Spiel. Ich war in ein anstoendes Zimmer gegangen, wo ich
Zeitungen las. Eine Weile darauf hrte ich Lrmen. Vor
der Ankunft des Prinzen war der Spanier unaufhrlich im Verluste
gewesen, jetzt gewann er auf alle Karten. Das ganze Spiel war
auffallend verndert, und die Bank war in Gefahr, von dem
Pointeur(#Spieler#), den diese glckliche Wendung khner
gemacht hatte, aufgefordert zu werden. Der Venezianer, der sie
hielt, sagte dem Prinzen mit beleidigendem Ton - er stre
das Glck, und er solle den Tisch verlassen. Dieser sah ihn
kalt an und blieb; dieselbe Fassung behielt er, als der Venezianer
seine Beleidigung franzsisch wiederholte. Der Letztere glaubte,
da der Prinz beide Sprachen nicht verstehe, und wandte
sich mit verachtungsvollem Lachen zu den brigen: "Sagen
Sie mir doch, meine Herren, wie ich mich diesem Balordo(#Tlpel
(Figur der italienischen Komdie)#) verstndlich machen
soll?" Zugleich stand er auf und wollte den Prinzen beim
Arm ergreifen; diesen verlie hier die Geduld, er packte
den Venezianer mit starker Hand und warf in unsanft zu Boden.
Das ganze Haus kam in Bewegung. Auf das Gerusch strzte
ich herein, unwillkrlich rief ich ihn bei seinem Namen.
"Nehmen Sie sich in acht, Prinz," setzte ich mit Unbesonnenheit
hinzu, "wir sind in Venedig." Der Name des Prinzen gebot
eine allgemeine Stille, woraus bald ein Gemurmel wurde, das mir
gefhrlich schien. Alle anwesenden Italiener rotteten sich
zu Haufen und traten beiseite. Einer um den andern verlie
den Saal, bis wir uns beide mit dem Spanier und einigen Franzosen
allein fanden. "Sie sind verloren, gndigster Herr,"
sagten diese, "wenn Sie nicht sogleich die Stadt verlassen.
Der Venezianer, den Sie so bel behandelt haben, ist reich
und von Ansehen - es kostet ihm nur funfzig Zechinen, Sie aus
der Welt zu schaffen." Der Spanier bot sich an, zur Sicherheit
des Prinzen Wache zu holen und uns selbst nach Hause zu begleiten.
Dasselbe wollten auch die Franzosen. Wir standen noch und berlegten,
was zu tun wre, als die Tre sich ffnete und
einige Bedienten der Staatsinquisition hereintraten. Sie zeigten
uns eine Ordre der Regierung, worin uns beiden befohlen ward,
ihnen schleunig zu folgen. Unter einer starken Bedeckung fhrte
man uns bis zum Kanal. Hier erwartete uns eine Gondel, in die
wir uns setzen muten. Ehe wir ausstiegen, wurden uns die
Augen verbunden. Man fhrte uns eine groe steinerne
Treppe hinauf und dann durch einen langen gewundenen Gang ber
Gewlbe, wie ich aus dem vielfachen Echo schlo, das
unter unsern Fen hallte. Endlich gelangten wir vor
eine andere Treppe, welche uns sechsundzwanzig Stufen in die Tiefe
hinunterfhrte. Hier ffnete sich ein Saal, wo man uns
die Binde wieder von den Augen nahm. Wir befanden uns in einem
Kreise ehrwrdiger alter Mnner, alle schwarz gekleidet,
der ganze Saal mit schwarzen Tchern behangen und sparsam
erleuchtet, eine Totenstille in der ganzen Versammlung, welches
einen schreckhaften Eindruck machte. Einer von diesen Greisen,
vermutlich der oberste Staatsinquisitor, nherte sich dem
Prinzen und fragte ihn mit einer feierlichen Miene, whrend
man ihm den Venezianer vorfhrte:

"Erkennen Sie diesen Menschen fr den nmlichen,
der Sie auf dem Kaffeehause beleidigt hat?"

"Ja," antwortete der Prinz.

Darauf wandte jener sich zu dem Gefangenen: "Ist
das dieselbe Person, die Sie heute abend wollten ermorden lassen?"

Der Gefangene antwortete mit Ja.

Sogleich ffnete sich der Kreis, und mit Entsetzen
sahen wir den Kopf des Venezianers vom Rumpfe trennen. "Sind
Sie mit dieser Genugtuung zufrieden?" fragte der Staatsinquisitor.
- Der Prinz lag ohnmchtig in den Armen seiner Begleiter.
- "Gehen Sie nun," fuhr jener mit einer schrecklichen
Stimme fort, indem er sich gegen mich wandte, "und urteilen
Sie knftig weniger vorschnell von der Gerechtigkeit in Venedig."

Wer der verborgene Freund gewesen, der uns durch
den schnellen Arm der Justiz von einem gewissen Tode errettet
hatte, konnten wir nicht erraten. Starr von Schrecken erreichten
wir unsere Wohnung. Es war nach Mitternacht. Der Kammerjunker
von Z** erwartete uns mit Ungeduld an der Treppe.

"Wie gut war es, da Sie geschickt haben!"
sagte er zum Prinzen, indem er uns leuchtete. - "Eine Nachricht,
die der Baron von F** gleich nachher vom Markusplatze nach Hause
brachte, hatte uns wegen Ihrer in die tdlichste Angst gesetzt."

"Geschickt htte ich? Wann? Ich wei
nichts davon."

"Diesen Abend nach acht Uhr. Sie lieen
uns sagen, da wir ganz auer Sorgen sein drften,
wenn Sie heute spter nach Hause kmen."

Hier sah der Prinz mich an. "Haben Sie vielleicht
ohne mein Wissen diese Sorgfalt gebraucht?"

Ich wute von gar nichts.

"Es mu doch wohl so sein, Ihro Durchlaucht,"
sagte der Kammerjunker - "denn hier ist ja Ihre Repetieruhr,
die Sie zur Sicherheit mitschickten." Der Prinz griff nach
der Uhrtasche. Die Uhr war wirklich fort, und er erkannte jene
fr die seinige. "Wer brachte sie?" fragte er mit
Bestrzung.

"Eine unbekannte Maske, in armenischer Kleidung,
die sich sogleich wieder entfernte."

Wir standen und sahen uns an. - "Was halten
Sie davon?" sagte endlich der Prinz nach einem langen Stillschweigen.
"Ich habe hier einen verborgenen Aufseher in Venedig."










Der Geisterseher



























Der schreckliche Auftritt dieser Nacht hatte dem
Prinzen ein Fieber zugezogen, das ihn acht Tage ntigte,
das Zimmer zu hten. In dieser Zeit wimmelte unser Hotel
von Einheimischen und Fremden, die der entdeckte Stand des Prinzen
herbeigelockt hatte. Man wetteiferte untereinander, ihm Dienste
anzubieten, jeder suchte nach seiner Art, sich geltend zu machen.
Des ganzen Vorgangs in der Staatsinquisition wurde nicht mehr
erwhnt. Weil der Hof zu ** die Abreise des Prinzen noch
aufgeschoben wnschte, so erhielten einige Wechsler in Venedig
Anweisung, ihm betrchtliche Summen auszuzahlen. So ward
er wider Willen in den Stand gesetzt, seinen Aufenthalt in Italien
zu verlngern, und auf sein Bitten entschlo ich mich
auch, meine Abreise noch zu verschieben.

Sobald er soweit genesen war, um das Zimmer wieder
verlassen zu knnen, beredete ihn der Arzt, eine Spazierfahrt
auf der Brenta zu machen, um die Luft zu verndern. Das Wetter
war helle, und die Partie ward angenommen. Als wir eben in Begriff
waren, in die Gondel zu steigen, vermite der Prinz den
Schlssel zu einer kleinen Schatulle, die sehr wichtige Papiere
enthielt. Sogleich kehrten wir um, ihn zu suchen. Er besann sich
aufs genaueste, die Schatulle noch den vorigen Tag verschlossen
zu haben, und seit dieser Zeit war er nicht aus dem Zimmer gekommen.
Aber alles Suchen war umsonst, wir muten davon abstehen,
um die Zeit nicht zu verlieren. Der Prinz, dessen Seele ber
jeden Argwohn erhaben war, erklrte ihn fr verloren
und bat uns, nicht weiter davon zu sprechen.

Die Fahrt war die angenehmste. Eine malerische Landschaft,
die mit jeder Krmmung des Flusses sich an Reichtum und Schnheit
zu bertreffen schien - der heiterste Himmel, der mitten
im Hornung einen Maientag bildete - reizende Grten und geschmackvolle
Landhuser ohne Zahl, welche beide Ufer der Brenta schmcken
- hinter uns das majesttische Venedig, mit hundert aus dem
Wasser springenden Trmen und Masten, alles dies gab uns
das herrlichste Schauspiel von der Welt. Wir berlieen
uns ganz dem Zauber dieser schnen Natur, unsere Laune war
die heiterste, der Prinz selbst verlor seinen Ernst und wetteiferte
mit uns in frhlichen Scherzen. Eine lustige Musik schallte
uns entgegen, als wir einige italienische Meilen von der Stadt
ans Land stiegen. Sie kam aus einem kleinen Dorfe, wo eben Jahrmarkt
gehalten wurde; hier wimmelte es von Gesellschaft aller Art. Ein
Trupp junger Mdchen und Knaben, alle theatralisch gekleidet,
bewillkommte uns mit einem pantomimischen Tanz. Die Erfindung
war neu, Leichtigkeit und Grazie beseelten jede Bewegung. Eh'
der Tanz noch vllig zu Ende war, schien die Anfhrerin
desselben, welche eine Knigin vorstellte, pltzlich
wie von einem unsichtbaren Arme gehalten. Leblos stand sie und
alles. Die Musik schwieg. Kein Odem war zu hren in der ganzen
Versammlung, und sie stand da, den Blick auf die Erde geheftet,
in einer tiefen Erstarrung. Auf einmal fuhr sie mit der Wut der
Begeisterung in die Hhe, blickte wild um sich her - "Ein
Knig ist unter uns," rief sie, ri die Krone
vom Haupt und legte sie - zu den Fen des Prinzen.
Alles, was da war, richtete hier die Augen auf ihn, lange Zeit
ungewi, ob Bedeutung in diesem Gaukelspiel wre, so
sehr hatte der affektvolle Ernst dieser Spielerin getuscht.
- Ein allgemeines Hndeklatschen des Beifalls unterbrach
endlich diese Stille. Meine Augen suchten den Prinzen. Ich bemerkte,
da er nicht wenig betroffen war und sich Mhe gab,
den forschenden Blicken der Zuschauer auszuweichen. Er warf Geld
unter diese Kinder und eilte, aus dem Gewhle zu kommen.

Wir hatten nur wenige Schritte gemacht, als ein ehrwrdiger
Barfer sich durch das Volk arbeitete und dem Prinzen
in den Weg trat. "Herr," sagte der Mnch, "gib
der Madonna von deinem Reichtum, du wirst ihr Gebet brauchen."
Er sprach dies mit einem Tone, der uns betreten machte. Das Gedrnge
ri ihn weg.

Unser Gefolge war unterdessen gewachsen. Ein englischer
Lord, den der Prinz schon in Nizza gesehen hatte, einige Kaufleute
aus Livorno, ein deutscher Domherr, ein franzsischer Abb
mit einigen Damen und ein russischer Offizier gesellten sich zu
uns. Die Physiognomie des letzteren hatte etwas ganz Ungewhnliches,
das unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Nie in meinem Leben sah
ich so viele Zge und so wenig Charakter, so viel
anlockendes Wohlwollen mit so viel zurckstoendem
Frost in einem Menschengesichte beisammen wohnen. Alle
Leidenschaften schienen darin gewhlt und es wieder verlassen
zu haben. Nichts war brig als der stille, durchdringende
Blick eines vollendeten Menschenkenners, der jedes Auge verscheuchte,
worauf er traf. Dieser seltsame Mensch folgte uns von weitem,
schien aber an allem, was vorging, nur einen nachlssigen
Anteil zu nehmen.

Wir kamen vor einer Bude zu stehen, wo Lotterie gezogen
wurde. Die Damen setzten ein, wir andern folgten ihrem Beispiel;
auch der Prinz forderte ein Los. Es gewann eine Tabatiere. Als
er sie aufmachte, sah ich ihn bla zurckfahren. -
Der Schlssel lag darin.

"Was ist das?" sagte der Prinz zu mir,
als wir einen Augenblick allein waren. "Eine hhere
Gewalt verfolgt mich. Allwissenheit schwebt um mich. Ein unsichtbares
Wesen, dem ich nicht entfliehen kann, bewacht alle meine Schritte.
Ich mu den Armenier aufsuchen und mu Licht von ihm
haben."

Die Sonne neigte sich zum Untergang, als wir vor
dem Lusthause ankamen, wo das Abendessen serviert war. Der Name
des Prinzen hatte unsere Gesellschaft bis zu sechzehn Personen
vergrert. Auer den oben erwhnten waren
noch ein Virtuose aus Rom, einige Schweizer und ein Avantrier
aus Palermo, der Uniform trug und sich fr einen Kapitn
ausgab, zu uns gestoen. Es ward beschlossen, den ganzen
Abend hier zuzubringen und mit Fackeln nach Hause zu fahren. Die
Unterhaltung bei Tische war sehr lebhaft, und der Prinz konnte
nicht umhin, die Begebenheit mit dem Schlssel zu erzhlen,
welche eine allgemeine Verwunderung erregte. Es wurde heftig ber
diese Materie gestritten. Die meisten aus der Gesellschaft behaupteten
dreist weg, da alle diese geheimen Knste auf eine
Taschenspielerei hinausliefen; der Abb, der schon viel
Wein bei sich hatte, forderte das ganze Geisterreich in die Schranken
heraus; der Englnder sagte Blasphemien; der Musikus machte
das Kreuz vor dem Teufel. Wenige, worunter der Prinz war, hielten
dafr, da man sein Urteil ber diese Dinge zurckhalten
msse; whrend dessen unterhielt sich der russische
Offizier mit den Frauenzimmern und schien das ganze Gesprch
nicht zu achten. In der Hitze des Streits hatte man nicht bemerkt,
da der Sizilianer hinausgegangen war. Nach Verflu
einer kleinen halben Stunde kam er wieder, in einen Mantel gehllt,
und stellte sich hinter den Stuhl des Franzosen. "Sie haben
vorhin die Bravour geuert, es mit allen Geistern
aufzunehmen - wollen Sie es mit einem versuchen?"

"Topp!" sagte der Abb - "wenn
Sie es auf sich nehmen wollen, mir einen herbei zu schaffen."

"Das will ich," antwortete der Sizilianer
(indem er sich gegen uns kehrte), "wenn diese Herren und
Damen uns werden verlassen haben."

"Warum das?" rief der Englnder. "Ein
herzhafter Geist frchtet sich vor keiner lustigen Gesellschaft."

"Ich stehe nicht fr den Ausgang,"
sagte der Sizilianer.

"Um des Himmels willen! Nein!" schrien
die Frauenzimmer an dem Tische und fuhren erschrocken von ihren
Sthlen.

"Lassen Sie ihren Geist kommen," sagte
der Abb trotzig; "aber warnen Sie ihn vorher, da
es hier spitzige Klingen gibt" (indem er einen von den Gsten
um seinen Degen bat).

"Das mgen Sie alsdann halten, wie Sie
wollen," antwortete der Sizilianer kalt, "wenn Sie nachher
noch Lust dazu haben." Hier kehrte er sich zum Prinzen. "Gndigster
Herr," sagte er zu diesem, "Sie behaupten, da
Ihr Schlssel in fremden Hnden gewesen. - Knnen
Sie vermuten, in welchen?"

"Nein."

"Raten Sie auch auf niemand?"

"Ich hatte freilich einen Gedanken - -"

"Wrden Sie die Person erkennen, wenn Sie
sie vor sich shen?"

"Ohne Zweifel."

Hier schlug der Sizilianer seinen Mantel zurck
und zog einen Spiegel hervor, den er dem Prinzen vor die Augen
hielt.

"Ist es diese?"

Der Prinz trat mit Schrecken zurck.

"Was haben Sie gesehen?" fragte ich.

"Den Armenier."

Der Sizilianer verbarg seinen Spiegel wieder unter
dem Mantel. "War es dieselbe Person, die Sie meinen?"
fragte die ganze Gesellschaft den Prinzen.

"Die nmliche."

Hier vernderte sich jedes Gesicht, man hrte
auf zu lachen. Alle Augen hingen neugierig an dem Sizilianer.

"Monsieur l'Abb, das Ding wird ernsthaft,"
sagte der Englnder; "ich riet Ihnen, auf den Rckzug
zu denken."

"Der Kerl hat den Teufel im Leibe," schrie
der Franzose und lief aus dem Hause, die Frauenzimmer strzten
mit Geschrei aus dem Saal, der Virtuose folgte ihnen, der deutsche
Domherr schnarchte in einem Sessel, der Russe blieb wie bisher
gleichgltig sitzen.

"Sie wollten vielleicht nur einen Grosprecher
zum Gelchter machen," fing der Prinz wieder an, nachdem
jene hinaus waren - "oder htten Sie wohl Lust, uns
Wort zu halten?"

"Es ist wahr," sagte der Sizilianer. "Mit
dem Abb war es mein Ernst nicht, ich tat ihm den Antrag
nur, weil ich wohl wute, da die Memme mich nicht
beim Wort nehmen wrde. - Die Sache selbst ist brigens
zu ernsthaft, um blo einen Scherz damit auszufhren."

"Sie rumen also doch ein, da sie
in Ihrer Gewalt ist?"

Der Magier schwieg eine lange Zeit und schien den
Prinzen sorgfltig mit den Augen zu prfen.

"Ja," antwortete er endlich.

Die Neugierde des Prinzen war bereits auf den hchsten
Grad gespannt. Mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen, war
ehedem seine Lieblingsschwrmerei gewesen, und seit jener
ersten Erscheinung des Armeniers hatten sich alle Ideen wieder
bei ihm gemeldet, die seine reifere Vernunft so lange abgewiesen
hatte. Er ging mit dem Sizilianer beiseite, und ich hrte
ihn sehr angelegentlich mit ihm unterhandeln.

"Sie haben hier einen Mann vor sich," fuhr
er fort, "der von Ungeduld brennt, in dieser wichtigen Materie
es zu einer berzeugung zu bringen. Ich wrde denjenigen
als meinen Wohltter, als meinen ersten Freund umarmen, der
hier meine Zweifel zerstreute und die Decke von meinen Augen zge
- Wollen Sie sich dieses groe Verdienst um mich erwerben?"

"Was verlangen Sie von mir?" sagte der
Magier mit Bedenken.

"Vor jetzt nur eine Probe Ihrer Kunst. Lassen
Sie mich eine Erscheinung sehen."

"Wozu soll das fhren?"

"Dann mgen Sie aus meiner nhern
Bekanntschaft urteilen, ob ich eines hhern Unterrichts wert
bin."

"Ich schtze Sie ber alles, gndigster
Prinz. Eine geheime Gewalt in Ihrem Angesichte, die Sie selbst
noch nicht kennen, hat mich beim ersten Anblick an Sie gebunden.
Sie sind mchtiger, als Sie selbst wissen. Sie haben unumschrnkt
ber meine ganze Gewalt zu gebieten - aber -"

"Also lassen Sie mich eine Erscheinung sehen."

"Aber ich mu erst gewi sein, da
Sie diese Forderung nicht aus Neugierde an mich machen. Wenn gleich
die unsichtbaren Krfte mir einigermaen zu Willen
sind, so ist es unter der heiligen Bedingung, da ich die
heiligen Geheimnisse nicht profaniere, da ich meine Gewalt
nicht mibrauche."

"Meine Absichten sind die reinsten. Ich will
Wahrheit."

Hier verlieen sie ihren Platz und traten zu
einem entfernten Fenster, wo ich sie nicht weiter hren konnte.
Der Englnder, der diese Unterredung gleichfalls mit angehrt
hatte, zog mich auf die Seite.

"Ihr Prinz ist ein edler Mann. Ich beklage,
da er sich mit einem Betrger einlt."

"Es wird darauf ankommen," sagte ich, "wie
er sich aus dem Handel zieht."

"Wissen Sie was?" sagte der Englnder,
"jetzt macht der arme Teufel sich kostbar. Er wird seine
Kunst nicht auskramen, bis er Geld klingen hrt. Es sind
unser neune. Wir wollen eine Kollekte machen und ihn durch einen
hohen Preis in Versuchung fhren. Das bricht ihm den Hals
und ffnet Ihrem Prinzen die Augen."

"Ich bin's zufrieden."

Der Englnder warf sechs Guineen auf einen Teller
und sammelte in der Reihe herum. Jeder gab einige Louis; den Russen
besonders schien unser Vorschlag ungemein zu interessieren, er
legte eine Banknote von hundert Zechinen auf den Teller - eine
Verschwendung, ber welche der Englnder erstaunte.
Wir brachten die Kollekte dem Prinzen. "Haben Sie die Gte,"
sagte der Englnder, "bei diesem Herrn fr uns
frzusprechen, da er uns eine Probe seiner Kunst sehen
lasse und diesen kleinen Beweis unsrer Erkenntlichkeit annehme."
Der Prinz legte noch einen kostbaren Ring auf den Teller und reichte
ihn dem Sizilianer. Dieser bedachte sich einige Sekunden. - "Meine
Herren und Gnner," fing er darauf an, "diese Gromut
beschmt mich. - Es scheint, da Sie mich verkennen
- aber ich gebe Ihrem Verlangen nach. Ihr Wunsch soll erfllt
werden" (indem er eine Glocke zog). "Was dieses Gold
betrifft, worauf ich selber kein Recht habe, so werden Sie mir
erlauben, da ich es in dem nchsten Benediktinerkloster
fr milde Stiftungen niederlege. Diesen Ring behalte ich
als ein schtzbares Denkmal, das mich an den wrdigsten
Prinzen erinnern soll."











Der Geisterseher



























Hier kam der Wirt, dem er das Geld sogleich berlieferte.

"Und er ist dennoch ein Schurke," sagte
mir der Englnder ins Ohr. "Das Geld schlgt er
aus, weil ihm jetzt mehr an dem Prinzen gelegen ist."

"Oder der Wirt versteht seinen Auftrag,"
sagte ein anderer.

"Wen verlangen Sie?" fragte jetzt der Magier
den Prinzen.

Der Prinz besann sich einen Augenblick. - "Lieber
gleich einen groen Mann," rief der Lord. "Fordern
Sie den Papst Ganganelli(#Papst Clemens XIV.; er hob 1772 den
Jesuitenorden auf. Sein Tod 1774 erfolgte vermutlich durch Vergiftung#).
Dem Herrn wird das gleich wenig kosten."

Der Sizilianer bi sich in die Lippen - "Ich
darf keinen zitieren, der die Weihung empfangen hat."

"Das ist schlimm," sagte der Englnder.
"Vielleicht htten wir von ihm erfahren, an welcher
Krankheit er gestorben ist."

"Der Marquis von Lanoy," nahm der Prinz
jetzt das Wort, "war franzsischer Brigadier im vorigen
Kriege und mein vertrautester Freund. In der Battaille bei Hastinbeck
empfing er eine tdliche Wunde, man trug ihn nach meinem
Zelte, wo er bald darauf in meinen Armen starb. Als er schon mit
dem Tode rang, winkte er mich noch zu sich. ,Prinz,' fing er an,
,ich werde mein Vaterland nicht wiedersehen, erfahren Sie also
ein Geheimnis, wozu niemand als ich den Schlssel hat. In
einem Kloster auf der flandrischen Grenze lebt eine -' - hier
verschied er. Die Hand des Todes zertrennte den Faden seiner Rede;
ich mchte ihn hier haben und die Fortsetzung hren."

"Viel gefordert, bei Gott!" rief der Englnder.
"Ich erklre Sie fr einen zweiten Salomo, wenn
Sie diese Aufgabe lsen." -

Wir bewunderten die sinnreiche Wahl des Prinzen und
gaben ihr einstimmig unsern Beifall. Unterdessen ging der Magier
mit starken Schritten auf und nieder und schien unentschlossen
mit sich selbst zu kmpfen.

"Und das war alles, was der Sterbende Ihnen
zu hinterlassen hatte?"

"Alles."

"Taten Sie keine weiteren Nachfragen deswegen
in seinem Vaterlande?"

"Sie waren alle vergebens."

"Der Marquis von Lanoy hatte untadelhaft gelebt?
- Ich darf nicht jeden Toten rufen."

"Er starb mit Reue ber die Ausschweifungen
seiner Jugend."

"Tragen Sie irgend etwa ein Andenken von ihm
bei sich?"

"Ja." (Der Prinz fhrte wirklich eine
Tabatiere bei sich, worauf das Miniaturbild des Marquis in Emaille
war, und die er bei der Tafel neben sich hatte liegen gehabt.)

"Ich verlange es nicht zu wissen - - Lassen
Sie mich allein. Sie sollen den Verstorbenen sehen."

Wir wurden gebeten, uns solange in den andern Pavillon
zu begeben, bis er uns rufen wrde. Zugleich lie er
alle Meublen aus dem Saale rumen, die Fenster ausheben und
die Lden auf das genaueste verschlieen. Dem Wirt,
mit dem er schon vertraut zu sein schien, befahl er, ein Gef
mit glhenden Kohlen zu bringen und alle Feuer im Hause sorgfltig
mit Wasser zu lschen. Ehe wir weggingen, nahm er von jedem
insbesondere das Ehrenwort, ein ewiges Stillschweigen ber
das zu beobachten, was wir sehen und hren wrden. Hinter
uns wurden alle Zimmer auf diesem Pavillon verriegelt.

Es war nach eilf Uhr, und eine tiefe Stille herrschte
im ganzen Hause. Beim Hinausgehen fragte mich der Russe, ob wir
geladene Pistolen bei uns htten? - "Wozu?" sagte
ich. - "Es ist auf alle Flle," versetzte er. "Warten
Sie einen Augenblick, ich will mich danach umsehen." Er entfernte
sich. Der Baron von F** und ich ffneten ein Fenster, das
jenem Pavillon gegenber sah, und es kam uns vor, als hrten
wir zwei Menschen zusammen flstern und ein Gerusch,
als ob man eine Leiter anlegte. Doch war das nur eine Mutmaung,
und ich getraue mir nicht, sie fr wahr auszugeben. Der Russe
kam mit einem Paar Pistolen zurck, nachdem er eine halbe
Stunde ausgeblieben war. Wir sahen sie ihn scharf laden. Es war
beinahe zwei Uhr, als der Magier wieder erschien und uns ankndigte,
da es Zeit wre. Ehe wir hineintraten, ward uns befohlen,
die Schuhe auszuziehen und im bloen Hemde, Strmpfen
und Unterkleidern zu erscheinen. Hinter uns wurde, wie das erste
Mal, verriegelt.

Wir fanden, als wir in den Saal zurckkamen,
mit einer Kohle einen weiten Kreis beschrieben, der uns alle zehn
bequem fassen konnte. Rings herum an allen vier Wnden des
Zimmers waren die Dielen weggehoben, da wir gleichsam auf
einer Insel standen. Ein Altar, mit schwarzem Tuch behangen, stand
mitten im Kreis errichtet, unter welchen ein Teppich von rotem
Atlas gebreitet war. Eine chaldische Bibel lag bei einem
Totenkopf aufgeschlagen auf dem Altar, und ein silbernes Kruzifix
war darauf festgemacht. Statt der Kerzen brannte Spiritus in einer
silbernen Kapsel. Ein dicker Rauch von Olibanum(#Weihrauch#) verfinsterte
den Saal, davon das Licht beinahe erstickte. Der Beschwrer
war entkleidet wie wir, aber barfu; um den bloen
Hals trug er ein Amulett an einer Kette von Menschenhaaren, um
die Lenden hatte er eine weie Schrze geschlagen,
die mit geheimen Chiffern und symbolischen Figuren bezeichnet
war. Er hie uns einander die Hnde reichen und eine
tiefe Stille beobachten; vorzglich empfahl er uns, ja keine
Frage an die Erscheinung zu tun. Den Englnder und mich (gegen
uns beide schien er das meiste Mitrauen zu hegen) ersuchte
er, zwei bloe Degen unverrckt und kreuzweise, einen
Zoll hoch, ber seinem Scheitel zu halten, solange die Handlung
dauern wrde. Wir standen in einem halben Mond um ihn herum,
der russische Offizier drngte sich dicht an den Englnder
und stand zunchst an dem Altar. Das Gesicht gegen Morgen
gerichtet, stellte sich der Magier jetzt auf den Teppich, sprengte
Weihwasser nach allen vier Weltgegenden und neigte sich dreimal
gegen die Bibel. Eine halbe Viertelstunde dauerte die Beschwrung,
von welcher wir nichts verstanden; nach Endigung derselben gab
er denen, die zunchst hinter ihm standen, ein Zeichen, da
sie ihn jetzt fest bei den Haaren fassen sollten. Unter den heftigsten
Zuckungen rief er den Verstorbenen dreimal mit Namen, und das
dritte Mal streckte er nach dem Kruzifixe die Hand aus - -

Auf einmal empfanden wir alle zugleich einen Streich
wie vom Blitze, da unsere Hnde auseinanderflogen;
ein pltzlicher Donnerschlag erschtterte das Haus,
alle Schlsser klangen, alle Tren schlugen zusammen,
der Deckel an der Kapsel fiel zu, das Licht lschte aus,
und an der entgegenstehenden Wand ber dem Kamine zeigte
sich eine menschliche Figur, in blutigem Hemde, bleich und mit
dem Gesicht eines Sterbenden.

"Wer ruft mich?" sagte eine hohle, kaum
hrbare Stimme.

"Dein Freund," antwortete der Beschwrer,
"der dein Andenken ehret und fr deine Seele betet,"
zugleich nannte er den Namen des Prinzen.

Die Antworten erfolgten immer nach einem sehr groen
Zwischenraum.

"Was verlangt er?" fuhr die Stimme fort.

"Dein Bekenntnis will er zu Ende hren,
das du in dieser Welt angefangen und nicht beschlossen hast."

"In einem Kloster auf der flandrischen Grenze
lebt - - -"

Hier erzitterte das Haus von neuem. Die Tre
sprang freiwillig unter einem heftigen Donnerschlag auf, ein Blitz
erleuchtete das Zimmer, und eine andere krperliche
Gestalt, blutig und bla wie die erste, aber schrecklicher,
erschien an der Schwelle. Der Spiritus fing von selbst an zu brennen,
und der Saal wurde helle wie zuvor.

"Wer ist unter uns?" rief der Magier erschrocken
und warf einen Blick des Entsetzens durch die Versammlung - "Dich
habe ich nicht gewollt."

Die Gestalt ging mit majesttischem leisem Schritt
gerade auf den Altar zu, stellte sich auf den Teppich, uns gegenber,
und fate das Kruzifix. Die erste Figur sahen wir nicht
mehr.

"Wer ruft mich?"
sagte diese zweite Erscheinung. Der Magier fing an, heftig zu
zittern. Schrecken und Erstaunen hatten uns gefesselt. Ich griff
nach einer Pistole, der Magier ri sie mir aus der Hand
und drckte sie auf die Gestalt ab. Die Kugel rollte langsam
auf dem Altar, und die Gestalt trat unverndert aus dem Rauche.
Jetzt sank der Magier ohnmchtig nieder.

"Was wird das?" rief der Englnder
voll Erstaunen und wollte einen Streich mit dem Degen nach ihr
tun. Die Gestalt berhrte seinen Arm, und die Klinge fiel
zu Boden. Hier trat der Angstschwei auf meine Stirn. Baron
F** gestand nachher, da er gebetet habe. Diese ganze Zeit
ber stand der Prinz furchtlos und ruhig, die Augen starr
auf die Erscheinung gerichtet.

"Ja! Ich erkenne dich," rief er endlich
voll Rhrung aus, "du bist Lanoy, du bist mein Freund
- - Woher kommst du?"

"Die Ewigkeit ist stumm. Frage mich aus dem
vergangenen Leben."

"Wer lebt in dem Kloster, das du mir bezeichnet
hast?"

"Meine Tochter."

"Wie? Du bist Vater gewesen?"

"Weh mir, da ich es zu wenig war!"

"Bist du nicht glcklich, Lanoy?"

"Gott hat gerichtet."

"Kann ich dir auf dieser Welt noch einen Dienst
erzeigen?"

"Keinen, als an dich selbst zu denken."

"Wie mu ich das?"

"In Rom wirst du es erfahren."

Hier erfolgte ein neuer Donnerschlag - eine schwarze
Rauchwolke erfllte das Zimmer; als sie zerflossen war, fanden
wir keine Gestalt mehr. Ich stie einen Fensterladen auf.
Es war Morgen.

Jetzt kam auch der Magier aus seiner Betubung
zurck. "Wo sind wir?" rief er aus, als er Tageslicht
erblickte. Der russische Offizier stand dicht hinter ihm und sah
ihm ber die Schulter. "Taschenspieler,"
sagte er mit schrecklichem Blick zu ihm, "du wirst keinen
Geist mehr rufen."

Der Sizilianer drehte sich um, sah ihm genauer ins
Gesicht, tat einen lauten Schrei und strzte zu seinen Fen.

Jetzt sahen wir alle auf einmal den vermeintlichen
Russen an. Der Prinz erkannte in ihm ohne Mhe die Zge
seines Armeniers wieder, und das Wort, das er eben hervorstottern
wollte, erstarb auf seinem Munde. Schrecken und berraschung
hatten uns alle wie versteinert. Lautlos und unbeweglich starrten
wir dieses geheimnisvolle Wesen an, das uns mit einem Blicke stiller
Gewalt und Gre durchschaute. Eine Minute dauerte
dies Schweigen - und wieder eine. Kein Odem war in der ganzen
Versammlung.

Einige krftige Schlge an die Tr
brachten uns endlich wieder zu uns selbst. Die Tr fiel zertrmmert
in den Saal, und herein drangen Gerichtsdiener mit Wache. "Hier
finden wir sie ja beisammen!" rief der Anfhrer und
wandte sich zu seinen Begleitern. "Im Namen der Regierung!"
rief er uns zu. "Ich verhafte euch." Wir hatten nicht
so viel Zeit, uns zu besinnen; in wenig Augenblicken waren wir
umringt. Der russische Offizier, den ich jetzt wieder den Armenier
nenne, zog den Anfhrer der Hscher auf die Seite, und
so viel mir diese Verwirrung zulie, bemerkte ich, da
er ihm einige Worte heimlich ins Ohr sagte und etwas Schriftliches
vorzeigte. Sogleich verlie ihn der Hscher mit einer
stummen und ehrerbietigen Verbeugung, wandte sich darauf zu uns
und nahm seinen Hut ab. "Vergeben Sie, meine Herren,"
sagte er, "da ich Sie mit diesem Betrger vermengen
konnte. Ich will nicht fragen, wer Sie sind - aber dieser Herr
versichert mir, da ich Mnner von Ehre vor mir habe."
Zugleich winkte er seinen Begleitern, von uns abzulassen. Den
Sizilianer befahl er wohl zu bewachen und zu binden. "Der
Bursche da ist berreif," setzte er hinzu. "Wir
haben schon sieben Monate auf ihn gelauert."

Dieser elende Mensch war wirklich ein Gegenstand
des Jammers. Das doppelte Schrecken der zweiten Geistererscheinung
und dieses unerwarteten berfalls hatte seine Besinnungskraft
berwltigt. Er lie sich binden wie ein Kind;
die Augen lagen weit aufgesperrt und stier in einem totenhnlichen
Gesichte, und seine Lippen bebten in stillen Zuckungen, ohne einen
Laut auszustoen. Jeden Augenblick erwarteten wir einen
Ausbruch von Konvulsionen. Der Prinz fhlte Mitleid mit seinem
Zustand und unternahm es, seine Loslassung bei dem Gerichtsdiener
auszuwirken, dem er sich zu erkennen gab.

"Gndigster Herr," sagte dieser, "wissen
Sie auch, wer der Mensch ist, fr welchen Sie sich so gromtig
verwenden? Der Betrug, den er Ihnen zu spielen gedachte, ist sein
geringstes Verbrechen. Wir haben seine Helfershelfer. Sie sagen
abscheuliche Dinge von ihm aus. Er mag sich noch glcklich
preisen, wenn er mit der Galeere davonkommt."

Unterdessen sahen wir auch den Wirt nebst seinen
Hausgenossen mit Stricken gebunden ber den Hof fhren.
- "Auch dieser?" rief der Prinz. "Was hat denn
dieser verschuldet?" - "Er war sein Mitschuldiger und
Hehler," antwortete der Anfhrer der Hscher, "der
ihm zu seinen Taschenspielerstckchen und Diebereien behlflich
gewesen und seinen Raub mit ihm geteilt hat. Gleich sollen Sie
berzeugt sein, gndigster Herr" (indem er sich
zu seinen Begleitern kehrte). "Man durchsuche das ganze Haus
und bringe mir sogleich Nachricht, was man gefunden hat."

Jetzt sahe sich der Prinz nach dem Armenier um -
aber er war nicht mehr vorhanden; in der allgemeinen Verwirrung,
welche dieser berfall anrichtete, hatte er Mittel gefunden,
sich unbemerkt zu entfernen. Der Prinz war untrstlich; gleich
wollte er ihm alle seine Leute nachschicken; er selbst wollte
ihn aufsuchen und mich mit sich fortreien. Ich eilte ans
Fenster; das ganze Haus war von Neugierigen umringt, die das Gercht
dieser Begebenheit hergefhrt hatte. Unmglich war es,
durch das Gedrnge zu kommen. Ich stellte dem Prinzen dieses
vor: "Wenn es diesem Armenier ein Ernst ist, sich vor uns
zu verbergen, so wei er unfehlbar die Schliche besser als
wir, und alle unsere Nachforschungen werden vergebens sein. Lieber
lassen Sie uns noch hierbleiben, gndigster Prinz. Vielleicht
kann uns dieser Gerichtsdiener etwas Nheres von ihm sagen,
dem er sich, wenn ich anders recht gesehen habe, entdeckt hat."











Der Geisterseher



























Jetzt erinnerten wir uns, da wir noch ausgekleidet
waren. Wir eilten nach unserm Zimmer, uns in der Geschwindigkeit
in unsre Kleider zu werfen. Als wir zurckkamen, war die
Haussuchung geschehen.

Nachdem man den Altar weggerumt und die Dielen
des Saals aufgebrochen, entdeckte man ein gerumiges Gewlbe,
worin ein Mensch gemchlich aufrecht sitzen konnte, mit einer
Tre versehen, die durch eine schmale Treppe nach dem Keller
fhrte. In diesem Gewlbe fand man eine Elektrisiermaschine,
eine Uhr und eine kleine silberne Glocke, welche letztere, so
wie die Elektrisiermaschine, mit dem Altar und dem darauf befestigten
Kruzifixe Kommunikation hatte. Ein Fensterladen, der dem Kamine
gerade gegenber stand, war durchbrochen und mit einem Schieber
versehen, um, wie wir nachher erfuhren, eine magische Laterne
in seine ffnung einzupassen, aus welcher die verlangte Gestalt
auf die Wand ber dem Kamin gefallen war. Vom Dachboden und
aus dem Keller brachte man verschiedne Trommeln, woran groe
bleierne Kugeln an Schnren befestigt hingen, wahrscheinlich
um das Gerusche des Donners hervorzubringen, das wir gehrt
hatten. Als man die Kleider des Sizilianers durchsuchte, fand
man in einem Etui verschiedene Pulver, wie auch lebendigen Merkur(#Quecksilber#)
in Phiolen und Bchsen, Phosphorus in einer glsernen
Flasche, einen Ring, den wir gleich fr einen magnetischen
erkannten, weil er an einem sthlernen Knopfe hngen
blieb, dem er von ungefhr nahegebracht worden, in den Rocktaschen
ein Paternoster, einen Judenbart, Terzerole und einen Dolch. "La
doch sehen, ob sie geladen sind!" sagte einer von den Hschern,
indem er eines von den Terzerolen nahm und ins Kamin abscho.
"Jesus Maria!" rief eine hohle menschliche Stimme, eben
die, welche wir von der ersten Erscheinung gehrt hatten
- und in dem selben Augenblick sahen wir einen blutenden Krper
aus dem Schlot herunterstrzen. - "Noch nicht zur Ruhe,
armer Geist?" rief der Englnder, whrend da
wir andern mit Schrecken zurckfuhren. "Gehe heim zu
deinem Grabe. Du hast geschienen, was du nicht warst; jetzt wirst
du sein, was du schienest."

"Jesus Maria! Ich bin verwundet," wiederholte
der Mensch im Kamine. Die Kugel hatte ihm das rechte Bein zerschmettert.
Sogleich besorgte man, da die Wunde verbunden wurde.

"Aber wer bist du denn, und was fr ein
bser Dmon mu dich hieher fhren?"

"Ein armer Barfer," antwortete
der Verwundete. "Ein fremder Herr hier hat mir eine Zechine
geboten, da ich -"

"Eine Formel hersagen sollte? Und warum hast
du dich denn nicht gleich wieder davon gemacht?"

"Er wollte mir ein Zeichen geben, wenn ich fortfahren
sollte; aber das Zeichen blieb aus, und wie ich hinaussteigen
wollte, war die Leiter weggezogen."

"Und wie heit denn die Formel, die er
dir eingelernt hat?"

Der Mensch bekam hier eine Ohnmacht, da nichts
weiter aus ihm herauszubringen war. Als wir ihn nher betrachteten,
erkannten wir ihn fr denselben, der sich dem Prinzen den
Abend vorher in den Weg gestellt und ihn so feierlich angeredet
hatte.

Unterdessen hatte sich der Prinz zu dem Anfhrer
der Hscher gewendet.

"Sie haben uns," sagte er, indem er ihm
zugleich einige Goldstcke in die Hand drckte, "Sie
haben uns aus den Hnden eines Betrgers gerettet und
uns, ohne uns noch zu kennen, Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Wollen Sie nun unsere Verbindlichkeit vollkommen machen und uns
entdecken, wer der Unbekannte war, dem es nur ein paar Worte kostete,
uns in Freiheit zu setzen?"

"Wen meinen Sie?" fragte der Anfhrer
der Hscher mit einer Miene, die deutlich zeigte, wie unntig
diese Frage war.

"Den Herrn in russischer Uniform meine ich,
der Sie vorhin beiseite zog, Ihnen etwas Schriftliches vorwies
und einige Worte ins Ohr sagte, worauf Sie uns sogleich wieder
losgaben."

"Sie kennen diesen Herrn also nicht?" fragte
der Hscher wieder. "Er war nicht von Ihrer Gesellschaft?"

"Nein," sagte der Prinz - "und aus
sehr wichtigen Ursachen wnschte ich, nher mit ihm
bekannt zu werden."

"Nher," antwortete der Hscher,
"kenn' ich ihn auch nicht. Sein Name selbst ist mir unbekannt,
und heute hab' ich ihn zum ersten Mal in meinem Leben gesehen."

"Wie? und in so kurzer Zeit, durch ein paar
Worte konnte er so viel ber Sie vermgen, da
Sie ihn selbst und uns alle fr unschuldig erklrten?"

"Allerdings durch ein einziges Wort."

"Und dieses war? - Ich gestehe, da ich
es wissen mchte."

"Dieser Unbekannte, gndigster Herr"
- indem er die Zechinen in seiner Hand wog - "Sie sind zu
gromtig gegen mich gewesen, um Ihnen lnger
ein Geheimnis daraus zu machen - dieser Unbekannte war - ein Offizier
der Staatsinquisition."

"Der Staatsinqusition! - Dieser! -"

"Nicht anders, gndigster Herr - und davon
berzeugte mich das Papier, welches er mir vorzeigte."

"Dieser Mensch, sagten Sie? Es ist nicht mglich."

"Ich will ihnen noch mehr sagen, gndigster
Herr. Eben dieser war es, auf dessen Denunziation ich hieher geschickt
worden bin, den Geisterbeschwrer zu verhaften."

Wir sahen uns mit noch grerm Erstaunen
an.

"Da htten wir es ja heraus," rief
endlich der Englnder, "warum der arme Teufel von Beschwrer
so erschrocken zusammenfuhr, als er ihm nher ins Gesicht
sah. Er erkannte ihn fr einen Spion, und darum tat er jenen
Schrei und strzte zu seinen Fen."

"Nimmermehr," rief der Prinz. "Dieser
Mensch ist alles, was er sein will, und alles, was der Augenblick
will, da er sein soll. Was er wirklich ist, hat noch kein
Sterblicher erfahren. Sahen Sie den Sizilianer zusammensinken,
als er ihm die Worte ins Ohr schrie: ,Du wirst keinen Geist
mehr rufen!' Dahinter ist mehr. Da man vor etwas Menschlichem
so zu erschrecken pflegt, soll mich niemand berreden."

"Darber wird uns der Magier selbst wohl
am besten zurechtweisen knnen," sagte der Lord, "wenn
uns dieser Herr" (sich zu dem Anfhrer der Gerichtsdiener
wendend) "Gelegenheit verschaffen will, seinen Gefangenen
zu sprechen."

Der Anfhrer der Hscher versprach es uns,
und wir redeten mit dem Englnder ab, da wir ihn gleich
den andern Morgen aufsuchen wollten. Jetzt begaben wir uns nach
Venedig zurck.

Mit dem frhesten Morgen war Lord Seymour da
(dies war der Name des Englnders), und bald nachher erschien
eine vertraute Person, die der Gerichtsdiener abgeschickt hatte,
uns nach dem Gefngnis zu fhren. Ich habe vergessen
zu erzhlen, da der Prinz schon seit etlichen Tagen
einen seiner Jger vermite, einen Bremer von Geburt,
der ihm viele Jahre redlich gedient und sein ganzes Vertrauen
besessen hatte. Ob er verunglckt oder gestohlen oder auch
entlaufen war, wute niemand. Zu dem letzteren war gar kein
wahrscheinlicher Grund vorhanden, weil er jederzeit ein stiller
und ordentlicher Mensch gewesen und nie ein Tadel an ihm gefunden
war. Alles, worauf seine Kameraden sich besinnen konnten, war,
da er in der letzten Zeit sehr schwermtig gewesen
und, wo er nur einen Augenblick erhaschen konnte, ein gewisses
Minoritenkloster in der Giudecca(#Sdinsel von Venedig#)
besucht habe, wo er auch mit einigen Brdern fters
Umgang gepflegt. Dies brachte uns auf die Vermutung, da
er vielleicht in die Hnde der Mnche geraten sein mchte
und sich katholisch gemacht htte; und weil der Prinz ber
diesen Artikel damals noch sehr gleichgltig dachte, so lie
er's nach einigen fruchtlosen Nachforschungen dabei bewenden.
Doch schmerzte ihn der Verlust dieses Menschen, der ihm auf seinen
Feldzgen immer zur Seite gewesen, immer treu an ihm gehangen
und in einem fremden Lande so leicht nicht wieder zu ersetzten
war. Heute nun, als wir eben im Begriff standen auszugehen, lie
sich der Bankier des Prinzen melden, an den der Auftrag ergangen
war, fr einen neuen Bedienten zu sorgen. Dieser stellte
dem Prinzen einen gutgebildeten und wohlgekleideten Menschen in
mittleren Jahren vor, der lange Zeit in Diensten eines Prokurators
als Sekretr gestanden, Franzsisch und auch etwas Deutsch
sprach, brigens mit den besten Zeugnissen versehen war.
Seine Physiognomie gefiel, und da er sich brigens erklrte,
da sein Gehalt von der Zufriedenheit des Prinzen mit seinen
Diensten abhngen sollte, so lie er ihn ohne Verzug
eintreten.

Wir fanden den Sizilianer in einem Privatgefngnis,
wohin er, dem Prinzen zu Gefallen, wie der Gerichtsdiener sagte,
einstweilen gebracht worden war, ehe er unter die Bleidcher
gesetzt wurde, zu denen kein Zugang mehr offen steht. Die Bleidcher
sind das frchterlichste Gefngnis in Venedig, unter
dem Dach des St. Markuspalastes, worin die unglcklichen
Verbrecher von der drrenden Sonnenhitze, die sich auf der
Bleiflche sammelt, oft bis zum Wahnwitze leiden. Der Sizilianer
hatte sich von dem gestrigen Zufalle wieder erholt und stand ehrerbietig
auf, als er den Prinzen ansichtig wurde. Ein Bein und eine Hand
waren gefesselt, sonst aber konnte er frei durch das Zimmer gehen.
Bei unserm Eintritt entfernte sich die Wache vor die Tre.

"Ich komme," sagte der Prinz, nachdem wir
Platz genommen hatten, "ber zwei Punkte Erklrung
von Ihnen zu verlangen. Die eine sind Sie mir schuldig, und es
wird Ihr Schade nicht sein, wenn Sie mich ber den andern
befriedigen."

"Meine Rolle ist ausgespielt," versetzte
der Sizilianer. "Mein Schicksal steht in Ihren Hnden."

"Ihre Aufrichtigkeit allein," versetzte
der Prinz, "kann es erleichtern."

"Fragen Sie, gndigster Herr. Ich bin bereit
zu antworten, denn ich habe nichts mehr zu verlieren."

"Sie haben mich das Gesicht des Armeniers in
Ihrem Spiegel sehen lassen. Wodurch bewirkten Sie dieses?"

"Es war kein Spiegel, was Sie gesehen haben.
Ein bloes Pastellgemlde hinter einem Glas, das einen
Mann in armenischer Kleidung vorstellte, hat Sie getuscht.
Meine Geschwindigkeit, die Dmmerung, Ihr Erstaunen untersttzten
diesen Betrug. Das Bild wird sich unter den brigen Sachen
finden, die man in dem Gasthof in Beschlag genommen hat."

"Aber wie konnten Sie meine Gedanken so gut
wissen und gerade auf den Armenier raten?"

"Dieses war gar nicht schwer, gndigster
Herr. Ohne Zweifel haben Sie sich bei Tische in Gegenwart Ihrer
Bedienten ber die Begebenheit fters herausgelassen,
die sich zwischen Ihnen und diesem Armenier ereignet hat. Einer
von meinen Leuten machte mit einem Jger, der in Ihren Diensten
steht, zuflligerweise in der Giudecca Bekanntschaft, aus
welchem er nach und nach so viel zu ziehen wute, als mir
zu wissen ntig war."

"Wo ist dieser Jger?" fragte der
Prinz. "Ich vermisse ihn, und ganz gewi wissen Sie
um seine Entweichung."

"Ich schwre Ihnen, da ich nicht
das geringste davon wei, gndigster Herr. Ich selbst
hab' ihn nie gesehen und nie eine andre Absicht mit ihm gehabt
als die eben gemeldete."

"Fahren Sie fort," sagte der Prinz.

"Auf diesem Wege nun erhielt ich berhaupt
auch die erste Nachricht von Ihrem Aufenthalt und Ihren Begebenheiten
in Venedig, und sogleich entschlo ich mich, sie zu ntzen.
Sie sehen, gndigster Herr, da ich aufrichtig bin.
Ich wute von Ihrer vorhabenden Spazierfahrt auf der Brenta;
ich hatte mich darauf versehen, und ein Schlssel, der Ihnen
von ungefhr entfiel, gab mir die erste Gelegenheit, meine
Kunst an Ihnen zu versuchen."

"Wie? So htte ich mich also geirret? Das
Stckchen mit dem Schlssel war Ihr Werk, und nicht
des Armeniers? Der Schlssel, sagen Sie, wre mir entfallen?"

"Als Sie die Brse zogen - und ich nahm
den Augenblick wahr, da mich niemand beobachtete, ihn schnell
mit dem Fue zu verdecken. Die Person, bei der Sie die Lotterielose
nahmen, war im Verstndnis mit mir. Sie lie Sie aus
einem Gefe ziehen, wo keine Niete zu holen war, und
der Schlssel lag lngst in der Dose, eh' sie von Ihnen
gewonnen wurde."

"Nunmehr begreif' ich's. Und der Barfermnch,
der sich mir in den Weg warf und mich so feierlich anredete?"

"War der nmliche, den man, wie ich hre,
verwundet aus dem Kamine gezogen. Er ist einer von meinen Kameraden,
der mir unter dieser Verhllung schon manche guten Dienste
geleistet."

"Aber zu welchem Ende stellten Sie dieses an?"

"Um Sie nachdenkend zu machen - um einen Gemtszustand
in Ihnen vorzubereiten, der Sie fr das Wunderbare, das ich
mit Ihnen im Sinne hatte, empfnglich machen sollte."

"Aber der pantomimische Tanz, der eine so berraschende
seltsame Wendung nahm - dieser war doch wenigstens nicht von Ihrer
Erfindung?"

"Das Mdchen, welches die Knigin
vorstellte, war von mir unterrichtet und ihre ganze Rolle mein
Werk. Ich vermutete, da es Eure Durchlaucht nicht wenig
befremden wrde, an diesem Orte gekannt zu sein, und, verzeihen
Sie mir, gndigster Herr, das Abenteuer mit dem Armenier
lie mich hoffen, da Sie bereits schon geneigt sein
wrden, natrliche Auslegungen zu verschmhen und
nach hheren Quellen des Auerordentlichen zu spren."

"In der Tat," rief der Prinz mit einer
Miene zugleich des Verdrusses und der Verwunderung, indem er mir
besonders einen bedeutenden Blick gab, "in der Tat,"
rief er aus, "das habe ich nicht erwartet."











Der Geisterseher



























"Aber," fuhr er nach einem langen Stillschweigen
wieder fort, "wie brachten Sie die Gestalt hervor, die an
der Wand ber dem Kamin erschien?"

"Durch die Zauberlaterne, welche an dem gegenberstehenden
Fensterladen angebracht war, wo Sie auch die ffnung dazu
bemerkt haben werden."

"Aber wie kam es denn, da kein einziger
unter uns sie gewahr wurde?" fragte Lord Seymour.

"Sie erinnern sich, gndiger Herr, da
ein dicker Rauch den ganzen Saal verfinsterte, als Sie zurckgekommen
waren. Zugleich hatte ich die Vorsicht gebraucht, die Dielen,
welche man weggehoben, neben demjenigen Fenster anlehnen zu lassen,
wo die Laterna magica eingefgt war; dadurch verhinderte
ich, da Ihnen dieser Fensterladen nicht sogleich ins Gesicht
fiel. brigens blieb die Laterne auch so lange durch einen
Schieber verdeckt, bis Sie alle Ihre Pltze genommen hatten
und keine Untersuchung im Zimmer mehr von Ihnen zu frchten
war."

"Mir kam es vor," fiel ich ein, "als
hrte ich in der Nhe des Saals eine Leiter anlegen,
als ich in dem andern Pavillon aus dem Fenster sah. War dem wirklich
so?"

"Ganz recht. Eben diese Leiter, auf welcher
mein Gehlfe zu dem bewuten Fenster emporkletterte,
um die Zauberlaterne zu dirigieren."

"Die Gestalt," fuhr der Prinz fort, "schien
wirklich eine flchtige hnlichkeit mit meinem verstorbenen
Freunde zu haben; besonders traf es ein, da sie sehr blond
war. War dieses bloer Zufall, oder woher schpften
Sie dieselbe?"

"Eure Durchlaucht erinnern sich, da Sie
ber Tische eine Dose neben sich hatten liegen gehabt, auf
welcher das Portrt eines Offiziers in **scher Uniform in
Emaille war. Ich fragte Sie, ob Sie von Ihrem Freunde nicht irgendein
Andenken bei sich fhrten? worauf Sie mit Ja antworteten;
daraus schlo ich, da es vielleicht die Dose sein
mchte. Ich hatte das Bild ber Tische gut ins Auge
gefat, und weil ich im Zeichnen sehr gebt, auch im
Treffen sehr glcklich bin, so war es mir ein leichtes, dem
Bilde diese flchtige hnlichkeit zu geben, die Sie
wahrgenommen haben; und um so mehr, da die Gesichtszge des
Marquis sehr ins Auge fallen."

"Aber die Gestalt schien sich doch zu bewegen.
-"

"So schien es - aber es war nicht die Gestalt,
sondern der Rauch, der von ihrem Scheine beleuchtet war."

"Und der Mensch, welcher aus dem Schlot herabstrzte,
antwortete also fr die Erscheinung?"

"Eben dieser."

"Aber er konnte ja die Fragen nicht wohl hren."

"Dieses brauchte er auch nicht. Sie besinnen
sich, gndigster Prinz, da ich Ihnen allen aufs strengste
verbot, selbst eine Frage an das Gespenst zu richten. Was ich
ihn fragen wrde und er mir antworten sollte, war abgeredet;
und damit ja kein Versehen vorfiele, lie ich ihn groe
Pausen beobachten, die er an den Schlgen einer Uhr abzhlen
mute."

"Sie gaben dem Wirte Befehl, alle Feuer im Hause
sorgfltig mit Wasser lschen zu lassen; dies geschah
ohne Zweifel -"

"Um meinem Mann im Kamine auer Gefahr
des Erstickens zu setzen, weil die Schornsteine im Hause ineinander
laufen und ich vor Ihrer Suite nicht ganz sicher zu sein glaubte."

"Wie kam es aber," fragte Lord Seymour,
"da Ihr Geist weder frher noch spter da
war, als Sie ihn brauchten?"

"Mein Geist war schon eine gute Weile im Zimmer,
ehe ich ihn zitierte; aber solange der Spiritus brannte, konnte
man diesen matten Schein nicht sehen. Als meine Beschwrungsformel
geendiget war, lie ich das Gef, worin der
Spiritus flammte, zusammenfallen, es wurde Nacht im Saal, und
jetzt erst wurde man die Figur an der Wand gewahr, die sich schon
lngst darauf reflektiert hatte."

"Aber in eben dem Moment, als der Geist erschien,
empfanden wir alle einen elektrischen Schlag. Wie bewirkten Sie
diesen?"

"Die Maschine unter dem Altar haben Sie entdeckt.
Sie sahen auch, da ich auf einem seidnen Futeppich
stand. Ich lie Sie in einem halben Mond um mich herumstehen
und einander die Hnde reichen; als es nahe dabei war, winkte
ich einem von Ihnen, mich bei den Haaren zu fassen. Das Kruzifix
war der Konduktor, und Sie empfingen den Schlag, als ich es mit
der Hand berhrte."

"Sie befahlen uns, dem Grafen von O** und mir,"
sagte Lord Seymour, "zwei bloe Degen kreuzweise ber
Ihrem Scheitel zu halten, solange die Beschwrung dauern
wrde. Wozu nun dieses?"

"Zu nichts weiter, als um Sie beide, denen ich
am wenigsten traute, whrend des ganzen Aktus zu beschftigen.
Sie erinnern sich, da ich Ihnen ausdrcklich einen
Zoll hoch bestimmte; dadurch, da Sie diese Entfernung immer
in acht nehmen muten, waren Sie verhindert, Ihre Blicke
dahin zu richten, wo ich sie nicht gerne haben wollte.  Meinen
schlimmsten Feind hatte ich damals noch gar nicht ins Auge gefat."

"Ich gestehe," rief Lord Seymour, "da
dies vorsichtig gehandelt heit - aber warum muten
wir ausgekleidet sein?"

"Blo um der Handlung eine Feierlichkeit
mehr zu geben und durch das Ungewhnliche Ihre Einbildungskraft
zu spannen."

"Die zweite Erscheinung lie Ihren Geist
nicht zum Worte kommen," sagte der Prinz. "Was htten
wir eigentlich von ihm erfahren sollen?"

"Beinahe dasselbe, was Sie nachher gehrt
haben. Ich fragte Eure Durchlaucht nicht ohne Absicht, ob Sie
mir auch alles gesagt, was Ihnen der Sterbende aufgetragen, und
ob Sie keine weitern Nachfragen wegen seiner in seinem Vaterlande
getan; dieses fand ich ntig, um nicht gegen Tatsachen anzustoen,
die der Aussage meines Geistes htten widersprechen knnen.
Ich fragte gewisser Jugendsnden wegen, ob der Verstorbene
untadelhaft gelebt, und auf die Antwort grndete ich alsdann
meine Erfindung."

"ber diese Sache," fing der Prinz
nach einigem Stillschweigen an, "haben Sie mir einen befriedigenden
Aufschlu gegeben. Aber ein Hauptumstand ist noch zurck,
worber ich Licht von Ihnen verlange."

"Wenn es in meiner Gewalt steht, und -"

"Keine Bedingungen! Die Gerechtigkeit, in deren
Hnden Sie sind, drfte so bescheiden nicht fragen.
Wer war dieser Unbekannte, vor dem wir Sie niederstrzen
sahen? Was wissen Sie von ihm? Woher kennen Sie ihn? Und was hat
es fr eine Bewandtnis mit dieser zweiten Erscheinung?"

"Gndigster Prinz -"

"Als Sie ihm nher ins Gesicht sahen, stieen
Sie einen lauten Schrei aus und strzten nieder. Warum das?
Was bedeutete das?"

"Dieser Unbekannte, gndigster Prinz -"
Er hielt inne, wurde sichtbarlich unruhiger und sah uns alle in
der Reihe herum mit verlegenen Blicken an. - "Ja, bei Gott,
gndigster Prinz, dieser Unbekannte ist ein schreckliches
Wesen."

"Was wissen Sie von ihm? Wie steht er mit Ihnen
in Verbindung? - Hoffen Sie nicht, uns die Wahrheit zu verhehlen."
-

"Dafr werd' ich mich wohl hten -
denn wer steht mir dafr, da er nicht in diesem Augenblick
unter uns stehet?"

"Wo? Wer?" riefen wir alle zugleich und
schauten uns halb lachend, halb bestrzt im Zimmer um. -
"Das ist ja nicht mglich."

"Oh! diesem Menschen - oder wer er sein mag
- sind Dinge mglich, die noch weit weniger zu begreifen
sind."

"Aber wer ist er denn? Woher stammt er? Armenier
oder Russe? Was ist das Wahre an dem, wofr er sich ausgibt?"

"Keines von allem, was er scheint. Es wird wenige
Stnde, Charaktere und Nationen geben, davon er nicht schon
die Maske getragen. Wer er sei? Woher er gekommen? Wohin er gehe?
wei niemand. Da er lang in gypten gewesen,
wie viele behaupten, und dort aus einer Pyramide seine verborgene
Weisheit geholt habe, will ich weder bejahen noch verneinen. Bei
uns kennt man ihn nur unter dem Namen des Unergrndlichen.
Wie alt, zum Beispiel, schtzen Sie ihn?"

"Nach dem uern Anschein zu urteilen,
kann er kaum vierzig zurckgelegt haben."

"Und wie alt denken Sie, da ich sei?"

"Nicht weit von funfzig."

"Ganz recht - und wenn ich Ihnen nun sage, da
ich ein Bursche von siebenzehn Jahren war, als mir mein Grovater
von diesem Wundermann erzhlte, der ihn ungefhr in
eben dem Alter, worin er jetzt zu sein scheint, in Famagusta(#Hauptstadt
von Zypern; war zeitweise Sitz des Johanniter- und Templerordens.#)
gesehen hat -"

"Das ist lcherlich, unglaublich und bertrieben."

"Nicht um einen Zug. Hielten mich diese Fesseln
nicht ab, ich wollte Ihnen Brgen stellen, deren ehrwrdiges
Ansehen Ihnen keinen Zweifel mehr brig lassen wrde.
Es gibt glaubwrdige Leute, die sich erinnern, ihn in verschiedenen
Weltgegenden zur gleichen Zeit gesehen zu haben. Keines Degens
Spitze kann ihn durchbohren, kein Gift kann ihm etwas anhaben,
kein Feuer sengt ihn, kein Schiff geht unter, worauf er sich befindet.
Die Zeit selbst scheint an ihm ihre Macht zu verlieren, die Jahre
trocknen seine Sfte nicht aus, und das Alter kann seine
Haare nicht bleichen. Niemand ist, der ihn Speise nehmen sah,
nie ist ein Weib von ihm berhrt worden, kein Schlaf besucht
seine Augen; von allen Stunden des Tages wei man nur eine
einzige, ber die er nicht Herr ist, in welcher niemand ihn
gesehen, in welcher er kein irdisches Geschft verrichtet
hat."

"So?" sagte der Prinz. "Und was ist
dies fr eine Stunde?"

"Die zwlfte in der Nacht. Sobald die Glocke
den zwlften Schlag tut, gehrt er den Lebendigen nicht
mehr. Wo er auch sein mag, er mu fort, welches Geschft
er auch verrichtet, er mu es abbrechen. Dieser schreckliche
Glockenschlag reit ihn aus den Armen der Freundschaft,
reit ihn selbst vom Altar und wrde ihn auch aus dem
Todeskampf rufen. Niemand wei, wo er dann hingehet, noch
was er da verrichtet. Niemand wagt es, ihn darum zu befragen,
noch weniger, ihm zu folgen; denn seine Gesichtszge ziehen
sich auf einmal, sobald diese gefrchtete Stunde schlgt,
in einen so finstern und schreckhaften Ernst zusammen, da
jedem der Mut entfllt, ihm ins Gesicht zu blicken oder ihn
anzureden. Eine tiefe Todesstille endigt dann pltzlich das
lebhafteste Gesprch, und alle, die um ihn sind, erwarten
mit ehrerbietigem Schaudern seine Wiederkunft, ohne es nur zu
wagen, sich von der Stelle zu heben oder die Tre zu ffnen,
durch die er gegangen ist."

"Aber," fragte einer von uns, "bemerkt
man nichts Auerordentliches an ihm bei seiner Zurckkunft?"

"Nichts, als das er bleich und abgemattet aussieht,
ungefhr wie ein Mensch, der eine schmerzhafte Operation
ausgestanden, oder eine schreckliche Zeitung erhlt. Einige
wollen Blutstropfen auf seinem Hemde gesehen haben; dieses aber
lasse ich dahingestellt sein."

"Und man hat es zum wenigsten nie versucht,
ihm diese Stunde zu verbergen, oder ihn so in Zerstreuung zu verwickeln,
da er sie bersehen mute?"

"Ein einziges Mal, sagt man, berschritt
er den Termin. Die Gesellschaft war zahlreich, man versptete
sich bis tief in die Nacht, alle Uhren waren mit Flei falsch
gerichtet, und das Feuer der Unterredung ri ihn dahin.
Als die gesetzte Stunde da war, verstummte er pltzlich und
wurde starr, alle seine Gliedmaen verharrten in der selben
Richtung, worin dieser Zufall sie berraschte, seine Augen
standen, sein Puls schlug nicht mehr, alle Mittel, die man anwendete,
ihn wieder zu erwecken, waren fruchtlos; und dieser Zustand hielt
an, bis die Stunde verstrichen war. Dann belebte er sich pltzlich
von selbst wieder, schlug die Augen auf und fuhr in der nmlichen
Silbe fort, worin er war unterbrochen worden. Die allgemeine Bestrzung
verriet ihm, was geschehen war, und da erklrte er mit einem
frchterlichen Ernst, da man sich glcklich preisen
drfte, mit dem bloen Schrecken davongekommen zu sein.
Aber die Stadt, worin ihm dieses begegnet war, verlie er
noch an demselben Abend auf immer. Der allgemeine Glaube ist,
da er in dieser geheimnisvollen Stunde Unterredungen mit
seinem Genius halte. Einige meinen gar, er sei ein Verstorbener,
dem es verstattet sei, dreiundzwanzig Stunden vom Tage unter den
Lebenden zu wandeln; in der letzten aber msse seine Seele
zur Unterwelt heimkehren, um dort ihr Gericht auszuhalten. Viele
halten ihn auch fr den berhmten Apollonius(#Neupythagoreer;
lebte zur Zeit Neros und wurde von der Nachwelt zum Propheten
und Magier erhoben.#) von Tyana, und andre gar fr den Jnger
Johannes, von dem es heit, da er bleiben wrde
bis zum letzten Gericht."

"ber einen so auerordentlichen
Mann," sagte der Prinz, "kann es freilich nicht an abenteuerlichen
Mutmaungen fehlen. Alles Bisherige haben Sie blo
von Hrensagen; und doch schien mir sein Benehmen gegen Sie
und das Ihrige gegen ihn auf eine genauere Bekanntschaft zu deuten.
Liegt hier nicht irgendeine besondere Geschichte zum Grunde, bei
der Sie selbst mit verwickelt gewesen? Verhehlen Sie uns nichts."

Der Sizilianer sah uns mit einem zweifelhaften Blick
an und schwieg.

"Wenn es eine Sache betrifft," fuhr der
Prinz fort, "die Sie nicht gerne laut machen wollen, so versichre
ich Sie im Namen dieser beiden Herrn der unverbrchlichsten
Verschwiegenheit. Aber reden Sie aufrichtig und unverhohlen."









